Ausführliches Handbuch der Photographie
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- Ausführliches Handbuch
- der
- PHOTOGRAPHIE
- von
- kaiserlich königlicher Firector der k. k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Keproductioiisverlahren in Wien. .Docont an der k. k. technischen Hochschule in Wien. Mitglied der Kaiserlich Leopoldinisch-(’ar«dinisch deutschen Akademie der Naturforscher. Khrenmitgiieci der Association Beige de Photographie. des Vereins zur Förderung der Photographie in .Berlin, des Photographischen 'Vereines in Berlin, in Wien, in Frankfurt a. M. . der Photographie Society of Great Britain, des Photographic Blüh in Bondon. der London and Provinzial Photographie Association, der deutschen Gesellschaft von Freunden der Photographie in Berlin, des Vereines photographischer IM itarheiter in Wien, des Blüh der Amnteurphotographen in Graz, der Sociere Ph otogTaphitjuc* du Sud - Ouost in Anu'ouletne. der Soeiety of Amateur Photographers of i^ew-York, dem Dansk Piiotographick Forening in Kopenhagen, lnhaher der Goldenen Medaille der Photographischen Gesellschaft in Wien, der Krzherzogi n Maria Theresia - Medaille, der gold. J)aguerre-Medaille des Blüh der Amateur-Photographen in Wien, des ersten Preises hei der Internationalen
- Photographischen Aufstellung in Wien etc.
- Mit etwa 1200 Holzschnitten und 12 Tafeln,
- Zv gänzlich umgearbeitete und sehr vermehrte Auf lege.
- Erstes Heft.
- (Ersten Bandes erstes Heft.)
- Hallo a. S.
- Druck und Verlag von Wilhelm Knapp.
- 1891.
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- Geschichte
- 4t
- der
- Photochemie und Photographie
- vom Alterthume bis in die Gegenwart
- Dr. Josef Jlaria Eder,
- k, k. DIrector der k. k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduc-tionsverfakrer. ete.
- Mit 2 Holzschnitten und 4 Tafeln,
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- Halle a. S.
- Druck und Verlag von Wilhelm Knapp.
- 1891.
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- Inhalt des ersten Heftes.
- Geschichte der Photochemie und Photographie bis in die Gegenwart.
- Seite
- Geschichte der Photochemie vom Alterthime bis zu Daguerre im
- Jahre 1839 .................................................... 1
- Von Aristoteles (4. Jahrhundert v. Ohr.) bis zu den Alehymisten. S. 2. — Die neueren Naturforscher bis Beeearius und Bonzius (1757). nebst einem Excurse über den damaligen Stand der Kenntnisse von der Unbeständigkeit der Farben.
- S. 13. — Von der Gyphantie (1761) bis zu Scheele (1777). S. 23. — Von Priestley (1777) bis Senebier (1782), nebst einem Excurse über die damalige Verwendung lichtempfindlicher Verbindungen in der Magie. S. 30. — Von Seopoli (1783) bis Kumford (1798). S. 39. — Von Amuquelin (1798) bis Davy (1802).
- S. 51. — Studien von Sage (1803), Link und Heinrich über die Natur des Lichtes (1804 —1808) bis zuGay-Lussae und Thenard (1810). S. 63. — Entdeckung der Photographie in natürlichen Farben durch Seebeek (1810) bis zur Bekanntmachung der Daguerreotypie (1839). S. 73. — Speeielle Untersuchungen über die Wirkung des Lichtes auf organische Verbindungen. S. 101.
- Zweites Capitel.
- Die Erfindung der Heliographie und der Daguerreotypie durch
- Nicephore Niepce und Daguerre ..........................................108
- Geschichte der Arbeiten Nicephore Niepce’s von 1813 bis zur Vereinigung mit Daguerre (1829). S. 108. — Notarieller Vertrag zwischen beiden und Erfindung der ersten heliographischen Asphalt-Methode. Mittheilung sämmtlicher Originalvertriige zwischen Niepce (Vater und Sohn) und Daguerre. S. 115. —
- Die Daguerreotypie vor der französischen Deputirtenkammer; Mittheilung der Gesetzentwürfe und des Gutachtens der Commission über Daguerre und Niepce’s Erfindung. S. 126. — Ueberblick der Fortschritte der Photographie bis in die neueste Zeit. S. 141.
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- Im Vorlage von Wilhelm Knapp in Halle a. S. erscheint:
- Ausführliches Handbuch
- der
- PHOTOGRAPHIE
- voll
- Dr. Josef Maria Eder,
- kaiserlich königlicher Direetor der k, k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Tteproduetionsverfahren in Wien, Doeent an der k. k. technischen Hochschule in Wien, Mitglied der Kaiserlich Leopoldiniseh - Oarulinisch deutschen Akademie der 'Naturforscher, Ehrenmitglied der Association Beige de Photographie, des Vereins zur Förderung der Photographie in Berlin, des Photographischen Vereines in Berlin, in Wien, in Frankfurt a. M., der Photographie Society of Great Britain, des Photographie Club in London, der London and Provinzial Photographie Association, der deutschen Gesellschaft von Freunden der Photographie in Berlin, des Vereines photographischer Mitarbeiter in Wien, des Club der Amateurphotographen in Graz, der Societe I’hotographique du Sud - Oliest in Angouleme, der Society of Amateur Photographen of New-York, dem Dansk Photographiok Forening in Kopenhagen, Inhaber der Goldenen Medaille der Photographischen Gesellschaft in Wien, der Erzherzogin Maria Theresia-Medaille, der gold. Daguerre-Meduillo des Club der Amateur-Photographen in Wien, des ersten Preises hei der Internationalen Photographischen Ausstellung in Wien etc.
- Das „Ausführliche Handbuch der Photographie“ von Dr. J. M. Eder, kaiserlich königlicher Direetor der k. k. Lehr- uud Versuchsanstalt für Photographie und Beproductionsverfahren in Wien, stellt das Gesammt-gebiet der wissenschaftlichen und praktischen Photographie in unerreichter Weise ebenso eingehend als übersichtlich dar und ist unentbehrlich als Bathgeber für den praktischen Photographen und Photochemiker, sowie für den Constructeur von photographischen Apparaten und für jene Forscher, welche selbständig den Weg des Experimentirens betreten wollen.
- Dieses Werk, dessen vorige Auflagen nach wenigen Jahren vergriffen waren, liegt nun in einer neuen Auflage vor und ist völlig umgearbeitet und bedeutend vermehrt worden. Der Autor bietet in dem I. Bande eine gänzlich neue, auf sorgfältigem Quellenstudium beruhende Geschichte der Photographie, wovon namentlich die Epoche der Forschung über die chemischen Wirkungen des Lichtes und die Anfänge der Photographie in der Zeit vor der Erfindung der Daguerreo-typie zum ersten Male geschildert werden. Die Photochemie, die Spectral-photographie, die Actinometrie. die photographische Optik, die Auswahl und Prüfung der Objektive, die photographischen Cameras fürs Atelier und für Beisen, ferner Momentapparate, die Einrichtung der Ateliers und Dunkelkammern, insbesondere die Praxis der Photographie hei künstlichem Lichte (Magnesiumblitzlicht, elektrischem Licht etc.), welche im ersten Bande von Eder’s „Ausführlichem Handbuche der Photographie“
- Jeder Band imct Jode* Hol t *ii.d einzeln UiUrflioh
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- bereits in der ersten Auflage eingehend geschildert wurden und den Ausgangspunkt zu zahlreichen Publicationen anderer Autoren bildeten, sind, ebenso wie der Inhalt der übrigen Bände, in der neuen Auflage auf Grund der zahlreichen Erfahrungen Dr. Eder’s vollkommen neu bearbeitet und bieten ein hervorragendes Interesse.
- Inhalt des gesammten Werkes.
- Band I.
- .Zweite Auflao-e.
- Geschichte der Photochemie und Photographie.
- Chemische Wirkung des Lichtes. Photochemie.
- Photographie bei künstlichem Lichte. Photometer und Expositionsmesser. Photographische Objective. ihre Eigenschaften und Prüfung. Photographische Camera, Momentapparate. Das Atelier und Laboratorium des Photographen.
- Mit den Porträten von J. H. Schuhe, Daguerre. Niepce und. Talbot in Heliogravüre und mindestens 700 Holzschnitten.
- Band II.
- Einleitung in die Xegativ-Verfahren und die Daguerreotypie, Talbo-typie. und Niepcotypie.
- Das nasse Collodion-Verfahren, die Ferrotypie und verwandte Proeesse. Die Collodion-Emulsionen mit Brom- und Chlorsilber und Bad-Collodion-Trockenverfahren.
- Mit 160 Holzschnitten und einer Tafel. — Preis Alk. 7.20.
- Band III.
- "Vierte v\ uflago.
- Die Photographie mit Bromsilber-Gelatine und Chlorsilber-Gelatine. Mit 206 Holzschnitten. — Preis Alk. 10.—.
- Band IV.
- Die photographischen Copirverfahren mit Silbersalzen (Positiv-Lrocess) auf Salz-, Stärke- und Albumin-Papier etc.
- Mit 93 Holzschnitten. — Preis Alk. 4,—.
- Die Lichtpausverfahren, die Platinotypie und verschiedene Copierver-fahren ohne Silbersalze. (Cyanotypie, Tintenbilder, Einstaubver-fahren. Urancopien. Anthrakotypie. Negrographie etc.)
- Mit 14 in den Text ged,ruckten Holzschnitten. — Preis Alk. 3,—.
- Wird fortgesetzt.
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- ERSTES CAPITEL.
- GESCHICHTE DER PHOTOCHEMIE VOM ALTERTHUME BIS ZU DAGUERRE IM JAHRE 1839.
- Literatur:
- Das älteste Qnellenwerk lieferte wohl Priestley in seiner „Geschichte der Optik“ (1772), worin er wenige spärliche Mittheilungen über die chemischen Wirkungen des Lichtes bringt, von denen in meiner Schrift mehrfach Erwähnung gethan ist. Ebermayer’s „Versuch einer Geschichte des Lichtes und dessen Einfluss auf den menschlichen Körper“ (1799), sowie Horn’s „Ueber die Wirkungen des Lichtes auf den lebenden menschlichen Körper mit Ausnahme des Sehens“ (1799) bringen viele historische Notizen, aber sind fast nur von Interesse für die Physiologie. Ueber ältere Theorien des Lichtes überhaupt, sowie in chemischer Beziehung, findet sich in Johann Carl Fischer’s grosser „Geschichte der Physik“ (1801 bis 1806, 8 Bände) sehr viel Bemerkenswerthes, von dem auch hier Einiges benützt wurde. Aehnliches gilt von Gmelin’s „Geschichte der Chemie“ (1799) und Fischer’s „Physikalischem Wörterbuch“ (1801 bis 1825, 9 Bände). Ganz ausgezeichnete und schätzenswerthe Behelfe lieferten aber Link und Heinrich in ihren von der k. Akademie der Wissenschaften in Petersburg gekrönten Preissehriften: „Ueber die Natur des Lichtes“ (1808), in welchen nicht nur eigene Beobachtungen mitgetheilt, sondern auch mit anerkennens-werther Sorgfalt ältere Angaben registrirt wurden. Dieses Werk wurde fast gänzlich in das vortreffliche Sammelwerk Landgrebe’s „Ueber das Licht“ (1834) eingeordnet und letzterer bringt im Allgemeinen so ziemlich dieselben älteren und die bis zum Jahre 1833 erweiterten Literaturnachweise nebst ausführlicher Inhaltsangabe einer grossen Anzahl älterer Mittheilungen. Eine sehr schätzbare Bereicherung der photochemischen Literatur bot G. Suckow’s „Commentatio physica de lucis effectibus chemicis“ (Jena 1828), welche mit dem Motto: „Nihil luce obscurius“ versehen und Döbereiner gewidmet ist. Die Schrift wurde mit dem Preise von der Universität Jena gekrönt. Nach Suckow arbeitete auch noch J. Fiedler selbständig über die ältesten Quellen. Seine lateinische Dissertationssehrift: „De lucis effectibus chemicis in eorpora anorganica“ (1835) ist mit höchst verdienstlicher Sorgfalt verfasst und der Autor übertrifft in einzelnen Theilen seiner historischen Schilderung weitaus seine Vorgänger und fusst übrigens mehr auf Priestley, Geschichte der Optik, als dies seine Vorgänger gethan haben. Eine wesentliche Stütze bei der Bearbeitung der Geschichte der Photochemie des 19. Jahrhunderts bietet Karsten’s Literaturbericht der Photo-
- Eder, Handbuch der Photographie. I. Theil. 2. Aufl. p
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- 2 Erster Theil. Erstes Capitel.
- ehemie, welcher in den „Fortschritten der Physik pro 1845“ erschienen ist. Es ist vielleicht die Bemerkung nicht überflüssig, dass die Lehr- und Handbücher der „Photographie“ mich bei dieser Arbeit ganz im Stiche Hessen, dass selbst in den berühmten Werken Hunt’s (Researches on light) und Becquerel’s (La hindere) die historischen Notizen gänzlich unzulänglich sind und dass W. .T Harrison’s „History of Photo-graphy“ (1888) die Zeit vor Daguerre ganz oberflächlich behandelt und auch sonst auf durchaus keinem genauen Quellenstudium beruht Dass Fouque’s Geschichte (La verite sur l’invention de la photographie, 1867) nichts als die Erfindungen Niepce’s behandelt, ist wohl bekannt.
- Da die Vorbehelfe durchaus nicht ausreichend waren, so musste ich Band für Band eine Unzahl alter Schriften durchsehen und, mit grossem Zeitaufwand, unter den absonderlichsten Titeln, photoehemisehe Angaben aufsuchen. In wieweit ich vollständiger als meine Vorgänger bin, zeigt der einfache Vergleich. Ein Fragment meiner historischen Quellenstudien hatte ich im Jahre 1881 in der „Photogr Correspondenz“ publicirt; die vorliegende „Geschichte der Photochemie“ ist hier zum ersten Male als zusammenhängendes Ganzes veröffentlicht.
- I. Abschnitt. Von Aristoteles (4. Jahrhundert v. Clir.) Ibis zu
- den Alcliymisten.
- Das Lieht, die Ursache der Sichtbarkeit alles Erschaffenen, dies gemeinsame, so segensreiche Eigenthum aller Geschöpfe des Weltalls, hat in der Natur eine zu wichtige Bestimmung, als dass die nähere Untersuchung seiner Eigenschaften der Aufmerksamkeit des geistreichsten Volkes im Alterthume hätte entgehen können. Den Griechen verdanken wir nicht bloss die Entdeckung der Gesetze, welche das Licht bei seiner Bewegung durch gleichartige und ungleichartige Mittel, und wenn es von polirten Flächen zurückgeworfen wird, befolgt, sondern sie allein erkannten unter allen Völkern des Alterthums auch aus der Natur dieser Gesetze, dass die Optik eine mathematische Disciplin sei und versuchten es zuerst, den unendlich feinen, sich unseren Sinnen als unkörperlich darstellenden Stoff des Lichtes unter die Herrschaft der Mathematik zu bringen. Die Entwicklung in dieser Bichtung, welche Wilde in seiner Geschichte der Optik (1838) trefflich ausführt, soll jetzt nicht in Betracht gezogen werden, und ich stelle die Frage über die ersten Begriffe der griechischen Philosophen über die Wirkung des Lichtes auf die Materie in den Vordergrund.
- Die Theorien Plato’s, Epikur’s und Hipparch’s über das Licht und das Sehen, wonach das Sehen durch ein Ausströmen der Bilder- und Lichtstrahlen aus den Augen (analog dem Tasten) geschehe, dass das Licht aus dem Auge wie aus einer Laterne erfolge, war dem Entdecken von Thatsachen, welche ins Gebiet der Photochemie schlagen, ungünstig.
- Empedocles erklärte das Licht für einen Körper, aber dem trat später Aristoteles (*384, *f*322 vor Ohr.) entgegen und hielt das Licht
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- Geschichte der Photochernie vom Alterthume bis zu Daguerre im Jahre 1839. 3
- und die Farben nicht als körperliche Ausflüsse aus den leuchtenden Gegenständen, sondern erklärte das Sehen durch eine Bewegung des durchsichtigen Mittels zwischen dem Auge und dem Gesehenen.
- Es ist kein Zweifel, dass Aristoteles so tief wie wohl kein anderer Philosoph des Alterthums über das innere Wesen des Lichtes dachte. Was er über die Fortpflanzung sagt, ist in der neuesten Zeit fast über jeden Zweifel erhoben worden; wie weit er aber in dem schwierigsten Gebiete der Optik, in der Farbenlehre, seiner Zeit vorausgeeilt ist, erhellt schon daraus, dass seine Lehre selbst heutigen Tages bei einer höchst vervollkommneten Technik ihre Verehrer finden konnte.
- Aristoteles hat seine Untersuchungen über das Licht in den drei Abhandlungen „Ueber das Licht“, ,.Lieber die Sinne“ und ..Feber die Farben“ niedergelegt. Für uns hier ist die Schrift „Ueber die Farben“ die wichtigste, welche zwar mitunter nicht dem Aristoteles selbst, sondern seinem Schüler Theophrast1) oder der peripatetischen Schule zugeschrieben wird, aber nach dem Urtheile Anderer (welche sich auf das Urtheil Plutarch’s stützen2) ganz bestimmt von Aristoteles selbst stammt.
- Die erste Beobachtung über den Einfluss des Sonnenlichtes auf die Veränderungen der Materie mag wohl an Pflanzen gemacht worden sein. Die Erfahrung, dass das Sonnenlicht zum Grünen der Gewächse noth-wendig ist, dürfte wohl so alt sein, als das Menschengeschlecht.
- Aristoteles (4. Jahrh. v. Chr.) deutet in verschiedenen Stellen seiner Schriften seine Ansicht hierüber an. Deutlich spricht er sich in seinem Buche p> ypop-a-mv (Von den Farben), Cap. V, darüber aus: „...Diejenigen Theile der Pflanzen aber, in denen die Feuchtigkeit nicht mit den Sonnenstrahlen gemischt wird, bleiben weiss . ... Deswegen auch an den Pflanzen Alles, was über der Erde steht, zuerst grün ist, unter der Erde aber, Stengel, Wurzel und Keime, die weisse Farbe haben. So wie man sie aber von der Erde entblösst, wird, wie
- 1) Theophrast erhielt nach dem Tode des Aristoteles die gesammte Bibliothek des Aristoteles mit Einschluss seiner Handschriften. Von diesem vererbte sie sich weiter und soll dann über 100 Jahre in einem Keller aus Furcht vor Beraubung verborgen und zuletzt vergessen worden sein. Erst um 100 vor Chr. soll ein reicher Bücherliebhaber, Apellikon von Teos, sie entdeckt, nach Athen gebracht und sie dort veröffentlicht haben. Bei der Einnahme von Athen durch Sulla, 87 vor Chr., wurde sie von diesem nach Rom gebracht. Erst hier soll um 70 vor Chr. Andronikos von Rhodos die Schriften neu geordnet, einen Katalog dazu verfertigt und sie in den Zustand gebracht haben, in dem wir sie besitzen (Metaphysik des Aristoteles, Ausgabe Kirchmann, 1871, 5).
- 2) Die Kritiken über die Echtheit dieser Schrift s. Wilde, Geschichte der Optik, 1838. I, 9.
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- Erster Theil. Erstes Capitol.
- gesagt, Alles grün ... Stark aber färben sich die Theile der Früchte, welche gegen die Sonne und Wärme stehen“*). Ferner war er sich des Einflusses des Lichtes auf die Färbung der menschlichen Haut wohl bewusst. Freilich geht er zu weit, wenn er die schwarze Farbe der Neger von der Intensität des Sonnenlichtes ableitete. Dass die Ansicht, des Aristoteles aber originell ist, geht hervor aus dem Vergleiche mit Herodot (4. Jahrh. v. Chr.), welcher als Erklärung hierfür bekanntlich die „schwarze Samenfeuchtigkeit“ der Aethiopier angenommen hatte, während Onesicritus noch in viel späterer Zeit gneigt war, die schwarze Farbe von dem vom Himmel herabfallenden heissen Begen-wasser abzuleiten1 2).
- Die zerstörende Wirkung des Lichtes auf gewisse Malerfarben und speciell auf den Zinnober war schon vor zwei Jahrtausenden bekannt. Vitruvius, der berühmte römische Baukünstler des Caesar und des Augustus (1. Jahrh. v. Chr.), schrieb in seinem Werke: „De arehitectura“ (dem einzigen dieser Art aus dem Alterthume auf uns gekommenen), VII, 9., über den Zinnober (minium) Folgendes: „Wenn man sieh desselben zum Putz der Bekleidung in Zimmern bedient, so behält er seine Farbe unveränderlich. Allein an offenen Orten (Peristylen, Hörsälen) und an dergleichen Orten, wo Sonne und Mond hinein scheinen können, verdirbt er sogleich, als er von den Strahlen derselben getroffen wird; er verliert an Stärke und Lebhaftigkeit der Farbe und wird schwarz. Dieses erfuhr unter Anderen auch der Schreiber Faberius: Er wollte sein Haus auf dem Aventin sehr zierlich ausgemalt haben und Hess alle Wände im Peristyl mit Zinnober an streichen; nach vier Wochen aber sahen diese so unansehnlich und buntscheckig aus, dass er sie mit einer anderen Farbe übermalen lassen musste. Wer jedoch mehr Sorgfalt darauf verwenden und den Zinnober-Anstrich dauerhaft machen will, der lasse erst die angestrichene Wand trocknen und überziehe sie dann
- 1) v. Humboldt machte 1792 in den Annalen der Botanik von Usteri, St. 3, S. 237 auf diese Angabe des Aristoteles aufmerksam; er liess aber den Aristoteles mehr sagen, als er wirklich sagt, worauf Heinrich in seinem Werke: „Von der Natur und den Eigenschaften des Lichtes“, 1808, S. 33, hinweist. Goethe gibt in seiner „Geschichte der Farbenlehre“ (Hempel’sche Ausgabe Bd. XXXVI, S. 22) eine Uebersetzung der einschlägigen Stelle des griechischen Originales.
- 2) Weitere historische Notizen über die älteren Ansichten von der Entstehung der verschiedenartigen Hautfarbe der Menschenraeen in älteren Quellenwerken, s. Landgrebe: „Ueber das Licht“, 1834, S. 373. Ferner Ebermayer: „Versuch einer Geschichte des Lichtes und dessen Einfluss auf den menschlichen Körper“, 1799, pag. 183 und 199. (Lateinische Ausgabe desselben: „Commentatio de lucis in eorpus humanum effic-acia“, 1797); ferner Horn: „Ueber die Wirkungen des Lichtes auf den lebenden menschlichen Körper mit Ausnahme des Sehens“, 1799.
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- Geschichte der Photochemie vom Alterthume bis zu Daguerre im Jahre 1839. 5
- vermittelst eines Borstenpinsels mit punischem, am Feuer zerlassenem Wachs, das mit etwas Oel angemacht ist . .. Dies heisst auf griechisch „Kausis“ und ein solcher Ueberzug von Wachs gestattet weder, dass der Mondschein noch Sonnenstrahlen die Farbe des Anstrichs wegnehmen.“ Ferner erörtert Yitruvius, VI, 7, die Frage, gegen welche Himmelsrichtung die Gebäude gerichtet sein sollen und bemerkt, man solle die Bildersäle, die Werkstätten der Sticker (plumariorum textriniae) und Maler gegen Mitternacht richten, damit die Farben derselben während der Arbeit unverändert bleiben.
- Ob Plinius (1. Jahrh. n. Ohr.) bei seinen Worten: „Das Silber wird durch Mineralwässer gefärbt, auch durch salzhaltige Luft, z. B. an den Küsten des Mittelmeeres in Spanien“ (Naturgeschichte XXXIII, 55, 3.), das Nachdunkeln von etwa gebildetem Chlorsilber am Lichte gemeint hat — wie manche Autoren annehmen — erscheint mir sehr zweifelhaft, da hierbei wohl der Schwefelwasserstoff’ mitgewirkt haben dürfte. Plinius XXXVII, Buch 18: „Eigenthümlich ist, dass manche Smaragde mit der Zeit verderben, ihr Grün verlieren und auch von der Sonne leiden“. Dagegen weist folgende Stelle deutlich auf die Kenntniss einer Veränderung der Farben durch das Licht hin: Plinius sagt XXXIII, 40: „Dem Minium-Anstrich (Zinnober?1) ist die Einwirkung der Sonne und des Mondes nachtheilig.“ Uebrigens ist diese Angabe fast wörtlich aus dem Werke des Vitruvius entnommen. Auch über die erwähnte Wachsmalerei äussert sich Plinius ähnlich wie letzterer. Plinius XXI, Buch 49, bleicht Wachs „unter freiem Himmel bei Sonnen- und Mondschein“. Er bespricht jene Methode der enkaustischen Malerei, wobei man das Wachs am Feuer zergehen lässt und sich des Pinsels bedient: „Eine Malerei, welche an den Schiffen nicht im Geringsten, weder von der Sonne, noch vom Seewasser, noch vom Winde leidet“ (XXXV, 41).
- Bei den alten Schriftstellern lassen sich keine weiteren Angaben über die Veränderlichkeit anderer Farben auffinden, was sich wohl daraus erklären lässt, dass neben der rothen Farbe nur spärlich andere verwendet wurden. Die rothe Farbe war nach Plinius (XXXII, 7. 117) lange Zeit die einzige, mit welcher die alten Gemälde (sogenannte Monoehromata) ausgeführt wurden und zwar diente hierzu insbesondere Minium und Röthel. Ja sogar auch später noch, als man diese ursprüngliche Art der Malerei verlassen hatte, herrschten die lichtreichen Farben Roth und Gelb noch vor, denn man malte jetzt, wie Plinius (XXXV, 7, 50) erzählt, mit vier Farben, nämlich Weiss, Schwarz, Roth
- 1) Plinius verwechselt häufig Mennige, Zinnober und Ocker.
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- Erster Theil. Erstes Capitel.
- und der ockerartigen Farbe Atticum1). Dioscarides beschreibt im Cap. 32 des 1. Buches über den Vorgang, das Terpentinöl zu bleichen: „Man nimmt vom lichteren, stellt es in einem irdenen Gefässe an die Sonne, mischt und rührt tüchtig, bis Schaum sichtbar wird, worauf es mit Harzen zu versetzen und im Nothfalle an die Sonne zu bringen ist,.“ Uebrigens liegen neue Untersuchungen über die von den alten Hörnern verwendeten Farben vor, wozu in Pompeji das Material gefunden wurde2). Sie bestanden vorwiegend aus gelbem und rothem Eisenocker, Zinnober, Mennige, Massicot, Berggrün (Kupfercarbonat), einer Art blauer Glasfritte, Kohle und Manganoxyd. Von diesen Farben war wohl besonders der Zinnober geeignet, eine Farbenänderung im Lichte deutlich bemerkbar zu machen. Weniger verständlich ist es, warum die Veränderlichkeit des Drachenblutes und des Indigoblau, welche Farben höchst wahrscheinlich auch bekannt und in geringerem Grade in Verwendung waren, nicht weiter beobachtet wurde.
- Es erscheint sehr auffallend, dass die alten Schriftsteller, insbesondere Aristoteles, Vitruvius, Plinius, wohl viel von der Purpurschnecke und der Purpurfärberei schreiben, aber nirgends erwähnen, dass bei dem Entstehen der ganzen Farbenpracht, die Sonne mitwirken muss. Auch im Talmud, worin widerholt von Purpur und der Purpurschnecke gesprochen wird, ist nichts davon erwähnt. (S. Bergei, Studie und naturwissenschaftl. Kenntniss der Talmudisten. 1880. 19, 50). Leber den grossen Einfluss der Sonnenstrahlen auf den Purpur findet sich die älteste, mir bekannt gewordene, Angabe in einer Schrift mit dem Titel
- 1) Vergleiche: Magnus, „Die geschichtliche Entwicklung des Farbensinnes“, 1877, S. 14; ferner Wiegmann, „Die Malerei der Alten in ihrer Anwendung und Technik“, 1836, S. 210.
- 2) Untersuchungen wurden vorgenommen von Chaptal (Annales de Ohimie, 1809, LXX), Davy (Philosoph Tran säet 1815, Gilbert’s Anna! f. Physik, 1816), Geiger (Magazin für Pharmacie, Xll, 135), Junius „Von der Malerey der Alten“, 1770, S ehaf h eutei (Dingler’s Polytechn. Journ. Bd. 95, S. 76), Artus (Der Technolog, 1877, I, 25). Zusammengestellt in Keim „Die Mineral-Malerei“, 1881, und Wiegleb „Die Malerei der Alten“, 1836. Ferner sind als Quellenangaben über die Farben der Alten zu nennen: Rochette („De la peinture sur mur ehez los aneiens“ im „Journal des Savans“, 1833), Roux („Die Farben, ein Versuch über Technik alter und neuer Malerei“, 1824), Böttiger („Ideen zur Archäologie der Malerei“, 1811), Walter („Alte Malerkunst“, 1821), Fernbach („Die enkaustische Malerei“, 1845), Rhode („Ueber die Malerei der Alten“, 1787), Fiorelli („Kleine Schriften“, 1806), Grund („Die Malerei der Griechen“, 1810). Ueber die Technik der Gemälde in Pompeji, Herculanum und Stabiae herrschten seit dem Erscheinen der „Pitture antiche d’Ercohano e contori“ (1757) bis zum Erscheinen von Helbig’s „Wandgemälde der vom Vesuv verschütteten Städte Campaniens“ und Donner’s Abhandlung „Ueber die antiken Wandmalereien in technischer Beziehung“ (1868) Streitigkeiten, welche letztere den Streit entschied.
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- Geschichte der Photochemie vom Alterthum e bis zu Daguerre im Jahre 1839. 7
- Imv'a. welche von der als Schriftstellerin berühmten Tochter des griechischen Kaisers Constantin VIII., Eudoxia Macrembolitissa, Ende des 10. Jahrhunderts geschrieben wurde und wovon ein Manuscript in der Bibliothek zu Paris liegen soll1). Eudoxia beschreibt, wie das zu färbende Zeug in die Earbbrühe getaucht wird und fährt fort: „Die Purpurfarbe wird alsdann erst vortrefflich, wenn man den Zeug in die Sonne bringt, Denn die Sonnenstrahlen geben ihr noch ein grosses Feuer, machen die Farbe dunkler und ihr Glanz wird durch das Feuer von oben zu seiner grössten Vollkommenheit gebracht,“
- Unter den Alchymisten machten sich verworrene Ansichten über den Einfluss der Sonne geltend und es waren ihre Anschauungen weniger durch reale Xaturbeobachtungen gebildet worden, als durch astrologische Speculationen.
- Manche Alchymisten meinten, es haben die Gestirne und deren Conjunctionen einen Einfluss auf das Gelingen des „grossen Werkes“.
- Julius Firmicus Maternus (4. Jahrhundert), der das Wort Alchymie zuerst gebraucht haben soll, hielt es für wichtig, dass ein Alehymist unter einem guten Stern, dem Saturn, geboren sein müsse; dann bringe er das Talent dazu mit: „Wenn er in dem Hause des Merkur gewesen ist, so bringt er die Gabe der Astronomie; das Haus der Venus bringt Gesang und Fröhlichkeit; das Haus des Martis bringt Liebe zu den Waffen und Instrumenten; von dein Hause des Jupiter kommt Anlage zum Gottesdienst und Kechtsgelehrsamkeit; von dem Hause des Saturn wird die Wissenschaft der Alchymie erlangt“2).
- Auch in Kallid Eachaidibi’s alchymistischem Werk, „Das Buch der drei Wörter“, ist im 6. Capitel „Von der Observation der Planeten in dem Werk der Alchymie“ 3) gesprochen und zwar heisst es daselbst, dass nur in gewissen (dort näher auseinandergesetzten) Stellungen der
- 1) Hierauf machte zuerst J. Bisehoff in seinem „Versuche einer Geschichte der Färbekunst“ (1780), S. 19, aufmerksam. Obiges Citat ist diesem Werke entnommen. Das Buch der Prinzessin Eudoxia wurde später von Villoison im 1. Band der „Anecdota Graeca“ (1781) herausgegeben.
- 2) Nach Wiegleb’s Geschichte des Wachsthums der Chemie, 1792. Seite 52 Wiegleb fügt die Note zu: „Es führt Kiroher an, dass in dem Manuscript von Firmicus’ Werken in der Vatiean’schen Bibliothek bei dieser Stelle kein Wort von Alchymie vorkommt, und dass also wahrscheinlich solches, zur Begünstigung der Alchymie, von Abschreibern fälschlich eingeschaltet sei. Mundus subterraneus. II, 235.“
- 3) Kallid Eachaidibi’s „Güldenes Buch der dreyen Wörter“, Wien, 1751. (Zugleich mit Geber’s „Chymisehen Schriften“ als Anhang herausgegeben, Wien, 1751. Seite 242.)
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- Sonne am Himmel1) „das Werk der Alchymie vollbracht wird“. Daraus geht hervor, dass der Autor die directe Mitwirkung des Sonnenlichtes gar nicht in ßechnung zieht.
- G. Clauder hielt es für sehr nothwendig, dass man bei der Bereitung des „Universal-Steines“ die rechte Jahreszeit einhalte, In seiner 1677 erschienen „Abhandlung von dem Universal-Steine“2) erwähnt er, der „Weltgeist“ (Astralgeist) sei um die Aequinoetien am fruchtbarsten; besonders günstig sei das Frühjahr-Aequinoctium, der April und Mai, nicht minder die Zeit des Sommers, da die Sonne im Löwen ist. Doch müsse dabei die Constellation der Gestirne beachtet werden.
- Auch Petrus de Zalento3). sagt: „Fange nur unter dem rechten Einfluss der Gestirne an, worauf viel bei deinem Werke ankommen wird.“
- "Vielleicht könnte man in dem dunklen Geheimnisse des Hermes Trismegistus die Wurzel über den Glauben mancher Alcbymist.en an den Einfluss der Gestirne auf chemische Processe suchen. Diese vor ungefähr 4000 Jahren von den „Deeimalgrossen“ verfasste, nach dem Mythus auf einer Smaragdtafel eingegrabene Schrift, wurde von den Mystikern aller Zeiten hoch geschätzt und vielfach zu deuten versucht.
- Die Lesart der betreffenden Stelle ist schwankend. Ueberall aber heisst es: „Der Vater des Dinges ist die Sonne, der Mond ist seine Mutter, der Wind hat es in seinem Bauche getragen, und die Erde hat es ernährt . . . Steige mit dem grössten Scharfsinn des Verstandes von der Erde zum Himmel hinauf und dann wieder zur Erde zurück und zwinge die oberen und unteren Kräfte in eins zusammen; so kann die Ehre der ganzen Welt erlangt werden und der Mensch wird nicht mehr so verachtet sein.“4)
- In manchen alten Sammlungen findet sich noch der Schlusssatz des Hermes: ..Obiges ist das ganze Werk der Sonne“5).
- Diese Sprache ist sehr dunkel. Die Alchymisten deuteten darin „Sonne“ und „Mond“ als Gold und Silber und verstehen unter dem „Werk der Sonne“ die Bereitung des Goldes6). Viele andere (Jommen-
- 1) Unser Autor erwähnt drei Stellungen: „Die erste ist, wann die Sonne in den Widder tritt und in ihrer Erhöhung ist, die zweite, wann sie in dem Löwen angetroffen und die dritte, wie sie in dem Schützen betroffen wird.“
- 2) Abgedruckt in Schröder’s „Neuen Alchymistischen Bibliothek“. 1774. Bd. 4, Seite 222.
- 3) Ibid. Bd. 4, S. 159.
- 4) Nach Wiegleb, Geschichte des Wachsthums der Chemie. 1792. S. 59, ist dies Kriegsmamrs Original-Lesart.
- 5) Schmieder (Geschichte d. Alchemie. 1832. S. 30), welcher die Inschrift nach dem ,,Theatrum chemicum“ abdruckt.
- 6) Vergl. Sehmieder a. a. 0.
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- tare wurden noch gegeben *). Dem astrologischen Aberglauben mag diese Stelle, ebenso wie eine ähnliche, gleichfalls uralte, des Ostanes, welche mit koptischen Buchstaben in den Trümmern einer Säule des Tempels zu Memphis gefunden worden ist, entsprechen. Sie lautet in deutscher Uebersetzung des von Kopp1 2) mitgetheilten lateinischen Textes: „Himmel oben, Himmel unten. Sterne oben, Sterne unten. Dieses nimm und du bist glücklich.“
- Bei den späteren Alehymisten findet sich in ähnlicher Weise sehr oft die Mitwirkung der Sonnig das Stellen von Mixturen und dergl. an die Sonnenstrahlen vorgeschrieben. Allein da man fast immer beigefügt findet „oder an sonst einen warmen Ort“, mitunter auch das Eingraben in einen warmen Misthaufen (wo doch Licht gänzlich ausgeschlossen ist) zu demselben Zweck empfohlen wird, so muss man annehmen, dass dieselben an den Sonnenstrahlen nur die gelinde erwärmende Kraft aus-nutzen wollten.
- Im 16. und 17. Jahrhundert war die sogenannte Sonnen-Destillation, namentlich in südlichen, wärmeren Ländern, sehr üblich. Man stellte den Destillir-Apparat, nämlich Kolben mit Helm und Vorlage auf erwärmten Sand in die Sonne und suchte den Einfluss des Sonnenlichtes dadurch zu verstärken, dass man durch gehörig angebrachte Spiegel ein Zurückwerfen der Sonnmistrahlen auf das Destillirgefäss veranlasst«. Namentlich eine so bereitete Aqua Rubi, die als Augenwasser diente, war in Italien damals sehr gewöhnlich.
- Ich will nicht behaupten, dass man bei diesen Operationen immer an eine besondere Kraft der Sonnenstrahlen dachte. Es wurde ja auch die 'Wärme des Düngerbeetes destillirt, wobei man noch eine besondere Vorrichtung hatte, die zum Zwecke hatte, die Wärme des Mistbeetes durch Wasserdämpfe zu verstärken3).
- Der Alchymist Geber spricht im 1. Buch seiner „Chymischen Schriften“ wohl vom Einfluss der Gestirne auf die alehymistisehen Pro-cesso: „Desgleichen auch das Wesen und die Vollkommenheit kommt von denen Sternen, als von den erstbewegenden und vollbringenden Materien der Gebährung und Zerstöhrung zu einen Wesen und nicht das Wesen der Gestalten . . . Denn ein jedes Ding erlangt in seinem Wesen augenblicklich aus einem besonderen Stand der Sterne, was ihnen dienlich ,..“4) Etwas weniger mystisch und verworren lautet eine
- 1) Vergl. Kopp, Beiträge zur Geschichte der Chemie. 1869—1875. S. 383.
- 2) Beiträge zur Geschichte der Chemie. 1869—1875 S. 385.
- 3) Dierbach, Beiträge zur Kenntniss des Zustandes der Pharmacie im 16. und 17. Jahrhundert. Kästner, Bepertorium f. d. Pharmacie. 1829. XXXII. 52.
- 4) Geberi Curieuse Vollständige Chymische Schriften. Wien. 1751. S 17,
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- andere Stelle im 23. Capitel „Vom Golde“, woselbst erzählt ist: „Und darum merken wir aus dem Werke der Natur, dass man auch durch Kunst das Kupfer in Gold verwandeln kann; denn wir haben in den Kupfererzen gesehen, von welchen das Wasser herabfloss, dass es die allerdünnsten und subtilsten Kupferschuppen mit sich führet und die-selbigen mit stetigen Zulauf wusch und reinigte; danach das Wasser zu fliessen aufhörte, haben wir wahrgenommen, dass dieselbigen Schuppen mit dem truckenen Sand drey ganze Jahre sind gekocht worden, unter welchen dann hierauf recht gutes wahrhaftiges Gold man gefunden hat, Dahero haben wir vermeinet, dass selbige durch das Wasser wären gereiniget und gesäubert, durch der Sonnen Wärme aber und des Sandes Trockenheit gleichmässig digerirt und zur Gleichheit gebracht worden“ 1j.
- Aus dieser Stelle geht hervor, dass Geber den Sonnenstrahlen und zwar der „Wärme der Sonne“ die Kraft zuschreibt, die Metallveredlung von Kupfer in Gold, wenigstens im Vereine mit anderen Agentien, zu bewirken. Ferner reinigt Geber die „Cerussa“ durch „Congeliren an der Sonnen oder gelindem Feuer“ 2) Ausserdem sind noch viele astrologische Ansichten über den Einfluss der Gestirne auf das Gelingen alehymistischer Arbeiten zerstreut, aber von einer Lichtwirkung finde ich nichts erwähnt,
- Hanss Heinrich Helcher schreibt in seinem 1718 erschienenen „Aurum potabile oder Gold-Tinetur, dessen Praeparation, dass sie sicher, sammt des Goldes Vortrefflichkeit und Analogie mit unserem Körper, Würkung und Gebrauch curative so wohl als praeservative“ im II. Capitel: „Von des Goldes Vortrefflichkeit und Nutzen in der Medicin“ .... „Denn keines unter den Metallen ist ja reiner, fixir, schwerer und perfecter als das Gold .... Das gar in animam und Spiritus sieh solviren lässt und das vitae prineipium in sich wie ein Feuer hat, so ihm vom Himmel mitgetheilet worden. Dahero vielleicht die Philosoph! die Sonne vor ein fliessendes Gold oder gar vor die grosse Tinetur gehalten3) und desswegen das Gold mit der Sonnen Himmels-Zeichen in ihren Büchern bemerket, anzudeuten: Dass gleich wie die Sonne im Himmel ihre Würkung in die grosse Weit, absonderlich in das wachsende edle Metall des Goldes4) auf die kräftigste Art hat: Also auch das Gold als ein concentrirtes Licht und Sohn der Sonnen, in der kleinen Welt, dem Menschen, wenn wohl solviret, excludiret und lebendig oder vohabilisch
- 1) Geberi Curieuse Vollständige Chymische Schriften. Wien. 1751. S. 56.
- 2) Ibid. Seite 287.
- 3) Morhoffii Oratio de Laudibus. Aurip. 21.
- 4) Friedrich Geissler’s Baum des Lebens oder Bericht vom wahren Auro pota-bili. § 14. S. 21, et Johann Christophori Steeb Elexir Solis et vitae. § 20.
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- gemacht worden, grosse Würkung, gleich der Sonnen ausübe, welches unnüthig mit Exempel zu beweisen, weil viel Bücher voller Wunderswürdigen Curen davon vorhanden.“
- Ferner ist daselbst aus Brandau's Universal-Medicin (C. 1, S. 3) citirt: „Im Golde sein die fürnehmsten principia und mineralia . . . nämlich die herrliche fruchtbare Wärme der Sonne, die Feuchte des Mondes .... wohnhafftig . . . Gold ist ein Sohn der himmlischen Sonne; was die Sonne in der grossen Welt Gutes thut mit ihren wahren ge-seeligten Strahlen, das kann ihr Sohn das Gold mit seinem subtilen feurigen Schwefel auch in der kleinen Welt, welche der Mensch ist, verrichten . . . Wo Licht, da ist auch Wärme, wo Wärme ist, da ist auch Leben, wo Leben, da ist allerley Würkung, Kraft, Seegen und Fruchtbarkeit,“
- Auffallend ist das, dass mitunter gewarnt wird, das „philosophische Salz“, d. i. das zur Herstellung der Quintessenz dienende goldhaltige Gemenge (resp. Salz), an die Luft zu setzen. Es sollte Nachts zum Trocknen an die freie Luft, Tagsüber aber in ein luftiges Zimmer gestellt werden, oder an einem vor der Sonne geschützten Ort1). Diese Angabe dürfte nur mit der Lichtempfindlichkeit der Goldsalze, welche wahrscheinlich den Alchymisten bekannt war, in Zusammenhang zu bringen sein.
- Alan che Alchymisten drücken aber unzweifelhaft ihren Glauben daran ans, dass die Lichtstrahlen günstig auf das Elixir wirken. Henricus de Rochas2) sagt, der „himmlische Universalgeist“, welcher das Elixir belebe, könne der Materie besonders durch die „Wärme und Strahlen der Sonne, des Mondes, anderer Planeten, des Thaues . . . etc.“ einverleibt werden. Pater Spies von Köln3) spricht davon, dass die Kräfte des Elixirs und dessen natürliches Feuer, durch die Strahlen der Sonne vermehrt werden. Sendivogius4) sagt, die Urmaterie der Metalle, das „Mereurium der Philosophen“, werde „durch die Strahlen der Sonne und des Mondes in der Luft regiert“ . . . Ferner unterscheidet er (sich an Hermes anschliessend) die „Hitze“ der Sonne von der im Centrum der Erde verborgenen ..Hitze": himmlische und irdische Hitze, Salz und
- 1) Vergl Becher, Oben citirte Ausgabe S. 164 und 175.
- 2) Aufgenommen in Theatrum Chymieum. Bd. 6; auch Becher’s „Chymische Concordanz“ (Leipziger Ausgabe. 1755. S. 146).
- 3) Aus Becher a. a. 0. S. 135. — Spies fügte in seiner „Concordantz“ (a. a 0) hinzu: „Hieraus ist zu ersehen, wie der Thau, die Strahlen der Sonne, die Einflüsse der Planeten .... gleichsam ein Instrument und Mittel ist, durch welches die himmlischen Kräfte sich mit der Erden verbinden.“
- 4) Wie vor. S. 152 und 155.
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- Wasser sollen sich vereinigen und dann werden „alle Sachen auf Erden erzeuget“.
- Zum Schlüsse sei noch eines mystischen Spruches eines Alchymisten am Ende des 18. Jahrhunderts erwähnt, welchen ich als handschriftliche Notiz eines Adepten in den „Handschriften für Freunde der geheimen Wissenschaften von M. J. F. v. L** 1794“ in der Bibliothek des bekannten spiritistischen Schriftstellers Baron Hellenbach fand, welcher sich auch viel mit Alchymie befasste und mehrere Handschriften von Alchymisten besass. Es wird daselbst das Licht für den Urgrund der Dinge gepriesen mit den Worten :
- „Gott wohnt und wirkt im Lichte
- Das Licht im Geiste
- Der Geist im Salze
- Das Salz in der Luft
- Die Luft im Wasser
- Das Wasser in der Erde.“
- Diese Alchymisten liefern also wenige positive Daten über die Natur der Wirkung auf die Materie und über die Natur der Silbersalze im Speci eilen.
- Die erste Andeutung über die Eigenschaft der Silbersalze, sich mit organischen Substanzen zu schwärzen, findet sich im 13. Jahrhundert bei Albertus Magnus (*1193. f 1280). ln seiner Schrift: „Compositum de compositis“ sagt der berühmte „Doctor universalis“ von der salpetersauren Silberlösung Folgendes: „Sie färbt die Haut des Menschen mit schwarzer, schwer zu entfernender Farbe“ 1). Er beobachtete wohl zuerst diesen photochemischen Process der Silbersalze, ohne ihn als solchen erkannt zu haben.
- In einem Werke des Fabricius (De rebus metallicis). welches im Jahre 1556 gedruckt ist2), wird schon weitläufig von einer Art Silbererz unter dem Namen Hornsilber gehandelt, welches die Farbe und Durch-scheinbarkeit des Hornes. die Schmelzbarkeit und Weichheit des Wachses hat. Ausser diesen Angaben über das Hornsilber konnte ich aber in diesem Werke keine Aeusserung finden, welche zur Annahme berechtigt, dass Fabricius die Veränderung des Hornsilbers im Lichte kannte3).
- 1) Ko pp, Geschichte der Chemie. IV, S. 203.
- 2) Das Werk des Fabricius ist in dem Sammelwerke: „De omni rerum fossi-lium geliere, gemmis, metallicis etc.“ von Gessnerus (1665), welches sich in der Wiener Hofbibliothek vorfindet, enthalten.
- 3) Ich erwähne dies ausdrücklich, weil Arago (Sämmtliehe Werke, deutsche Ausgabe von Hankel, VII, S 385) dem obigen Citat noch hinzufügt: „Diese Substanz ging unter dem Einflüsse des Lichtes aus Gelblichgrau in Violett .... über.“ Diese
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- Der bekannte Alchymist Glanber (* 1604, 1 1668) erwähnt 1658 in seiner „Explicatio Miraculi Mundi“: „Wann man auss dem Salpeter und Vitriol ein stark Wasser destilliret und in demselben ein wenig Silber solviret, gemein Regenwasser zuschüttet, das Aqua fort, damit zu brechen, so ferbet hernach solches Wasser nicht allein alle harte Höltzer dem Eben-holtz gleich, sondern auch das Beltzwerk und Gefeder kölsch warz“ !).
- Glauber übersah ebenso, wie Albertus Magnus, dass bei diesen Processen das Licht die Hauptrolle spielt und auch Boyle (Mitglied der Royal Society, * 1626, f 1691) gibt in seinen „Experiments et consi-derationibus“ 1660 an, es sei die Luft und nicht das Licht die Ursache der Schwärzung des Hornsilbers. Er führt ferner als eine wenig bekannte Thatsache an, dass die Goldsolution Haut, Nägel, Elfenbein etc. dauerhaft purpurroth färbe und bemerkte auch hier nicht den Einfluss des Lichtes.
- Es ist überhaupt eine eigenthiimliche Erscheinung, dass die alten Gelehrten, selbst jene, welche sich speciell mit dem Lichte beschäftigten, so äusserst spärliche Andeutungen über dessen chemische Wirkung gaben. Dies gilt nicht nur von den alten Griechen, sondern auch von den Arabern (Al Farabi, Ebu Haithem, Jacobus Alkindi, Dseheber | 765, Ebu Zohr tH68, Abuleasem f 1122) und auch Alhazen, welcher in der Mitte des 11. Jahrhunderts lebte und ein Buch über das Licht schrieb, thut in dieser Beziehung keine Erwähnung* 1 2).
- Auch berühmte Gelehrte späterer Zeit, wie Roger Baco (*1214, tl294), Porta, der Erfinder der Camera obscura (*1545, T1615), Kepler (*1571, j' 1642), Huyghens (*1625, tl695), Newton (*1642, 1727), welche die Optik in neue Bahnen drängten, übersahen den Einfluss des Lichtes auf die innere Beschaffenheit der Materie.
- II. Abschnitt. Die neueren Naturforscher bis Beccarius und Bonzius (1757), nebst einem Excurse über den damaligen Stand
- der Kenntnisse yoii der Unbeständigkeit der Farben.
- Zuerst ergriffen die neueren Naturforscher die an der Pflanzenwelt durch das Licht hervorgerufenen Veränderungen auf. Ray war einer der Ersten, welche (1686) die grüne Farbe der Blätter dem Einflüsse des Sonnenlichtes zuscbrieben und hierbei die Wirkung des Lichtes von
- Worte erwecken den Glauben, es babe Fabrieius schon dieses Verhalten erkannt und ausgesprochen (was jedoc-h nicht der Fall ist); in diesem Sinne wurden Arago's Angaben oft (mit oder ohne Quellenangabe) abgedruckt und man schreibt heute allgemein dem Fabrieius eine Entdeckung zu, die er gar nicht gemacht hat.
- 1) Glauber, „Opera ehymica“, 1658. S. 190.
- 2) ßisner gab 1570 in Basel das Buch „Thesaurus Opticae“ heraus, worin die arabischen Forscher berücksichtigt und ihre Angaben über das Licht mitgetheilt sind. (Fiedler, De lucis effeetibus chemicis, 1834. S. 2.)
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- jener der Luft unterschieden1). Andere Autoren vor Ray, wie Grevius, (Anatome piantarum), Scharroc (Histor. Propagat. Yegetabilinm etc.), sahen die Luft als die Ursache der grünen Farbe an und nach -L Yossius (De lucis natura et proprietate, 1662) war nur die Wärme die Ursache, warum PHanzen und Thiere in sonnigen Gegenden lebhaft gefärbt sind2).
- Die Thatsacho. dass durch das Licht das Bleichen von Leinen etc. wesentlich befördert wird, war schon im. Alterthum bekannt und zwar nicht nur den Griechen und Römern, sondern auch den alten Egyptern und Indern.
- Die Angaben des französischen Akademikers Ed. Mariotte (*1.666, J1684) über die hierbei auftretenden Erscheinungen zeugen von einer scharfen Beobachtung. In seinem „Traite de la nature des couleurs”, Paris 1688. sagt er: „Es gibt viele gelbe und dunkle Materien, welche sich bleichen, wenn man sie wechselsweise netzt und an der Sonne trocknet. Sind sie sodann weiss und bleiben sie lange unbefeuchtet an der Luft so werden sie gelb“3).
- Im 17. Jahrhundert wurden neuerdings Angaben über die Farbe der Purpurschnecke und. deren Verhalten gegen Licht gemacht und zwar verdanken wir dieselben dem Engländer William Cole in Mineherd, welcher an den Küsten von Somershetshire und Südwalis purpurführende Schalthiere (Buccinum) entdeckte, Er beobachtete, dass der Saft derselben. auf Leinwand oderSeide gestrichen, diese Anfangs grünlich färbe und dass an der Sonne diese Farbe in rascher Folge dunkelgrün, hell purpurn und (bei heiterem Himmel nach einigen Stunden) dunkel-purpurroth wird. Pole fand auch, dass jede dieser Farbennuancen stehen bleibt, wenn man das gefärbte Zeug in einen finsteren Raum bringt; ferner beobachtete er das Auftreten eines Knoblauchgeruches während der Zersetzung im Lichte. Cole sandte im November 1684 einige Proben von derartig gefärbtem Leinenzeug an die königliche Societät nach London und beschrieb seine Erfahrungen näher4).
- D Ray, Historia Piantarum. Londini, 1686. I, S. 15. Die Ursache, dass die Pflanzen im Finstern ihre grüne Farbe verlieren , schreibt er mehr dem Mangel an Lieht, als an Luft und Wärme zu. Dies zeigen seine Worte: „Nobis tarnen non tarn aer quam lumen luminisve actio coloris in piantarum foliis viridis causa esse videtur“ .... „Ad hune autem eolorem indueendum non requiritur ealor.“ — Die nähere Beschreibung dieser Versuche s. Bancroft’s „Färbebuch“ (Deutsche Ausgabe, 1817. I, 86).
- 2) Groethe’s „Geschichte der Farbenlehre“ (Hempelsehe Ausgabe), XXXVI, S. 191.
- 3) Ibid. XXXVI, S. 284.
- 4) Cole’s Brief „Observations on the purple fish“ wurde 1685 in den Philo-sophical Transactions (Bd 15, S. 1278) veröffentlicht. Auch übersetzt im „Journ. des S<javansu, 1686. S. 356.
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- Weder 0o 1 e noch Eeaumur, welcher sich viele Jahre später mit demselben Gegenstände beschäftigte, scheinen von den Angaben ihrer Vorgängerin Eudoxia Kenntniss gehallt zu haben. Eeaumur fand eine grosse Menge von Buceinum an der Küste von Poitou und theilte im Jahre 1711 in seiner Abhandlung ..Sur une nouvelle pourpre“ mit, dass das Licht bei der Bildung der rothen Farbe eine grosse Eolle spielt1). Aach seinen Beobachtungen ist der frische Saft der Thiere gelblich und wird erst an der Sonne violett und schliesslich purpurroth. Luft allein bewirkte im Dunklen die Färbung nicht und auch das vom starken Feuer ausgestrahlte Licht erwies sich bezüglich des Böthungs-processes nur wenig wirksam, obgleich es weit wärmer als Sonnenlicht war2). Besonders rasch erfolgte die Böthung in dem durch ein Brenn -glas coneentrirten Sonnenlichte. Er zog aus seinen Versuchen den Schluss, „man müsse einen weit höheren Wärmegrad des Feuers anwenden, wenn man an dem Safte dieselben Veränderungen hervorbringen wolle, die man mit der Wärme des Sonnenlichtes bewirken kann.“
- Im Jahre 1707 hatte der königliche Leibarzt Lemerj (* 1677, j 1743) die Aufmerksamkeit auf die Krystallvegetationen aus Salzlösungen im Allgemeinen gerichtet3). Petit bemerkte 1722, dass die Auflösungen von Kalisalpeter und Salmiak im Sonnenschein schönere Vegetationen gaben, als im Schatten4).
- Im Jahre 1725 erfand der russische Grosskanzler und spätere Feldmarschall Graf Bestuscheff (*1693, t 1766) seine „Tinctura tonico-nervina“, bei deren Darstellung er die Mitwirkung des Lichtes in Anspruch nahm. Seine Originalvorschrift bestand darin, dass er das aus Schwefelkies, Eossschwefel und Quecksilbersublimat weitläufig bereitet sublimirte Eisenchlorid an der Luft zerfliessen liess und in dem vierfachen Gewicht Alkohol löste. Diese tiefgelbe Lösung wurde in verschlossenen Flaschen dem Sonnenlichte ausgesetzt, bis sie weiss wurde. (Beduetion des Eisenchlorides zu Chlorür.) Es war auch damals schon bekannt, dass der im Lichte entfärbte Liquor sich im Dunkeln bei Luftzutritt wieder goldgelb färbt5).
- 1) Histoire de l’Academie Royale des Sciences. Paris, 17L1. pag. 6.
- 2) Die betreffende Stelle lautet wörtlich: „Sans doute la chaleur du soleil beau-eoup plus subtile que celle d’un feu de bois, est plus propre ä agiter les plus fines particules de la liqueur“.
- 3) Histoire de l’Acadeinie Royale des Sciences. Paris, 1707. pag. 299.
- 4) Histoire de l’Aeademie Royale des Sciences. Paris, 1722. pag. 129. Auch Crell’s Chemische Annalen II, S. 136.
- 5) Es war dies ein früher sehr geschätztes Arzneimittel und wurde in Russland als Geheimmittel um so theurer verkauft, weil man die Flüssigkeit für goldhaltig hielt; später kam die Vorschrift durch einen Laboranten an Lamotte, der die Composition
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- Im Jahre 1727 beschäftigte sich der deutsche Arzt J. H. Schulze (*1687. 11^44). Mitglied der Academia Caesarea Leopoldino-Carolina, mit Versuchen, den „Balduin’schen Phosphorus“ (Leuchtstein) herzustellen* 1). Bei diesen Versuchen musste Scheidewasser mit Kreide gesättigt werden. Schulze wollte die Wirkung eines Zusatzes von Silber zu dem hierbei benützten Scheidewasser untersuchen; er löste deshalb etwas Silber in Scheidewasser auf und goss dieses auf Kreide. Zufällig nahm er diese Arbeit an einem Fenster vor, in welches die Sonne stark hineinschien. Zu seiner Verwunderung bemerkte er, wie sich die Oberfläche des dem Lichte zugewendeten Theiles des kreidigen Bodensatzes dunkel färbte, während die dem Lichte abgewendete Seite unverändert blieb. Schulze verfolgte diese Erscheinung weiter, wies durch unzweifelhafte Experimente nach, dass diese Schwärzung durch das Licht und nicht durch die Wärme verursacht werde und wurde dadurch der Entdecker der Lichtempfindlichkeit der Silbersalze. Er fand, dass das erwähnte Gemisch am Sonnenlicht violettsehwarz (atro-rubentem et in coeruleum vergentem“) wird und überzeugte sich, dass diese Wirkung speeiell dem Lichte und nicht der Wärme zukomme; als er die mit dem Gemisch gefüllte Flasche der dunklen Wärme eines Ofens aussetzte, färbte sie sich nämlich durchaus nicht dunkler. Um sich zu vergewissern, ob nur die unmittelbar vom Lichte getroffenen Stellen des silberhaltigen kreidigen Bodensatzes sich färbten, befestigle er einen Bindfaden an die Wand der Flasche und fand in der That. dass an jenen Stellen, von welchen der Faden das Licht abhielt, der Silberschlamm weiss geblieben war. Er klebte ferner Papier-Schablonen auf das Glas, in welche Worte und Sätze ausgeschnitten waren. Es dauerte nicht lange, so färbten sich im Sonnenlichte jene Stellen, welche nicht gegen Licht geschützt waren, dunkel und es zeichneten sich jene Worte und Sätze völlig genau im Schlamm ab2). Er producirte dieses Experiment seinen Freunden;
- in Frankreich verkaufte (deshalb auch Lainotte’sehe Goldtropfen genannt). Die russische Kaiserin Katharina kaufte später den Erben Bestuscheff’s das Geheimniss ab und liess die Bereitung der Eisentinetur bekannt machen. (Näheres über die Geschichte dieses Präparates s. TrommsdoriTs Journal der Pharmacie, 1881, S. 60, und Kerner, Annalen der Chemie und Pharmacie, XXIX, S. 68).
- 1) Mit dem Namen „Balduin’scher Phosphor“ wurde ein phosphoreseirender Leuchtstein bezeichnet, welcher mittels salpetersaurem Kalk (durch Schmelzen desselben bis zur anfangenden Zersetzung der Salpetersäure dargestellt wurde. Dieser Leuchtstein war 1684 von Balduin entdeckt worden.
- 2) „....vitrum pro maxima sui parte opacis corporibus obtegerem relicta exigua portione, quae liberum luei aceessum permitteret. Sic non rara nomina vel integras sententias chartae inseripsi et atramento notatas partes sealpello acuto caute exscidi, et sie ehartam hoc modo perforatam vitro, mediante cera, affixi. Nec longa mora fuit,
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- jenen, die den Hergang der Sache nicht kannten, erschien das Ganze höchst wunderbar. Durch blosses Aufschütteln des Bodensatzes verschwand die durch Licht bewirkte Schrift wieder vollständig und derselbe war zu einem neuen Lichteindruck tauglich. Ferner findet sich in Sehulze’s Abhandlung die Beobachtung niedergelegt, dass der silberhaltige Kreideseh lamm durch das mit einem Brennglas concentrirte Sonnenlicht momentan geschwärzt wird und dass auch eine reine (nicht kreidehaltige) salpetersaure Silberlösung im Lichte allmählich sich dunkel färbtQ.
- Aus diesen Angaben geht unzweifelhaft hervor, dass Schulze nicht nur die Liehtempfindlichkeit der Silbersalze schon 1727 vollständig kannte, sondern dieselbe auch benützte, um mittels des Sonnenlichtes Schriftzüge zu copiren. Demnach muss Schulze, ein Deutscher, als der Erfinder der Photographie bezeichnet werden, als welcher er allerdings bis jetzt noch niemals erklärt worden ist. Seine Abhandlung ist nämlich fast- gänzlich vergessen oder nie gewürdigt worden, was an der schwierigen Zugänglichkeit der Quelle gelegen haben mag. Beecarius, Scheele, Senebier, Davy. Heinrich, Link, Landgrebe erwähnen Schulze nicht oder nur nebenbei und auch Priestley, der bei seiner 1772 veröffentlichten „Geschichte der Optik“ den damaligen Ereignissen näher stand2), führt wohl Sehulze’s Beobachtungen an. bringt sie aber chronologisch in eine falsche Stellung, indem er Becca-rius vor Schulze stellt: überhaupt fehlen bei Priestley’s Citaten die Jahreszahlen. Auch Fiedler (De lucis effectibus ehemicis, 1835) macht sich desselben Anachronismus schuldig. Von den neueren Autoren scheint keiner die Arbeit Sehulze’s gekannt zu haben3).
- quum radii solares, qua parte per apertam chartam vitrum testigeret, illa verba, illasvo sententias sedimento eretaeeo tarn aeeurate et distiuete ins erib er ent, ut multis euriosis, experimenti autem neseiis, ad neseio quod artificium rem hanc referendi ocea-sionem subinde dederim“. — Wegen der schwierigen Zugänglichkeit der Quelle ging ich hier ausführlicher auf die wichtige Stelle ein.
- 1) Schulze: „Scotophorus pro phosphoro inventus seu experimentum curiosum de effectu radiorum Solarium“. — Acta phisieo-medica Academiae Caesareae Leopol-dino-Carolinae. 1727. I, 528. Auch citirt (aber ohne Inhaltsangabe) in Karsten’s „Fortschritten der Physik für 1845“, S. 228.
- 2) „The history and present state of diseoveries.“ London, 1772. Deutsche Ausgabe: „Geschichte und gegenwärtiger Stand der Optik“. Uebersetzt und mit Anmerkungen versehen von G. S. Flügel, 1776 (S. 277).
- 3) Johann Heinrich Schulze, am 12. Mai 1687 in Coblitz geboren, wurde 1717 zu Halle zum Doctor der Mediein promovirt, 1720 Professor der Medicin und daneben (1729) der griechischen und arabischen Sprache an der Universität zu Altorf, später zu Halle.
- Eder, Handbuch der Photographie. I. Theil. 2. Auf.
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- Die Arbeiten Eeaumur’s regten den General-Inspector der Marine und französischen Akademiker Duhamel du Monceau (*1700, f 1782) im Jahre 1736 zu neuen Untersuchungen über den Purpurfarbstoff gewisser Conchilien an1) ln seiner Abhandlung „Quelques experiences sur la liqueur colorante que fournit le Pourpre, espeee de coquille qu’on trouve abondamment sur les cötes de Provence“2) beschreibt er eine ganz ähnliche Farbenveränderung (Rötlmng) des weissen Conchiliensaftes am Sonnenlichte, wie sein Vorgänger; im Finstern erfolgte die Eöthung nicht. Er überzeugte sich, dass die dunkle Wärme keine Farbenänderung bewirkt, das Feuer nur in höchst geringem Grade3), wogegen die Sonne den Saft oder eine damit getränkte Leinwand in einigen Minuten purpurn färbt. Die Eöthung im Lichte geschah auch, wenn das Zeug in ein Glas eingesehlossen war, nicht aber, wenn es mit dem dünnsten Blech bedeckt war. Zu seinem Erstaunen bemerkte er, dass unter ziemlich opakem blauen Papier die Eöthung in der Sonne rasch und intensiv geschieht, in weit höherem Grade als unter verhältniss-mässig mehr durchscheinendem gelben oder rothen Papier, was die erste (allerdings unsichere) Angabe über die differente chemische Wirkung des verschiedenfarbigen Lichtes vorstellt,
- Um diese Zeit — jedenfalls vor 1737 — wurde die erste, mir bekannt gewordene, Beobachtung über die Lichtempfindlichkeit der Quecksilbersalze durch den Berliner Professor Kaspar Neumann (*1683, t 1737) gemacht, ln seinen, nachgelassenen chemischen Schriften4) findet sich die Angabe, dass in den Sonnenstrahlen das versüssto Quecksilber (Quecksilberehlorür, Oalomel) dunkelfarbig wird. Daselbst heisst es: „Bedenekiich ist, dass der mereur. dulcis an der Sonne sehwartz wird“. Neumann verfolgte diese Eigentkümliehkeit des Lichtes nicht weiter,
- 1) Priestley nennt in seiner „Geschielte der Optik“ (von der weiter unten wiederholt die Rede sein wird) Duhamel du Monceau den ersten, welcher sah, „dass im Lichte die Farbe und der innere Bau einiger Körper verändert wird“. Diese Angabe ist nach meinen Untersuchungen über die Geschichte der Photochemie nicht zutreffend.
- 2) Histoire de l’Academie royale des Sciences. Paris, 1736. pag. 49. — Die Auffindung dieser nur selten und mit wenigen Worten erwähnten Abhandlung ist sehr erschwert, weil sie in den sonst sorgfältig bearbeiteten Werken Ebermayer’s, Heinrichs (Von der Natur und den Eigenschaften des Lichtes. Preisgekrönte Abhandlung. Petersburg, 1808) falsch citirt („de dato 1711 und 1746“) ist. Diese Angaben seien hiermit reetifieirt. S. auch Landgrebe „Ueber das Lieht“, 1834, S. 471, woselbst die Versuche Duhamel’s ausführlich beschrieben sind.
- 3) ,,....ce qui prouve que le Soleil agit d’une faeon trhs-singuliere et tres efficaee sur le suc colorant dont il s’agit.“
- 4) Neumann’s „Praelectiones Chymieae“, herausgegeben von Zimmermann 1740, Berlin, pag. 1612.
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- da er bei der Silbersolution wohl erwähnt, dass sie die Haut schwärzt, aber nicht, dass das Licht hierbei mitwirkt.
- Im Jahre 1737 theilte Hellot (* 1685, t 1766) der Pariser Akademie, deren Mitglied er war. seine Beobachtungen über eine neue sympathetische Tinte mit („Sur une nouvelle encre sympatiquet:) und machte dabei bekannt, dass Schriftzüge, welche mit verdünnter Chlorgold-Lösung auf weisses Papier gemacht wurden, an der Luft (Hellot sagt nicht: am Licht!) nach wenigen Stunden ganz dunkelviolctt wurden („Violet fonce presque noir“). Schloss er hingegen das beschriebene Papier in eine Büchse, so kamen die Schriftzüge selbst nach mehreren Monaten nicht zum Torsehein: nach dieser Zeit aber wurden sie allmählich sichtbar. Ton grossem historischen Werth erscheint seine weitere Bemerkung, dass er ein Gleiches an verdünnter Silbernitrat-Lösung beobachtet habe. Eine mit solcher Lösung. auf weisses Papier gemachte Schrift war unsichtbar und kam erst nach drei bis vier Monaten zum Vorschein, wenn das Papier in einer Büchse verwahrt war, sie erschien aber schon im Verlauf einer Stunde schieferfarbig, sobald man das Papier an die Sonne legte.
- Bei Hellot begegnen wir zum ersten Male der Angabe, dass ein mit Silbernitrat imprägnirtes Papier im Finstern weiss bleibt, in der Sonne aber schon nach einer Stunde dunkel grau wird; ferner dass solches Papier auch im Finstern eine allmähliche Zersetzung erleidet und dabei naehdunkelt. So richtig diese Beobachtung war. so wenig befriedigend ist die hierfür gegebene Erklärung. Hellot nahm nämlich an, dass die Sonne bloss das Verdunsten der Säure befördere und dass die Salpetersäure seiner Meinung nach immer etwas schwefelhaltig ist und aus diesem Grunde nach dem Verdunsten der Salpetersäure das Silber sich schwärze, weil alle Schwefelverbindungen Silber schwärzen r).
- Heber die Eigenschaft des Lichtes, auf farbige Stoffe zerstörend zu wirken, machte Gapitän Dufay (* 1698, 1 1739) in den Memoiren der Pariser Akademie im Jahre 1737 einige Mittheilungen: „Unter den Beispielen, die ich anführen könnte, will ich nur einer taffetenen, carmesin gefärbten Gardine erwähnen, die lange an einem Fenster ge-
- ll Histoire de l’Academie royale des seienees, 1737, pag. 101. Die auf Silberlösung sieh beziehende Stelle lautet: „La dissolution de l’argent fin dans l’eau forte, qu’on a affaiblie ensuite par l’eau de pluye distillee, fait aussi une eeriture invisible, qui tenue bien enfermee, ne devient lisible qu’au bout de trois ou quatre rnois; mais eile paroit au bout d’une heure si on l’expose au soleil, parce qu’on accelere l’eva-poration de l'aeide. Les caracteres faits avee eette solution sont de couleur d’ardoise, paree que l’eau-forte est un dissolvant toujours un peu sulphureux et que tout ee qui est sulphureux noireit l’argent.“
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- hangen hatte; alle Stellen, die sieh den Fensterscheiben gerade gegenüber befanden, waren gänzlich entfärbt, wogegen die vom Rahmen bedeckten bei weitem nicht so verblichen waren; ausserdem zeigte sich auch noch, dass in den entfärbten Theben selbst die Seide zerstört war und dass die Gardine da weit leichter zerrissen werden konnte, wogegen man an anderen Stellen ungefähr die gewöhnliche Kraft anwenden musste
- Ueber die Veränderungen der Farben im Lichte mögen wohl auch die alten Maler reiche Erfahrungen gesammelt haben. Dies ist um so wahrscheinlicher, als Heraclius in seiner aus der Mitte des 13. Jahrhunderts stammenden Schrift „Von den Farben und Künsten der Römer“ verschiedene organische Farbstoffe (Krapplack, Tournesol, Drachenblut, Carmin, Lack von Brasilholz, Farbstoff der Veilchen) bei den Malerfarben erwähnt-1 2). Bei Cennino Cennini findet- sich in der Tha-t schon in seinem, Mitte des 15. Jahrhunderts erschienenen „Buch von der Kunst oder Tractat- der Malerei“3) eine Warnung vor der Verwendung des Drachenblutes („lass es stehen und kümmere dich nicht allzuviel darum“). Vom Gummilack heisst es, dass „die Luft- seine Feindin sei“; beim Safran: „siehe, dass er die Luft nicht- schaue, da er sonst schnell seine Farbe verliert“. Michel Angelo Biondo führt in dem „Tractat von der hochedlen Malerei“ (1549) bei der Aufzählung der in der Malerei gebräuchlichen Farben, neben Lack und Indigo, keine der erwähnten Pflanzenfarben mehr an4).
- Weitere Aufschlüsse hierüber gibt das im Jahre 1740 in französischer Sprache und 1747 in deutscher üebersetzung erschienene 'Werl des französischen Jesuiten-Paters Cast-el (*1688, ^ 1757): „Die auf lauter Erfahrungen gegründete Barben-Optik“ (Halle) Aufschluss.
- Daselbst- heisst es Seite 127: „Mir ist ein Mahler bekannt, dessen Geschmack und Geschicklichkeit in Portraiten ich sehr hoch halte. Dieser zeigte mir seine Anstalten, alwo er wenig Farben hatte und meldete, dass er weder Carmin noch Lack noch Zinnober zu rot-h nähme, auch kein frisches gelb brauchete, sondern er nähme zu blau und grün
- 1) Histoire de l’Academie royale des Sciences, 1737, pag. 253. Dieses Citat findet sich auch in Berthollet’s „Elements de l’art de la teinture“. Paris, 1791, und in der nach der zweiten Ausgabe dieses Werkes veranstalteten deutschen üebersetzung „Anfangsgründe der Färbekunst“, Berlin 1806, S. 149.
- 2) Quellenschriften zur Kunstgeschichte. IV. „Heraclius etc.“ Herausgegeben von Ilg. 1873.
- 3) Quellenschriften zur Kunstgeschichte. I. „Cennino Cennini etc.“ Uebersetzt von Ilg. 1871.
- 4) Quellenschriften zur Kunstgeschichte. V.
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- allein Preussisch blan und zu allem roth und violett ein braun -roth mit gewissem gelb, mittelmässiger Güte, dessen Namen ich vergessen habe.“ Gelegentlich der damals üblichen Manier berühmter Maler, in den Bildern das Eoth und Gelb vorherrschen zu lassen, heisst es Seite 128: „Er (der erwähnte Portrait-Maler) wies mich aber auf das, was wahr und unvergänglich sei. Diese Farben (die gelben und rothen) seyen falsch.
- ... Diesem fügte er bey, dass Lack, Carmin, Zinnober und andere stark hervorragende Farben nicht Körper genug hätten, noch sich lange halten können und dass, wer damit arbeitete, an die Nachwelt nicht dächte.“
- Vom Gummigutt schreibt Castel Seite 97: „Die Mahler halten nichts davon, weil die Farbe nicht beständig genug ist“.
- Dass sich Castel der bleichenden Wirkung der Sonne wohl bewusst war, zeigt die Stelle (S. 171): „Was Leinwand heisset, wird weiss von Luft, von Sonne, von Thau und von Lauge. Auf gleiche Weise gehet es mit Wachs, Wolle und viel anderen Dingen an“.
- Die Ueberzeugung von der ungemein grossen Kraft des Lichtes riss Castel zu der, wie mir scheint, für einen Jesuitenpater des 18. Jahrhunderts gewagten Aeusserung hin (S. 169): „. . Denn Gott, der ein reines Licht ohne einigen Zusatz von Finsterniss ist, war an sich schon, ehe alle Dinge entstunden. Indem nun alle Dinge durch Licht entstanden und gewircket seyn, haben sie durch das Licht und folglich von Gott, der das Licht geschaffen hat, ihren Ursprung: ihre Formen und Gestalten aber kommen aus der Finsternis her, weil sie in Materie bestehen; die Materie aber an und für sich selbst finster und unbelebt ist,“
- Ueber die Natur der Lichtwirkung hatten die damaligen Physiker eine höchst rohe Vorstellung. So schreibt der Mathematik- und Physik-Professor am Gymnasium zu Zürich und Akademiker J. J. Scheuchzer (*1672, y!733) in seiner „Physica oder Naturwissenschaft“ (1. Auflage 1703; 4. Auflage 1743; letztere ist hier citirt) im 28. Capitel, Seite 239, über das Bleichen gefärbter Zeuge: „Durch vielmaliges Waschen und Trocknen wird die Leimvand an der Sonne weiss, weilen nämlich durch die Befeuchtung allerhand Unreinigkeiten von denen wässerigen Theilen verschlungen und bey erfolgender Trocknung sammt diesen aus denen Löchlein der Tücher weggejaget werden, daher denn diese bey erfolgendem Verlust der ihnen anklebenden irdischen Unreinigkeiten nothwendig sauberer und weisser werden. Die lebhaften und hohen Farben an seidenem und taffetenem Zeuge verlieren sich leichtlieh an freyer Luft und noch eher an der Sonne, von denen sie, wie man zu reden pflegt, ausgezogen werden; welches nämlich also zugehet, dass durch kräftige
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- Wirkung der Sonnenstrahlen die kleinsten Farb-Theilgen, so den Seidenoder anderen Fäden anhängen, nach und nach weggejagt und eigentlich zu reden, gleichsam abgeschaben werden."
- Im Jahre 1757 veröffentlichte Johann Baptist Becearius (auch irrthümlich Beecaria genannt, Professor der Physik in Turin, *1716, y 1781) mehrere interessante Beobachtungen, welche er über die Wirkung des Lichtes auf Chlorsilber gemacht hatte1). Ihm kommt die Priorität der Entdeckung der Lichtempfindlichkeit des Chlorsilbers zu. Frisch präcipitirtes Hornsilber, sagt er, ist weiss, nach und nach aber wird es beinahe violettblau. Eine in einem Glase aufbewahrte Probe wurde nur an der dem Fenster zugekehrten Seite blau, die entgegengesetzte war aber noch weisslich. wurde aber auch violett, als man dem Glase eine halbe Umdrehung gab. Er kam dadurch zur Ueberzeugung, dass das Licht und nicht die Luft, wie er zuvor glaubte, die Farbenveränderung bewirkt habe. Um sich hiervon vollends zu überzeugen, belegte er die dem Fenster und Lieht zugekehrte Seite des Glases mit einem Streifen schwarzen Papieres. Am anderen Tage fand er, dass diejenigen Theile, auf welche das Licht wirken konnte, violett waren, die von Papier bedeckten aber noch weisslich. — Die Versuchsweise Becearius' erscheint ganz analog mit jener Schulze’s. nach welcher derselbe vor 30 Jahren mit seinem kreidehaltigen Silbermagma, experimentirt hatte.
- G. Bonzius schloss hieran mannigfache Versuche über die Wirkung des Lichtes auf farbige Bänder etc,, die er zugleich mit Becearius veröffentlichte.
- Aus den Versuchen des Bonzius geht hervor, dass manche Farben von dem Lichte (ohne dass Hitze oder Luft mitwirkte) beträchtlich verändert werden. Als verschiedenfarbige Bänder einige Tage lang den Sonnenstrahlen ausgesetzt wurden, verblassten namentlich die violetten, dann die rosentärbigen, blauen und grünen sehr. Im Finstern aber änderten sie. bei weit höherer Temperatur als jener der Sonnenstrahlen, die Farbe nicht, sondern verloren nur an Glanz. Dass die Luft zu dieser Veränderung nichts beitrug, schloss Bonzius. weil in einem luftleeren Eecipienten das Verbleichen ebenso gut vor sich ging, wie vorher. Das durch ein Brennglas concentrirte Licht von 'Fackeln war unwirksam. Die etwaige Muthmassung, dass das Sonnenlicht nur die Farbtheilclien zerstreue, widerlegte Bonzius durch die Bemerkung, dass, wenn er seine Bänder auf weisses Papier gegen das Licht legte, die Farben auf
- 1) Becearius et Bonzius: „De vi quam ipsa per se lux habet non colores modo sed etiam texturam rerum salvis interdum eoloribus immutandi. “ De Bononensi Seientiarum et Artinm Institutio atque Academia Commentarii, 1757. IV, pag. 74.
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- beiden Seiten verbleichten , ohne dass man doch auf den Stellen des Papieres, wo sie gelegen hatten, etwas finden konnte.
- Dass das letzte, uns überflüssig erscheinende Experiment am Platze war, beweist folgende Stelle in A. D. Bichters „Lehrbuch einer für Schulen fasslichen Naturlehro“ (Leipzig. 1769). wo S. 134 gelegentlich der Färberei gelehrt wird: „Diejenige Materie, deren farbige Theile allzugrob sind, dass sie in den Zwischenräumen von den Fasern der Sachen nicht eindringen können, geben eine undauerhafte Farbe, die in der Lut! und in den Sonnenstrahlen leicht wegflieget und verscliiesset.“ Eine ähnliche rohe Vorstellung, trotzdem sie durch Bonzius schon längst widerlegt war, äussert aber selbst noch J. Bisch off in seinem „Versuch einer Geschichte der Färberkunst“ (1780). Dem chronologischen Gange vorgreifend, sei hier auch bemerkt, dass Bisehoff nur jene farbigen Zeuge für echt erklärt, welche durch 12 Tage der Luft, dem Eegen und Sonnenschein ausgesetzt werden können, ohne eine merkliche Veränderung zu erleiden. Dies sind Anforderungen, welche sehr berechtigt sind, aber unsere modernen Farbstoffe nicht aushalten dürften.
- Gewissermassen als Anhang zu diesem Abschnitte mögen noch einige Bemerkungen über den damaligen Stand der Kenntnisse von den Veränderungen, welche die Malerfarben im Lichte erleiden, beigefügt sein.
- Pernety sagt in seinem 1760 in Paris erschienenen ..Dictionaire portatif de peinture“ (deutsch: „Ilandlexicon der bildenden Künste etc.“ Berlin, 1764. S. 182. 291 und Anhang S. 93), dass manche Farben sehr unbeständig seien: So verschwindet das Schüttgelb in kurzer Zeit, besonders wenn das Gemälde der freien Luft oder den Sonnenstrahlen ausgesetzt ist; das Berlin erblau wird mit der Zeit grünlich; der Colombin-laek (aus Brasilienholz) verändert sieh allmählich; der Zinnober dauert nicht an der Luft (!) und ebenso verhält sich der „feine Lack“ ('?). Daraus folgt, dass man so ziemlich zur Erkenntnis« der Veränderlichkeit der vegetabilischen Farblacke gekommen war und den Einfluss des Lichtes auf den Zerstorungsprocess bemerkt hatte.
- III. Abschnitt. Von der Gypliantie (17C1) bis zn Scheele (1777).
- Das im Jahre 1761 geschriebene Werk „Gypliantie oder die Erdbeschreibung, Ulm. Auf Kosten der Bartholomäischen Handlung“, welches von Tiphaine de la Boche verlasst wurde (dessen Name mit versetzten Buchstaben im Titel ausgedrückt ist), enthält gewisse phantastische Andeutungen über die Möglichkeit, photographische Bilder zu erzeugen und machte deshalb selbst in neuester Zeit viel von sich reden. Diese Phantasmagorien wurden wegen ihrer „Genialität“ sehr bewundert. Ich kann darauf nicht mehr Werth legen, als auf die modernen natur-
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- wissenschaftlichen Phantasie-Romane Jules Yerne’s, da Tiphaine, den alehymistisehen Jargon der damaligen Zeit nachahmend, wahrscheinlich die ihm gewiss nicht unbekannt gebliebene Entdeckung Schulze’s oder Beccarius’ ausmalte. Dieser Zusammenhang von Dichtung und Wahrheit ist den bisherigen Historiographen der Photographie entgangen; man nahm den Satiriker viel zu ernst, weil man die Quellen, aus denen er offenbar geschöpft hat, nicht kannte und deshalb in seinem Buche das erste Auftreten einer originellen Idee, nämlich die Erzeugung von Bildern mittels des Lichtes, anzutreffen glaubte.
- Auf die „Gyphantie“ legen Mayer und Pierson in ihrem Werke: „La Photographie consideree comme a.rt et comme industrie, histoire de sa deeouverte, ses progres, ses a-pplications, son avenir, 1862“, nicht wenig Werth. Folgendes Chat aus der Gyphantie entnehme ich dem Photogr. Archiv, 1863, S. 107, da die Stelle daselbst, wie Rösner bestätigt (ibid., S. 276), correct abgedruckt ist: Während eines Tages wird Tiphaine in den Palast der Elementargeister geführt und ihr Oberhaupt weiht ihn in ihre Arbeiten und-Geheimnisse ein. „Du weisst“, sagt es zu ihm, „dass die Lichtstrahlen, von den verschiedenen Körpern zurückgeworfen, ein Bild geben und die Körper auf allen glänzenden Flächen, z. B. auf der Netzhaut des Auges, im Wasser und in den Spiegeln abbilden. Die Elementargeister haben diese flüchtigen Bilder zu fbdren gesucht. Sie haben einen sehr feinen Stoff zusammengesetzt, der sehr klebrig und sehr geeignet ist, trocken zu werden und sich zu erhärten: mit Hilfe desselben wird in einigen Augenblicken ein Gemälde gemacht, Sie überziehen mit diesem Stoffe ein Stück Leinwand und bringen diese vor die Gegenstände, welche sie abbilden wollen. Die erste Wirkung der Leinwand ist diejenige eines Spiegels;' man sieht darin alle nahen und fernen Körper, wovon das Licht ein Bild entwerfen kann. Aber was ein Spiegel nicht vermag, die Leinwand hält durch ihren klebrigen Ueberzug die Bilder fest. Der Spiegel gibt uns zwar die Gegenstände getreu wieder, aber er behält keinen zurück; unsere Leinwand gibt sie nicht weniger getreu wieder, aber hält- sie auch alle fest, Diese Aufnahme der Bilder ist das Geschäft des ersten Augenblickes, die Leinwand nimmt sie auf. Man nimmt dieselbe auf der Stelle weg und bringt sie an einen dunklen Ort. Eine Stunde später ist der Ueberzug getrocknet und man hat ein Gemälde, welches um so viel schätzbarer ist, weil keine Kunst die Wahrheit desselben erreichen und die Zeit es auf keine Weise beschädigen kann. Wir nehmen aus der reinsten Quelle, aus dem Stoffe des Lichtes, die Farben, welche die Maler aus verschiedenen Materien ziehen, welche die Zeit- niemals unverändert lässt. Die Genauigkeit der Zeichnung, die Mannigfaltigkeit des Aus-
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- druckes, die mehr oder minder kräftigen Pinselstriche, die Abwechslung in den Sckattirungen, die Regeln der Perspective, dies Alles überlassen wir der Natur, welche mit jenem sich immer gleichbleibenden, sicheren Gang auf unsere Leinwand Bilder malt, welche die Augen täuschen und die Vernunft zweifeln machen, ob die sogenannten wirklichen Dinge nicht eine andere Art von Trugbildern sind, welche Augen, Ohren, Gefühl, ja alle Sinne zusammen täuschen.“ — „Der Elementargeist ging dann auf einige physikalische Eigenschaften ein: zuerst über die Natur des klebrigen Körpers, welcher die Strahlen auffängt und zurückhält; zweitens über die Schwierigkeiten seiner Bereitung und Anwendung; drittens über das Spiel des Lichtes und dieses getrockneten Körpers; drei Probleme, die ich den Physikern unserer Tage vorlege und ihrem Scharfsinne anheimstelle.“
- Wenn wir uns wieder ernsteren Arbeiten zuwenden, so finden wir eine nicht uninteressante Schilderung über die Wirkungen des Lichtes in Jos. Fr. Meyer’s, Apotheker zu Osnabrück (*1705. 11765). „Chy-mische Versuche zur näheren Erkenntnis des ungelöschten Kalebes, der elastischen elektrischen Materie, des allerreinsten Feuerwesens und der ursprünglichen allgemeinen Säure“ (Hannover-Leipzig, 1764). Daselbst wird im 20. Capitel, Seite 119. untersucht, „was das Causticum sei und woraus es besteht" und die Ansicht ausgesprochen, dass das „Aetzende“ im Kalk und anderen ätzenden Substanzen „reine Feuertkeilchen“ enthalte, welche beim Glühen aus dem Feuer aufgenommen werden und dass die „Materie des Lichtes" aller Wahrscheinlichkeit nach dasselbe sei, wie die „reinen Feuertheilchen“. Meyer fährt fort: „dass der feurige Theii des Caustici die Materie des Lichtes sein könne, könnten vielleicht wohl ein Paar nicht unbekannte Erfahrungen wahrscheinlicher machen. . . Eine grausehwärzlicke Farbe nimmt die präcipitirte Luna cornea an. wenn sie in einem fest verschlossenen Glase in den Sonnenschein gesetzt wird.... Wenn man eine Solution des Quecksilbers in Vitriolsäure zu Crystallen anschiessen lasset; so wird dieses Vitriolum mercurii auch in verschlossenen Gefässen an der Sonne schwarz; der weisse Sublimat, der aus eben dieser Solution entstehet, wenn man sie zuletzt mit starkem Feuer abtreibet, wird ebenfalls an der Sonne schwarz.” Diesen Farbenveränderungen am Lichte stellt Meyer jene gegenüber, weiche Silbernitrat und Calomei beim Uebergiessen mit Kalkwasser erleidet (wodurch beide ebenfalls schwarz werden) und er zieht den Schluss, „dass die Veränderung durch das Causticum des Kalkwassers“ gleich jenen des Lichtes seien; denn „die Materie des Lichtes dringet durch das durchsichtige Glas und schwärzet
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- diese (d. i. die lichtempfindliche Substanz) ebenso wie das Causticum“. Dass das Schwärzen der genannten chemischen Verbindungen durch Kalkwasser auf einen ganz anderen Grund zurüekzuführen ist (Entstehung von Silberoxyd, Quecksilberoxydul) als die Schwärzung im Lichte, und dass es blosser Zufall ist, dass die Produete in beiden Fällen schwärzlich sind, braucht wohl nicht hervorgehoben zu werden. Diese Anschauung — so falsch sie auch ist — hatte jedenfalls Originalität für sich und reprä-sentirt eine der ersten Theorien der chemischen Wirkungen des Lichtes.
- Aus diesen Aeusserungen Meyer's zeigt sich, dass die Kenntniss der Veränderlichkeit der Silber- und Quecksilbersalze schon vor dem Jahre 1764 allgemein verbreitet war. Ferner scheint hervorzugehen, dass eine photochemische Zersetzung des Quecksilbersulfates schon vor Meyer bekannt war; mir war es jedoch nicht möglich, eine diesbezügliche ältere Angabe zu finden.
- Merkwürdigerweise begegnen wir schon in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einer technischen Verwendung des Silbersalpeters zur Herstellung von Zeichnungen auf allerlei Objecten unter Mitwirkung der Sonne und zum Schwarzfärben der Haare. Lewis schreibt in seiner ..Historie der Farben“ (aus dem Englischen durch Ziegler, 1766, S. 61): ..Man bedient sich der salpetersauren Silberlösung zu Zeichnungen auf Bein, Marmor und woissem Achat, die, wenn sie den Sonnenstrahlen ausgesetzt werden, nach und nach erst roth, dann purpurfarbig, dann braun und endlich schwarz werden.“ — J. G. Wallerius, Professor der Chemie in Upsala (*1709, f 1785), erwähnt in dem 1765 erschienenen zweiten Theil seiner ,.Ghemia physica“ (Cap. XXV. §4, Anm. 2), man könne rothe Haare durch 16fach verdünnte Silberlösung schwarz färben 0.
- Im Jahre 1771 erwähnt Marggraf in den ,,Memoires de Berlin“ (1771. pag. 3). dass der aus dem Deeocte von Färberröthe (Bubia tinetoria) durch Alaun und Kaliumcarbonat erhaltene rothe Farblaek ungleich dauerhafter ist und nicht so leicht verschiesst. als der aus Fernambuk1 2).
- In den Jahren 1771 und 1772 machte sich das Eingreifen Priest-ley's in der Entwicklung der Photochemie geltend. Dieser grosse Gelehrte gab in seiner „Ilistory and present state of discoveries relating to vision, light and colours“ 1772 3) die erste zusammenfassende Schil-
- 1) Auch citirt in Macquer’s „Chymisehem Wörterbuch“. Deutsche Ueber-setzung von Leonliardi, 1772. Bd. 5, S. 46. Anmerkung.
- 2) Auch abgedruckt im „Taschenbuch für Scheidekünstler und Apotheker für 1781“, S. 46.
- 3) Deutsche Ausgabe: „Geschichte und gegenwärtiger Zustand der Optik“, übersetzt und mit Zusätzen begleitet von Klügel (1776). Die Zusätze Klügel’s sind sehr
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- derung der chemischen Wirkungen des Lichtes, die freilich ziemlich unvollkommen war, da sie sieh nur auf Duhamel, Beccarius, Schulze und Bonzius bezog. Es ist auch diesem Gegenstände kein eigenes Capitel gewidmet, sondern es sind die chemischen Wirkungen im 2. Capitel der 6. Periode bei den ..Beobachtungen vom Bononischen Phosphorus“ besprochen. Aus den ihm vorliegenden Beobachtungen schloss Priestley: ..Dass das Licht eine wirkliche Substanz ist, welche aus materiellen Theilehen. die von den leuchtenden Körpern ausfahren, bestehe, scheint gleichfalls durch solche Versuche bestätigt zu werden, aus denen erhellet, dass die Farbe und der innere Bau einiger Körper, dadurch, dass sie dem Lichte ausgesetzt werden, verändert wird“. Schon ein Jahr vor dem Erscheinen seiner ..Geschichte der Optik“, aber in diesem Werke noch nicht, sondern erst 1775 veröffentlicht* 1), bemerkt Priestley, dass grüne Plianzentheile aus Kohlensäure Sauerstoffgas entwickeln, ohne aber die Eolle. welche das Licht hierbei spielt, zu erkennen; dass zu dieser Zerlegung der Kohlensäure durch die Pflanzen das Sonnenlicht nöthig sei, beobachtete erst Ingenhouss im Jahre 1786.
- Als Hooper im Jahre 1775 in dem „Pocket Ledger von Wearsly“ ein ..Verfahren auf Glas mit Sonnenlicht zu schreiben“ mittheilte, glaubte vielleicht mancher in der Literatur nicht bewanderte, es sei darin etwas Neues geboten. Hooper löste Kreide in Scheidewasser bis zur Honigdicke auf und fügte concentrirte Silberlösung hinzu. „Man schneide dann aus einem Blatt Papier die Buchstaben, welche man erscheinen lassen will, heraus und leime dieses Blatt auf die Flasche (mit der Silberlösung): stelle diese hernach derart an die Sonne, dass die Strahlen durch die ausgeschnittenen Th eile des Papieres hindurch gehen können.... Die Stellen des Glases, durch welche die Strahlen gehen, werden schwarz, während die von Papier bedeckten Stellen weiss bleiben. Man muss Sorge tragen, dass die Flasche die ganze Zeit hindurch nicht bewegt werde”2). Diese Angabe stimmt fast ganz mit dem Experimente
- zahlreich und erhöhen den Werth des Buches bedeutend, gegenüber dem englischen Original.
- 1) Experiments and observations relating to various branches of naturalphilo-sophy etc. London, 1775. I, pag. 83, II, pag. 61. Deutsche Ausgabe 1780. Die weiteren Untersuchungen über die Wirkung des Lichtes auf Pflanzen (insbesondere Bonnet 1778, Duhamel, Tessier 1783, Senebier 1782 bis 1791 etc.) sind in diesem geschichtlichen Essay nicht aufgenommen, weil sie ins Gebiet der Pflanzen-Physiologie gehören. Vergl. übrigens Landgrebe „Ueber das Licht“, 1834. S. 320.
- 2) Die Originalabhandlung soll in den „Rational Recreations“ erschienen und die Mittheilung des „Pocket Ledger“ nur jenem Journal entlehnt sein. Ich folge hier der Mittheilung Welmann’s im „Bulletin de la Societe Franeaise de Photographie“, 1857, pag. 316; auch Kreutzer’s „Jahresbericht der Photographie pro 1857“, S. 447.
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- Schulze’s überein und jene neueren Autoren, welche auf Grund dieser Angabe Hooper die Priorität des ersten photographischen Versuches zusehreiben, müssen vielmehr Schulze diese Priorität zuerkennen.
- Im Jabre 1776 veröffentlichte Torbern Olof Bergmann, der Nachfolger von Wallerius an der Universität zu Upsala (*1735, 11784), die Resultate seiner Untersuchungen über die durch Oxydation des Zuckers erhaltene Oxalsäure (damals Zuckersäure genannt) in der Schrift: „De acido sacehari“. Darin ist zum ersten Male von der Lichtempfindlichkeit der oxalsauren Metallsalze die Rede, indem die Beobachtung mitgetheilt wird, dass das durch Oxalsäure aus schwefelsaurer oder salpetersaurer Quecksilberlösung gefällte sehwerlösliche weisse Pulver („Hydrargyrus saccharatus'') an der Sonne schwarz wird1). Auch verdanken wir Bergmann die Angabe, dass sich sehwefelsaures und oxal-saures Silber am Lichte schwärzt. Diese Bemerkungen sind in Bergmann’s „Opuscula“ 1779 aufgenommen und weiter unten sind die diesem Werke entnommenen Citate ausführlich mitgetheilt.
- Von nachhaltiger 'Wirkung waren die Arbeiten des berühmten schwedischen Chemikers Scheele für die Entwicklung der Photochemie.
- Die Versuche, welche Scheele (*1742, f 1786) im Jahre 1777 über die chemischen 'Wirkungen des Lichtes anstellte und in seiner ..Chemischen Abhandlung über Luft und Feuer“ beschrieb2), werden oft erwähnt und zwar um so häufiger, als man — allerdings, wie aus meiner Darstellung erhellt, in irrthümlicher 'Weise, da schon vor Scheele eine beträchtliche Anzahl von photochemischen Processen bekannt war — den Beginn der Photochemie von Scheele datirt3). Jedenfalls aber gebührt ihm das Verdienst, seine Experimente mehr als seine Vorgänger planmässig und zielbewusst angestellt und die Photochemie des Sonnen-spectrums begründet zu haben. Er stellte seine Experimente an. um den Nachweis zu erbringen, dass das Licht zusammengesetzt sei und
- 1) Auch citirt in Macquer’s „Chymisehem Wörterbuch“. Deutsche Ueber-setzung von Leonhardi, 1782, Bd. 4, S. 165. Ferner Bergmann’s „Opuseula“ etc. s. weiter unten.
- 2) Scheele, Aeris atque ignis examen chemieum, Upsala et Dips. 1777, pag. 62. Deutsch: „Chemische Abhandlung von der Luft und dem Feuer“; 1. Auflage 1777, 2. Auflage 1782. — Deutsche Ausgabe von Seheele’s sämmtliehen Werken, von Hermbstädt, Berlin, 1793. §61, 62 u. ff., S. 132 u. ff. — Landgrebe datirt diese Angaben Seheele’s von 1773 („Ueber das Licht“, 1834, S. 4); diese Zeitangabe ist daselbst nicht gerechtfertigt und ohne Zweifel irrthümlich.
- 3) Z. B. Landgrebe in seinem berühmten Buche „Ueber das Lieht“, 1834, S. 3. Becquerel, „La Lumiöre“, 1868, II, pag. 45. Hardwich, „Manual der photogr. Chemie“, 1863, S. 6. Muspratt’s „Eneyclopädisches Handbuch der technischen Chemie“. Bearbeitet von Kerl und Stohmann. 1878. Y, S. 1077 u. A.
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- zwar, dass es Phlogiston enthalte und fand, dass Silberoxyd, Quecksilberoxyd und Goldoxyd in dem Brennpunkte eines Brennglases oberflächlich in Metall übergeführt werden („Phlogiston aufnehmen“); hierzu bemerkt er, dass bei diesem Processe wohl die Wärme mitwirken könne. Scheele beobachtete ferner, dass Salpetersäure im Sonnenlichte in 3 Stunden roth wird, nicht aber in dunkler Wärme nach vier Wochen1).
- Scheele machte die ersten genannten Angaben über die Photochemie des Chlorsilbers und benützte schon Chlorsilberpapier zu seinen Experimenten. Er erkannte das verschiedene Verhalten des im Licht geschwärzten und des unveränderten Chlorsilbers gegen Ammoniak und dadurch war die Kenntniss eines Fixationsmittels für Chlorsilberbilder gegeben, welche aber leider viele Decennien hindurch unbeachtet blieb.
- Ueber das Chlorsilber spricht sieh Scheele mit folgenden Worten aus: „Ich präcipitirte eine Silberauflösung mit Salmiak . . . Das weisse getrocknete Präcipital: färbte sich an der Sonne oberflächlich schwarz. . . Darauf goss ich von dem kaustischen Ammoniakspiritus auf dieses, dem Ansehen nach schwarze Pulver und setzte es in die Digestion. Dieses Menstruum löste sehr viel von dem Ilornsilber auf, doch blieb ein zartes schwarzes Pulver zurück. Dieses gewaschene Pulver wurde von einer reinen Salpetersäure grösstentheils aufgelöst, welche dadurch flüchtig wird2) . . . Also ist die Schwärze, welche das Chlorsilber vom Lichte erhält, reduciites Silber.“
- Er constatirte, dass das Chlorsilber im Finstern unverändert blieb. Es entging dem scharfsinnigen Chemiker auch nicht, dass sich bei der Schwärzung des Chlorsilbers im Lichte Salzsäure (richtiger Chlor) entwickeln müsse: „Da sich aber kein Silber in metallischer Form mit Salzsäure verbinden kann, so folget, dass so viel als jedes Theilchen des Ilornsilbers auf seiner Oberfläche in Silber verkehret wird, dass auch ebensoviel Salzsäure sich scheiden muss.“ Er beobachtete auch, dass gewaschenes Chlorsilber, unter Wasser dem Lichte exponirt, an das "Wasser Salzsäure abgibt: ferner gibt er an, dass es sich unter Salpetersäure in der Sonne nicht schwärzt. Aus einer Chlorgoldlösung sah er nach 14 Tagen durch die Sonne Metall ausscheiden3).
- 1) Die Priorität dieser Entdeckung wird nicht selten Priestley zugesekrieben. Jedoch scheinen Scheele und Priestley zugleich und unabhängig über dies Verhalten der Salpetersäure gearbeitet zu haben. Es ist ein Irrthum Hunt’s, dass selber in seinem „Manual of Photography“ (1834, 335) diese Entdeckung vom Jahre 1786 datirt, welcher Fehler in „Abridgments of Speeifications relating to Photography“ der „Patents for inventions“ (1861, V) überging.
- 2) D. h. aus welcher sich rothe Dämpfe von Untersalpetersäure entwickelten.
- 3) Scheele’s sämmtliche Werke. Deutsche Ausgabe von Hermbstädt. §61, Seite 132.
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- Erster Theil. Erstes Capitel.
- Scheele liess zuerst das Sonnenspectrum auf Chlorsilberpapier einwirken und fand, dass das Hornsilber in der violetten Farbe weit eher schwarz als in den anderen Farben wird, „weil der Silberkalk das Phlogiston von dem violetten Lichte eher, als von den übrigen Strahlen, scheide“ 1).
- Strich er ein Glas mit schwarzer Farbe an und stellte es tagelang in den Sonnenschein, so wrnrde das Hornsilber nicht schwarz, obgleich das Glas sich erhitzte. Bloss wärmende Strahlen, z. B. die eines Stubenofens. brachten die Schwärzung selbst nach zwei Monaten nicht hervor.
- Diese Erscheinungen erklärte er dadurch, dass er annahm, das Licht sei wohl nicht reines Phlogiston (d. i. das ..Prineipium imflain-mabile“), aber enthalte das Phlogiston neben Wärme als Bestandtheil und dieses verbinde sich mit dem .,Silberkalk'1; nach dieser Ansicht wurde das Licht durch das Chlorsilber zerlegt — also nicht wie man heute sagt, das Chlorsilber durch das Licht — und dem Lichte ein Bestandtheil entzogen. Diese Ansicht lag ganz im Geiste der damals herrschenden Newdon'schen Emissionstheorie, verbunden mit der Phlogiston-Theorie.
- In der englischen Uebersetzung von Scheele's Werk, welche ßichard Kirwan mit Noten versah, drückt schon der letztere seine grossen Zweifel über die Ansicht aus, dass das Lieht aus Phlogiston und Feuer bestehe und zwar u. A. aus dem Grunde, weil das Brennbare sonst nicht durch feste Körper dringt, wie das Licht und andererseits , wreil das Licht weder die Metalloxyde im Allgemeinen und noch den Braunstein redueire. Kirwan glaubte vielmehr, dass das Licht von einer starken Bewegung des elementaren Feuers entspringe, wodurch das Brennbare in denen dem Lichte ausgesetzten Körpern ausgetrieben werde, z. B.: ..treibe das Licht aus der Salzsäure im Hornsilber das Brennbare aus, welches sich mit dem Silberoxyd verbinde“2).
- IY. Abschnitt. Y011 Priestley (1777) bis Senebier (1782), nebst einem Excurse über die damalige Verwendung lichtempfindlicher Verbindungen in der Magie.
- Um dieselbe Zeit, in welche Scheele's Untersuchungen über die photochemischen Wirkungen des Lichtes fallen, beschäftigte sich Priestley mit Versuchen über die Ursache der freiwilligen Eöthung der Salpeter-
- 1) Scheele’s sämmtl. Werke. Deutsche Ausgabe von Hermbstädt. §66, S. 141.
- 2) Chemical Observations and Experiments on air and fire; by Scheele, trans-lated by Förster; to which are odded notes by Kirwan, 1780. Auch im Auszuge Crell’s „Neueste Entdeckungen in der Chemie“, 1782. Y, 231.
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- säure. Er beschrieb seine Versuche später sehr umständlich Q. Als Resultat der Versuche fand er, dass die Salpetersäure nur schwierig in der Wärme, aber rasch im Sonnenlichte sich roth färbe, und im Finstern mehrere Tage lang einem beträchtlichen Grad von Hitze unterworfen, farblos bleibt. Da Priestley bekanntlich ein eifriger Anhänger der Phlogiston-Theorie war, so nahm er an: Das Licht wirke hier gleich dem Phlogiston; wie dieses zugehe, lasse sich zwar noch nicht bestimmt sagen, doch sei es aus vielen chemischen Versuchen erwiesen, dass das Lieht Phlogiston enthalte (wie wir heute sagen, reducirend wirke).
- Opoix ergänzte 1777 die älteren Angaben Dufay’s (1737) sowie Bonzius' (1757) und zeigte, dass die Farbstoffe auf Zeugen, Bändern etc. nicht durch einfache Wirkung der Luft ausbleichen, sondern dass das Licht die Ursache davon sei1 2); er sagt ferner, das Wachs werde im Lichte gebleicht, „weil es das Brennbare (Phlogiston) verliere“, d. i. weil es sich oxydirt.
- Die Lichtempfindlichkeit der Oxalsäure-Verbindungen entdeckte Bergmann und beschrieb sie zuerst 1776 (s. o.). Seine sämmtlichen Beobachtungen über ähnliche Gegenstände sind in seinem 1779 erschienenen „Opuscula physica et chemica“3) aufgenommen. Daselbst heisst es Bd. 1. pag. 379, der deutschen Uebersetzung: „Die Sonnenstrahlen machen das zuckersaure (oxalsaure) Silber dunkel“. Ferner beschreibt er, wie Quecksilberoxyd mit Oxalsäure ein „salziges Pulver gibt, welches weiss. sich in dem Wasser kaum auflöset, und das in den Sonnenstrahlen schwarz wird”. Dasselbe Salz erhielt er beim Fällen von Quecksilbersulfat und Nitrat mit Oxalsäure und er beobachtete schon,
- 1) Priestley, Experiments and Observations on different Kinds of Air, London, 1775—1777. Yol. III, Sect. 23; ferner: Experiments and Observations relating to various branches of Natural Phiiosophy. London, 1779. Vol. I und Yol. III, Seet. 22. — Ferner: Philosoph. Transact. f. 1789. II, pag. 139; Gren’s Journal der Physik, II, S. 94 und 350. Im Auszuge Link (Ueber die Natur des Lichtes, 1808, S 36) und Heinrich (Von der Natur des Lichtes, 1808, S. 79).
- 2) Opoix, „Observations physico-chymiques sur les couleurs“, Paris, 1777; deutsche Ausgabe: „Physikalisch-chemische Beobachtungen über die Farben“, Wien-Leipzig, 1785, S. 65. Daselbst heisst es: „Gefärbte Körper entfärben sieh nach und nach an der Luft und verlieren nach einer gewissen Zeit ihre Farbe gänzlich .... Es lässt sich aber leicht zeigen , dass nicht die Luft die Veränderung bei gefärbten Körpern hervorbringe: denn die Farben halten sich an einem dunklen sehr luftvoilen Orte sehr gut... Also zerstöret nicht die Luft, sondern das Licht die Farben.“
- 3) Torberni Bergmann „Opuscula physica et chemica. Holm., Ups. et Above 1779—1790“ (6 Bände). Deutsche Ausgabe: „Bergmann, Kleine physische und chemische Werke; nach dem Tode des Verfassers herausgegeben von Heben streit; aus dem Lateinischen von Tabor. Frankfurt a. M. 1782—1788“.
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- Erster Theil. Erstes Capitel.
- dass das Gemisch von Oxalsäure mit Quecksilberchlorid lichtempfindlich ist: ,.Der Sublimat gibt auf diese Art (Zusatz von Oxalsäure zu seiner Lösung) auch ein Pulver, allein nur wenig und langsam und welches in der Sonne dunkel wird“. Diese Angabe wurde später von Plante 1815 viel präeiser gefasst; immerhin ist Bergmann als der Vorläufer des Quecksilber-Oxalat-Photometers zu betrachten.
- Vom schwefelsauren Silber wusste er, dass es sich schwärzt, aber langsamer als Chlorsilber: ..Durch Vitriol oder Salzsäure wird die Lösung von Silber in Salpetersäure weiss gefällt; allein im ersten Fall hängen die niedergeschlagenen Theile nicht so zusammen und werden in der Sonne langsamer schwärzer“. Die allgemeinen Ansichten Bergmannes über das Wesen des Lichtes sind der Phlogiston-Theorie, deren eifriger Vertreter er war. angepasst. Folgende Stelle (Bd. 11, S. 427) charak-terisirt dies näher: ..Es ist bekannt, dass die Pflanzen im Dunkeln verwelken und Farbe verlieren, werden sie aber wieder den Sonnenstrahlen ausgesetzt, so erholen sie sich bald wieder. Denn das Licht bestehet aus einer Materie von Wärme mit einem Uebermaass von Phlogiston . .. Nach der verschiedenen Lage der Pflanzen in Rücksicht des Lichtes und ihrer verschiedenen Kraft, Licht und Wärme zu zerlegen, müssen ungleiche Wirkungen entstehen“.
- Die Ansicht, dass im Lichte ein zusammengesetztes, brennbares Wesen enthalten sei, wurde schon im Jahre 1782 von Seile ange-zweifelt Q, jedoch wurde keine bessere Erklärung der cbemisehen Wirkung des Lichtes gefunden. Sogar Lavoisier, welcher die Bedeutung der Rolle des Lichtes in der Natur wohl erkannte und in überschwänglichen Worten pries1 2), hatte darüber nur höchst unvollkommene Begriffe. Er glaubte an einen materiellen Lichtstoff, welcher sich mit einigen Pflanzen-th eilen verbinde und deren Farbe verursache. Durch die Experimente Berthollet's mit Chlorsilber (s. u.) geleitet, sprach er die Ansicht aus, „der Lichtstoff hat eine grosse Affinität zu dem säureerzeugenden Stoffe, so dass ersterer sich mit letzterem verbinde und durch den
- 1) „Neue Beiträge zur Natur- und Arzneiwissenschaft“, Berlin, 1782, Seite 200. (Dieses Citat entnehme ich Ebermayer’s „Versuch einer Geschichte des Lichtes“, 1799, ferner Fischer, „Geschichte der Physik“, VII. Band.)
- 2) Er sagt: „Organisation, Empfindung, willkürliche Bewegung, Leben existiren nur auf der Oberfläche der Erde und an den Stellen. zu welchen Lieht gelangt. Man möchte sagen, dass die Fabel von dem Feuer des Prometheus der Ausdruck einer philosophischen Wahrheit ist, welcher gar nicht von den Alten herrührte. Ohne Licht war die Natur ohne Leben, todt, unbeseelt. Ein gütiger Gott verbreitete auf der Oberfläche der Erde Organisation, Empfindung und Denken durch das Lieht, welches er schuf.“
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- Beitritt des Wärmestoffes in einen gasförmigen Zustand versetzt werden könne“ 1).
- Eine eigenthümliche Angabe theilte Göttling im „Tas eben buch für Sebeidekünstler und Apotheker auf das Jahr 1781“, Seite 189, mit: „Man will die Beobachtung gemacht haben, dass Seide, Haare, Baumwolle u. dergl. ebenfalls, so gut als grüne Blätter der Pflanzen, unter einer Glocke mit Wasser, der Sonne ausgesetzt, Lebensluft (Sauerstoff) geben“ (! ?).
- Die wahre Bereitung der BestuschefTschen Nerventinctur (s. Seite 15) und der de la Motte’schen Goldtropfen aus Eisenchlorid und Alkohol war von Professor Murray in Göttingen durch einen Auszug eines Schreibens aus Petersburg vom 19. April 1780 in weiteren Kreisen bekannt gemacht worden2). Dadurch war der Anstoss zu weiteren Modificationen bei der Herstellung dieser Flüssigkeit gegeben.
- Im Jahre 1782 änderte Klapproth die Vorschrift für die Bestusch effsche Eisentinetur, indem er das sublimirte Eisenchlorid in Aether statt in Alkohol löste, welche gelbe Lösung er ebenfalls im Lichte entfärbte; er erhielt auf diese Weise eine „kräftigere Tinetur", als mit Alkohol. Er beobachtete auch, dass die ätherische Eisenlösung sich rascher als die alkoholische im Lichte entfärbt3); er sucht die Lichtwirkung dadurch zu erklären, „dass diese Tinetur wirklich die Sonnenstrahlen zerlegt, das Phlogiston daraus abtheilt und mit sich verbindet“.
- Ein Anonymus bemerkt hierzu4), dass auch nicht sublimirtes Eisenchlorid eine gelbe (allerdings trübe) ätherische Tinetur gebe, welche aber an der Sonne die Farbe nicht ändere (?).
- Tn der 1782 von Wenzel, einem der verdienstvollsten Chemiker des vorigen Jahrhunderts, herausgegebenen „Lehre von der Verwandtschaft der Körper“ finden sich viele Löslichkeitsbestimmungen, darunter Seife 436, dass Silbernitrat in Weingeist „im Verhältniss 100:240 sich auf löst", was für die spätere Coilodion -Photographie von Belang ist.
- Im Jahre 1782 veröffentlichte auch A. Hagemann in Bremen seine „Zufällige Bemerkung, die blaue Farbe des Guajacgummis betreffend"5).
- 1) Lavoisier’s „System der antiphlogistischen Theorie (1789)“. Deutsch von Hermlistädt, 1792. I, S. 228.
- 2) Taschenbuch für Scheidekünstler und Apotheker auf das Jahr 1781, S. 160.
- 3) Selle’s Neue Beiträge zur Natur- und Arzneiwissensehaft, 1782, Seite 1782. Gmelin, Geschichte der Chemie, 1799. III, 790. Taschenbuch für Scheidekünstler auf 1784, 160.
- 4) Crell’s Chemische Annalen, 1784, S. 341. Auch „Taschenbuch für Scheidekünstler und Apotheker auf das Jahr 1786“, S. 46.
- 5) Crell’s „Neueste Entdeckungen in der Chemie“, 1782. V, 70.
- Eder, Handbuch der Photographie. I. Thoil. 2, Aufl. 3
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- Erster Tkei!. Erstes Capitel.
- Er th eilte die Beobachtung mit, dass gepulvertes Gnajacgnmmi (-Harz), welches in einem Glasgefässe in der Nähe eines Fensters aufbowahrt worden war, nach einigen Wochen an der äusseren Fläche, welche dem Fenster zugekehrt und vom luchte berührt war. blau gefärbt wurde, während das gegen die Wand gekehrte und das ..inwendige“ Pulver ihre natürliche Farbe behielten. Wurde etwas von dem Pulver auf Papier ausgebreitet und belichtet, so änderte es sehr bald seine Farbe und wurde schmutzig aschgrau (etwas grünlich), aber nicht blau. Bei Luftabschluss aber (z. B. in Barometerröhren) wurde es blau, und zwar im Schatten schöner blau als in der Sonne. „Was konnte natürlicher seyn, als bev dieser Erscheinung auf das llornsilber zu fallen?“ fragt Hagemann und erklärt nach Scheele's Theorie die Erscheinung dadurch, dass das Guajacharz dem Lichte das Phlogiston entziehe und dann blau werde, dagegen an der Luft „durch die Feuorluft" die blaue Farbe verliere, da ,,das Brennbare wieder entzogen werde” (Oxydation).
- Diese Angabe Hagemann's ist von nicht geringer historischer Bedeutung, wenn man erwägt, dass Niepce zu Beginn seiner Arbeiten nach seinem eigenen Geständniss mit Guaja-e arbeitete und dass überhaupt die erste sichere Angabe über die Lichtempfindlichkeit der Harze von Hagemann datirt, Diese Priorität gibt Senebier zu, welcher dadurch zum weiteren Studium anderer Harze angeregt worden sein mochte, und direct oder indireet schöpfte auch Niepce aus derselben Quelle und gelangte zum epochemachenden Asphaltproeess.
- Gerechtes Aufsehen machten die 1782 erschienenen, mit seltener Gründlichkeit ausgeführten Versuche Senebier'sQ; dieselben sind für die Entwicklung der Photochemie von höchster Bedeutung, abgesehen von dem hohen Werthe für die Pflanzen Physiologie. Wir verdanken ihm Angaben über die Veränderung der Farbe der Hölzer im Lichte, welche sieh dabei dunkler färben, wie Tannen-, Linden-, Posen-. Eichen-Berberitzen-, Fernambukholz etc.
- Er beschrieb das Nachdunkeln des Guajacholzes (des „Franzosen-Holzes”. wie es in der deutschen Febersetzung genannt ist) im luchte, wie i'S im zerstreuten Lichte blau, im Sonnenlichte graugrün wird; Senebier gesteht aber selbst Hagemann die Priorität dieser Angabe zu1 2). — Ferner verdanken wir Senebier die erste Kunde von der
- 1) Senebier, „Memoires physico-chimiques sur l'influenee de la lumiere sohin pour modifier les etres des trois regnes de la nature.“ Geneve, 1782. Deutsche Ausgabe, Leipzig, 1785. Im Auszuge: „Crell’s Neueste Entdeckungen in der Chemie“. 1783. XI, 211.
- 2) Senebier. Deutsche Ausgabe (Physikalisch-chemische Abhandlungen über den Einfluss des Sonnenlichtes). II, S. 212.
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- Geschichte der Photoehemie vom Alterthume bis zu Daguerre im Jahre 1839. 35
- Veränderung vieler anderer Harze im Lichte. Einige bleichen aus, wie Mastix, Sandarac, Gummi animae, Weihrauch. Andere werden dunkler, wie Gummigutt, Ammoniakharz, Guajacharz; diese Angaben nebst den älteren von llagemann mögen Niepee bei seinen Versuchen geleitet haben und die Entdeckung der Liehtempfindliehkeit des Asphaltes mag sich unmittelbar an die Kenntniss der von Senebier beobachteten That-sachen geknüpft haben , obschon man dem letzteren ebenso wenig wie llagemann die Ehre dieser Anerkennung erwiesen hat.
- Senebier constatirte, dass der alkoholische Auszug von den grünen Pflanzentheilen (Chlorophyll) in nur halb gefüllten Flaschen durch das Sonnenlicht schon in 20 Minuten entfärbt wird; dagegen widerstand die Tinctur in vollkommen angefüllten und luftdicht verschlossenen Flaschen der stärksten Einwirkung der Sonnenstrahlen durch vier Monate vollkommen , ebenso wenn die grüne Flüssigkeit mit Stickstoff dem Lichte exponirt wurde. Er fand ferner, dass die alkoholischen Tincturen von Blumenblättern, wie Jonquillen, Eosen, Ranunkeln, Safran, im Lichte mehr oder weniger gebleicht werden; ebenso die Lösungen von Drachenblut, Cochenille, Gelbholz, Alkannawurzel, Safflor, Kermes, Gummilack etc. Die rothe alkoholische Drachenblutlösung verlor die Farbe gänzlich, die alkoholischen Lösungen von Alkannawurzel, Safflor, Kermes, Cochenille verwandelten die rothe Farbe in Gelb. Die wässerigen Lösungen von Alkanna, Kermes und Cochenille erlitten (im Gegensatz zu der alkoholischen) keine Veränderung in der Sonne. Die Blumenblätter der Damascener Bose färbten Weingeist ziegelroth; diese Tinctur wurde im Lichte Anfangs violett, dann die Farbe ganz zerstört; einige Tropfen Säure hinderten aber die Zerstörung der Farbe in der Sonne. Die Blumenblätter der Bosen, welche durch das Extrahiren mit Weingeist weiss geworden waren, gewannen ihre Farbe wieder, wenn sie an einem finsteren Orte an der Luft ausgebreitet worden waren, welcher Process durch Licht beschleunigt wurde; über Quecksilber in einer Atmosphäre von Stickstoff aber ging diese Begeneration der Farbe nicht vor sich, selbst nicht im Sonnenlichte. Aehnlich verhielt sich die rothe Haut der Pfirsiche und Pflaumen.
- Bei diesen Farbenveränderungen, namentlich bei den Tincturen aus Blumenblättern, wurde die NothWendigkeit des Lichtes dadurch nachgewiesen, dass die Entfärbung nicht eintrat, als man die Wärme eines Ofens statt Sonnenlicht einwirken liess. Auch die Entfärbung des Blattgrüns war bei 60 Grad 0. bei Lichtausschluss nicht zu bewirken.
- Senebier beobachtete, dass die Oele am Lichte zähflüssig und schmierig und zugleich gebleicht werden; dass gelbes Elfenbein, gelbe Seide und Wachs an der Sonne bleichen. Auch die Veränderlichkeit
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- Erster Theil. Erstes Capitel.
- der Malerfarben bespricht Senebier und erwähnt, dass Zinnober unter Wasser in der 8011 ne in kurzer Zeit miss farbig wird D. Er fügt hinzu, dass die Wasserfarben der Maler der Einwirkung der Sonnenstrahlen weit besser widerstellen, wenn sie mit einer Hausenblasen-Auflösung bedeckt und dann gefirnisst werden, als wenn sie ohne Hausenblase gefirnisst werden.
- W ‘sser Salpetergeist (Salpeteräther) wird nach Senebier im Lichte, gelb > • •• .noch flüchtiger, d. h. bildet salpetrige Säure,
- lieber die Veränderungen des Chlorsilbers im Lichte äussert er siel] sehr ausführlich2): Das in einem durchsichtigen verschlossenen (base befindliche Hornsilber fing schon nach einigen Seeunden an, sich violett zu färben; nach einer Minute batte diese Farbe an Intensität zugenommen , drang aber nicht tief in die Masse dos Silbers ein; nach Verlauf von einer Stunde war sie in eine Umbrafarbe übergegangen und erhielt nun keine weiteren Veränderungen mehr. Nur das Sonnenlicht brachte sie hervor, denn wenn man solches vollkommen abhält und das Hornsilber dann der Hitze, der Kälte, der Feuchtigkeit oder sehr trockener Luft aussetzt, ja selbst es in die Toriceiiische Leere bringt, so bleibt es vollkommen weiss. Wenn man cs aber in einen so schwach erleuchteten Baum bringt, wo das 'Licht einen so geringen Zutritt hat. dass mau kleine Schritt kaum darin lesen kann, so wird das Hornsilber erst nach Verlauf von 8 —10 Tagen gefärbt, Liess man durch eine Sammellinse eoncentrirtes lucht auf das Hornsilber fallen, so färbte es sich augenblicklich. Legte man auf letzteres ein bis drei Stücke feines Papier und liess es von der Sonne besclieinen, so färbte sich das Hornsilber nach einigen Minuten; unter vier Blättern färbte es nicht mehr.
- Ein Stück Nussholz von 1/2 Linie Dicke verhinderte die Färbung des Hornsilbers, auf welchem es lag: aber ein Stück Tannenholz von derselben Dicke liess die Färbung zu, ohne Zweifel wegen seiner grösseren Poren im Vergleich zum Nussholz. Zwölf Glastafeln von 3/4 Linie Licke verzögerten nur die Färbung, ohne sie aufzuhaiten. Auch 2 Zoll Waser zwischen zwei Glastafeln hinderten nicht, dass das Horn-silber sich nach 3 Minuten violett färbte,
- Bezüglich der Wirkung des Sonnenspeclrums fand Senebier (indem er die Versuche in einem verdunkelten Zimmer vorn ahm), dass das Hornsilber
- 1) Senebier, Deutsche Ausgabe (Physikalisch -chemische Abhandlungen über den Einfluss des Sonnenlichtes). TU, S. 12, 82, 92, 104, 108.
- 2) Ibidem. III, S. 94.
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- vom violetten Lichte innerhalb 15 Secunden
- 11 purpurfarbenen Lichte 11 25 „
- 11 blauen ,, 11 29 „
- 11 grünen „ n 37 „
- 11 gelben n 5V2 Minuten
- 11 orangefarbenen „ ii 12
- 11 rothen ,, n 20
- gefärbt werde, Die drei letztgenannten Farben brachten nie eine so
- intensive Färbung wie Violett: hervor. Senebier bemerkt auch, dass die Farben des Prismas dem Hornsilber zwar eine violette Farbe mittheilen, die aber mehr einen Stich ins Blaue hat und dass diese Farbe desto heller wird, je weniger brechbar die Strahlen sind (gegen Eoth zu). Dadurch war die erste Andeutung gegeben, dass sich das Ohiorsilber in den Spectralfarben verschiedenfarbig färbt und Senebier erscheint somit als der erste Vorläufer der Seebecksehen Entdeckung, dass das Spectrum auf Chlorsilber sich in seinen natürlichen Farben reprodueirt. Ausserdem beobachtete er. dass das durch roth und violett gefärbte Flüssigkeiten dringende Licht einen grossen Tlieil der Wirksamkeit auf Ohiorsilber verloren hat.
- Diese Erscheinungen erklärte Senebier dadurch, dass das Licht ähnlich wie das „Brennbare" wirke, d. h. analog „dem Dampf der Schwefelleber und der Kohlen“, mit anderen Worten, er fasste die chemische Licht Wirkung als Beduction auf.
- Das exaete Studium der chemischen Wirkungen des Lichtes im 18. Jahrhundert erreichte mit Senebier den Höhepunkt ; in seinen Schritten sind ebenso viele als werthvolle selbständige Beobachtungen niedergelegt, welche bis zum heutigen Tage ihren vollen Werth behalten haben und grösstentheils später gar nicht mehr weiter verfolgt wurden, so dass man Senebier's Schriften als wahre Fundgruben wenig gekannter Thatsachen bezeichnen muss.
- Was war aber aus den älteren Beobachtungen Schulze’s, HelloOs etc. geworden? Dieselben sind gegen Ende des vorigen Jahrhunderts nur in den fernliegendsten Literaturzweigen fort tradirt worden und vom Hauptschauplatz der Chemie und Physik verschwunden. Dagegen hatte sieh die Magie und Taschenspielerei dieser Erscheinungen bemächtigt und in dieser Richtung will ich einige Proben nachweisen.
- Wiegleb schreibt in seinem „Natürlichen Zauberlexicon“ (3. Auflage, 1784, S. 458) vor. man soll zur Herstellung von „sympathetischer Tinte von Silber“ in folgender Weise verfahren: „Es wird in einem Quentchen Scheidewasser soviel Silber aufgelöst, als möglich ist; hernach
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- wird die Auflösung mit 2 bis 3 mahl soviel destillirtem Wasser vermischt. Die Buchstaben, welche damit auf Pappier geschrieben werden, bleiben nach dem Trocknen unsichtbar; legt man aber das Pappier an die Sonne, so werden sie bald nach VerÜiessung einer Stunde in einer schwärzlichen Farbe erscheinen.“ Ferner ist die in diesem Werke Seite 42 angegebene Methode, „das Angesicht schwarz zu machen“, wegen ihrer Originalität bemerkenswerth: „Man bestreiche das Angesicht mit Scheidewasser, worin fein Silber aufgelösst worden, nachdem man diese Auflösung vorher mit sehr vielem (wenigstens 100 mahl so viel) Wasser verdünnt hat und lasse sich hernach von der Sonne bescheinen: so wird man auf eine Zeit lang zum Mohren gemacht.“ In ähnlicher Weise lautet das Becept Seite 514, „Ebenholz nachzumachen“, indem man Holz mit Silberlösung bestreicht und an der Luft, sonderlich aber an der Sonne wohl abtrocknet und schliesslich mit Wachs polirt.
- Wer erkennt hier nicht sofort die Angaben Glauber’s von 1658 und Hellot’s von 1727 wieder?
- ln Joh. Sam. Hallo's „Magie oder die Zauberkräfte der Natur“, 1784 (I, S. 148), wird ein Verfahren, mittels „der magischen Kraft der Sonne eine Schrift mitten in einem Wasserglase schwarz zu zeichnen“, als besonders geeignet zur „Belustigung“ empfohlen; es ist hierin last wörtlich die Entdeckung Schulze's nachgedruekt worden, natürlich ohne Nennung des Autors.
- Derselbe Versuch wurde auch in Poppe's „Neuem Wunder-Schauplatz“ (1839, 1, 323) unter dem Titel „Wie man auf eine besondere Art in einer Flüssigkeit, welche sich in einem Glase befindet, eine Schrift zum Vorschein bringen kann“ beschrieben.
- Unzählige Male wurde in ähnlichen Büchern Hellot’s sympathetische Tinte, welche am Licht erscheint, beschrieben und die Färbung des Elfenbeins mit Silberlösung an der Sonne wTar unter Anderem auch Accum ein willkommener Beitrag zu seinen „Chemischen Unterhaltungen“ (1819. S. 9), in welchen auch der weiter unten erwähnte Versuch der Beduction von Gold aus seinen Lösungen durch Kohle in der Sonne (ursprünglich von Bumford 1798 herrührend) zur Unterhaltung empfohlen wird.
- Ich will mich hier mit der Anführung dieser Proben begnügen, so verlockend es auch ist, die Entwicklung der Photochemie bis in die entlegeneren Winkel der Literatur in ausgedehntem Masse zu verfolgen.
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- T. Abschnitt. Ton Scopoli (1783) bis Eumford (1798).
- Im Jahre 1783 wurde vom Bergrath Scopoli in Pa via die erste mir bekannt gewordene Beobachtung' über die Veränderung von Blut-laugensalz im Lichte veröffentlicht]). Er versetzte eine Lösung von Rlutlaugensalz mit etwas Essigsäure und setzte sie dem Sonnenlichte aus; „die Flüssigkeit wurde alsbald grün und nach 15 Minuten sonderte sich etwas Berlinerblau ab.“ Ein Th eil des Berlinerblau legte sich beim Fortsetzen des Versuches an das Glas, „dort, wo es von der Sonne berührt wurde“, fest an. Im Finstern schied sich bei 37—66 Grad G. nichts aus. „Man sieht also dadurch die Wirkung des Lichtwesens auf die färbende Materie aller Körper“, schliesst Scopoli, „von welcher sie ohne Zweifel einen Bestandtheil ausmacht,“
- Eine wichtige Entdeckung auf dem Gebiete der Photochemie machte Berthollet im Jahre 1785. Er sah nämlich aus Chlorwasser, welches im Lichte stand, Gasbläschen aufsteigen, welche er als „reinste Lebensluft“ erkannte: im Finstern konnte er selbst bei 100 Grad 0. diese Zersetzung nicht herbeiführen1 2). Diese Entdeckung führte elf Jahre später zur Construction des ersten chemischen Photometers (s. u.).
- In seiner Abhandlung „De fintiuence de la lumiöre“ sagt nämlich Berthollet:
- „Alle diese Wirkungen des Lichtes (d. i. auf die Vegetation, auf Salpetersäure und Hornsilber) hat man dem Phlogiston beigemessen, allein weitere Fortschritte der Chemie haben diese Hypothese unzureichend und unnütz gemacht,“ Fm zu ermitteln, worin eigentlich die Wirkungen des Lichtes bestehen, stellte er mehrfache Versuche an:
- „Ich habe eine mit dephlogistinirter Salzsäure (Chlorwasser) ganz angefüllte Flasche, deren Hals durch eine Röhre mit einem pneumatischen Apparate verbunden war. dem Lichte ausgesetzt; bald nachher sah ich eine grosse Menge kleiner Bläschen von allen Seiten aus der Flüssigkeit hervorbrechen und nach Verlauf einiger Tage fand ich in dem, an der Röhre befindlichen Gefasse eine gewisse Quantität eines Gases, die die reinste Lebensluft war. So wie sich die Luft aus der Säure entwickelte, so verlor sie auch ihre gelbe Farbe, so dass sie endlich völlig wie reines Wasser anzusehen war.“ In diesem Zustande bleichte sie die blauen vegetabilischen Farben (Lackmus) nicht, sondern machte sie nur roth und behielt überhaupt, sehr wenig von ihrem Geruch, sie brauste mit den Alkalien und mit einem Worte, die dcphlogistinirte
- 1) Crell’s „Die neuesten Entdeckungen in der Chemie“, 1783. VIII, S. 1.
- 2) Histoiro de l’A endende Royale des Sciences. Paris, 1785. pag. 290. Liehteu-herg's Magazin. IV, S. 2, 40.
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- Salzsäure (Clilorwasser) war nun nichts mehr, als gemeine (Salzsäure, Chlorwasserstoff). Durch dieses Verfahren suchte Berthollet auch zu bestimmen, wie viel Salzsäure, Wasser und Sauerstoff vorhanden sind.
- Eine mit schwarzem Papier umhüllte, mit derselben Flüssigkeit gefüllte Flasche erlitt keine Aenderung und „es wurde keine Luft entwickelt“. Bei 100 Grad 0. entwich wohl Chlorgas, aber dieses wurde in eine Vorlage ganz von kaltem Wasser verschluckt und gab „keine Luft“; der Rückstand im Kolben hatte nicht die Eigenschaft, mit fixem Alkali (Pottasche etc.) aufzubrausen. Ein zweiter Kolben mit Chlorwasser, welcher direct auf glühenden Kohlen erhitzt wurde, gab neben entweichendem Chlorgas auch ein wenig Sauerstoff und einen Rückstand , welcher mit Alkalicarbonat etwas brauste. (Anwesenheit von Salzsäure.)
- „Dieser Versuch zeigt deutlich, folgert Berthollet, „dass nicht allein das Licht ganz anders als die Wärme wirket, sondern dass es auch die Eigenschaft besitzet, der Lebensluft, die sich im gebundenen Zustande befindet, Elastieität zu geben (gebundenen Sauerstoff- gasförmig frei zu machen) und dass hierin seine vorzügliche Wirkung bestehet.“
- Dies fand Berthollet durch seine Versuche mit Salpetersäure bestätigt, aus welcher in der Sonne sich nach einigen Tagen eine beträchtliche Menge Sauerstoff- entwickelte, während in der Wärme, nach seiner Ansicht, nur „nitroses Gas“ entwich.
- Im Jahre 1786 vervollständigte Scheele seine frühere Angabe, sowie die Priestley’s über die Zersetzung der Salpetersäure am Lichte1). Er beobachtete nämlich hierbei die Entwicklung von Sauerstoffgas. was ihm früher entgangen war; als er nämlich den Stöpsel einer in der Sonne gestandenen, nicht ganz vollgefüllten Flasche öffnete, entwich mit Heftigkeit ein Gas, welches er als Sauerstoff erkannte. Dieser Versuch fällt in das Sterbejahr des berühmten Scheele.
- Berthollet wiederholte den Versuch noch in demselben Jahre und bestätigte ihn; erfand auch, dass Phosphor durch Chlorwasser im Lichte roth und oxydirt wird. Von hohem Interesse ist seine Beobachtung, dass Ohlorsiiber, im Wasser belichtet, Gasbläschen bildet, „allem Anscheine nach Lebensluft“. Das Silber soll aber nicht zu Metall reducirt werden, „sondern noch immer etwas Lebensluft zurückhalten“2).
- 1) Scheele, „Observation sur fair qui se degage de l’aeide nitreux cxpose au soleil“. Journal de Physique, XXIX, pag. 231. Orell’s Chemische Annalen, 1786. St. 4, S. 332.
- 2) Journal de Physique, 1786. XXIX, pag. 82. Lichtenberg’s Magazin, IV, 2, 40.
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- Die betreffende Stelle lautet wörtlich:
- „Setzt man Hornsilber, mit Wasser übergossen, dem Lichte aus, so wird die Oberfläche schnell schwarz und es reisson sich eine Menge kleiner Bläschen von unten los, die allem Anscheine nach Lebensluft sind... denn diese ist nicht fest an dem Silberkalke gebunden. Der Silberkalk ist indessen nicht in seinen metallischen Zustand zurück-gekehrt. er behält noch immer etwas Lebensluft zurück“. . . weil die völlige Reduction der Metallox}rde zu Metall immer nur schwierig geschehe.
- Nach diesen Angaben ist Berthollet der Erste, welcher die Ansicht aussprach, dass im Lichte das Silberchlorid nicht in metallisches Silber, sondern in Silberchlorür oder Silbcroxydchlorür übergeht, welche Meinung später oftmals wieder auftauchte.
- Aus allen seinen Versuchen schloss er nicht allein, „dass das Licht ganz anders, als die Wärme wirkt“, sondern dass es auch die Eigenschaft hat, „der Lebensluft, die sich im gebundenen Zustande befindet, Elasticität zu geben und dass hierin seine vorzüglichste Wirkung bestehet“, d. h. dass es gebundenen Sauerstoff gasförmig frei macht. Die Erklärungsversuche der Phlogistiker erklärt er für unzureichend und veraltet,
- Uebrigens modificirte er später seine Ansichten hierüber bedeutend1) (siehe unten).
- Bindheim (heilte 1787 mit, dass eine Silberlösung, welche durch graues Papier liltrirt wurde, rascher etwas metallisches Silber ausseheide, als sonst2).
- Robinson suchte experimentell zu erforschen, ob die Salpetersäure durch denselben „0 rund st off des Lichtes“ dampfend (d. i. gelb und rauchend) gemacht werde, durch welchen die Silbersalze geschwärzt werden. Er liess das Sonnenlicht durch ein mit farbloser Salpetersäure gefülltes Glas fallen und dann auf Silbernitrat (-Papier?) ein wirken, indem er erwartete, dass das Sonnenlicht keine oder eine schwächere Wirkung auf das Silbersalz ausüben werde, wenn es bereits eine dieser Wirkungen hervorgebracht hätte. In der That fand er eine merkliche Verminderung der Wirkung des Lichtes, durch die Zwisehenkunft der
- 1) „Essai de statiquo chimique“, 1803. Im Auszüge: Landgrebe, „lieber das Licht“, 1834. S. 7.
- 2) Chemische Annalen, 1787. Auch: Taschenbuch für Seheidekünstler und Apotheker auf das Jahr 1788, S. 23. Diese Stelle nimmt nur indirect Bezug auf die Photographie; sie steht aber mit dem Verderben der Silberbäder durch schlechte Filtrirpapiere im Zusammenhang, weshalb ich sie hier aufnehme.
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- Salpetersäure. Leider musste Robinson im Jahre 1787 seine Experimente in Folge seiner zerrütteten Gesundheit unterbrechen *).
- Fs lässt sieh nicht leugnen, dass Robinson schon ganz deutlich jene Idee aulgefasst hatte, welche viel später Draper u. A. zur Aufstellung des Satzes bewogen, dass vom Licht bei einer chemischen Action ein Theil seiner Strahlen ausgelüscht und demselben theil weise oder ganz die Fähigkeit genommen wird, dann noch weitere chemische Wirku n gen h orvorzubrin gen.
- Im Jahre 1788 beschäftigte sich Chaptal wieder mit den Salzvegetationen und gab an. die metallischen Salze (Eisen-. Zinkvitriol) vegetiren besonders an der dem Lichte zugewendeten Seite1 2).
- In seiner Abhandlung ..lieber den Einfluss der Luft und des Lichtes auf die Vegetation der Salze“ erwähnt Chaptal: ..Es ist wirklich eine sehr auffallende Erscheinung, wenn man sieht, dass die verschiedenen aufgelösten salzigten Stoffe an den Wänden hinaufklettern und sich am finde sogar über den Rand derselben hinstürzen. Diese von der Kry-stailisation himmelweit verschiedene Erscheinung, die sich nicht im flüssigen Wesen ereignet, sondern beim bereits gebildeten Salze erstlich sichtbar wird, wenn es sein Krystallisationswasser verloren hat, ist., was ich die „salzigte Vegetation“ nenne“.
- Bei den Arbeiten, die Chaptal in seiner Offiein im Grossen vornahm, bemerkte er gewöhnlich, dass die Salze, besonders die metallischen, an der dem Lichte entgegengesetzten Seite vegetiren. Dies erregte seine Aufmerksamkeit und die Neigung, eigene Versuche deshalb anzustellen. Er nahm zu diesem Ende mehrere gläserne Schalen, von welchen er jede zur Hälfte oben und unten mit schwarzem Taffet belegte. Diese Schalen füllte er mit Salzlösungen und setzte sie auf Tische in einem woliIversehlossenon Zimmer, welches nur Licht durch eine kleine, in den Vorhang gemachte Gell nun g erhielt. Die Gefässe waren dabei so an geordnet, dass bloss die unbedeckten Theil e das Licht auffangen konnten, während die bedeckten in einer fast gänzlichen Finsterniss
- 1) Buchner’s und Kästner's Repertorium für die Pharmacie, 1822 XIII, 44, aus Blaok’s Vorles. I, 412. Robinson erwähnte ferner: „Es würde zweckmässig sein, die schwärzende Kraft der Sonnenstrahlen, die durch Salpetersäure gegangen sind, mit derjenigen zu vergleichen, welche durch ebenso viel Wasser kommen. Die Strahlen wirken bedeutend auf die erstere, aber nicht auf das letztere.“ — NB. Die Püblieation der Versuche Robinson's datirt ungefähr 40 Jahre später, als die Anstellung derselben.
- 2) „Observations sur rintluenee de l’air et de la lumiere daus la Vegetation des sels“. Journal de Physique, 1788. XXXIII, pag. 297. Li eilten herg’ s Magazin. VII, S. 153.
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- lagen. Der Luftzug war möglichst vermieden, indem er Zimmer ohne Kamine wählte und alle Eitze in Thüren und Fenster auf das sorgfältigste verstrich.
- Ohaptal stellte über 200 Versuche an und fand, dass die Vegetation sich nirgends anders, als an der erleuchteten Seite der Schale zeigt. Diese Erscheinung war so auffallend, dass bei fast allen Auflösungen die Salze in einigen Tagen, ja oft innerhalb 24 Stunden mehrere Linien über die Oberfläche der Flüssigkeit, bloss an der erleuchteten Stelle erhoben, während sich an den dunklen Steilen auch nicht die mindeste Spur irgend einer Kruste oder dergleichen zeigte. Am strengsten beobachteten Eisen- und Zinkvitriol solche Grenzlinien und an den hellsten Stellen war auch gewöhnlich die Vegetation am stärksten. Es wurden in dieser .Richtung viele Salzarten (Metall-, Erd-und Alkalisalze) untersucht. (Eisen-, Kupfer-, Zinkvitriol. Soda, schwefel-saures Kali, Alaun, essigsaurer Kalk. Salpeter, Meersalz, Zinnsalz etc.) Die Gestalt, die jedes Salz bei seiner Vegetation annimmt, bot sehr sonderbare Verschiedenheiten dar: bald Krusten oder Blätterchen, bald Nadeln, welche Netze und Maschen bildeten, oder sich con een frisch vereinigten oder Quasten bildeten u. s. w.
- Dass es hierbei nicht nur auf die 'Wirkung von Licht ankommt; sondern dass auch die Luft: zutreten und die Verdunstung ermöglicht sein muss, ist wohl selbstverständlich, wurde aber von Ohaptal durch eine Reihe von Experimenten bewiesen.
- Schliesslich wirft Ohaptal die Fragen auf:
- „Ist es wohl eine Art von Verwandtschaft zwischen Luft, Licht und den salzigen Substanzen, welche diese letzteren emporhebt und macht, dass sie ihrer Schwerkraft entgegen wirken? Ist dies eint; wirkliche Art von Lebenskraft, welche der Zutritt der Luft und des Lichtes erweckt?“ Die Beantwortung dieser Fragen wagte aber Ohaptal nicht,
- Dize dagegen sah 1789 keinen Einfluss des Lichtes auf Vegetation der Salze im luftleeren Raume1).
- Er machte über die Abhandlung Chaptal's im Februar 1789 mancherlei Bemerkungen, zunächst historischer Natur, dass nämlich schon Lemory der Sohn 1707 Beobachtungen über Salzvegetation der Akademie vorgelegt und dass Petit 1722 zwei Abhandlungen, denselben Gegenstand betreffend, veröffentlicht habe. Der letztere habe ebenfalls dieselbe Schlussfolgerung wie Ohaptal gezogen, nämlich dass Luft und
- 1) ..Sur la cristallisation des sols par laction de ]a lumiere.“ Journal de Phy-sique, 1789. XXXIV, pag. 105. Voigt’s Magazin. VII, S. 61.
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- Licht zu dieser Operation unentbehrlich seien und gefunden, dass dergleichen Vegetationen nicht anders, als bei einer unmerklichen Verdampfung der Flüssigkeiten statt haben. Nach Dize sollen die Vegetationen auch im Dunkeln sehr gut von statten gehen. Durch diese Versuche ist aber nicht widerlegt, dass die Salzvegetation an den vom Lichte getroffenen Stellen rascher und besser vor sich geht, als iin Dunkeln.
- Auf die Zersetzung der Salpetersäure kam Priestley 1789 nochmals zurück und fand, dass die Salpetersäure sich in der Hitze auch ohne Lieht färbe und studirte dieses, für uns hier nicht weiter interessante Verhalten näher1).
- Dörth es fand 1790, dass die Dämpfe von Wasser, Weingeist, Aether etc. und insbesondere von Kamphor sich an den Wänden von Glasgefässen dort am stärksten niederscldagen, wo letztere vom Lichte getroffen werden2).
- Berthollet’s Angaben über das Verhalten des Chlorwassers im Lichte regten Saussure 1790 zur Construction des ersten chemischen Photometers an3). Er beobachtete, dass die Quantität der Gasentwicklung mit der Intensität des Lichtes gleichen Schritt halte und schlug vor, auf diese Beaction hin ein Photometer zu construiren. Auf dem Montblanc zersetzte sich das Chlorwasser wegen der grösseren Intensität des Lichtes schneller, als unter sonst gleichen Umständen in der Ebene. Bekanntlich griff in neuerer Zeit (1855) Witwer wieder auf die Verwendung des Chlorwassers zur Photometrie zurück; die Priorität der Idee gebührt Saussure.
- Ferner untersuchte Saussuro die Wirkung des Lichtes auf dem Gigant! und zu Chamouni auf farbige Körper und zwar wählte er die unten erwähnten auf Senebier's Bath. Dieselben wurden von 11 bis 2 Uhr der Sonne ausgesetzt. In der That waren Differenzen bemerklieh, die Saussure ziffernmässig ausdrückte, indem er nach Grundsätzen verfuhr. deren er sich bei der Construction des Cyanometers und Diaphanometers bediente.
- 1) Phitosophical Transactions. 1879. 134. Gtren’s Journal der Physik, 1y90. II, 94, 350.
- 2) Annales de Chirnie, 1790. II, pag. 92. Gtren’s Journal der Physik, 1790. I, 497. Crell’s Ohem. Annal. 1790. I, 546. Er machte auch die Beobachtung, dass der Laubfrosch, im Finstern gehalten, ein dunkleres Grün annimmt.
- 3) „Effets chimiques de la lumiere sur une haute montagne eorapares avee eeux, qu’on observe dans les plaines.“ Memoires de l’Academie de Turin, 1790. IV, pag. 441. Crell’s Chemische Annalen, 1796. I, 356.
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- Verändernngsmasse zu Chamouni: auf dem Giganti
- Blassrosenrothes Seidenband .... 2,45 2,73
- Hochroseuro th es ,, .... 6,43 8,86
- Violettes „ .... 0,61 2,05
- Blaues „ .... 1,16 —
- Grünes „ .... 0,93 —
- Grünes Papier 1,43 7,68
- Himmelblaues Papier 0,61 0,61
- Berberitzenholz 5.46 9,11
- mittlere Zahlen: 2,83 5,17
- Alle Farben bleichten aus; nur Berberitzenholz und grünes Papier wurden braun.
- Auf dem Berge war also die Lichtwirkung entschieden energischer, als in der Ebene. Dass nicht alle Farben im selben Verhältniss verschieden rasch verändert werden (z. B.: grünes Papier 5 bis 6 mal mehr, blaues dagegen in beiden Fällen gleich), glaubt Saussure darauf zurückführen zu können , dass bei gewissen Farben der Feuchtigkeitsgehalt eine grössere Bolle spielt, als bei anderen.
- Senebier untersuchte1) die Bolle, welche die Luft bei der Veränderung der Oele im Lichte spielt. Er setzte am 26. April 1790 reines Baumöl, theils bei Luftabschluss und Luftzutritt, der Einwirkung des Lichtes aus. Das letztere wurde bald braun, dann wieder weiss, verlor seine Flüssigkeit, wurde sehr ranzig und zähflüssig (nach ungefähr einem Monat); später erlitt es keine weitere Veränderung mehr; bei Luftausschluss zeigte sich nach fast einem Monat noch gar keine Veränderung, dann setzte sich eine grüne Materie ab und später erfolgte eine Veränderung, welche der vorhergehenden gleich ist. Er folgerte: „Das Licht begünstigt die Verbindung des Sauerstoffes mit dem Oele, weil es schneller an der Luft und dem Lichte zugleich, als durch Luft an einem dunklen Orte verdickt, Es scheint, dass das blosse Licht allein das Oel nicht ranzig macht, so lange der Zutritt der Luft nicht stattfindet“. Ferner sagt er: „ich bemerkte, dass die fetten Oele, die leicht gefrieren, besonders Baumöl, das bei 7 — 8 Grad B. schon gefriert, nicht bei —50 Grad B. gefror, nachdem es während des Sommers der Wirkung der 'Luft und des Lichtes ausgesetzt worden war; dadurch nähert es sich den trocknenden Oelen, die nur sehr schwer gefrieren“.
- Im Jahre 1791 veröffentlichte Berthollet sein wichtiges "Werk über Färberei und Bleicherei unter dem Titel „Elements de hart de la
- 1) Anna], de Ohim. Bd. TT, S. 89. Crell’s Chemische Annalen, T796. I, S. 71.
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- teintiire“, Paris1). Darin wird mit Rücksicht auf den Bleich proeess mit Chlor gezeigt, dass beim Ausbleiehen der organischen Farbstoffe der Sauerstoff eine grosse Rolle spiele, indem er sich mit den Farbtheilen vereinige, gewissermassen verbrenne und blasser mache2). Berthollet setzte die Versuche Senebier’s fort und suchte zu ermitteln, ob beim Zerstören der Farbstoffe im Lichte Sauerstoff absorbirt werde oder nicht. Er füllte ein Fläschchen zur Hälfte mit einer alkoholischen Auflösung von Blattgrün und stellte dasselbe umgestürzt in Quecksilber; als er dasselbe dem Sonnenlichte aussetzte, wurde die Farbe zerstört und zugleich war das Quecksilber in der Flasche gestiegen: „Der Sauerstoff war demnach absorbirt worden und hatte sich mit den Farbtheilen verbunden“. Weiters sagt er: „Befindet sich in dem Glase, worin die Flüssigkeit enthalten ist, kein Sauerstoffgas, so zeigt das Licht keine Einwirkung auf die Farbtheile; das Stickgas erleidet keine Verminderung“. . . „Ich setzte Lackmustinetur, sowohl im Dunkeln, als im Lichte, über Quecksilber mit Sauerstoffgas in Berührung: die erste hielt sieh lange Zeit unverändert und verminderte nicht das Gas, die zweite dagegen verlor viel von ihrer Barbe, wurde geröthet und der Sauerstoff grossen Theils absorbirt. Es hatte sich etwas Kohlensäure gebildet, die ohne Zweifel die Umänderung der blauen Farbe in die rothe bewirkte“.
- Daraus schliesst Berthollet, dass bewiesen sei, „dass das Licht die Absorption des Sauerstoffs durch die Farbtheile begünstige“.
- Die Kenntniss von lichtempfindlichen Quecksilbersalzen war 1786 durch die Entdeckung von Hahnemanms „löslichem Quecksilber“ (Mercurius solubilis Hahnemanni) vermehrt worden. Der beim Vermischen von salpetersaurer Quecksilberoxydul-Lösung mit Ammoniak
- 1) Deutsche Uebersetzung von Göttling unter dem Titel „Handbuch der Färbekunst“. Jena, 1792. Zweite französische Ansgabe 1804 und deren deutsche Ueber-setzung (von Gehlen), Berlin, 1806.
- 2) Berthollet’s Entdeckung der Chlorbleiche hatte die nachhaltigsten Folgen für die Entwicklung der Bleicherei. Hier erwähne ich nur einer nebensächlichen Kleinigkeit, welche wohl nur entfernt in das Gebiet der Photographie einsehlägt: das Bleichen alter vergilbter Kupferstiche etc., welche photographisch reproducirt werden sollen. Hierüber sprach sieh schon Göttiing 1791 und Madame Masson 1795 aus (Seheror, Allgemeines Journ. d. Chemie, 1799. II, 2, 500) und in dem „Handbuch für Fabrikanten, Künstler, Handwerker etc.“ (oder das Neueste und Nützlichste der Chemie), 1799. II, i2, ist unter dem Titel „Anwendung der dephlogistinirten Salzsäure zum Bleichen der Kupferstiche, alten Bücher etc.“ das Verfahren sehr eingehend beschrieben: Man legte das Blatt in Chlorwasser durch 1ji — 1j2 Stunde, nahm behutsam heraus, zog durch frisches Wasser und trocknete in Löschpapier eingeschlagen zwischen zwei Brettern. — Später wurde dieses Verfahren unzählige Male naeh-erfunden.
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- entstell endo schwarze Niederschlag muss nämlich im Duntein getrocknet werden, damit er tief schwarz bleibe und sich kein metallisches Quecksilber beimenge. Hahnemann sah wohl, dass in der Sonne sein Präparat theilweise zu Metall reducirt wird, er wusste aber nicht, dass dies im Schatten nicht geschieht. Es war ihm demnach die Liehtempfind-lichkeit dieser Verbindung eigentlich nicht bekannt U.
- Nähere Daten über photochemische Zersetzung von Queeksilber-salzen wies Fourcroy im Jahre 1791 nach1 2). Er fand, dass der graue Niederschlag, welcher durch wenig Ammoniak in schwefelsaurer Quecksilberoxydul-Lösung hervorgebracht wird, im Sonnenlichte partiell zu Metall reducirt wird, während ein anderer Th eil in ein dunkles, in Ammoniak lösliches Pulver übergeht, welches sich nicht weiter reducirt. Wurde viel Ammoniak zur Fällung des Quecksilbersalzes verwendet, so entsteht ein, nach Fourcroy dunklerer Niederschlag, welcher im Lichte vo 11 stän di g reducirt wird3).
- Im -Jahre 1792 legte Vasalli der „Academie royale des Sciences de Turin“ seine Untersuchungen über Ohlorsilber vor4). Er stellte zuerst ganz sicher, dass nicht nur dem Sonnenlichte, sondern auch dem Kerzen-und Lampenlichte eine chemische Kraft zukomme, nämlich die, das Chlorsilber zu färben, wenn auch sehr schwach5). In einem Nachtrage gibt er bekannt, dass das durch eine Sammellinse coneentrirte Mondlicht ebenfalls das Ohlorsilber schon nach 4 Stunden dunkler färbe und
- 1) Die genaue Vorschrift Hahnemann’s ist in Crell's Chemischen Annalen, 1790, S. 22, mitgetheilt.
- 2) „Sur les differens etats du sulfate de mercure, sur la preei]»itntion de ce sei par Tammoniaquo etc.“ Annales de ehimie, 1791. X, pag. 293, 312.
- 3) Die diesbezügliche Stelle lautet: „Lorsqu’on verse de lammoniaque dans une dissolution de sulfate (oxyduls) de mercure neuire et bien pur, on obtient un precipite gris tr&s-abondant, qui, expose sur son filtre aux rayons du soleil, se reduit en partie en mercure coulant; une autre portion de ce precipite roste en poudre grise forcee.
- sans se reduire: eette derniere se redissout eompletement dans lammoniaque..........
- Ce dopet compose .... n’a lieu ou ne se presente dans eet etat et ainsi melange, que lorsqu’on ne inet que peu d’ammoniaque dans la dissolution de sulfate mercuriel bien neutre. Si au eontraire ou met beaucoup de eet alcali, on a un precipite . . . beaucoup plus noir et qui se reduit complettement par le eontact de la lumiere et sur-tout lorsqu’on i’expose aux rayons du soleil “
- 4) Memoires de l’Aeademie royale des Sciences de Turin, 1790—1791. pag. 186. Crell’s Chemische Annalen, 1795. II, S. 80. Trommsdorff, Journal der Pharmaeie, 1796. III, S. 337.
- 5) „So viel ist nun klar, dass das Licht unserer Verbrennungsprocesse dem Hornsilber dieselbe Farbe mittheilt, wie das Sonnenlicht, nur zeigt sich der Unterschied. dass das ersterc längere Zeit braucht und keine so dunkle Farbe hervorbringt, wie die letztere .....“
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- dass beim Bleichen des Wachses Wasser überflüssig sei1). Salpeter-nnd Koehsalzkrystalle sollen nach seinen Angaben immer an der dem Lichte zugewendeten Seite anschiessen.
- In dem „.Journal für Fabrik, Manufactur und Handlung“ vom August 1792 (S. 65) findet sich von einem ungenannten Autor ein „Versuch einer kurzen .Einleitung in die Farbenlehre und Färberei“, worin sehr viel von der bewunderungswürdigen Wirkung des Lichtes auf die Körper gesprochen ist und zwar unter Anderem, dass es „eine bekannte Sache“ sei, dass die in einer Waidkupe oder Indigkupe gefärbte Wolle anfangs grün sei, aber sobald sie von den Lichtstrahlen getroffen wird, sich in Dunkelblau verwandelt. Ferner: „Die Blätter von zwey Arten Firnissoder Laekbäumen (Toxicodendron triphyllum. Folio sinuato rubescente und T. triphyllum glabrum) enthalten einen milchigen Saft, welcher, wenn man ihm dein Lichte aussetzt, sich in sehr schönes Schwarz verwandelt, die Leinwand färbt, ohne sie zu zerfressen und anzugreifen, auch der Lauge widersteht. . . Die Orseille erlangt durch Zinnauflösung eine desto dauerhaftere Farbe, je mehr solche ins Scharlachrot!] zieht. .. Die Orangefarbe von Orleans oder Bocou und das schöne Gelb von den Avignon'sehen Beeren und der Curcuma weichen sehr geschwind vor der Einwirkung des Lichtes“.
- Im .Jahre 1793 theilte J. B. Trommsdorff mit2), dass das benzoesaure Silber „an der Luft unverändert bleibt, aber an den Sonnenstrahlen braun gefärbt wird“.
- Eigenthümlich ist die von Buonvicino (Bonvoisin) im Jahre 1793 gemachte Behauptung, dass der „gelbe mineralische Turbith“ (basisch schwefelsaures Quecksilberoxyd) am Licht schwarz werden und dabei sogar in einer hermetisch verschlossenen Bohre an Gewicht zunehmen soll3). Die Phlogiston-Theorie mag ihn verleitet haben, an diese Zunahme (Phlogiston-Aufnahme?) zu glauben. Trommsdorff, welcher von diesen Angaben keine Kenntniss gehabt zu haben scheint, theilte im Jahre 1796 ebenfalls mit, dass der gelbe Niederschlag, „welcher entsteht, wenn man die Auflösung des Quecksilbers in Salpetersäure durch Glaubersalz fällt“ (d. i. Turbith), an den Sonnenstrahlen oberflächlich „schmutzig grünlichgrau“ wird, ohne etwas von einer Gewichtszunahme zu erwähnen. Erst 1799 widerlegte Humboldt die Angabe Buon-
- 1) Memoires de l’Acadomie royale de Turin, 1793. pag. 287. CrelPs Chemische Annalen, 1795. II, 142.
- 2) Trommsdorff, Journal der Pharmacie, 1793. Bd. I, S. 174.
- 3) Memoires de l’Aeademie royale de Turin, 1793. pag. 297. Es mag hier eine Verwechslung von Seite Buonvicino’s mit dem lichtempfindlichen Queeksilberoxydul-salz Fourcroy’s stattgefunden haben.
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- vicino's bezüglich der Gewichtszunahme und fand, dass der Turbith im Lichte nicht schwerer wird1).
- 1794 trat Göttiing mit der wunderlichen Behauptung hervor, dass das Sauerstoffgas durch Sonnenlicht nicht nur verschlechtert, sondern beinahe ganz in Stickstoffgas umgewandelt werde2). Er bedachte nicht, dass unsere ganze Atmosphäre in diesem Falle schon längst in Stiekgas umgewandelt sein müsste. Gren3) und später Böekmann4) traten gegen diese unrichtige Angabe auf und widerlegten sie gründlich.
- Die Eigenschaft der Metalle, aus ihren Lösungen durch reducirende Substanzen metallisch niedergeschlagen zu werden. brachte eine Engländerin, Frau Fulhame, auf den Gedanken, sie hei der Bereitung von vergoldetem oder versilbertem Seidenzeuge zu benützen und veranlassten sie zu einer Menge interessanter Versuche über diesen Gegenstand. Seil der Tliätigkeit der Prinzessin Eudoxia sehen wir zum zweiten Male in einem Zeitraum von drei .Jahrhunderten eine Frau mit Erfolg in die Entwicklung der Photochemie ein greifen.
- ln ihrer verdienstvollen Schrift: „An Essay on Oombustion. with a view to a new art of dying and painting. Wherin the phlogistic and antiphlogistic hypotheses arc proved erroneous“, 1794, beschreibt Frau Fulhame5) nebst einer Reihe von anderen Versuchen über die verschiedenen Mittel, die Metalle auf nassem Wege zu reduciren, wie auf Seidenzeug, welches mit Goldchlorid- oder Silbernitrat-Lösung getränkt ist, im Lichte die Salze zu Metall reducirt werden.
- Im 8. Ca/pitel beschreibt sie die Reduetion der Metalle durch Licht. Zunächst wird hierin gezeigt, dass das Wasser allein keine Reduetion der Gold- oder Silberlösung zu bewirken vermag; andererseits fand sie, dass auch Licht allein, bei Abwesenheit von Wasser, die Gold- und Silbersalze reducire; hingegen Wasser und Licht zugleich brachten den Effect unfehlbar hervor. Bei diesen Versuchen wurde ein Stück Seiden-
- 1) Humboldt, „Versuche über die Zerlegung des Luftkreises“, 1799. S. 234.
- 2) Göttliug, „Beitrag zur antiphlogistischen Theorie“, 1794. S. 51. Auch Heinrich, „Ueber das Licht“, 1808. S. 89.
- 3) Neues Journal der Physik, 1795. II, 492.
- 4) Böekmann, „Versuche über den Phosphor etc.“, 1800. S. 264.
- 5) DeutscheUebersetzung von Lentin, Göttingen, 1798. Im Auszüge: Scherer’s ..Allgemeines Journal der Chemie“, 1798. I, 420. Siehe auch Heinrich, „Von der Natur und den Eigenschaften des Lichtes“, 1808. S. 106. In einem Artikel: „Neue Versuche mit der Reduetion der Metalle in Beziehung auf Färbekunst“, ist im „Handbuch für Fabrikanten, Künstler, Handwerker etc.“, 1800. III, 54, ohne Nennung des Autors oder einer Quelle, der nämlichen Versuche, wie die der Frau Fulhame und Rumford’s, Erwähnung gethan, nämlich über das Verhalten von Zeugen gegen Gold-und Silberlösungen unter Mitwirkung von Lieht oder Wasserstoffgas.
- Eder, Handbuch der Photographie. I. Theil, 2. Aufl.
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- Erster TheiL Erstes Capitel.
- zeug in Goldchlorid- oder Silbernitrat .-Lösung getaucht und den Sonnenstrahlen ausgesetzt, während das Zeug mit Wasser benetzt wurde. Das mit Goldlösung imprägnirte Zeug änderte bald seine Farbe in ein schwaches Grün, dem ein Purpur folgte und schliesslich bildete sich nach bis 1 Stunde ein üeberzug von reducirtein Gold. Mit der
- Silberlösung wurde das Zeug röthliehbraun und schliesslich (nach ungefähr 4 Stunden) sehwärzliehgrau. Als aber während des Versuches das Seidenzeug mit Weingeist anstatt mit Wasser feucht erhalten wurde, trat beim Gold keine, beim Silber eine sehr schwache Beduction ein. welche der Feuchtigkeit des Weingeistes und der Luft, zugeschrieben wurde. Bei einem anderen Versuche wurde das mit Silbernilrat getränkte Seidenzeug in der Wärme getrocknet und dem Sonnenlichte ausgesetzt; das Zeug erhielt nach weniger als einer Stunde eine röthHellbraune Farbe, die am dritten Tag in Schwarz überging. Audi dieser Effect wurde der Feuchtigkeit der Atmosphäre zugeschrieben.
- Aus ihren Versuchen zog Frau Fulhame den Schluss:
- „Dass Wasser zur Wiederherstellung der Metalle durch Licht unumgänglich nothwendig sei;” „dass Licht bei dieser Wiederherstellung gerade so wirke, wie Wasserstoff, Schwefel und Kohle:“ „dass das Licht diese Wirkung nur durch Zersetzung des Wassers hervorbringe.“
- Die Angaben der Madame Fulhame sind originell und von Wichtigkeit; sie gaben zu Bumford's Versuchen Anlass und waren die indirecte Veranlassung zu heftigen Angriffen auf die Anhänger der Theorien von den chemischen Lichtwirkungen.
- Mittlerweile war die Hypothese aufgetaucht, dass das Licht au? einem modificirten Wärmestoff bestehe. Girtaner sprach zuerst 1795 in seinen „Anfangsgründen der antiphlogistischen Theorien“, Seite 14. diese Ansicht aus und Link (Beobachtungen und Betrachtungen über den Wärmestoff, S. 7) stimmte ihm bei. Ja Scherer ging noch weiter und leugnete in seinen „Nachträgen zu den Grundzügen der neuen chemischen Theorie“ (Jena, 1796, S. 18) jeden besonderen chemischen Ein Muss des lncht.es, selbst auf die Bilanzen und sucht alle diese Erscheinungen auf Wärmewirkung zurückzuführen und erklärte alle jene Beobachlungen, welche mit dieser Hypothese nicht überein stimmten, für irrthümlich und die dazugehörigen Experimente für fehlerhaft1).
- Auch Graf von Bumford schloss sich dieser Ansicht an und suchte sie durch seine Experimente (dieselben sind nicht originell, sondern zum grossen Th eile die der Madame Fulhame) zu stützen.
- 1) Fischer, „Geschichte der Physik“, 1806. Bd. VIT, S. 12.
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- Derselbe leugnete 1798 schlechtweg jede besondere chemische Lichtwirkung und behauptete, dass alle Veränderungen, welche die Körper unter dem Einflüsse des Sonnenlichtes erleiden, keineswegs durch eine Wirkung des „Lichtstoffes“, sondern durch die damit verbundene Erwärmung hervorgerufen werden (). Es scheinen ihm die Arbeiten seiner Vorgänger (insbesondere über Chlorsilber, Salpetersäure, Chlorwasser) nicht bekannt gewesen zu sein, denn die experimentelle Begründung seiner Absicht ist trotz ihrer Weitschweiligkeit eine sehr mangelhafte. Rumford operirte mit Seidenbändern, welche mit Gold- oder Silbersolution getränkt waren, ferner mit ätherischer Goldchloridlösung, sowie mit Gemengen von Goldchlorid mit Kohle, Terpentinöl etc., aus welchen in der Sonne .Metall reducirt wurde. Da zufällig in diesen Fällen that-süchlich die Keduetion durch blosse Erwärmung auch im Finstern erfolgt und er entgegengesetzte Beobachtungen nicht kannte, so lässt sich ßumford's Irrthum erklären.
- Juch wiederholte 1799 mit sehr geringen Abänderungen Eum-ford's Versuche und kam, wie zu erwarten war, zu denselben Schlussfolgerungen: Das Licht wirkt nicht anders als Wärme1 2).
- Diese Irrthümer hatten jedoch keinen nachtheiligen Einfluss auf die Entwicklung der Photochemie.
- VI. Abschnitt. Von Vaiiqueliii (1798) his Davy (1802).
- Im Jahre 1798 entdeckte Yauquelin das Chrom und die Chromsäure und machte zugleich die Beobachtung, dass dies Chromsäure mit Silber ein earminrothes Salz („un preeipite du plus beau rouge de car-minau“) bildet, welches durch die Exposition an das Licht purpurroth (pourpre) wird3). Ich erinnere daran, dass Ponton 1839, offenbar an Vauquelin's Angabe anknüpfend, die Lichtempfindlichkeit des Silberchromates photographisch verwerthen wollte und dabei die Lichtempfindlichkeit des Kaliumbichromat.es aut Papier entdeckte; aber die Entdeckung der Eichtempfindliohkoit der ersten Chromsäure-Verbindungen gebührt
- 1) Rumford, „An inquiry coneerning the Chemical properties that have been attributet to light“. Philosophieal Transact. 1798. pag. 1. Grilbert’s Annalen, II, S. 271, 273. Crell’s Chornische Annalen, 1799. I, S. 65, II, S. 120. Auch abgedruckt in Landgrebe, „Ueber das Licht“, 1834. S. 8.
- 2) Juch, „Versuch über die Wiederherstellung des Goldes“. Scherer, Journal der Chemie, 1799. III, S. 399. Auch Landgrebe, „Ueber das Licht“, 1834. S 10.
- 3) „Sur une nouvelle substance metallique.“ Annales de Ohimie, 1798. XXV, pag. 21. Im Jahre 1809 machte er diese Angabe präeiser, indem er sagte, „dieses Salz (das Silberehromat) bräunt sich am Lichte“ (Annales de Chimie, Bd. 70, pag. 70).
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- Vauqueliii. Demnach erscheint es ungerecht, den ganzen Aniheil an der Entdeckung der Photographie mit Ohromverbindungen nur Ponton zuschreiben zu wollen. Vau queli n darf ebensowenig wie Suckow (s. u.) in der Beschichte der Pliotoehemie vergessen werden.
- Vauquelin untersuchte auch die von Scheele im Jahre 1784 zuerst dargestellte Oitronensäure näher und beschrieb deren Salze, darunter das Silbersalz, von welchem er sagt, dass das citronensaure Silber an den Sonnenstrahlen eine „der Pinte ähnliche schwarze Farbe“ annimmt1).
- Fabroni bemerkte im Jahre 1798, dass die Blätter der Aloe einen Saft enthaltc-n, welcher sich an der Luft- - „das Licht mag ihn treffen oder nicht“ — allmählich purpurviolett färbt, welchen Farbstoff er für sehr echt hielt, Von den anderen organischen Farben bemerkt er. dass der Scharlach zu den edlen Farben gehöre, „da- er fast keine Veränderung durch Einwirkung der Luft oder des Lichtes erleide“, der Sa-tlor mit Unrecht zu den edlen Farben gezählt werde, da er unter dem Eintluss dieser beiden Agenticn schnell bleicht, die- Orseille und die anderen Moose ihr Violett- an der Sonne bald in Blau verwandeln 2).
- 'Mittlerweile waren genügende empirische Beobachtungen über die chemischen Wirkungen des Lichtes gesammelt worden, um die UÜbereinstimmung derselben mit den verschiedenen Hypothesen über das Wesen des Lichtes zu prüfen. Hauptsächlich dreht«1- sieh der Streit, darum, oli dem Lichte- eine besondere Materie zu (1 runde liege (Newton's Theorie) oder ob es durch blosse Aet 11erscliwingungen veranlasst werde (Huygens' Theorie). Die damals herrschende Ansicht ist in Dehlers „Physikalischem Wörterbuch“ (Leipzig, 1798. Bd. 2, S. 902) sehr gut wiedergegeben. Ich führe deshalb die betreffende Stelle wörtlich an:
- „... Es scheint mir doch, als ob eine nähere Bekanntschaft- mit der Uliymie Jeden für das Kmanationssystem geneigter machen müsse: daher denn auch die meisten Ühymisten nicht nur eine Lichtmaterie annehmen, sondern auch dieselbe zu ihren besten Theorien, ein wesentliches Ingrediens, gebrauchen .... Es gibt, in der Thal Erscheinungen, wobey das Licht Verwandschaften gegen andere St-offe zu äussern und Veränderungen in der Mischung und Zersetzung der Körper hervorzu-bringen scheint-, die man schwerlich einem blossen Zittern des Aethei? zuseh reiben kann." Als Beleg wird die Wirkung des Lichtes auf das
- 1) Scherer’s Journal der Chemie, 1798. 1t, 2, 717. Trommsdorff’s Journal der Pharmaeie, 1800. VIT, 95.
- 2) Scherer’s Journal der Chemie, 1798. IT, 2, 544. Auch im Auszug ohne Quellenangabe: Handbuch für Fabrikanten, Künstler etc. oder: Das Neueste und Nützlichste der Chemie, Fahrikwissensehaft etc, 1799. II, 109.
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- Grünen der Pflanzen, auf die Veränderung des Silbersalzes, sowie der Farbstoffe etc. angeführt,
- Diese Ansicht kommt mit der von Kries, dem Herausgeber und Kommentator von Euler's Briefen, einige Jahre verlier präcisirten Hypothese überein, welcher ebenfalls sagt: ..Man hat Wirkungen des Lichtes vvahrgenommen, die sieh unmöglich aus blossen Schwingungen erklären lassen und die es mehr als wahrscheinlich machen, dass das Licht bei sehr vielen Processen der Natur, als etwas Körperliches mitwirke“ r). Die Beweise hierfür suchte sich Kries aus den damals bekannten photochemischen Erscheinungen zu holen.
- Pavy stellte 1799 die Ansicht, auf, dass das Licht ein eigener Stoff sei, der sich mit den Körpern zugleich mit dem Sauerstoff zu Oxyden verbinde; das Sauerstoffgas sei eine Verbindung von Sauerstoff und Licht1 2). Diese Angaben erklärte er selbst später (1802) für übereilt.
- Das .Jahr 1800 war reich an experimentellen Beobachtungen auf dem Gebiete der Chemie. Buch holz beobachtete die Schwärzung des kohlensauren Silberoxydes am Lichte3). Er fand, dass die Schwärzung dieser Verbindung immer nur oberiläch!ich erfolge und es gelang ihm nach drei Monaten und bei täglichem dreimaligen Umrühren nicht, die Schwärzung der ganzen Masse durch und durch mitzutheilen; auch war kein Gewichtsverlust wahrzunehmen.
- Abildgaard, Arzt in Kopenhagen (*1740, f 1801), erwähnte schon in einem Briefe an Ilermbstädt vom 14. Deeember 1797, dass eine halbe Unze rotlies Queeksilberoxyd im Toricellischen Vacuum einer Glaskugel nach drei Monaten sich braun bis grau gefärbt habe. Im Jahre 1800 wurde die Sache publicirt und er zeigte, dass rothes Quecksilberoxyd sich an der Sonne oberflächlich schwärze, dass dieser Process selbst im Vacuum vor sich gehe und dabei sich ein Gas ausscheide (Sauerstoff), dessen Natur er aber nicht erkannte4). Böckmann stellte Versuche über den Einfluss des Lichtes auf den Phosphor an5) und
- 1) Euler’s Briefe über verschiedene Gegenstände, aufs Neue übersetzt und mit Anmerkungen und Zusätzen von Kries, 1792. Bd. 1, S. 204, 42. Brief.
- 2) Davy, „An essay on heat. light and the comhinations of light“. Nichols. Jour. 1799. JY, 395. Gilbert’s Annalen, 1802. XII, S. 574.
- 3) Gilbert’s Annalen. XU, S. 574, 581.
- 4) Abildgaard, „Ueher die Wirkung des Lichtes auf das rothe Queeksilberoxyd“, Gilbert’s Annalen, 1800. IV, S. 489. Annales de ehimie. XXXII, pag. 193.
- 5) Böckmann, „Versuche über das Verhalten des Phosphors in verschiedenen Gasarten“. Erlangen, 1800. Ferner Scherer, Journal der Chemie. V, S, 243.
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- beobachtete die Entstehung eines rothen pulverigen Beschlages an den dem Lichte zugekehrten Seiten eines Glasgefässes, in welchem sich gewöhnlicher Phosphor in einer Stickstoff- oder Wasserstoff-Atmosphäre befand. Der Niederschlag bildete sich bei gleichzeitiger Einwirkung von Wärme und Licht rascher als in der Kälte, erfolgte aber nicht bei Ausschluss von Licht. Parrot beschäftigte sich fast gleichzeitig mit demselben Gegenstände: er fand, dass sowohl freier, als unter Wasser befindlicher Phosphor in der Sonne sich gelb färbt und dass ein in blauer Lackmustinctur befindlicher Phosphor diese Veränderung rascher, als in gelber Safrantinctur erleidet1).
- Girtanner trat in einem Briefe an Trommsdorff2) gegen die Meinung auf. dass der Lichtstoff nur ein ..bewegter Wärmestoff sei“, indem sich auf Grund dieser Annahme nicht erklären lasse, warum das Chlorsilber vom violetten Strahl rascher als vom rothen gefärbt werde und warum das Chlorwasser bei einer Temperatur unter dem Gefrierpunkte in der Sonne mehr Sauerstoff entwickelt als an einem warmen Orte, wenn der Himm el um wölkt ist.
- Im Jahre 1800 finde ich die erste, freilich nur sehr unklare Angabe über die Lichtemfindliclikeit von Molybdänsäure. Daniel Jäger beschrieb viele Färbeversuche in den ..Anzeigen der Churfürstlichen ökonomischen Gesellschaft zu Leipzig, von der Michaelimesse des Jahres 1800“ 3) und unter anderem erwähnt er. dass ein mit Lösung von molybdänsaurem Kali imprägnirter, dann in kalter Zinnsalzlösung getauchter Kattunstreifen „eine hellblaue Farbe von mattem, etwas unreinem Aussehen annimmt, . . . welche an der Sonne und Luft, anstatt zu verschiessen und matter zu werden,, mehr als noch einmal soviel Intensität bekommt. Die grünlichen Schattirungen . . . gingen dann gewöhnlich in's Blaue über, erlangten aber im Schatten und in feuchter kalter Luft nach einiger Zeit ihr vorheriges Aussehen völlig wieder“.
- Kasteleyn fand, dass eisenhaltige Saliniakblumen in der Sonne die Farbe ändern und dunkler werden4).
- Im „Handbuch für Fabrikanten. Künstler. Handwerker etc, für 1800“ 5) findet sich die Bemerkung, dass Fernambukholz und Blauholz
- D Voigt’s Magazin für den neuesten Zustand der Naturkunde, 1800. IV, S. 121. Auch Landgrebe, Ueber das Lieht, S. 71.
- 2) Trommsdorff, Journal der Pharmacie, 1800. VIII, 163.
- 3) Auch Scherer. Allgemeines Journal der Chemie, 1802. VIII, 14.
- 4) Seher er, Allgemeines Journal der Chemie. 1800. IV, 2. 549.
- 5) Mit dem zweiten Titel: „Das Neueste und Nützlichste aus der Chemie, Fabrik-Wissenschaft, Apothekerkunst etc.“ III, 9.
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- ihre Güte völlig verlieren . wenn man sie dem Licht, der Luft und den Sonnenstrahlen lange aussetzt und dann eine schlechte braune Farbe gehen . . . „Will man sie gut behalten, so muss man sie vor der freien Luft, dem Lichte und den Sonnenstrahlen sorgfältig in Acht nehmen.“
- Von der grössten Tragweite war Her sehe Ls Untersuchung im Jahre 1800 über die ungleiche Verth eil ung der Wärme im Sonnen-spectrum und die Entdeckung der unsichtbaren ultrarothen Wärmestrahlen ^ welche, wenn auch viel bestritten, unendlich viel Anregung in das Studium der Eigenschaften des Lichtes brachte und die Veranlassung von vielen Experimenten war.
- An sie knüpfte sich Ritters Entdeckung der unsichtbaren ultravioletten chemischen Strahlen am 22. Februar 1801 , die er zuerst in dein .Intelligenzblatt der Erlanger Literatur-Zeitung 1801 . Nr. 16, veröffentlichte 0. Als er Papier mit feuchtem frischbereiteten Chlorsilber überstrich und in einem dunklen Zimmer das Sonnenspeetrum darauf ein wirken liess. sah er. dass die Wirkung zuerst im Ultraviolett begann und dann erst sich gegen das Violett fortsetzte. Er entdeckte nicht nur die Zersetzung des Chlorsilbers im Ultraviolett, sondern bemerkte auch, dass Chlorsilberpapier, welches zuvor am zerstreuten Tageslichte ein wenig gedunkelt war. im violetten Ende des Spectrums dunkler, im rothen aber heller werde, welche Beobachtung zuerst auf den Gegensatz der chemischen Wirkung des rothen und violetten Lichtes hindeutet. Er fand, ..dass die Schwärzung hinter dem Grün aufhört und dass die Lichtwirkung im Orange und Roth in wahre Oxydation des bereits redueirten oder, was dasselbe ist, die ßetardation oder Aufhebung der Reduetion übergeht“. Spectralviolett und Roth mittels eines Brennglases gemischt, reducirt das Chlorsilber, „was zeigt, dass die reducirenden Strahlen im weissen Lieht in weit grösserer Menge zugegen sein müssen, als die oxydirenden“.
- In demselben Jahre machte Leroux nochmals — wie es scheint, ohne von Abildgaard's Publication Kenntniss zu haben — die Angabe, dass eine mit rothem Quecksilberoxyd gefüllte Flasche an der dem Juchte zugekehrten Fläche durch Desoxydation geschwärzt werde1 2 3). Ganz zur selben Zeit veröffentlichte auch Robert Harup, welcher sich angeblich
- 1) Philosophieal Transaet. 1800. pag. 2 und 255. Gilbert’s Annalen. VII, S. 137.
- 2) Ritter, „Versuche über das Sonnenlicht“. Gilbert’s Annalen. 1801. VII, S. 527 (kurze Notiz), 1802. XII, S. 409. Sehr ausführlich auch in Landgrebe'» Werk „lieber das Licht“, S. 28, mitgetheilt.
- 3) Trommsdorff, Journal der Pharmacie, 1801. IX. S. 164, aus Journ. de la Soc. de pharm, de Paris. III, 433.
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- schon seit 1797 mit Studien über den Einfluss des Lichtes auf Quecksilberverbindungen beschäftigte, seine Kesultate1), nämlich dass rothes Quecksilberoxyd und Kalomel beim Aussetzen an die Sonnenstrahlen redueirt werden und dass diese Erscheinung auch in hermetisch verschlossenen Glasröhren vor sich gehe, Leroux und Harup müssen die Priorität ihrer Angabe an Abildgaard abtreten, der seine Arbeiten ein Jahr früher veröffentlichte2).
- Ferner veröffentlichte Weiss seine „Betrachtung eines merkwürdigen Gesetzes der Farbenveränderung organischer Körper unter dem Einfluss des Lichtes“ (Leipzig, 1801), worin er zeigt, dass die Farbenänderung, welche organische Stoffe im Lichte erleiden . entgegengesetzt jener sei, welche an unorganischen Körpern beobachtet werden3).
- Im Jahre 1801 wurde von Christian Samuel Weiss ein nunmehr schon sehr selten gewordenes Büchlein, „Betrachtung eines merkwürdigen Gesetzes der Farbenänderung organischer Körper durch den Einfluss des Lichtes“, herausgegeben (Leipzig, 1801). Nachdem bereits J. 0. Ebermaier4) und Horn5), angeregt durch die im Jahre 1797 von der medieiniseben Faeultät in Göttingen, ihre Beobachtungen und Ansichten über den Einfluss des Lichtes auf organische Körper veröffentlicht hatten, suchte Weiss das allgemeine Gesetz, nach welchem das Licht die Farben lebender Pflanzen und Tbiere verändert, aufzustellen. Weiss stellt zunächst eine eigenthümliche Ansicht über die Farben selbst auf: Er nimmt an. dass das Licht aus mehreren speciflsch von einander verschiedenen Grundstoffen des lichtes bestehe; ein farbiger Körper strahlt das Licht zurück, gegen welches er „keine chemische (!) Verwandtschaft“ hat, z. B.: der rothe Körper also das rotlie Licht, gegen welches er keine Verwandtschaft äussert. dagegen er alles übrige Licht einsaugt. Es führt somit Weiss alle rein optischen Farben-
- 1) London Medical Review and Magazine. Bd. V. 1801. Aneli Nicholson’s Journal of Natural Philosophy. Chemistry and the Arts. 1802. V, 245.
- 2) Dies ist hier ausdrücklich erwähnt, da Hunt wiederholt die Priorität gänzlich Harup zuschreibt und auch irrthümlich Bollay (1803) als den ersten nennt, welcher die Lichtempfindlichkeit des Calomel gefunden habe, was gleichfalls irrthümlich ist.
- 3) Ich folge hier der Angabe Eiedlcr's (De lucis effeetibus chemieis, 1885. pag. 6), ohne sie mit dem citirten Originalwerk von Weiss verglichen zu haben, da ich mir dieses nicht verschaffen konnte.
- 4) Ebermaier: Versuch einer Geschichte des Lichtes in Rücksicht seines Einflusses auf die gesammte Natur und auf den menschlichen Körper, ausser dem Gesichte. Osnabrück, 1799.
- 5) Ernst Horn, „Ueber die Wirkungen des Lichtes auf den menschlichen Körper, mit Ausnahme des Sehens“. Königsberg, 1799.
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- ersckeinungen auf chemische Verwandtschaften des Lichtes zurück und schiesst somit hei der Aufstellung seiner chemischen Theorie des Lichtes weit über das Ziel hinaus. Eine Earbonänderung eines Körpers im Lichte betrachtet Weiss als eine Veränderung seiner chemischen Verwandtschaft gegen das frei einstrahlende Licht. „Wenn nun ein Körper dadurch, dass er dem Lichte ausgesetzt war, seine Verwandtschaft gegen den freien Lichtstoff ändert, so kann dies, wofern er dabei keine anderen Mischungsverhältnisse erlitt, als die des mehreren ein geprägten Lichtstoffes nach chemischen Gesetzen keine andere Veränderung sein, als die der mehreren Sättigung mit dem Lichtstoffe. Ein unorganischer Körper (ohne Lebenskraft) wird, wenn er durch das Licht, nichts als eine Farbenänderung erleidet, nothwendig weniger Verwandtschaft gegen das freie Licht äussern, nachdem er ihm eine Zeitlang ausgesetzt worden war, als vorher. Eine Folge davon ist, dass er mehr Licht als vorher reflectirt, d. h. seine Farbe heller wird, dass er verbleicht“ (Bleichen von Leinwand, Knochen etc.). „Ganz anders ist es in der lebenden organischen Natur“; die Gesetze sind entgegengesetzt der todten Materie. Durch den Einfluss des Lichtes wird die Verwandtschaft hier vermehrt: „Je mehr der lebende Körper des Thier- oder Pflanzenreiches dem Lichte ausgesetzt ist, desto dunkler wird seine Farbe, desto mehr Lichtstoff vermag er ('inzusaugen.“ „Das Licht wirkt wie ein Reiz auf die Lebenskraft der Organismen und die Folge davon ist. dass die Secretion des Pigmentes auf der Oberfläche verändert wird. Das Pigment erhält eine besondere Mischung, so dass seine Verwandtschaft gegen den freien Lichtstoff vermehrt wird.“ „Dieser Reiz kann mechanisch sein“ — einerlei ob nach Newton’s oder Euler’s System —: immer wird der erleuchtete Körper gestossen werden. Es kann das Licht aber auch als chemischer Reiz auf den lebenden Organismus einwirken, da sich der Lichtstoff auch mit der belebten Materie verbinden kann.
- Ich habe diese Ansichten von Weiss etwas ausführlicher wiedergegeben , weil man vortrefflich daraus den Geist der Theorien der damaligen Zeit hieran erkennt, Wir finden einerseits die Ansicht der „Lichtmaterie“, welche sieh sogar chemisch verbinden oder trennen kann, festgehalten und sogar als eine zusammengesetzte Materie erklärt: andererseits linden wir in merkwürdiger Vorahnung späterer Ergebnisse der Wissenschaft die Anschauung, dass das lucht sowohl mechanisch als chemisch wirken könne. Die starre Sonderung, mit welcher die damaligen Gelehrten die todte Materie vom lebenden Organismus behandelt wissen wollten, die Theorie der „Lebenskraft“, welche alle chemischen Gesetze der Materie aufhebe oder verkehre, kommt auch in der Theorie von Weiss zum prägnanten Ausdruck.
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- Yon Interesse erscheint die eben falls im Jahre 1801 von Des-inortiers gemachte Entdeckung1), dass Berlinerblau im Lichte hei Luftabschluss (nämlich mit- Nussöl angerührt und mit- Wasser bedeckt) die Farbe verliert und woiss wird und an der Luft aber sofort- wieder die blaue Farbe annimmt2). Er stellte folgende Schlüsse auf: 1. Die Entfärbung rührt von keiner Zersetzung des Oeles. sondern von einer Veränderung der Oberflächen her. die durch das Niedorsinken der Masse und das Erlöschen der Lichtkügelchen in den feinen Blättchen und Zwischenräumen der Farbesubstanz bewirkt werden. 2. Zur Wiederherstellung der Farbe wird weder die Luft, noch irgend einer ihrer Bestandteile oder eine fremde Beimischung derselben erfordert; sie erfolgt ebensogut im luftleeren Baume. 3. Wärme ohne Licht hindert sie und zerstört- sogar die Farbe. Eine blosse innere Bewegung ihrer Theile. wie sie auch bewirkt werden mag. stellt- die Farbe nach der Stärke des Lichtes und der Bewegung schneller oder langsamer wieder her. Diese Entdeckung wird meistens .Chevron! (1849) zugeschrieben. während Desmortiers diese Angabe schon 48 Jahre früher machte.
- Scheidracke reinigte die fetten Oele (Leinöl, Nussöl, Mohnöl) von ihrem Schleime durch Einwirkung des Sonnenlichtes, welchem er sie in Bouteillen aussetzte3).
- Kurze Zeit- nach Bitters Publieation machte Wollaston bekannt (1802), dass, ähnlich wie nach Herschel, unsichtbare wärmeerregende Strahlen jenseits des B-ot-h verkommen, auch jenseits des Violett unsichtbare Strahlen von anderer Art verkommen, welche sich durch ihre chemische Wirksamkeit auf Chlorsilber auszeichnen4). Er nannte damals zuerst die brechbarsten Strahlen des Spectrums die „chemischen Strahlen“ — welche Bezeichnung ihnen später blieb — und hielt an dieser Bezeichnung mit Nachdruck fest5), namentlich deshalb, weil er mit Bitter’s Eint-heilung in oxydirende und reducirende Strahlen nicht
- 1) Desmortiers, „JReeherehes sur la deeoloration spontanee du bleu de Prusseh Paris, 1801. Gtilbert’s Annalen. X, S. 363. Scherer, Journal der Chemie. X, S. 114.
- 2) Desmortiers schrieb auch das neuerliche Blauwerden einer Lichtwirkung zu.
- 3) Das Neueste und Nützlichste der Chemie, Fabrikwissenschaft, Apotheker-kunst etc. 1801. IV, 135. Die Originalabhandlung ist mir unbekannt, da das eitirte, ganz schlecht redigirte Journal in Bezug auf Quellenangaben höchst leichtfertig vorging.
- 4) Wollaston, „A method of examining refractive and dispersive powers by prismatic reflection“. Philosophica-1 Transact. 1802. pag. 379. Gilbort’s Annalen. XXXI, S. 416 und XXXIX, S. 291.
- 5) Gtilbert’s Annalen der Physik, 1811. XXIX, 291.
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- einverstanden war. Es war nämlich Wo 1 las ton schon 1802 bekannt, dass das Guajacharz von den violetten Strahlen lebhaft afficirt wird und zwar hierbei eine Oxydation erleidet, während nach Ritter den violetten Strahlen nur eine reducirende Wirkung zukommen sollte. Seine damaligen Angaben sind jedoch bei Weitem nicht so eingehend wie jene Ritter’s und erst mehrere Jahre später trat Wollaston mit näheren Details hervor.
- Angeregt durch Rumford’s Angaben, „das Licht bewirke nur durch Erwärmung einen chemischen Effect“, stellte Harup im Jahre 1802 Q Versuche mit Quecksilbersalzen an und überzeugte sich, dass das Sonnenlicht die Schwärzung des Quecksilberoxydes bewürbe, sobald letzteres sich in durchsichtigen (ülasgefassen, nicht aber, wenn es sich in undurchsichtigen Gefässen befindet, Ferner fand er, dass bei Luftzutritt und Gegenwart von Feuchtigkeit die Veränderung des Quecksilberoxydes im Lichte nicht wesentlich beschleunigt werde und dass das Lieht (entgegen der Wärme) immer nur an der Oberfläche wirke. Zur weiteren Aufklärung der Rumford'sehen Behauptung versuchte er Minium und Bleizucker (sowohl für sich allein als mit Kohle gemischt) im Lichte zu reduciren. aber ohne Erfolg, woraus er schloss, dass dem Lichte eine specifische Wirkung, welche verschieden von der Wärme ist, zukomme.
- Vom Jahre 1802 datirt die Erfindung der Photographie auf Papier und Leder durch Wedgwood1 2). Viele Autoren nennen dies Jahr als das der Erfindung der Photographie überhaupt, was ich mit Rücksicht auf Schulze (1727) nicht zugeben kann. Sehr häufig schreibt man die Arbeit Wedgwood und Davy zu, während l)avy bloss die Versuche Wedgwood's beschrieb und mit einem Anhang versah, was schon der Titel der Original-Abhandlung. „Bericht über eine Methode, Gemälde auf Glas zu copiren und Profile auf Silbernitrat durch die Wirkung des Lichtes zu machen, erfunden von T. Wedgwood und beschrieben von H. Davy, genügend klar macht. Die Angabe, dass
- 1) Nicholson's „A Journal of Natural Philosophv, Chemistry and tho Art-s“, 1802. V, 245.
- 2) „An aecount of a method of copying paintings upon glass and of making profiles bv tho agency of light upon nitrate of silver.“ Journal of the royal Institution, 1802. I, pag. 170. Gilbert's Annalen, 1803. XIII, S. 113. — In fast allen deutschen Büchern wird die Zeit der Veröffentlichung von Wedgwood’s Methode fälschlich in das Jahr 1803 verlegt. Dieser Irrthum findet seine Erklärung in dem Umstand, dass die Abhandlung erst im Jahre 1803 in einigen deutschen Journalen erschien, während das englische Original ein Jahr früher gedruckt worden war, ohne dass dies in der deutschen Uebersetzung angemerkt worden wäre.
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- Charles selbständig mit oder vor Wedgwood Silhouetten pholographirt habe, entbehrt, jeder Begründung 1).
- Ich will hier nicht erörtern, ob Wedgwood in jener Gesellschaft, welche sich vielleicht hauptsächlich mit dem Studium photographischer Processe beschäftigt haben mag, nämlich der „Lunatic Society“ in England, die Idee zu seinen Experimenten geholt hat2), da ich mich nur an die unmittelbar eingreifenden, streng historischen Thatsaehen halte.
- 1) In Arago’s Bericht über das Daguerreotyp, welchen er der französischen Akademie der Wissenschaften am 19. August 1839 vorlegte (Comptes rendus IX, 250), findet sieh die Angabe, dass erst in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts die ersten Spuren der Kunst, Lichtbilder zu fixiren, gefunden werden. „Um diese Zeit“, fährt Arago fort, „bediente sich unser Landsmann Charles bei seinen Vorlesungen eines grundirten Papieres, um mit Hilfe des Sonnenlichtes Silhouetten zu erhalten. Charles ist gestorben, ohne das angewandte Präparat zu beschreiben, und da der Geschichtsschreiber der Wissenschaften sich nur auf gedruckte, authentische Documente stützen darf, so muss man billiger Weise die ersten Grundzüge der neuen Kunst auf Wedgwood .... zurüekführen.“ Gegen diese Erwähnung Charles hätte ich gar nichts einzuwenden, wenn ich irgendwo hätte die Jahreszahl auffinden können, in welche das Experiment Charles fällt, was von Belang ist, da Charles viele Jahre lang Privatvorlesungen über Experimentalphysik in Paris hielt und erst 1823 starb. (Poggendorff, Biographisch-literarisches Handwörterbuch, 1862. I, 421). Arago fasst nun seine Angabe derart unbestimmt, dass man unwillkürlich zur Meinung verleitet wird, Charles habe schon vor Wedgwood seine Silhouetten photographirt oder zum mindesten bleibt man über den Zeitpunkt der Experimente völlig im Unklaren Ich stelle dagegen folgende Vermuthung auf: Charles hat ganz einfach Wedgwood's Abhandlung gelesen, sieh darnach gerichtet und daraus „in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts“ ein Vorlesungsexperiment gemacht. Mit dieser einfachen Annahme schwindet sofort alles Geheimnissvolle an dem Vorgänge Charles’, dessen Eigenschaften als Mitglied und Bibliothekar der Pariser Akademie der Wissenschaften die Annahme der Geheimnisskrämerei aussehliesst.
- 2) Im Jahre 1863 machte die Mittheilung, dass die Photographie angeblich bereits am Ende des 18. Jahrhunderts (um das Jahr 1791) durch Watt und dessen Mitarbeiter Boulton erfunden worden sein soll, viel Aufsehen. Thatsnehlich bestand zu dieser Zeit in Birmingham eine Gesellschaft, welche sich „Lunatic Society“ nannte, deren Mitglieder auch Wedgwood, Watt, Priestley u. A. waren. (Kreutzer’s Zeitschr. f. Photogr. 1863. Bd. 7, S. 129. Phot. News. 1863, Nov. 1864. Bull. Soe. franc. de Phot. 1864. 13, 81.) Die „Birmingham Daily-Post“ brachte am 16. Juli 1863 die Nachricht, dass man daselbst Photographien von dem Eabriksorte Soso gefunden habe, welche die Gebäude in dem Zustande am Ende des IS. Jahrhunderts darstellten. Es war von vornherein unwahrscheinlich, dass diese Nachricht sich bestätigen würde, weil thatsächlieh Wedgwood noch im Jahre 1802 das Fixiren der photographischen Bilder nicht kannte; auch konnte James Watt von einem photographischen Copir-proeess nicht viel gewusst haben, sonst hätte er bei seiner ungefähr um das Jahr 1802 beschriebenen Methode, Briefe zu copiren (s. Das Neueste und Nützlichste etc. 1802. V, 124), nicht den gewöhnlichen Weg mit Copirtinte angegeben. In der That stellten sieh später die angeblich sehr alten Bilder als Daguerrcotypien und Talbotypieu neueren Ursprungs heraus.
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- Wedgwood tränkte Papier oder Leder mit einer Silbernitrat-Lösung, wonach es sich am Lichte rasch schwärzte. „Wenn der Schatten einer Figur auf die präparirte Fläche geworfen wird, so bleiben die gedeckten Stellen woiss, während die anderen Th eile sich schnell schwärzen.“ Er copirte Glasgemülde, wobei er sah, dass das durch rothe. gelbe und grüne Gläser gegangene lucht viel schwächer, als das durch blaue gegangene wirkt. Das Lichtbild konnte „weder durch blosses Wasser, noch durch Seifenwasser“ entfernt werden. „Die holzigen Fasern der Blätter und die Flügel der Insecten können auf diese Weise sehr genau abgebildet werden.“ Die Bilder konnte er leider nicht fixdren: sie mussten im Dunkeln aufbewahrt werden. Wedgwood hatte sein Hauptaugenmerk auf das Copiren des Bildes der Gamera obscura gelenkt, allein er fand es „zu schwach, um in einer massigen Zeit eine Wirkung auf das Silbernitrat hervorzubringen''.
- Davy fügte noch hinzu: „...Ich fand, dass die Bilder kleiner Gegenständ»', welche durch das Sonnenmikroskop hervorgebracht sind,
- ohne Schwierigkeit copirt werden können".........„Bei Vergleichung der
- Wirkungen, welche das Lieht auf Ghlorsilber hervorbringt, mit. denen auf Silbern itrat. erschien es evident, dass das Ghlorsilber das empfindlichste sei .... Auf beide wirkt das Licht schneller, wenn sie nass sind.“ Davy erzeugte das GdilorsiIberpapier durch Aufstreichen des Ghlorsilber- Niederseh lages oder besser, durch Befeuchten des Papi eres mit. Silbern itrat und dann mit. verdünnter Salzsäure; er zog jedoch trotzdem das Silbornitrat. wegen seiner Auflöslchkeit im Wasser, dem Ghlorsilber vor.
- Davy versprach. Versuche über das Fixiren des Lichtbildes anzustellen. um die Methode nutzbar zu machen. Seine Bestrebungen misslangen und Davy Hess nichts mehr von weiteren photographischen Versuchen vernehmen. Ls ist wahrscheinlich . dass Davy sich gar nicht mehr um diese Sache kümmerte, sondern durch seine elektrochemischen Experimente von den photochemischen ganz abgezogen wurde.
- Die Publieationen Wedgwood's und .Davy’s waren allmählich in Vergessenheit gekommen und erst 37 Jahre später wurden sie von Arago in (hau der französischen Akademie vorgelegten Memoire über die Daguerrootvpie (1839) hervorgezogen; damals wurden die beiden Engländer als die Erfinder der Photographie proclamirt und ihnen der Platz der höchsten Ehre in der Geschichte dieser Kunst angewiesen.
- Ich aber kann als unbefangener Geschichtsschreiber den beiden Männern diese Priorität, nicht zuerkennen und muss sie in die Keihe jener Forscher auf dem Gebiete der Photochemie stellen, welche schon
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- bekannte Thatsacben in einer mehr oder weniger neuen Richtung, mit mehr oder weniger tiefem Vorstudium weiter ausbildeten.
- Was ist also das Neue an Wedgwood's Beobachtung und Davy’s Commentar ?
- .Die Lichtemptindliehkeit des kreidehaltigen Silbernitrates hatte Schulze (1727), die des Chlorsilbers Beccarius (1757) entdeckt. Hellot hatte die Veränderung des mit Silbernitrat imprägnirten Papieres (1737), Scheele die des mit Chlorsilber bestrichenen Papieres kennen gelehrt (1777). Senebier (1782) hatte nach seinem Vorgänger Scheele den Unterschied in der Wirkung des farbigen lichtes genau studirt. Schulze und Beccarius haben gezeigt, dass man durch aufgelegte Schablonen aus undurchsichtigen Stoffen. Schriften und Zeichnungen auf Chlorsilber im Lichte c-opiren kann und Wedgwood fand, dass zu solchen Oopien sich auch Blätter und Mosaiks aus farbigem Glas eignen, während Davy, statt der Schablone, mikroskopische Objecte in ein Sonnenmikroskop einschaltete und auf das lichtempfindliche Papier in einiger Distanz projicirte.
- Die Verwendung der Lichtempfindlichkeit des Silbersalz-Papieres zum Copiren von Blättern, Schattenrissen und Glasgemälden, die Idee des Copirens der Bilder in der Camera durch Wedgwood, die Abbildung der Gegenstände des Sonnenmikroskopes durch Davy ist das Verdienst, für welches wir ihnen dankbare Erinnerung bewahren.
- Es darf auch nicht verschwiegen werden, dass Wedgwood und Davy auf die wichtige Entdeckung des alten Scheele, nämlich dass sich weisses Chlorsilber in Ammoniak gänzlich löst, im luchte geschwärztes aber einen schwarzen Rückstand von Silber hinterlässt, vergessen hatten oder sie nicht kannten , was bei der grossen Verbreitung der Schriften Seheele’s (von welchen ja auch eine englische Ausgabe vorlag) nicht genug Wunder nehmen kann. Dadurch wäre ein Fixir-niittel der Chlorsilberbilder gegeben gewesen, welches Davy ausdrücklich als nicht aufgefunden bezeichnete. Diese 'Vernachlässigung der Arbeiten seines Vorgängers von Seite Davy’s zog schwere Folgen für die Entwicklung der Photographie nach sich. Die offen eingestandenen Misserfolge Davy’s, die Anzeige, dass er sich mit der Frage der Fixirung der Lichtbilder eingehender beschäftigen wolle und der Mangel irgend welcher Kesultate der Versuche, schreckten die Zeitgenossen ab, sich an der Lösung einer Aufgabe zu versuchen,, an welcher eine wissenschaftliche Grosse ersten Ranges, wie Davy, gescheitert war und so vergingen viele Jahre, bis die Fixirung der Silberbilder aufgefuuden wurde.
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- YII. Abschnitt. Studien von Sage (1803), Link und Heinrich über die Natur des Lichtes (1804—1808) bis zu Hay-Lussac und
- Thenard (1810).
- Die Lichtem pfindlichkcit des natürlichen .Realgar war von Sage im .Fahre 1803 bekannt; gemacht und zwar an einem jener Figürehen (Pagoden), welche die Chinesen aus diesem von .Japan stammenden Mineral verfertigen und welche im geschliffenen Zustande eine schöne purpurrothe Farbe besitzen. Es zeigte sieb, dass die Pagode dort, wo sie das Licht unmittelbar berührt hatte, den Glanz und die rothe Farbe verlor und sieh mit einem orangegelben Beschlag bedeckte, der leicht abfiel (sogenannte V'er Witterung); wo das Liebt nicht einwirkte, war das ursprüngliche Aussehen gewahrt. Das in der Solfatora in octa-edrischen Krystallen sublimirte Realgar, welches unter dem Namen Arsenikrubin bekannt ist, verwitterte ebenfalls im Lichte1). Hier liegt eigentlich nur eine physikalische (mechanische) Wirkung, keine rein chemische vor; aber es ist ein Präcedenzfall jener Lichtwirkung, welche bei vielen photographischen Processen (Daguerreotypie, Collodionverfahren mit physikalischer Entwicklung) zur praktischen Verwendung kommt,
- Im Jahre 1803 beschrieb Boullay die Zersetzung von Quecksilberchlorid am Lichte. Eine coneentrirte Lösung dieses Salzes in Wasser zersetzte sich nach tagelanger Einwirkung der Sonne, indem sieh etwas Sauerstoff' entwickelte, die Flüssigkeit Lackmustinetur röthete, also das Entstellen einer freien Säure (Salzsäure) andeutete; einige in der Lösung enthaltene Quecksilberchloridkrystalle verloren ihre Durchsichtigkeit und waren im Wasser nicht mehr völlig löslich. Nach langer Lichtwirkung hinterblieb ein grauer Rückstand2).
- Im selben Jahre veröffentlichte Johann Quirin Jahn, Mitglied der k. k. Akademie der bildenden Künste in Wien, eine „Abhandlung über das Bleichen und die Reinigung der Oele zur Oelmalerey“ 1803, worin erwähnt ist, dass z. B. Leinöl im Sonnenschein sich klärt und durch die Sonnenwärme noch mehr gebleicht wird. Leber specielle Lichtwirkung ist aber nirgends etwas erwähnt, sondern Sonnenschein mit. warmer Witterung identifieirt.
- Im Jahre 1803 erschien Berthollet’s berühmtes Werk: „Essay de statiquo chimique“, welches 1811 in deutscher Uebersetzung unter dem Titel: „Versuch einer chemischen Statik“, herausgegeben wurde.
- D Selierer, Allgemeines Journal der Chemie. X, 115, ans Tilloch’s Philosoph. Magaz. Bd. XIII, Nr. 49, S. 42.
- 2) Geh len’s Journal. Bd. 2, S. 91.
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- Tn diesem Werke sind die chemischen Licht,Wirkungen erwähnt und neue Hypothesen zur Erklärung derselben aufgestellt.
- „Der Würmestoff unterscheide! sich, sagt Bertliollet, darum vom Lichte, dass er weit leichter ist. und auch von solchen Körpern, welche das Licht durchlassen, verschluckt wird" .... „Ls gibt einige chemische Verbindungen, die von der Wärme und vom Lichte ungleiche Wirkungen zu erleiden scheinen und die also dazu führen möchten, beide als zwei verschiedene Stoffe zu betrachten.“ Dazu führt Bertliollet das Chlorwasser und die Salpetersäure an. -- Vom gelben Blutlaugensalz sagt er, es zersetze sieh in der Sonne unter Entwicklung von Blausäure und Ausscheidung eines blauen Niederschlages.
- Er (heilt dann neue Versuche über Chlorsilber mit. Chlorsilber, unter Wasser dem Lichte, exponirt, (heilte dem Wasser eine saure Reaetion mit und enthielt Salzsäure, aber kein Chlor. Das (las, welches hierbei anfangs entweicht, sei nicht (wie er 1786 angegeban hatte) Sauerstoff, sondern bloss Luft. „Meine Vermuthung war also unbegründet“, fährt er fort, „dass in diesem Palle der Sauerstoff durch die Einwirkung des Lichtes dahin bestimmt wurde, das Metall zu verlassen und den gasförmigen Zustand wieder 'anzunehmen“ (S. 208). Da er beim Erhitzen von geschwärztem Chlorsilber nur das Entweichen von Salzsäuredämpfen bemerkte, (und kein Chlor), so schloss er, dass „das Licht bloss die Trennung eines Theiles der Salzsäure, die in dem salzsauren Silber gebunden ist, veranlasse und dass Wärme allein denselben Erfolg zu bewirken scheine".
- Das Chlorsilber soll im Pinslern bei vielem Luftzutritt sich ebenso wie im Lichte schwärzen D.
- Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lenkten die wesentlich erweiterten Kenntnisse der Chemie und Optik, und speciell die einander wider-streitenden Hypothesen über die Natur des Lichtes die Aufmerksamkeit der gelehrten Gesellschaften auf diesen Gegenstand. Man hatte seit langer Zeit die einander entgegengesetzten Hypothesen von Newton, welcher das Licht materiellen Ausflüssen der leuchtenden Körper zu-schreibt: ferner von Euler, nach welchem das Eicht von einer durch eine von den leuchtenden Körpern hervorgebrachte zitternde Bewegung des Aethers entsteht, Der Begründer der neuen Chemie. Lavoisier, hatte angenommen: dass in der Natur ein besonderer Stoff
- 1) Die Angabe Bertho]] et’s, dass der Luftzug das Ohlorsilber schwärze, soll nach Lichter ihre Entstehung dem zufälligen Umstande verdanken, dass der Luftzug durch einen bereits beim Eener gebrauchten Blasebalg erzeugt wurde und dieser Kohlenstaub von sieh gab. (Fischer, Leber die Wirkung des Lichtes auf Hornsilber 1814. S. 26)
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- als die wirkende Ursache der Erscheinung vorhanden sei, welche wir mit dem Namen des Lichtes bezeichnen; Lavoisier nahm an, dass dieser Lichtstoff chemischen Verwandtschaften unterworfen sei, denen zufolge er sich mit anderen Körpern verbände, sich von ihnen trenne und merkliche Modificationen hervorbringe (s. Seite 32).
- Im Allgemeinen behauptete Berth oll et, dass das Lieht nur insofern wirke, dass es „in eine Verbindung trete“, dass „es die Menge von Wärmestoff hergegeben habe, woran es dem entwickelten Gase mangelte und dass es durch Erhöhung der Temperatur dessen Ausdehnsamkeit verstärkt habe“ . . . „Durch diese Bemerkungen wird, dünkt mich, die Einerleih eit der Substanz des Lichtes und des Wärmestoffes bewiesen.“
- In dieser Zeit zog Thomas Young (namentlich 1801 bis 1803) die von Grimaldi (1665). Kuyghens (1690) und Euler (1746 und 1752) schon früher aufgestellte und fast vergessene Undulationstheorie aus der Dunkelheit hervor und verlieh ihr durch eingehende Untersuchungen (Beugungs- und Interferenz-Erscheinungen) eine neue Stütze. Er konnte jedoch seine Anschauung nicht zum Durchbruch bringen. Man blieb bei der alten Newton'schen Anschauung, dass das Licht aus concreten Theilen bestellt, die mit ungeheurer Schnelligkeit vom leuchtenden Körper ausgesendet werden 0. Young suchte seine Ansicht durch mehrfache Experimente, insbesondere Interferenz-Erscheinungen zu stützen. Er fand, dass auch die unsichtbaren ultravioletten Strahlen Interferenz-Erscheinungen zeigen. In seinen „Versuchen und Berechnungen zur physikalischen Optik“ 18041 2) schrieb er:
- „Um die Eigenschaften der ultravioletten Strahlen mit denen des sichtbaren Lichtes besser vergleichen zu können, war ich begierig, die Wirkungen ihrer Reflexion von dünnen Luftplättchen, welche die wohl-bekannten Farbenringe hervorzubringen pflegen, zu untersuchen. Zu dieser Absicht brachte ich mittels des Sonnenmikroscopes ein Bild von Farbennuancen hervor und Hess dasselbe auf ein Papier fallen, das ich in eine Auflösung von salpetersaurem Silber getaucht hatte und das von dem Mikroscop etwa 9 Zoll entfernt war. Während einer Stunde wurden Th eile von drei dunklen Ringen deutlich sichtbar; sie waren schmäler als die hellsten Ringe des Farbenbildes und kamen in ihrer Breite sehr nahe mit den Ringen des violetten Lichtes überein, das durch Beihilfe eines violetten Glases erschien .... Doch ist der Versuch hinreichend, die Aehnliehkeit der unsichtbaren und sichtbaren Sonnen-
- 1) Poggendorff’s Geschichte der Physik. 1879. S. 646.
- 2) Philosoph. Transactions of the Roy. Soc. of London. 1804. Deutsch: Gilbert s Annal. 1811. Bd. 39, S. 262 und 282.
- Eder, Handbuch der Photographie. I. Theil. 2. Aufl. 5
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- strahlen zu bestätigen und zu zeigen, dass sie eben demselben allgemeinen Gesetze (wie die sichtbaren Strahlen) unterworfen sind.“
- Zur Klärung der Ansichten über das Licht schrieb die kaiserl. Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg am 22. August 1804 eine Preisfrage aus, nach welcher der Preis von 500 ßubeln demjenigen Naturforscher zugeschrieben werden sollte, welcher:
- „Die lehrreichste Eeihe von neuen Versuchen über das Licht als Materie; über die Eigenschaften, welche man berechtigt sei, diesem Stoffe zuzuschreiben; über die Verwandtschaften, in welchen er mit anderen organischen oder nicht organischen Körpern zu stehen scheint: und über die Modifikationen und Erscheinungen, welche sich in diesen Substanzen in Folge der Verbindungen zeigen, welche der .Lichtstoff mit ihnen eingegangen ist,“
- gemacht und der Akademie bis zum Jahre 1806 mitgetheilt haben wird, Den Preis erhielten zwei deutsche Naturforscher, nämlich: Heinrich Friedrich Link, Professor in Rostock und Placidus Heinrich, Professor im Stifte St. Emmeram zu Eegensburg; die Schriften sind in einem Bande „lieber die Natur des Lichtes“ (St, Petersburg, 1808) publicirt, Beide Schriften legen das Hauptgewicht auf die Behandlung des chemischen Theiles der Lichtwirkung und sind deshalb für die Geschichte der Photochemie von hoher Wichtigkeit,
- Link wiederholte viele ältere Versuche über die Lichtempfindlich-keit der Silberverbindungen und fand auch neue Thatsachen, z. B. dass Chlorsilber im Lichte sich unter cone. Schwefelsäure oder starkem Alkohol langsamer schwärzt, als unter Wasser und dass selbst eine Kälte von —50 Grad die Schwärzung nicht auf hält; er studirte die bereits von Bucholz (1800) entdeckte Lichtempfindlichkeit des kohlensauren Silbers, welches durch Wärme ebenso wie durch Licht desoxydirt werde. Erbestätigt die von Le Sage 1803 (S ch er er’s Journal. Bd. 10. S. 115) gefundene Erscheinung, dass Schwefelarsen im Lichte blasser wird, sowie die von Desmortiers 1801 (s. S. 57) angegebene Licht-empiindlichkeit des Berlinerblau und fand, dass Zinkoxyd im Lickte dunkler wird.
- Ohne wesentliche neue experimentelle Beobachtungen mitzutheilen. stellte Link das vorhandene Versuchsmaterial geschickt zusammen und fand, dass das Licht manche Körper desoxydirt (Silber-, Quecksilber-. Gold-Verbindungen), andere aber oxydirt (Guajae, Dippel's thierisches Oel, Blattgrün); er sagt, das „verbundene Licht“ gibt sich durch keine chemische Erscheinung zu erkennen und die Freunde des Vibrations-systemes werden durch chemische Versuche keineswegs widerlegt; freilich hat die Chemie auch keine Beweise dafür.
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- Ueber die Wirkung- des Lichtes auf organische Körper sagt Link nicht mehr, als Ebermaier in seiner 1799 erschienenen Schrift „Versuch einer Geschichte des Lichtes in Rücksicht seines Einflusses auf die gesammte Natur" mittheilte.
- Betreffs der chemischen Wirkungen des farbigen Lichtes knüpfte hink an die bereits erwähnten Arbeiten HerscheLs und ßitter's an, welcher erstere am rothen Ende des prismatischen Spectrums besonders viele Wärmestrahlen nach wies, während letzterer neben dem violetten Ende nicht leuchtende chemische Strahlen (Ultraviolett) auffand. Link sprach schliesslich die Ansicht aus, dass die blauen und violetten Strahlen an und für sich stärker wirken und nicht vielleicht, weil ihnen anders geartete eigene „chemisch wirkende Strahlen“ beigemengt seien. Ferner schloss er aus der Thatsaehe, dass kohlensaures Silber hinter rothem (Aase rascher als hinter blauen Gläsern sich schwärzt, dass in diesem Palle die „wärmenden Strahlen“ die Zersetzung besser durchführen und sagt schliesslich wörtlich: „Der Ausdruck „chemische Strahlen“ passt also nicht ganz für die an den violetten liegenden, da die an den rothen liegenden ebenfalls und auf eine völlig ähnliche Art chemisch einwirken“. Link spricht also — obschon auf ganz unzulängliche Experimente gestützt — einen wichtigen Satz der Photochemie in merkwürdig scharfer Voraussicht deutlich aus, welcher Satz erst in der neuesten Zeit durch zahlreiche Experimente erwiesen wurde, nachdem man in der Mitte dieses Jahrhunderts lange Zeit die irrthümliche Ansicht hegte, dass die chemische Wirkung nur den blauen und violetten, sowie ultravioletten Strahlen zukomme.
- Heinrich geht in seiner Abhandlung von der Wirkung des Lichtes auf Körper und Geist des Menschen, sowie auf Pflanzen aus und geht später auf die chemischen Wirkungen des Lichtes über, die er ähnlich schildert wie Link, schreibt gleichfalls dem Lichte sowohl Oxydation als Desoxydation verschiedener Körper zu, kommt aber zu dem nicht haltbaren Satze, dass, „wenn Licht mit dem Körper sich verbindet, das Säureprincip frei wird“; dass bei photoehemisehen Processen Säuren frei werden (z. B. bei Chlorsilber etc.) ist wohl richtig, allein Link hatte sich gehütet einzelne Erscheinungen zu verallgemeinern, in welchen Fehler Heinrich verfallen ist,
- Besonders bemerkenswert!! erscheint auch die Angabe von Hein-rich (a. a. 0. S. 87) über die Lichtempflndlichkeit einer Lösung von Ferroeyankalium („blaugesäuerter Pottasche“), „welche im Sonnenschein zersetzt wird, indem ein Theil der Blausäure als Gas entweicht und der andere Theil als „blaugesäuertes Eisen“ (Berlinerblau) niederfällt'1. Später wurde diese Angabe Heinrich's, ebenso wie die noch
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- ältere von Scopoli (S. 39) und Berthollet (S. 64) übersehen und ähnlich Beobachtungen neuerdings veröffentlicht, ohne die Priorität Heinrich) zu beachten 1).
- Wenn auch —mit Unrecht— das Werk von Link und II ein riet gegenwärtig ganz vergessen ist, und die Ergebnisse nicht den Erwartungen entsprechen, welche an den Wortlaut der Preisausschreibung zu knüpfen waren, so darf man doch den Einfluss dieser Preisschrift am die weitere photoehemische Forschung nicht unterschätzen, indem zum ersten Male das vorhandene Beobachtungsmaterial ziemlich erschöpfend und übersichtlich zusammengefasst worden war.
- Inzwischen waren die Experimente über die chemischen Wirkunger, des Lichtes von mehreren Seiten fortgesetzt worden. Campeei zeigt 1804, dass das Licht keineswegs zum Krystallisiren so nothwendig ist. als Manche glaubten, indem z, B. (Glaubersalz immer in den dunkelsten Nächten die besten Krystallisationen gebe2).
- Ausführliche Untersuchungen über die Zersetzung von Metallchloriden in alkoholischen und ätherischen Lösungen durch das Lickt verdanken wir Gehlen 1804 3). dessen Resultate in Folgendem zusammengefasst sind:
- 1. Eine Lösung von sublimirtem Eisenchlorid in Alkohol - Aetliei bildet im Lichte farbloses Chlorür und Chloräther. (Vergl. S. 15 u. 33.i
- 2. Eine Lösung von trockenem salzsauren Uran in absolutem Alkohol gab eine „schön citronengelbe Auflösung“, welche, „den Sonnenstrahlen ausgesetzt, schon in einigen Secunden verändert wurde: sie wurde grünlich trübe und schied einen schmutzig grünen (in Wasser löslichen) Niederschlag aus". Der Aether wurde entfärbt, enthielt nur noch eine Spur Metall und war sauer. Gehlen schloss, „es war hier also oxydulirtes salzsaures Uran entstanden, welches sich in Aether unauflöslich zeigte; durch Erhitzen mit Salpetersäure wurde es unter Entwicklung von Salpetergas wieder gelb“.
- 3. Die Lösung von Ohloreobalt in Aether ist lichtbeständig.
- 4. Chlorkupfer löst sich in Aether zu einer hellgelbgrünen Flüssigkeit auf. Die Auflösung bleicht sehr leicht aus und geht durch Bräun-hellgelb in Gelb und zuletzt in gänzliche Farblosigkeit über. Wasser fällt die Lösung weiss. Er erkannte dies als ..salzsaures Kupfer, eil Minimum der Oxydation“.
- 1) Z. B.: Fischer in Bresian (Kästner’s Archiv f. gesammte Naturkunde. 182t Bd. IX, S. 345).
- 2) Nicholson’s Journal. II, 117. Gilbert’s Annalen. 16, 245.
- 3) Gehlen, „Ueber die Farben Veränderung der in Aether aufgelösten salzsaure Metallsalze durch das Sonnenlicht“. Neues Allgemeines Journal der Chemie. Bd. 3, S. 56t
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- 5. Trockenes Platinchlorid, in einem Gemisch von Aetlier und Alkohol gelöst, wurde in der Sonne heller. Das Glas wurde auf der unmittelbar den Sonnenstrahlen ausgesetzten Seite mit einem äusserst dünnen Häutchen reducirten Metalles von Platinglanz überzogen, welches aus regulinischem Platin bestand. Zuletzt war die ursprünglich dunkel-braunrothe Flüssigkeit strohgelb geworden; weiter ging die Farben-iinderung nicht, Aehnlich verhielt sich eine rein ätherische Lösung.
- Die im Lichte zersetzte Lösung enthielt Platinchlorür, wie Gehlen ganz richtig vermuthete.
- Gehlen schloss: „Aus dem Vorhergehenden erhellt, dass alle Farbenänderungen ätherischer Metallsalzauflösungen im Sonnenlicht auf einer Desoxydation beruhen. Man wird daher fragen, wo der Sauerstoff bleibe, den das Oxyd verliert? Meinen Beobachtungen zu Folge, wirft er sieh auf den Aetlier und bringt darin Veränderungen hervor. Letzterer nimmt dem Geruch nach Salpetersäure an1' .... „Ich dachte Anfangs, dass sich bei der Ausbleichung gleichzeitig kohlensaures Gas bilden würde, allein ich habe keine Veranlassung gefunden, es zu glauben.“ — Wir müssen noch besonders hervorheben, dass Gehlen in dieser Abhandlung zuerst die Lichtempfindlichkeit der Uran-, Kupfer-und Platin Verbindungen bekannt gemacht hatte.
- Im Jahre 1805 veröffentlichte Theodorus von Swindern eine ausgedehnte Abhandlung „über die Atmosphäre und ihren Einfluss auf die Farbenv). Es finden sich daselbst folgende Angaben über die Wirkung des Lichtes auf die Farben zerstreut vor.
- 1. Die gelbgrüne Indigweiss-Lösung der Indigo-Färbekörper wird an der Luft blau, erleidet aber bei Luftausscbluss (in einer ganz vollgefüllten Flasche) im Sonnenlichte keine Veränderung.
- 2. Die grüne Tinetur, welche durch Ausziehen von Spinat-Blättern mit Alkohol erhalten wird, ändert in ganz vollgefüllten, wohl verschlossenen Flaschen ihre Farbe selbst nach sechs Wochen nicht. In theilweise gefüllten Flaschen veränderte sieh die grüne Farbe umsomehr, je mehr Luft sie im Verhältnisse zur Flüssigkeit enthielten.
- 3. Dippel’s thierisches Oel färbt sich nur bei Gegenwart von Luft im Lichte schwarz; bei Luftausschluss oder im Stichstoffgas zeigt sich im Lichte selbst nach II Tagen keine Veränderung.
- 4. Weisser Wein verändert am Lichte seine Farbe nicht; weder bei Gegenwart von Sauerstoff, noch bei Gegenwart von Stickstoff.
- 5. Abkochungen aus der Rinde der Stechpalme (Ilex) und aus der peruvischen Rinde erleiden bei Gegenwart von Sauerstoffgas eine grössere Veränderung der Farbe als in dem Stickstoff, und sie war wiederum viel grösser, wenn die Flaschen dem Lichte ausgesetzt wurden.
- 1) „Disputatio chemico-phisica inawguralis, de Atmosphaera, ejusque in colores actione“. Groningae ap. Spoormaker. 1805. Uebersetzt in Trommsdorff’s Journal der Pharmacie. 1809. XVIII, 221.
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- 6. Berberitzenholz (Berberis vulgaris) zeigte, in einer Sauerstoff- Atmosphäre dem Lichte ausgesetzt, eine viel grössere Veränderung der Farbe, als unter sonst gleichen Umständen in einer Stickstoff-Atmosphäre (Anschluss an Senebior).
- 7. Beim Bleichen der Leinenzeuge wird die Wirkung des Sauerstoffs durch da; Licht gar sehr unterstützt, indem es jedem Sachkundigen bekannt ist, dass die Körper desto besser und geschwinder bleichen, je stärker das Licht darauf wirkt, ja dass auch das Mondlicht sich hierin ausnehmend wirksam beweist.
- 8. Wird ein Gemisch von Blutlaugensalz und Eisenvitriol mit Chlorwasser versetzt, so färbt es sich sofort schön blau. Wird diese Flüssigkeit in halb voller, Flaschen dem Lichte ausgesetzt, so bildet sich ein schwarzgrüner Bodensatz ; in gan? gefüllten Flaschen scheidet sich der gewöhnliche, schön blaue Niederschlag aus.
- 9. Ammoniak löst bei Gegenwart von Luft metallisches Kupfer mit blauer Farbe. Diese Eeaction erfolgt im Sonnenlichte bedeutend rascher als im Finstern.
- Weitere, recht interessante Angaben über das Verhalten ätherischer Eisenchloridlösung machte Pfaff 1805 1).
- Die Beobachtung durch die Oombination gewisser Glassorten, das Zusammenstellen der gebrochenen „chemischen“ und „optischen“ Strahlen zu erreichen, erkannte Ritter 1805. Er schrieb im September 1805 an van Mons2):
- „ . . . Ich habe mit achromatischen Prismen gefunden, dass die chemischen Strahlen des Lichtes vollkommen die nämlichen Berechnungen und Zerstreuungen befolgen wie diejenigen Strahlen, von denen der grösste Theil uns als leuchtend erscheint...“.
- Es ist kein Zweifel, dass hiermit jene Entdeckung gemacht war, welche nach mehr als 30 Jahren zur Construetion von photographischen Objectiven führte, bei welchen der optische Brennpunkt mit dem chemischen zusammenfällt.
- Im Jahre 1808 kam Ritter gelegentlich seiner Polemik mit Wünset („Bemerkungen zu WünschCs Abhandlung über Herschel's Versucht von der Sonderung der Lichtstrahlen“) nochmals auf das Chlorsilber zurück3). Er meint, es sei bekannt, dass völlig trockenes Hornsilber sieh weder im violetten noch weissen Lichte färbt (??), ebenso wenig wie durch Ofen wärme (Scheele). Wohl aber wird feuchtes oder unter Wasser gehaltenes Hornsilber leicht geschwärzt. Ferner gibt er an dass im Winter die Reduction des Hornsilbers (unter übrigens gleicher Umständen) rascher vor sich geht, als im Sommer (?). Auf den n wahrscheinlichen Einfluss der verschiedenen Tageszeiten habe er bf jetzt noch nicht Acht gegeben, wiewohl sich hierbei Differenzen erwartet
- 1) Gehlen’s Journal der Chemie. 1805. V, 500.
- 2) Ibid. 1806. VI, 157.
- 3) Gehlen’s Journal für Chemie und Physik, 1808. Bd. 6, S. 659. Auch 1 Landgrebe’s „Ueber das Lieht“, 1834. 33, abgedruckt.
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- Hessen '). Es müsse ferner von Interesse sein, an möglichst heiteren Tagen gleichzeitige und völlig gleich veranstaltete Lichtversuelie mit Hornsilber oder anderen lichtempfindlichen Substanzen in grossen Höhen und in grossen Tiefen gleichzeitig an gestellt zu sehen, indem sich die Resultate gewiss beträchtlich von denen unterscheiden würden, die man hier unten in bloss dichterer und dünnerer Luft (unter der Luftpumpe) erhalten würde1 2). Sonst habe die Fothwendigkeit der Gegenwart der atmosphärischen Luft zum Schwarzwerden des Hornsilbers im Lichte dieselbe Bedeutung, als wo sie (nach Ritt er’s damaliger Ansicht) zur Wirksamkeit galvanischer Ketten erfordert wird. Auch die chemische Wirkung des Lichtes reducirt sich zunächst auf eine Wasserzersetzung durch Elektricität und wie erst eine verhältnissmässig sehr starke Elektricität im Stande ist, Wasser unabhängig von Luftgegenwart zu zersetzen (?), so wird auch erst ein durch Linsen verstärktes Licht im Stande sein. Hornsilber bei Abwesenheit alles freien Sauerstoffes zu schwärzen.
- Hier, wo Ritter von der experimentellen Forschung ablässt und sich auf das Gebiet der Speculation begibt, ist er augenscheinlich von wenig Glück begleitet, ihn führten voreilige und sehr wenig begründete elektrische Hypothesen auf den Irrweg. Es muss aber hervorgehoben werden, dass Ritter bei seinen Betrachtungen über den Einfluss von grossen Höhen auf die Kraft der chemischen Wirkungen des Lichtes, das später namentlich von Bunsen entdeckte und studirte Gesetz von der Absorption der chemischen Lichtstrahlen in der Atmosphäre vorgeschwebt sein mag.
- Ueber die Wirkung des Lichtes auf frisches Schweinefett machte Henri August Vogel im Jahre 1806 zuerst einige Mittheilungen, in seiner „Abhandlung über das Fett und über einige arzneyliche Präparate, die davon verfertigt werden“3). Er sagt: „Man weiss. dass das frische Schweinefett, gut gereinigt, ohne Geruch mit einem faden, milden Geschmack begabt ist. Wenn man es zwei Monate lang den Sonnenstrahlen aussetzt, so nimmt es einen ranzigen sehr durchdringenden Geruch an, einen scharfen Geschmack, der lange Zeit im Halse kratzt
- 1) Ritter scheint nach dieser Aeusserung die Versuche Saussure’s mit seinem chemischen Photometer (s. Seite 44) nicht gekannt zu halben.
- 2) Hier erwähnt Ritter eines Versuches von Giobert, nach welchem das Chlorsilber im Vaeuum seine Weisse im Lichte vollkommen behielt. Diese Angabe Giobert’s ist aber unrichtig und Senebier hatte schon viel früher das Richtige gefunden, nämlich dass die Färbung des Chlorsilbers im Vaeuum ebenfalls stattiindet.
- 3) „Dissertation ehemieo-pharmaceotique sur la graisse, et sur quelques medica-ments qui en derivent.“ Vorgelesen vor der „Soeiete de pharmaeie de Paris“. 1806. Trommsdorff’s Journal der Pharmaeie. 1807. XVI, 1, 173.
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- und es verändert seine weisse Farbe in eine gelbe, ohne dass es jedoch eine Säure annimmt. Setzt man es den Sonnenstrahlen und zugleich dem Einflüsse der Luft aus, so finden dieselben Erscheinungen statt, aber das Fett wird dadurch zugleich auch sauer“.
- Im Jahre 1809 finden wir in Hermbstädt's „Bulletin des Neuesten und Wissenswürdigsten aus der Naturwissenschaft“ (Bd. II, Seite 130J einen Artikel über „das Bleichen der Knochen und des Elfenbeins“, welcher von unserem Standpunkte aus beachtens'werth erscheint. Es wird angeführt, dass thierische Knochen und Elfenbein mit der Zeit, wenn sie an der Luft und an dunklen Orten aufbewahrt werden, nachgilben oder wohl braun werden; dass sie hingegen an der Sonne sich nach und nach weiss bleichen. Vergl. auch S. 35. Deshalb wird vorgeschlagen, das Elfenbein etc. mit schwacher Kalilauge, dann mit Chlor vorzubleichen und im Sonnenlicht die völlige Bleiche zu geben. Das Licht wirke dadurch, „weil es den Sauerstoff, der die gelbe Farbe erzeugt, wieder verjagt“.
- Den berühmten französischen Chemikern Gay-Lussac und Thenard verdanken wir die ersten Versuche über die Beförderung der chemischen Beaetion von Chlorgas auf Wasserstoffgas und Aethylen (ölbildendes Gas) durch Licht, an welche sich später ähnliche Beactionen zwischen Chlor und organischen Substanzen anschlossen und was den Ausgangspunkt für die spätere Construction des Chlorknallgas-Photometers von Bunsen bildete.
- Gay-Lussac und Thenard legten nämlich am 27. Februar 1809 ihre „Untersuchungen über die Natur und die Zersetzung der Salzsäure und der oxygenisirten Salzsäure“ vor. (Original: „Mem. de phys. et de chimie de la Societe d'Arcueil“; Gilbert's Annal. 1810. 35. 8.)
- Sie wiederholten die Versuche Berth ollet's über die Lichtempfindlich-keit des Chlorwassers. Fourcroy zeigte, dass Chlorgas weder in Licht noch Hitze zersetzt wird. Gay-Lussac und Thenard sagten: „Wir haben hier also einen Körper kennen gelernt, der an sich weder durch Lieht und Wärme zu zersetzen ist, aber unter Mitwirkung von Wasser durch jedes der beiden sehr leicht zerlegt wird“, nämlich in Dampfform bei schwacher Bothglutli . . . „Vergleicht man die Wirkungen des Lichtes mit denen der Wärme, so kann man nicht umhin, zuzugeben, dass überhaupt beide die gleiche Wirkung hervorbringen. Diesen Schluss hatte schon Graf von Bumford gezogen . . .“
- .... „Wir machten zwei Mischungen, deren jede aus gleieh viel oxvgenirt-salzsaurem Gas (= Chlor) und aus ebensoviel Wasserstoffgas bestand, . . . Die eine setzten wir an einen vollkommen dunklen Ort.
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- die andere in das Sonnenlicht, welches an diesem Tage sehr schwach war. Nach mehreren Tagen war die Farbe der ersteren noch grün, und die Mischung- schien keine Veränderung erlitten zu haben. Die zweite wurde dagegen in weniger als einer Viertelstunde völlig entfärbt und war fast ganz zersetzt, . . . Wir machten aufs neue Mischungen von oxygenirt-salzsaurem Das, theils mit Was s er s to ff, theils mit ölbildendem Gas . . . und setzten beide Mischungen in die Sonne; dieses war kaum geschehen, so entzündeten sie sich plötzlich mit einer äusserst starken Detonation und zertrümmerten die Flaschen, deren Bruchstücke sehr weit umher geschleudert wurden. Zu unserem grossen Glücke hatten wir diesen Versuchen nicht recht, getraut und im Voraus Massregeln der Vorsicht genommen, um uns gegen jeden Zufall zu sichern/ — Kohlenoxyd ist ohne Wirkung auf Chlor. (?) — ... „Auch auf Farbstoffe scheint das lucht dieselbe Wirkung zu haben, welche eine Wärme von 150 — 200 Grad auf sie äussert.“ . . „Es ist sehr möglich, dass das Licht auch auf Pflanzen bloss so wirkt, wie die Wärme, nur mit dem wesentlichen Unterschiede, da die Wärme die Temperatur erhöht, das Licht dagegen ebenso (wie in dem Chlorwasser) auf einige Theile eher als auf andere wirkt und dadurch eine Ungleichheit der Temperatur hervorbringt, welche dem Spiele der organischen Kräfte sehr günstig zu sein scheint,'4
- VIII. Abschnitt. Entdeckung der Photographie in natürlichen Farben durch Seebeck (18.10) bis zur Bekanntmachung der Daguerreotypie (1839).
- Bei seinen Studien über die Farbenlehre befasste sich Goethe eingehend mit der Newton'sehen Theorie über das Spectrum; Goethe vertiefte sich sehr in den historischen Theil der Farbenlehre (von den alten Griechen bis auf seine Zeit) und nahm im Anhang zu seiner „Geschichte der Farbenlehre“, welche im Jahre 1810 erschien, eine Abhandlung, „Wirkung farbiger Beleuchtung“, welche ihm von Dr. Seebeek in Jena zugesandt worden war, auf1).
- Daselbst beschreibt Seebeek, ein vorzüglicher Physiker, die Wirkung des Spectrnms auf Leuehtsteine, und daran sehliesst sich die für die Geschichte der Photographie sehr wichtige Abhandlung Seebeek's, „Von der chemischen Action des Lichts und der farbigen Beleuchtung“.
- Seebeck schreibt: . . . „Als ich das Spectrum .... auf weisses, noch feuchtes und auf Papier gestrichenes Hornsilber2) fallen liess und
- 1) Goethe’s Werke (Ausgabe von Hempel, Berlin. Band 36, S. 431).
- 2) == Chlorsilber.
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- 15 bis 20 Minuten .... in unveränderter Stellung erhielt, so fand ich das Hornsilber folgendennassen verändert, Im Violett war es röfhlich-braun (bald mehr violett, bald mehr blau) geworden und auch noch über die vorher bezeichnet« Grenze des Violett hinaus erstreckte sich diese Färbung, doch war sie nicht stärker als im Violett; im Blauen des Spectrums war das Hornsilber rein blau geworden und diese Farbe erstreckte sich abnehmend und heller werdend bis Grün; im Gelben fand ich das Hornsilber mehrerentheils unverändert, bisweilen kam es mir etwas gelblicher vor als vorher; im Eoth dagegen und mehrerentheils noch etwas über das Eoth hinaus hatte es eine meist rosenrothe oder hortensienrothe Farbe angenommen. Bei einigen Prismen fiel diese Böthung ganz ausserhalb dem Roth des Spectrums .... Wenn am Lichte grau gewordenes, noch feuchtes Hornsilber ebenso lange der Einwirkung des prismatischen Sonnenbildes ausgesetzt wird, so verändert es sieh im Blau und Violett wie vorhin; im Rothen und Gelben dagegen wird man das Hornsilber heller finden, als es vorher war, zwar nur wenig heller, doch deutlich und unverkennbar. Eine Röthung in oder hart unter dem prismatischen Roth wird man auch hier gewahr werden.... Das salzsaure Silber wurde unter den violetten, blauen und blaugrünen Gläsern, wie am Sonnen- oder Tageslichte grau und zwar nach der Verschiedenartigkeit der Gläser auch verschieden nuancirt . . . .“
- Der Physiker Thomas Johann Seebeck (1770—1818) war also, nach Senebier, welcher weitaus weniger genaue Angaben über die Photochromie auf Chlorsilber machte, der Erste, welcher entdeckte, dass das Chlorsilber fähig sei. alle natürlichen Farben des Sonnen-spectrums und farbiger Gläser anzunehmen : er erkannte die Fähigkeit des im Lichte grau angelaufenen Chlorsilbers (sog. Silbersubchlorid), im gelben Lichte heller (gelblich) zu werden und auch die anderen Farben wiederzugeben; dass er auch bei „weissem Chlorsilber“ die Farbenempfindlichkeit beobachtete, ist wohl darauf zurückzuführen, dass sein Spectrum mit diffusem weissen Licht vermischt war, wo sich Silbersubchlorid bilden konnte, welches die Farben wiedergibt; reines wreisses Chlorsilber in einem reinen Spectrum färbt sieh nur im brechbareren Ende dunkel, ohne die Farben Wirkung zu reproduciren. welch letztere auch die älteren Physiker, wie Scheele u. A., bei ähnlichen Versuchen nicht beobachtet hatten und C. H. Pfaff später nicht gelang (s. u.). Seebeck entdeckte auch die chemische Wirkung der überrothen (infrarothen) Strahlen und sein Verdienst in dieser Richtung bleibt unvergänglich, wenn auch seine Zeitgenossen seine Entdeckung wenig beachteten.
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- Im Jahre 1819 wies er ausdrücklich darauf hin. dass das mit verschiedenen Glassorten erzeugte prismatische Spectrum nicht nur bezüglich der Wärmewirkung, sondern auch in der chemischen Wirkung auf Chlorsilber verschieden ist1).
- Seebeck stellte im Interesse der Goethe schen Farbenlehre noch zahlreiche andere Versuche an2). Ich erwähne hier nur seine Beobachtung (gleichfalls in Goothe's Farbenlehre a. a. 0. publicirt), dass rothes Quecksilberoxyd in blauen Gläsern sich im Sonnenlichte redueirt („in graues unvollkommenes Oxyd“ übergeht), in gelben Gläsern aber nicht, und dass sich Salpetersäure und Bestusche-ff’s Ncrventinetur (s. S. 15 und 33) in farbigen Gläsern analog verhält. Im darauffolgenden Jahre (1811) knüpfte Seebeck an die Versuche von Tlienard und Gay-Lussae über Chlorknallgas an und schreibt3):
- . . . „Ich füllte eine gelbrothe und dunkelblaue Glasglocke mit diesen Gasarten (CI -f- 11) und setzte sie dem Sonnenlichte aus. In der dunkelblauen Glocke erfolgte sogleich eine Zersetzung doch ohne Explosion und in einer Minute längstens war diese beendigt... ln der gelbrothen
- 1) Seebeek, „lieber die ungleiche Erregung der Wärme im prismatischen Sonnenbilde“. (Vorgelegt der Berliner Akademie am März 1819; Journ. f. Physik u. Chom. von Schweigger. 1824. Bd. 40, S. 146.) — Im Jahre 1835 führte Hessler die Versuche über den Einfluss der Natur des Prismas auf das Spectrum genauer durch. Er studirte die Wirkung des Sonnenspectrums, welches durch verschiedenartige Flüssig-keits- und Glas-Prismen erhalten wurde, auf ein mit Gummiwasser bestrichenes und mit Chlorsilber übersiebtes Papier. Es zeigten sich Unterschiede sowohl in Bezug auf die Ausdehnung der Schwärzung, als auf die Lage des Maximums und die Zeit, in welcher dasselbe zu Stande kommt. Die Zeit war bei Wasser und Weingeist fast Null, beim Flintglas 2,3 Min., bei Krownglas 1,5 Min., beim Terpentin- und Cassiaöl 12 bis 13 Min. Das Maximum der Schwärzung lag beim Spectrum des Wassers mitten im Violett nahe am Blau, bei dem des Wassers mitten im Violett, bei dem des Cassiaöles 23 Linien ausserhalb des violetten Randes (Annal. d. Phys. u. Chem. von Poggendorff. 1835. 35, 578.
- 2) Als Schopenhauer im Jahre 1830 im Begriffe war, die lateinische Bearbeitung seiner Farbenlehre herauszugeben, ging er zu Dr. Seebeck an der Berliner Akademie, welcher damals als der erste Physiker Deutschlands galt. Schopenhauer befragte ihn um seine Meinung über die Streitsache zwischen Goethe und Newton. Seebeck „war ausserordentlich vorsichtig, liess mich versprechen, dass ich nichts von dem, was er sage, drucken und veröffentlichen würde, und zuletzt, nachdem ich ihn hart ins Gedränge gebracht hatte, gestand er, dass Goethe in der That vollkommen Recht und Newton Unrecht habe, aber dass seine Sache nicht sei, der Welt Das zu sagen“. Schopenhauer fügt hinzu: „Er starb seitdem, der alte Feigling. — Die Wahrheit hat einen harten Stand und schweren Fortgang in dieser schlechten Welt.. .“ (Sehopenhauer’s „Ueber das Sehen und die Farben“. Vorrede Frauenstädt’s zur dritten Auflage. 1870. pag. XV.)
- 3) Schweigger’s Journ. 1811. II, S. 262,
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- Glocke ging die Zersetzung sehr langsam vor sich.“ (Jn 30 Minuten im hellsten Sonnenlicht, sehr wenig.)
- Seebeck war auch der erste, welcher 1812 beobachtete, dass das Licht des indianischen Weissfeuers die heftige Vereinigung von Chlor und Wasserstoff bewirkt, so dass Verpuffung eintritt1).
- Im Jahre 1813 erschien zu Leipzig eine Streitschrift von C. H. Pfaff, Professor zu Kiel, über „Newton’s Farbentheorie, Herrn von Goethe's Farbenlehre und den chemischen Gegensatz der Farben“, worin der Autor ganz richtig bemerkt, dass er nicht begreifen könne, wie Seebeck, nachdem er doch gefunden, dass Chlorsilber sich im Spectrum verschieden färbe, sich mit blossen Scheinfarben (nach Goethe) der Farbenlehre abfinden könne; Pfaff bemerkt hierzu, er selbst habe die natürlichen Farben des Spectrums auf Chlorsilber nicht erhalten können (s. o.), zweifle aber nicht an der Richtigkeit der Beobachtungen Seeb eck 's. Er stellte auch Versuche mit schwefelsaurem Quecksilber, Lackmustinctur etc. an und fand: „In den meisten Fällen scheint zwar das violette und blaue Licht desoxydirend zu wirken, während rothes Licht meistens oxydirend wirkt (Chlorsilber, Quecksilbersulfat, Lackmus, Bestuscheff’s Tinctur), dagegen scheinen ihm bei Guajaetinctur und Phosphor die violetten Strahlen oxydirend zu wirken“.
- Gay-Lussac und Thenard ihrerseits fassten bereits im Jahre 1811 in ihrer „ßecherches physieo -chimique“ (1811. II, S. 186) über die vergleichende Wirkung von Licht und Wärme bei chemischen Processen ihre Beobachtungen folgen dermassen zusammen2):
- 1. Die Gold- und Silberauflösungen, in Berührung gebracht mit Gelen, Aether und Kohle, werden zersetzt durch Licht; sie werden es auch durch eine Hitze von 100 Grad C. wie ßumford bewiesen hat,
- 2. Das trockene oxydirt salzsaure Gas (Chlor) wird weder durch das lebhafteste Licht zersetzt, noch durch die grösste Hitze.
- 3. Die liquide oxydirte Salzsäure (Chlorwasser) wird durch ein nicht sehr starkes Licht zersetzt, sie wird es auch durch eine Wärme nahe der Dunkelrothglühhitze.
- 4. Die concentrirte Salpetersäure wird zersetzt durch ein sehr lebhaftes Licht, sie wird es auch durch eine Wärme fast gleich der dunkel-rothen Gluth.
- D Schweigger’s Journ 1812. Bd. 5, S. 233.
- 2) S. auch Sehweigger’s Journ. f. Chem. u. Phys. 1811 No. 219 (V, 233).
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- 5. Das oxydirt salzsaure Gas, mit Hydrogengas oder hydrogenirtem Kohlenoxydgas1), verpufft bei Berührung der Sonnenstrahlen; es verpufft auch bei einer Hitze von 125 bis 160 Grad.
- 6. Das oxydirt salzsaure Salz, vermischt mit Wasserstoffgas, zersetzt sich bloss langsam bei zerstreutem Lichte, Diese zwei Gasarten wirken nur langsam oder gar nicht aufeinander unter 120 Grad.
- 7. Das schwarze Quecksilberoxyd bildet sich um in Quecksilber und rothes Quecksilberoxyd am Lichte; diese Veränderung erfolgt durch die Wärme.
- 8. Braunes Bleioxyd, und ohne Zweifel auch die Oxyde von Silber, Gold und Platina zersetzen sich im luchte, sie zersetzen sich auch durch die Wärme.
- 9. Die rosige Farbe des Safflor wurde zerstört durch das Licht und schmutzig weiss; dieselbe Veränderung erlitt sie durch eine Hitze von 160 Grad in einer Stunde.
- 10. Die violette Farbe des Campeeheholzes wurde zersetzt durch das Licht und war rothgelb und matt; sie wird auch roth, gelb und matt durch eine Hitze von 180 Grad in lV2 Stunden.
- 11. Die rothe Farbe des Brasilienholzes wurde zersetzt und beinahe weiss durch das Licht; sie wurde ebenso verändert durch eine Hitze von 190 Grad in 2 Stunden.
- 12. Die Orangefarbe des Curcuma wurde zerstört durch das Licht und ward rostfarbig; es entstand gleichfalls Eostfarbe in l!/2 Stunden durch eine Hitze von 200 Grad.
- 13. Endlich die gelbe Farbe des Wau wurde ockerfarbig durch das Lieht; sie erlitt dieselbe Veränderung in 2J/2 Stunden bei 210 Grad Wärme.
- Schliesslich behaupten sie, dass Licht keine chemische Wirkung äussert, welche nicht auch durch grössere oder geringere Hitze hervorgebracht wird.
- Diese Behauptung gab später Anlass zu häufigen Controversen, welche zeigten, dass die Ansicht Gay-Lussac's und Thenard’s in vielen, aber nicht in allen Fällen richtig ist, was auch Davy im folgenden Jahre fesstellte.
- Die bereits von Link und Heinrich ausgesprochene Ansicht, dass das Licht bald oxydirend bald reducirend wirke, bestätigte Wo 11 aston
- 1) „Oelbildendes Gas, ferner die bei der Zersetzung von Alkohol in glühenden Röhren, sowie bei der trockenen Destillation vegetabilischer oder thierischer Stoffe entstandenen Gase.“
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- (1811) durch Versuche mit Guajacharz und Papier, welches mit alkoholischer Guajactinctur bestrichen war; letzteres wurde im Violett des Spectrums grün gefärbt (oxydirt), im Roth dagegen wurde die grüne Farbe wieder gebleicht; daraus folgert Wollaston, „dass die Strahlen, welche aus dem Chlorsilber ein Weichen des Sauerstoffes bewirken (d. i. ßeduction), beim Guajac ein Verschlucken desselben erzeugen" 1). Er nannte deshalb die brechbaren Strahlen „chemisch wirksame“ Strahlen und spricht sich gegen die seinerzeit von Ritter gebrauchte Bezeichnung „reducirende Strahlen“ aus. (Vergl. S. 55.)
- Auch Ruhland theilte in seinen „Fragmenten zu einer Theorie der Oxydation“ mit2), man habe gefunden, dass das Sonnenlicht-die Verwitterung krystallwasserhaltiger Krystalle befördert und sagt, das Licht wirke auch oft oxydirend: „so wird die Oxydation in der galvanischen Säule und damit ihre Wirksamkeit nach Bucholtz (Gilbert’s Annalen, Bd. 9) durch das Lieht erhöht, so oxydirt sich Eisen am Lichte schneller als im Dunkeln“.
- Im Jahre 1811 erfolgte die Neu-Begründung und Entwicklung der Undulationstheorie des Lichtes durch Young3), welche That,Sache für die mathematische Optik von höchster Tragweite war, auf die Photochemie aber keine Förderung übte.
- Im Jahre 1815 betrat ein neues Genie, Fresnel, den Schauplatz der Wissenschaft und unterstüzt von Arago erfocht er nach hartem Kampfe den glänzendsten Sieg der Undulationstheorie über die Emissionstheorie4) und hiermit wurde auch in der Folge eine Ansicht zum Falle gebracht, nach welcher sich ein „Theil des Lichtstoffes“ mit chemischen Substanzen verbinde. Nach Fresn el -Arago's Anschauung wurde deutlich gesagt, dass bei der chemischen Wirkung des Lichtes auf Silbersalze etc. keine Vereinigung der „Theile des Lichtes“ mit denen der Körper stattfinde, auf welche es wirkt. Die Entscheidung in dieser Frage fiel also nicht durch chemische Versuche, sondern war eine Consequenz der auf mathematisch-physikalischem Wege erhärteten Undulationstheorie des Lichtes.
- Die allgemeinen Betrachtungen über die Natur der chemischen Processe, welche die stärker brechbaren Strahlen des Sonnenspectrums und andererseits die weniger brechbaren Strahlen verursachen, wurden von verschiedenen Seiten fortgesetzt:
- 1) Gilbert’s Annalen. Bd. 39, S. 291 (1811).
- 2) Schweigger’s Journ. f. Chemie und Physik. 1811. I, 470.
- 3) Gilbert’s Annal, XXXIX, S. 156 (1811).
- 4) Poggendorff’s Geschichte der Physik. J879. S. 646.
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- Davy wendete sieh in seinem, im Jahre 1812 erschienenen Werke: „Elemente des chemischen Theiles der Naturwissenschaften“ (Englische Ausgabe 1812, Deutsche Ausgabe 1814) im II. Capitel gegen die Theorie Gay-Lussac und Thenard's, dass die chemische Wirkung des Lichtes der Wärmewirkung gleicht : indem er darauf hinweist, dass Chlorsilber, Chlorwasser, Chlor -f- Wasserstoffgas und angefeuchtetes rothes Queeksilber-oxyd gerade in den kältesten Strahlen des Speetrums (d. i. im Violett) am raschesten verändert werden, sagt er, „man konnte die Strahlen die hydrogenisirenden Strahlen nennen“, während das „floh-farbene an gefeuchtete Bleioxyd“ in den weniger brechbaren Strahlen sich mehr verändere als im Violett, ebenso wie auch Quecksilberoxydul durch die weniger brechbaren Strahlen roth werde, indem eine Oxydation bewirkt werde.
- Auch Davy bekannte sich zu der später oft behaupteten Annahme, dass die brechbareren Strahlen rcducirend, die weniger brechbaren aber oxydirend wirken, welche Ansicht nach dem Stande der damaligen photochemischen Kenntniss viel Wahrscheinlichkeit für sich hatte, aber bereits damals von Wo 1 las ton u. A. (s. o.) bekämpft und auch in neuester Zeit experimentell widerlegt wurde.
- Davy fand auch 1812, dass Kohlenoxyd und Chlorgas sich in der Sonne verbinden Q, und A. Vogel in Paris studirte das Verhalten des Phosphors (vergl. Böckmann, S. 53) und der Phosphorverbindungen gegen Licht genau: der letztere entdeckte die Liehtempfmdlichkeit des Phosphorwasserstoffes2) und studirte im folgenden Jahre die Wirkung des Sonnenlichtes auf Phosphor, welcher sich nach seinen Beobachtungen auch unter Wasser im Vacuum, sowie in einer Stickstoff- und Wasserstoff-Atmosphäre in rothen Phosphor verwandelt, wobei die violetten Strahlen des Speetrums rascher als die rothen wirkten3), woran sich ähnliche Beobachtungen von Buhland anschlossen, welche er in einer Abhandlung, „lieber den Einfluss des Lichtes auf die Erde“, im Jahre 1813 der Akademie der Wissenschaften in München vorlegte4).
- A. Vogel in Paris studirte die chemischen Wirkungen des Lichtes auf verschiedene Substanzen mit grossem Eifer. Seine „Versuche über die Wirkung des Sonnenlichtes auf den Phosphor“ 5) sind sehr bemer-
- D Schweigger’s Journ f. Chem u. Phys. 1813. IX, S. 199.
- 2) Ibid. 1812. S. 404.
- 3) A. Vogel in Annales de Chimie. 1813. Bd. 85 , S. 225. Trom in s dorff’s Journ. der Pharmae XXII, 2, 209. Schweigger’s Journ. f. Chem. u. Phys. 1813. VII, 95. — Vergl. auch Brugnatelli (Schweigger’s Journ. 1813. VII, 98).
- 4) Schweigger’s Journ. f. Chem. u. Phys. 1813. IX, S. 229.
- 5) Ibid. VII, S. 95.
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- kenswerth und ergänzen die Beobachtungen von Böckmann (1800). Daran schlossen sich Versuche über das wässerige, mit etwas Alkohol versetzte blaue Infusum von Veilchen, welches im blauen Lichte rasch, im rothen langsam die Farbe verliert, was auch beim Infusum von Mohnblumen der Fall ist. Weiter fand er1):
- ..Das sauerkleesaure Kupferoxyd-Natron hat die merkwürdige Eigenschaft, im Sonnenlicht sehr schnell und im Schatten allmählich grün, dann schwarzbraun zu werden, ohne von seinem Gewichte, seiner Form, und wie es scheint von seinem Glanze etwas zu verlieren.“
- Weitere Experimente von A. Vogel beschrieb Ruhland in Sehweig-ger’s .Journal2) (1813. IX, S. 236). A. Vogel in Paris fand:
- 1. Dass frische Krystalle von phosphorsaurem Natron, Glaubersalz, Eisenvitriol, hinter blauem Glas schneller efflorescirten als hinter rotliem.
- 2. Phosphor in „reinem nitrosem Gas“ (salpetrige Säure?) ist lichtbeständig.
- 3. Alkoholische Tinctur von rothen Nelken wurde in einigen Tagen hinter dem blauen Glase weiss, hinter rothem war sie um dieselbe Zeit noch sehr purpurfarbig. Mit dieser Tinctur gefärbte Baumwolle-Papiere zeigten dieselben Unterschiede. Die Blumenblätter von papaver rhoeas (Klatschrose) bleichten hinter blauem (Base in einigen Tagen aus, hinter rothem änderten sie ihre Farbe nicht, — Die fetten Gele werden im Lichte allmählich sauer. (Vergl. S. 71.)
- 4. Phosphor unter Aetzkali entwickeln, hinter blauem Glase belichtet, viel Gas und lösten sich auf; hinter rothem fanden diese Erscheinungen weit schwächer statt,
- 5. Die Lösung von Eisenchlorid in Aether verliert in einigen Minuten hinter blauem Glase die goldgelbe Farbe, hinter rothem bleibt sie den ganzen Tag unverändert, (Vergl. S. 15, 33 und 68.) Da dieselbe chemisch sehr lichtempfindlich ist. „so könnte sie vielleicht einmal ein guter Lichtstärkemesser werden“.
- 6. Die Lösung von Kupferchlorid gibt genau dasselbe Phänomen hinter farbigem Glase.
- 7. Eine gesättigte Auflösung Quecksilberchlorid in Aether verändert sich in dem Lichte hinter rothem Glase nicht, hinter blauem und ungefärbtem Glase scheidet sich eine Menge kleiner Krystalle ab. Der Niederschlag färbte sich mit Aetzkali schwarz, „was beweist, dass der
- 1) Schweigger's Journ. f. Cheiri. u. Phys. 1813. VII, S 21.
- 2) S. auch Gilbert’s Annalen. 1814. XVIII, S. 375.
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- Absatz salzsaures Quecksilber-Protoxyd“ war. (Yergl. S. 26.) — Die Auflösung in absolutem Alkohol verhält sich ähnlich, zersetzt sieh aber langsamer.
- 8. Schwefelammonium, in Flaschen hinter blauem und rothem Glase dein Lichte ausgesetzt, erleidet nur im Blau eine Veränderung (nach zwei Monaten belegen sieh die Wände mit einer Schicht).
- Es verdient auch erwähnt zu werden, dass Döbereiner im Jahre 1813 fand, dass sich unterchlorigsaure Alkalien (Ja veile'sehe Lauge) und Chlorkalk im Lichte rascher als im Dunkeln verändern (Schweigger’s Journal für Chemie und Physik. 1813. IX, S. 18).
- Die Lichtempfindlichkeit des Silberalbuminates finde ich zum ersten Male im Jahre 1812 in einer Abhandlung erwähnt, deren Titel dies wohl nicht errathen lässt.
- In seiner „Kritik der von dem Herrn Professor Grindel fortgesetzten Versuche über die künstliche Bluterzeugung“ machte N.W. Fischer in Breslau im Jahre 1812 zuerst1) auf die Lichtempfindlichkeit des in der Photographie so wichtigen Silberalbuminat als eine bekannte Erscheinung aufmerksam: „Wenn Silberauflösung mit thierischen Flüssigkeiten, namentlich mit Eiweiss, vermischt und dem Lichte ausgesetzt wird, so verbindet sieh das Silber mit einem schwach oxydirten, aber nicht regulinischen Zustand mit der thierischen Substanz und färbt sie schwarz, wie schon längst bekannt, doch ist diese Färbung anfangs bräunlich-roth und geht erst spät, oft erst nach mehreren Tagen, in dunkelbraun und wie schwarz über“. Wozu er in einer Anmerkung beifügt: „Wie jeder, der sich mit Silberauflösung die Hände befleckt, leicht beobachten kann. Nur muss dann die Silberauflösung oder wenigstens die Säure nicht stark vorherrschend sein, denn ist dies der Fall, so werden die Flecken auf der Haut bald, obgleich schmutzig schwarz.“ — Alan ersieht hieraus, dass Fischer schon wusste, dass der photographische Schwärzungsproeess durch Gegenwart von freier Salpetersäure stark beeinflusst wird.
- Die Kenntniss der Lichtempfindlichkeit der Silberverbindungen wurde durch die Specialstudie von Fischer „Ueber die Wirkung des Lichtes auf Ilornsilber“ (Nürnberg, 1814) nennenswerth erweitert, Die Schrift enthält einen guten historischen Kückblick und die ausführliche Beschreibung eigener Versuche.
- Da diese Schrift bereits äusserst selten geworden ist, so sollen im Nachstehenden die wichtigsten Befunde mitgefheilt werden.
- 1) Vorgelesen in der medicinischen Seetion der schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cnltur am 25. April 1812. Schweigger’s Journ. f. Chemie n. Physik. 1813. IX, 403.
- Eder, Handbuch der Photographie. I. Theil. 2. Aufl.
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- 1. a) Das Schwärzen des Silberimmate ist ausschliesslich Wirkung des Lichtes. (Dasselbe hatte Link gesagt.) — Scheele, Senehier, Vassaii, Heinrich und Bucholtz hielten die Wärme für mitwirkend. Nach Bitter soll Chlorsilber hei 0 Grad C. sich nicht färben. Berthollet sagt, auch Luftzug bewirkt Schwärzung; nach Bitter aber nur. insofern er beim Feuer bereits gebraucht worden ist und Kohlenstaub von sieh gibt (S. (14).
- b) Es färbt sich Chlorsilber selbst bei —16 bis 18 Grad B. Wärmeerhöhung allein bewirkt keine Färbung und Licht wirkt auf geschmolzenes Chlorsilber nicht ein
- 2. Die Färbung des Chlorsilbers geht von Blänlichgrau in Bothbraun über. — Nach der Beschaffenheit (d. h. Boinhoit des Präparates) findet ein verschiedener Farbenwechsel statt. „Bei einem Präparat, welches einen üeberfluss an Salzsäure .hatte und in grossen Stücken schneit getrocknet war. brachte auch das Sonnenlicht nicht eher eine Färbung hervor, als bis es nass gemacht wurde.“
- 3. Durch Wasser wird zwar die Färbung des Chlorsilbers erleichtert und beschleunigt, aber zur Hervorbringung dieser Erscheinung ist es dennoch nicht unumgänglich nothwendig, denn sie erfolgt unter jeder ungefärbten Flüssigkeit und in trockener Luft. Fischer bewies dies an geschmolzenem Chlorsilber*), welches er unter Schwefelsäure, Salpetersäure, Alkohol - Aether, Nussöl exponirt und in allen Fällen wurde es bis rothbraun gefärbt. Am schnellsten allerdings durch Wasser, am langsamsten Nussöl. Auch tu über Chlorealcium getrockneter Luft färbt sich Chlorsilber.
- NB. Scheele fand, dass Cblorsiiber unter Salpetersäure sieh nicht färbt (Fischer meint, er habe rothe Salpetersäure gehabt).
- 4. a) „Die Natur dieser Erscheinung (Färbung) ist, dass das Chlorsilber durch das Licht zersetzt und der eine Bestandteil, die oxydirte Salzsäure, ausgeschieden wird, welche entweder in luftförmigem Zustande entweicht oder sich der Flüssigkeit mittheilt.
- (Gilbert hatte diese Ansicht zuerst ausgesprochen: Chlor entweicht, bildet mit dem Wasserstoff des Wassers Salzsäure .... Scheele, Senebier, Berthollet, Hein-
- rich, Buche Hz, eonstatirten einfach Lösung von Salzsäure.)
- Fischer fand, dass nicht nur an Wasser, sondern auch an Alkohol, Aether, Salpetersäure das Chlorsilber im Lichte Chlor abgibt, welche Flüssigkeiten dann auf Silbernitrat roagiren.
- Während, das trockene Chlorsilber sieh in der Sonne schwärzt, entwickelt sich ein Geruch nach. Chlor. Auch Chlorsilber + Wasser nimmt nach 8—14 Tagen den Chlor-gcrueh an; es bleicht Ptlanzenfarbeu (Lackmus, Curcuma). Auch trockenes, geschmolzenes Chlorsilber entwickelt (allerdings langsamer) Chlorgas, Alkohol nimmt Geruch nach Chloräther an, wie ihn nur Chlor orthellt. Es scheidet sieh demnach Chlor (und nicht Salzsäure) aus.
- b) Beines geschmolzenes Chlorsilber verlor 1jsm an Gewicht nach 4 Wochen Belichtung (von 10 g 0,02 g).
- 5. Die Veränderung, welche das Cblorsiiber durch die Schwärzung erleidet, ist, „dass es aus dem Zustande einer neutralen Verbindung in den eines basischen Salzes übergeht. Der von der Salzsäure befreite Antheil Silber nämlich verbindet sich mit dem unzersetzten Muriat zu einem Salze mit Uobcrschuss der Grundlage“ (d. h. Silber-subehlorid !!!).
- 1) Er nennt geschmolzenes f’hlorsilber «-onsequent Hornsilber, das gefällte „salzsaures Silber“.
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- Geschichte der Photoehemie vom Aiterthume bis zu Daguerre im Jahre 1839. 88
- Er stützte dies durch folgende Experimente:
- a) Geschwärztes Chlorsilber wird durch Salzsäure oder Schwefelsäure nicht aufgehellt, weshalb kein Silberoxyd frei geworden sein kann (wie Berthol !ot, Bueholtz, Gilbert annahm).
- b) „Wurde Salpetersäure auf vollkommen geschwärztes Chlorsilber gethan, so bildete sieh eine Silborauflösung; jedoch nur dann, wenn das Muriat (Chlorsilber) vollkommen geschwärzt war und besonders, wenn die Färbung anfangs unter Wasser geschah; war sie hingegen nicht ganz vollendet, so löste die Salpetersäure kein Silber auf. In keinem Falle wurde das Chlorsilber entfärbt, selbst wenn Salpetersäure etwas Silber aufnahm, in welch’ letzterem Falle die Farbe allerdings etwas lichter wurde.“
- c) Das gefärbte Chlorsilber ist in Ammoniak nicht mein’ ganz löslich, wie das ungefärbte; der Rückstand ist silbergrau, in Salpetersäure ganz löslich (sowie Scheele annahm, entgegen Berthollet’s Ansicht). Dies zeigt nicht, wie Scheele glaubt, dass Ammoniak einfach das im Lichte entstandene Silber ausscheidet, „sondern, dass das Ammoniak selbst zum Th eil zersetzend auf das Muriat einwirkt und ein Theil Silber ausscheidet“.
- „Das Product der Färbung kann nicht als eine bloss mechanische Verbindung von unzersetztem Muriat und freiem Silber angesehen werden, sonst müsste die Salpetersäure das freie Silber auf lösen und dadurch die woisse Farbe horstellen können, was nicht geschieht,“ Die „chemische Verbindung zwischen zersetztem und unzersetztem Muriat ist so innig, dass Salpetersäure nicht im Stande ist sie zu trennen“.
- 6. Uebor Gegensatz der Oxydation im Buth und der Beduetion im Violett hält sieh Fischer zweifelnd und reservirt.
- 7. .Jede Art Lieht bringt diese Wirkung (Färbung und Beduetion) hervor. Am raschesten Sonnen-, dann Tageslicht; Blau und Violett wirken rasch, Roth langsamer, dann kommt Flammen-, und zuletzt Mondlicht.
- Jm Jahre 1814 wurde das bereits von (Jourfois (1811) enideckte -Tod von Davy genauer untersucht und seine Verbindung mit Silber, das in der Photographie so wichtige .Jodsilber, entdeckt1).
- Davy berichtete am 20. Januar 1.814 der königl. Gesellschart zu London über verschiedene Eigenschaften des Jod. ...Der neue Stoff schlägt saipetersaures Silber citronengelb nieder.“ . . . „Das Licht wirkte noch rascher auf dieses Sübersaiz, als auf Hornsilber und gibt einen Körper, ähnlich dem, weicher bei Erhitzung dieses eigenthiimlichen Stoffes mit Silber gebildet wird”2). Davy dürfte sein Jodsilber mit überschüssigem Silborniirat dargesielit haben, weii sich sein Präparat im Lichte rasch veränderte, was bekanntlich nur in diesem Falle eintriii.
- 1) Die deutschen Chemiker waren in der Bezeichnung des Chlors und Jods sehr zerfahren. Einige sagten, „die Chlorine“, „die Joclinoh andere „das Chlorin oder Jodin“ oder „das Chlor oder Jod". Die Behandlung derselben als Femininum wurde übrigens bald fallen gelassen , insbesondere in Folge des energischen Protestes Buc-h-ner’s gegen die Anomalie, gegen welchen der Sprachgebrauch nur die Analogie in deutschen und fremden Sprachen wäre (Buchner’s Bcpertor. Pharm. 1823 XIV, 40(1). Später war der Ausdruck „das Chlor und Jod“ bald allgemein.
- 2) Sohweigger, Jouni f. Chemie u. Physik. 181-4, XI, GS; aus Thomson's Annals of philos 1814.
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- Erster Theil. Erstes Capitel.
- Steffens erhielt während seines Aufenthaltes in Paris im Frühling 1814 durch Gay-Lussae etwas Jod (damals eine grosse Parität), mit welchem er in Gemeinschaft mit Link und Fischer Versuche anstellte. Die drei genannten Chemiker beobachteten , dass Silberlösungen durch Jod gefällt werden und dass der Niederschlag grosse Aehnlichkeit mit Chlorsilber habe, sagten aber: „Sowohl die präcipitirte (licht grünlichgelbe) als die geschmolzene Verbindung (Jodsilber) behält im Lichte seine Farbe“ l). Diese Beobachtung, welche entgegengesetzte K es ul täte ergab, als Davy erhalten hatte, erklärt sieh dadurch, dass die letztgenannten Chemiker offenbar das Jodsilber mit überschüssigem Jodkalium gefällt hatten; das verschiedene 'Verhalten des nach der einen oder der anderen Art gefällten Jodsilbers gegen Licht war den damaligen Forschern nicht aufgefallen.
- Der Umstand, dass das Jodsilber sich im Lichte viel weniger energisch schwärzt, als Chlorsilber, lenkte die Aufmerksamkeit der Physiker von ersterem ab und es wurde bei photochemischen Versuchen bis zu Daguerre's Experimenten wenig beachtet, Bouilay hatte wohl im Jahre 1827 das Doppelsalz von Jodsilber mit Jodkalium entdeckt und beobachtet, dass es im Lichte eine blasse blaue Färbung annehme (Ann. d. Chemie u. Physik. Bd. 37, S. 37), allein die photochemische Zersetzung dieses Doppelsalzes ist eine sehr geringe,
- Das Jod und die Jodsalze erhielten zunächst nur eine Bedeutung in der Medicin, nicht aber in der Photochemie. Dadurch, das Dr. Coindet in Genf im Jahre 1820 das Jod als Mittel gegen Kropf empfahl, wurde eine grosse Verbreitung desselben verursacht und der Preis desselben stieg sehr.
- Die Physiker dagegen befassten sich stets mehr mit dem Chlorsilber, welches sich im Lichte viel rascher schwärzt,
- ln der Folge häuften sich einzelne Beobachtungen über die Lichtem pfindlichkeit verschiedener Substan zen.
- Bei seinen „Versuchen über die wechselseitige Wirkung einiger Ammoniaksalze und des oxydirt salzsauren Quecksilbers" (= Hg Cl-2) beschrieb L. A. Planche2) im Jahre 1815 die Wirkung des Lichtes auf eine Mischung von Ammoniumoxalat und Quecksilberchlorid-Lösung. Er mischte gleiche Volumina einer kaltgesättigten wässerigen Lösung
- 1) Sehweigger, Journ. f. Chemie u. Physik. 1814. XI, 133.
- 2) Journal de Pharmacie. 1815. pag. 49. Auch Tromm s dorff’s Journal der Pkarmaeio. XXV, 1. 195.
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- Geschichte der Photochemie vom Aiterthume bis zu Daguerre im Jahre 1839. 80
- von Ammoniumoxalat und Sublimat, füllte damit eine kleine Woulf'sehe Flasche zu neun Zehntheilen an und brachte ein Gasentbindungsrohr an. Als er die Flasche dem starken Sonnenlichte aussetzte, trübte sich die Mischung nach zwei Minuten. Sie wurde nach und nach milchartig, setzte dann eine gewisse Menge „salzsaures Quecksilber in Minimum“ (Calomel) ab. Jetzt begann „die Oberfläche der Flüssigkeit aufzuwallen“ und durch eine schwache Bewegung derselben entbanden sich Blasen von Kohlensäure; diese Gasentbindung dauerte mehrere Stunden und hiernach wurde die Flüssigkeit hell.
- Dass diese beiden Salze sieh thatsächlieh unter dem Einflüsse des Lichtes zersetzen, bewies Planche dadurch, dass er eine Probe dieser Lösung im Finstern stellen liess und selbst nach acht Tagen nicht die geringste Veränderung bemerken konnte. Der Zutritt des Uchtes, schliesst er, scheint zur wechselseitigen Zersetzung des ätzenden Sublimates und des sauerkleesauren Ammoniaks nothwendig zu sein.
- Auf diese ßeaction stützte sich später das Eder'sehe Photometer mit Quecksilbersalzen. (Vergi. auch Seite 32.)
- üeber die Lichtempfindlichkeit von Mangansalzen berichtete zuerst Brandenburg. Er gab 1815 an1), „dass die mit reiner Schwefelsäure bereitete, viel freie Säure enthaltende, rötblich, klare Manganauflösung, wenn sie einen oder mehrere Tage hindurch, unter dem Zutritte des Lichtes und der atmosphärischen Luft, ruhig gestanden hatte, zuerst trübe wurde, bald darauf aber ihrer Farbe völlig beraubt war“.
- Schweigger bemerkt hierzu2), dass er ebenfalls beobachtet habe, dass schön rothe schwefelsaure Manganauflösung3) nur im Lichte entfärbt wurde und dass die entfärbte Lösung im Finstern niemals wieder die rothe Farbe zurückerhielt. Frombe-rg, welcher die Mangansäure später (1824) genauer untersuchte4), gab an, dass die wässerige Lösung derselben lichtempfindlich sei (sich entfärbt).
- Aber auch dem Verhalten organischer Substanzen gegen Lieht wurde gesteigerte Aufmerksamkeit zugewendet.
- lieber die grüne Substanz der Pflanzen stellten Pelletier und Caventon im Jahre 1817 nähere Versuche an über das „grüne Pflanzenharz". wie es durch Alkohol. Aether etc. ausgezogen wurde. Die alkoholische Lösung der grünen Substanz gab mit Kalk, Thonerde. Magnesiasalzen etc. grüne Lackfarben, auf welche das Licht im Allgemeinen
- D Schweigger's Journ. f. Chemie und Physik. 1815. XIV, 348.
- 2) Ibid. S. 377.
- 3) Offenbar sehwefelsaores Manganoxyd neben Oxydul enthaltend. (Eder.)
- 4) Sehwoigger’s Journ. 1824. Bd. 41, S. 269.
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- Erster Tlioil. Erstes Capitol
- keinon nachtheiiigen Einfluss äusserte, nur die grüne Materie der Fichte und Tanne erlitt eine1--Veränderung1). Büchner bemerkte in einer Notiz zu dieser Abhandlung, dass er sielt vor einigen Jahren ebenfalls mit diesem (legenstände beschäftigt habe, dass das grüne Pigment von verschiedenen Wasserpflanzen, durch Alkohol ausgezogen und auf Papier, Leinwand, Baumwolle und Seide aufgetragen, an der Sonne äusserst schnei! versehiesse und sich ins Blassgelbe oder schmutzig Braune verändere 2).
- Im Jahre 1818 untersuchte BrugnateBi die aus Harnsäure entstellende Purpursüuro näher und fand, dass die wasserhaltigen farblosen Frvstalle derselben im Sonnenlichte (auch beim Erwärmen) sich roth färben. Wenn sie aber alles ihr Wasser verloren haben, färbt sie das Sonnenlicht nicht mehr und die Wärme zerstört sie, ohne dass sie eine rot he Farbe annehmen3).
- Vom Jahre 1818 ah müssen wir der Thäligkeit von Tlieod. Grot-t h us unser Augenmerk zu wen den : Bereits im Jahre 1818 fand derselbe, dass das RdiodansiJber am Lichte geschwärzt wird. jedoch weniger als Fldorsilber4 5) und im Oetober 1818 legte er der „CurUindischen (ieselischafl für Literatur und Kunst'1 eine Abhandlung „über die chemische 'Wirksamkeit des Lichtes" vor0), worin er allgemeine plsotochemisclie Sätze aufstellt0), welche originell waren, aber sich in der Folge als unhaltbar erwiesen.
- Brotfhus suchte die chemische Lichtwirkung mit der galvanischen Wirkung in Einklang zu bringen. Er hielt die positive Flektricität (-j-E) und die negative Elekiricität (—E) für die wahren Bestandtheile des Lichtes und sprach die Ansicht aus. dass das Licht die Bestandtheile vieler Verbindungen trennt und sie zwingt sich mit der elektrischem 'Materie zu verbinden.
- Er suchte die zu seiner Zeit, bekannten photochemischen Erscheinungen unter 4 Besetze zu bringen und stellt zur Begründung seiner Theorie zahlreiche neue Experimente an. welche die Kenntniss der Lichtempfindlich keit chemischer Substanzen wesentlich vermehrte. Die 4 Besetze von Grottlnis sind:
- 1) Journal de Pliarm. N. XL 1817. Büchner, Repertorium für die Fharumeie. 1818. IV, 394.
- 2) Büchner. Repertorium für die Pharmaeio. 1818. IV, 39(1.
- 3) A mutlos de Chimie et de Physiipie. 1S8S. VIII, *201. Sehweigger’s Journ. fiir Oliemio und Physik. .1.81 S. XXIV. 309.
- 4) Sehweigger’s Journ f. Phys. u. Chom ISIS. XX, S. 240.
- 5) Im Auszüge in Gilbert's Annal. Phys. 1819. Bd. 01. S. 50.
- 0) Vergl. auch Grotthus’ „Physisch-chemische Forschungen“ (Nürnberg JS20).
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- 1. Aus gewissen Auflösungen, besonders solchen, welche dissoeiiren, trennt das Lieht die nächsten Bestandtheile, so dass die durch die Trennung entstehende neue Verbindung die unter den gegebenen Umständen möglichst grosse Differenz der Löslichkeit zeigt. (Beispiel: Zinnehloriir in Wasser gelöst und mit Oel bedeckt, soll sieh in der Sonne rascher trüben als im Finsteren, „wobei sich basisch salzsaures Zinnoxydul ausscheidet“, während das saure Salz gelöst bleibt.)
- 2. In Sauerstoff- und Chlor-Verbindungen, welche von dem Lichte zersetzt werden, desoxydirt oder dcohlorirt das Licht gewöhnlich den ponderableu eiektropositive» Be-standtkeil oder verhindert dessen Oxydation oder Chiorirung: gleichzeitig oxydirt und chlorirt es den elektronegativon oder indifferenten Bcstandthoii. (Beispiel: Ohlorsilber bildet im Lichte zuerst freies Chlor und dieses durch Einwirkung auf Wasser Salzsäure, „indem der Sauerstoff des Wassers sich mit r E des Lichtes und das Silber mit dem — E des Lichtes verbindet“; Entfärbung der Eisentinctur)
- 3. Auf Verbindungen deren Bestandtheile einer Hydrogenisirung oder Dehydro-gemsirung (Wasserstoffentziehimg) fähig sind, wirkt das Licht in der Art, dass der elektronogativo Bcstandthoii hydiogenisirt wird. während es den elektroposifiven Ho-standtheil dekydrogenisirt, indem es zugleich seine imponderablen Elemente (±_ E) ihm dadurch entstehenden neuen Verbindungen chemisch abtritt. (Beispiel: Wässerige .lod-stärko wird im Lichte farblos, indem sich Jodwasserstoff bildet1,)
- 4 Wenn das Licht mit Sauerstoff und gewissen Salzlösungen in Wirkung tritt, welche schon für sich allein eine Veränderung durch das Lieht oder eine diesem gleiche Beaetion erlitten haben, so desoxydirt es das imponderabie -f-E des Sauerstoffgasos und oxydirt denselben nächsten eloktropositiven Bestandtheil des Salzes etc. etc. (Leispiel: Die blutrotho Lösung von Eis onsulfoeyanid wird durch Licht allein entfärbt, bei Gegenwart von Luft und Licht aber wieder geröthet)
- Wie man sieht sind diese Thesen von Grotthus wahrscheinlich durch die in damaliger Zeit von berühmten Chemikern (wie Davy. Berzelius u. A.) besonders ciil-tivirten elektrochemischen Theorien von Grotthus — jedoch mit wenig Glück — auf die Photoehernie angewendet worden
- Im Jahre 1819 ent (leckte Sir lohn H ersehe! die unterscli wellig-sauren Sulz« (llyposuiliie) und beschrieb deren Eigenschaften im ..The Edinburgh Dhiiosophicai Jounml." 1819. 1. pag. 8 und 396. Für unseren (legenstand ist von besonderem Interesse die Anführung der Thatsache. dass ..das gefällte Ohlorsilber in allem lliissigmi Jlyposulfit löslich ist" und dass das Xa tri um salz das Ohlorsilber leiclit und in grossen Quantitäten löst. Diese Beobachtung llerschel's wurde merkwürdiger Weise weder von den Zeitgenossen, noch von späteren Forschern, weiche sieh mit der Liehiempfmdiiehkeit der Siibervorbindungen befassten, zum Fivireii tarn Lichtbildern aut Silberpapier ausgeniltzt. Weder Daguerre no(di Xiepce hatten bis zur Veröffentlichung der Danuerreotypie (1889! die tixiremlon Eigenschaften der ilyposuliito gekannt und sogar der Landsmann und Zeitgenosse HersclieLs. der verdienstvolle Forscher Talbot. versuchte
- D Diese Beaetion wurde später als ein blosses Entweichen des Jod durch Wärmewirkung erkannt und ist das Beispiel somit nicht zutreffend.
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- das Fixiron seiner Bilder auf Chlorsilberpapier mit den verschiedenartigsten Salzen, kam aber nicht auf die Idee das unterschwefligsaure Natron zu verwenden. Als aber im Jahre 1839 alle Welt von der Erfindung der Daguerreotypie sprach und auch Tal bot viele Experimente anstellte, kam Hersehet zur Kenntniss dieser photographischen Methoden und machte seinerseits erst im Jahre 1839 die Beobachtung, dass das Hyposulfit ein ausgezeichnetes Fixirmittel sei; dies th eilte er Tal bot mit, welcher die Herscheksche Erfindung der neuen Fixirmet.hode allgemein im Jahre 1839 bekannt machte (s. Ed er's Handbuch für Photographie, 3. Bd., S. 5).
- Im Jahre 1821 entdeckte Faraday, dass sich Jod mit ölbildendem Gas zu einer krystallisirenden Verbindung vereinigt, wenn man beide den Sonnenstrahlen aussetzt*) und dass sich Ifohlenstoftperchlorid unmittelbar aus Aethylen und Chlorgas darstellen lässt, wenn man das zuerst hierbei entstehende Oel mit überschüssigem Chlorgas den Sonnenstrahlen aussetzt1 2).
- Im selben Jahre fand Henry3), dass das Sumpfgas im Finstern durch Chlor nicht zersetzt wird, sondern nur unter der Mitwirkung des Lichtes.
- Kästner erwähnt, an Robinson :s ältere Angabe (s. S. 41) an-knüpfend, dass die Lichtstrahlen, welche durch Wasser gegangen sind, das Hornsilber purpurschwärzlich färben, während in derselben Zeit und unter sonst gleichen Bedingungen das durch Salpetersäure gegangene Licht das Hornsilber kaum grau werden liess. d. h. letzteres absorbirte viel mehr chemisch wirksame Strahlen als Silber — eine Bestätigung der Robinson'schen Vermuthung (17874).
- lieber die Zersetzung wässeriger Silbernitrat-Lösungen stellten Wittin g und Zi mm erman n Versuche an.
- Witting studirte das Verhalten der Silbernitrat-Lösung gegen einige Gase und fand5), dass Kohlenoxyd, Wasserstoff. Phosphorwasserstoffgas auch im Schatten Färbungen und Präcipitate geben, dagegen bei mit Kohlensäure gesättigtem "Wasser mit Silbernitrat im Schatten selbst nach mehreren Tagen keine Färbung einträte, wohl aber im Lichte
- 1) Annals of Philos. 1821. Januar. Sehweiggor’s .Journal für Chemie und Physik. 1821. XXXI, 490.
- 2) Schweigger’s Journal für Chemie und Physik. 1821. XXXIII, 231.
- 3) Annals of Philos. 1821. September. Schweigger’s Journal für Chemie und Physik. XXXIII, 233.
- 4) Büchner und Kastner’s Repertorium für die Pharmaeie. 1822. XIII, 44.
- 5) Buehner’s Repertorium für die Pharmaeie. 1823. XIV, 467.
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- nacli kuzer Zeit eine violette Färbung (anfangs ohne Niederschlag) entstehe1).
- Im Jahre 1823 studirte .Rudolf Brandes die kampfersauren Salze näher und fand, dass das Silbersalz woiss ist, im Lichte aber ins Bräunliche geltt2).
- Durch den im Jahre 1821 bei Giessen gefallenen sogen. Blutregen angeregt, unternahm W. Zimmermann weitere Untersuchungen über die „wässerigen Meteore“ (Regen wasser). Er fand in denselben einen geringen Salzgehalt und organische Substanzen. Er spricht im Laufe seiner Untersuchung von einer merkwürdigen Verschiedenheit, welche die Meteorwasser gegen Silbernitrat zeigen. Entweder gaben die mit Silbernitrat-Lösung versetzten Wässer eine Trübung oder nicht. Im ersteren Falle dunkelt entweder die Trübung am Sonnen- oder Tageslicht ins Blau-graue, Violette und setzt schliesslich einen schwärzlichen Bodensatz ab (Zimmermann schliesst dann auf vorwaltende Chloride), oder es ändert sich die Farbe ins Gelbrothe, Weinrothe und endet mit Purpur, schliesslich setzt sich ein violettbrauner Niederschlag ab (Schluss: dass Chloride und organische Substanzen zugegen sind3).
- Im zweiten Falle durchlaufen die mit Silbersalz gemischten Wasser denselben Kreis von Gelbroth zu Purpur (Vorwalten der organischen Substanz), oder sie bleiben unverändert und zeigen nur etwa einen Anklang ans Röthlicho (das Wasser ist arm an organischer Substanz und an Chloriden).
- Weitere Versuche über photoehemisehe Processe verdanken wir Döbereiner. In seiner „Pneumatischen Chemie" (1825. 5. Theil, S. 103) erwähnt er. dass ein Gemisch von Jod, Alkohol und schwefliger Säure sich nur im Sonnenlichte rasch entfärbt und lange Schwefelkrystalle ausscheidet.
- Es gelang Döbereiner 1826 das Chlorplatin aus seiner Lösung im Lichte zu reduciren, indem er sie mit einer Solution von neutralem Weinsäuren Natron bis zur beginnenden Trübung vermischte und dann durch mehrere Tage dem Sonnenlichte aussetzte. Das Platin wurde dem grössten Th eile nach redueirt und lagerte sich auf der inneren Fläche der Röhre in Gestalt von dünnen sehwarzgrauen Plättchen ab. Als er die Röhre entleerte und hierauf mit Wasserstoff füllte, so nahm das reducirte Metall eine schöne Silberfarbe an. Bei diesem Reductions-
- 1) Das Wasser, resp. die Kohlensäure, müssen mit organischen Substanzen verunreinigt gewesen sein.
- 2) Sehweigger’s Journ. f. Chom. und Physik. 1823, XXXVIII, 298.
- 3) Kästner, Archiv für gesummte Naturlehre. 1824. I, 257.
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- process wird nach Döbereiner die Weinsäure in Kohlensäure und Ameisensäure verwandelt *).
- Im Jahre 1826 entdeckte Balard das Brom. Er beschreibt in seinem „Memoire sur une substance particuliere eontenue dans Leau de la mer“ (Annah Ghim. Phys. 1826. Bd. 32. S. 337) verschiedene Bromsalze, wie Bromkalium, Bromammonium etc. und sagt über das Bromsilber: „Salpetersaures Silber bringt in bromwasserstoffsauren Salzen einen käsigen Niederschlag von Bromsilber hervor. Biese Verbindung, welche eine blass-zeisiggelbe Farbe besitzt, schwärzt sich, wenn sie noch feucht dem Lichte ausgesetzt wird, aber weniger leicht als Olilor-silber“. Bas bromsaure Silber fand er ziemlich lichtbeständig.
- Eine Verwendung des Bromsilbers zu photographischen Processen wurde aber erst nach der Publicirung der Daguerreotypie gemacht (s. u.J.
- Fischer2) publicirtc im Jahre 1826 zuerst die Beobachtung, dass Silbernitrat im Lichte mit verschiedener Farbe reducirt wird, je nach der Natur der beigemengten organischen Substanzen; bei Gegenwart von Gummi wird die Färbung rothbraun bis dunkelviolett, mit Zucker ganz schwarz, Stärke zeigt das Mittel. Dadurch wurde die Beobachtung Grinde Ls über die photochemischen Eigen schaftun des Silberalbuminates ergänzt,
- Im Jahre 1826 untersuchte Gasaseca die Einwirkung des salpetersauren Silberoxydes auf vegetabilische Substanzen, insbesondere auf Lösungen von Gummi, Zucker, Stärkemehl, Wein. Alkohol. Galläpfeln, Kaffee. Thee, Süssholzwurzel. Er fand, dass insbesondere Thee, Kaffee und Galläpfel-Jnfusum aus Silberlösungen rasch metallisches Silber reducire und dass Ammoniak, Kali und Natron diese Beduction sehr befördere3). „Bas Licht scheint bei diesen Peactionen keine Polle zu spielen, sagt Gasaseca, wie ich mich durch einen directen Versuch überzeugte."
- Brandes und Beimann knüpften an Zimmermann’s Versuche mit Silbernitrat-Lösung an und operirten mit Lösungen, die 1 Proe. Silbernitrat enthielten. Bei diesen Versuchen wurde Wasser mit den betreffenden organischen Substanzen längen' Zeit in Berührung gelassen, damit: es die löslichen Bestandtheile aufnimmt und dann mit dem Silbersaiz versetzt,
- Bas Besultat war folgendes4):
- B Sehweigg er’s Journal f. Phys. u. Chem. 1826. 47, 122. Auch Kastner’s Archiv für gesammte Naturwissenschaften. 9, 342.
- 2) Kastner’s Archiv für die gesammte Naturkunde. 1826 Bd. IX, S. 345.
- 3) Journal de Pharmacie. April 1826 209. Trommsdorff’s Neues Journal der Pharmaeie. 1826. XIII, 216. — Man darf nicht i\l»ersehen, dass die stärker reducirende Kraft alkalischer Gerbstoffe in der Photographie (gelegentlich der Einführung der alkalischen Hervorrufung) später eine grosse Rolle spielte.
- 4) Trommsdorff’s Neues Journal der Pharmaeie. 182(5. XII, 100.
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- Geschichte der Photoehemie vom Altorthume bis zu Daguerre im Jahre 1839. 91
- Substanz,
- welche in die ' Silberlösung gethan wurde j nach 12 Stunden
- Grünes Blatt röthl. Färbung
- Blumenstaub der Camillenj do.
- Lycopodinm keine Aende-
- Kork rung röthlieh opalisirend
- Papier keine Aende-
- Zucker | rung- schwach braune Färbung
- Gummi keine Aende-
- rung
- Leim do.
- Aether, Alkohol oder ätherische Oele do.
- Leder keine Veränderung
- Roher Essig schwach röth-licheTrübung
- Rohe Holz- schwach grau-
- essigsäure braune Trübung
- Aus diesen Versuchen
- Stoffe unter Bt igünstigung de
- Veränderung im Tageslichte
- nach 3 — 4 Tagen
- nach
- 24 Stunden
- Veränderung im Finsern
- nach 2 Wochen
- gesättigt rothe Färbung
- do.
- schwach wein-' gelbeFärbung braunroth opa-lisirend schwach violette Färbung-stark braun
- dunkel violetter Nieder-j schlag in der geklärtenj Lösung i
- ° i
- gelbrothe trübe Lösung i
- bräunliche Flocken in der;
- gelben Flüssigkeit röthlieh opalisirend ohne' Niederschlag purpurfarbige Flocken
- p ur p u r f a r b o n c r B o d e n sat z aus klarer Lösung
- violette Fär-i grauviolett
- billig i
- röthliche Fär
- billig
- keine Veränderung
- schwach gelb-liehrothe Färbung
- vermehrte Trübung mehr grünlich. Trübung
- röth 1 i cli bra u n er N ieder-j schlag aus der geklärten Flüssigkeit J
- röthliehiiehe Färbung u.j Ausscheidung einiger: schwärzlicher Flocken | brauner Bodensatz ausj d. entfärbten Flüssigkeit!
- geringer violetter Niederschlag
- schwach bräunlicher Bodensatz
- gelbliche Färbung
- keine Aende-rung
- kaum merklich verändert
- violette Färbung ohne Niederschlag
- keine Aende-rung
- keine Veränderung
- keine Veränderung
- höchst geringer Bodensatz
- purpurrother Niederschlag
- i keine Verände-j rung
- schwacher Niederschlag' ein geringer in der schwach grün-: grünl. Boden-lichen Flüssigkeit satz
- lind dass die verschiedenfarbigen Trübungen und Niederschläge wohl dazu dienen können, zu Eeactionen benutzt zu werden.
- Im Jahre 1827 veröffentlichte l)r. Gustav Suckow eine gekrönte Preisschrift ..De lucis offectihus ehemicis in corpora organica et organis clesbituta". worin er insbesondere die durch das Lieht bewirkten Absekeidungsprocessc in organischen Körpern (Bilanzen etc.) besprach und sich hauptsächlich auch auf ältere Versuche anderer Naturforscher bezog, (lieber die Erweiterung’ dieser Schrift im Jahre 1832 s. u.)
- Gustav Wetzlar1) veröffentlichte im Jahre 1828 „Beiträge zur chemischen Geschichte des Silbers V worin er insbesondere das Subchlorid des Silbers ins Auge fasste, I)a diese Versuche für lange Jahre mass-
- 1) Jahrbuch d. Chem. u. Physik von Sehweigger-Seidel. 1828. XXV, S. 467,
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- gebend blieben, so muss hier näher darauf ein gegangen werden. Unter den Bildungsarien des Subehlorides führt er die Einwirkung des Lichtes auf Ohlorsilber an. Er sagt, dass man bis dahin das geschwärzte Ohlor-silber meistens für ein Gemenge von metallischem Silber mit Chlorsilber gehalten habe, wozu der Scheele’sche Versuch Veranlassung gab, nach welchem Ammoniak das Chlorsilber auflöst und metallisches Silber zurücklasse. Wetz brr bemerkte nach der 24 ständigen Einwirkung von Sonnenlicht auf Chlorsilber mit Wasser einen starken Chlorgeruch (was allerdings Fischer schon im Jahre 1814 consta tirt hatte); er fand, dass im Lichte geschwärztes. Chlorsilber mit Salpetersäure nicht lichter wird, was nach seiner Ansicht geschehen müsste, wenn die Schwärzung durch metallisches Silber herbeigeführt wäre. Er nennt das im Lichte entstandene dunkle Chlorsilber ,,Silbersubchlorid''. Dieses spaltet sich nicht nur mit Ammoniak, sondern auch* beim 'Kochen mit starker Kochsalzlösung. Auch Eisenchlorid und Kupferchlorid stellt die weisse Farbe des Chlorsilbers wieder her. Diese Abhandlung Wotzlar’s vcr-anlasste Fischer zu einer Gegenschrift „Ueber die Natur der Metall-reducfionen'4 (Breslau, bei Max & Co., 1828), worin er seine berechtigten Prioritätsansprüche mit Bezug auf seine im Jahre 1814 erschienene Schrift (s. o.) geltend macht.
- Wetzlar schrie)» am 26. October 1827. dass das aus wässerigen Lösungen krvstallisirte Chlorsilber-Ohlornatrium nicht lichtempfindlich sei1). „Merkwürdig ist es. dass während das Ilornsilber von allen Silbersalzen das empfindlichste gegen den Einfluss des luchtes ist. die Verbindung desselben mit dein Chlornatrium nicht im mindesten vom intensivsten Sonnenlichte afficirt wird. Auch die Lösung des Doppelsalzes erleidet im Lichte durchaus keine Veränderung.'4 Diese Angabe ist insofern von Interesse, als die Löslichkeit von Chlorsilber in Chlornatrium Daguerre zuerst benützte, um seine Photographien auf Metall mit: Kochsalzlösung zu fiviren.
- Mitscherlich fand 1827. dass das salpetersaure und Schwefelsäure Silberoxyd-Ammoniak an der Luft- bei Lichtabschluss unveränderlich sind, aber im Tageslichte geschwärzt werden2).
- Es wurde nacheinander die Lichlempfindlichkeit des salpetrig-sauren Silbers von Hess3), des chinasauren Silbers von Henry und Peisson4). des borsauren Silbers von Bose0), des pyrophosphorsauren
- D Schweigger’s Jonru. f. Chemie und Physik. 1827. 51, 371.
- 2) Poggendorff’s Annal. 1827. 9, 413. Berzelius, Jahres-Bericht über die Fortschritte der physischen Wissenschaften. 8, 183.
- 3) Poggendorff’s Annalen. 1828. Bd. 12, S. 2(51.
- 4) Journ. de Pharinae. 1829. S. 390.
- 5) Poggendorff’s Annal. 1830. Bd. 19, S. 153.
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- Silbers von Stromeyer1), des überchlorsauren Silbers von Senil las2), des brenztraubensauren Silbers von Berzelius3), des milch sauren Silbers von .Pelouze und Gay-Lussac4) entdeckt.
- Löwig fand, dass eine Lösung von Quecksilberbromid sich im Sonnenlichte in Quecksilberbromür und Bromwasserstoffsäure „ohne Zweifel unter Freiwerdung von Sauerstoff“ zersetzt. Nach Zusatz von Salmiak konnte er keine Zersetzung wahrnehmen5).
- lieber die Liehtempfindlichkeit der Quecksilbersalze äusserten sich ferner Carbonei 1 betreffend das Weinsäure Quecksiiberoxydkali6), Harff betreffend das essigsaure7), oxalsaure, weinsaure, brenzweinsaure, apfelsaure, benzoesaure und citronensaure Quecksilber8) und E. G. Burkhardt über ungefähr dieselben Salze9), Artus bezüglich des Queck-silberjodürs im Jahre 1836; es ist zu bemerken, dass diese Autoren von ihren Vorgängern, welche die Lichtempfindlichkeit einiger dieser Quecksilbersalze bereits früher beschrieben hatten und welche wir oben angeführt haben, nichts erwähnen.
- Döbereiner beschreibt 1828 die Lichtempfindlichkeit des Platinchlorids in alkoholischer Lösung, sowie des Natriumplatinchlorids, gemischt mit Alkohol und Aetzkali10).
- Ferner theilt im Jahre 1831 Döbereiner in seiner Abhandlung „Zur chemischen Kenntniss der Imponderabilien in der anorganischen Natur" zahlreiche schätzbare Beobachtungen mit11). Er find, dass das purpurrothe oxalsaure Manganoxvd im Lichte (sowie in der Wärme) rasch zersetzt wird.
- Von viel grösserer Bedeutung ist die von Döbereiner im selben Jahre (1831) in derselben Abhandlung veröffentlichte Entdeckung der Liehtempfindlichkeit des oxalsauren Eisenoxyds, welcher photoehemische Process für die spätere Erfindung der Cyanotypie, des Platin-
- 1) Schweigger’s Journal. 1830. Bd. 58, S. 128.
- 2) Anna] de Chemie et de Physik. 1831. Bd. 46, pag. 302.
- 3) Poggendorff’s Annal. 1835. Bd. 36, S. 27.
- 4) Annal. de ehim. et phys. 1833. Bd. 52, pag. 410.
- 5) Poggendorff’s Annalen. 1828. XIV, 485.
- 6) Journal de Pharmaeie. 1833. Buchner’s Repertor. für Pharrnacie. 1834. Bd. 47, S 71.
- 7) Die Liehtempfindlichkeit des essigsauron Quecksilberoxyduls hatte bereits Garot (Journ. de Pharmaeie. 1826. pag. 454) erwähnt.
- 8) Archiv d. Pharmaeie. 1836. Bd. 55, S. 246.
- 9) „Ueber Verbindungen der Queeksilberoxyde mit organischen Säuren“, Archiv d. Pharmaeie von Brandes. 1837. Bd. II, S. 250.
- 10) Schweigger’s Jahrbuch d. Chemie u. Physik. 1828. Bd. 54, S. 414 u. 416.
- 11) Sehweigger-Seidel, Journ. f. Chemie u. Physik. 1831. Bd. 62, S. 86.
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- druckes etc., sowie von zahlreichen Photometern von den nachhaltigsten Folgen war.
- I) ober ein er beobachtete, dass eine Lösung* von ovalsaurem Eisenoxyd beim langen Aufbewahren oder mehrstündigen Erwärmen nicht verändert wird, in der Sonne aber entwickeln sich in kurzer Zeit reichlich viele Bläschen von Kohlensäure. Die Flüssigkeit wird nach und nach trübe und setzt unter fortwährender Gasentwicklung kleine glänzende, citronengelbe Krystalie von ovalsaurem Eisenovydul ab (er nannte dieses Product ,.Licht-Humboldtit”). Er stellt auch fest, dass auf 1 Aequivalent Kohlensäure 2 Aequivalente oxalsaures Eisenoxyd ausgeschieden werden1).
- Gleichzeitig theilte Döbereiner mit. dass Platinchlorid mit Oxalsäure im Lichte metallisches Platin nebst Kohlensäure und Salzsäure gibt, sowie dass Goldchlorid und Oxalsäure sich im Lichte rascher als im Dunkeln zersetzt (a. a. 0.) und die braune Auflösung von Iridiumsalmiak in Mischung mit Oxalsäure lichtempfindlich sei.
- Die später in der Photographie so wichtige Pyrogallussäure stellte Braconnot im Jahre 1831 rein her2) und fand auch, dass dieselbe aus Silbernitrat-Lösungen rasch metallisches Silber redueirt, Gallussäure dagegen nur sehr allmählich.
- Im Jahre 1832 haben wir ein photochemisches Werk zu verzeichnen, welches ähnlich wie dasjenige von Link und Heinrich (s. S. 06) einen Gesammtüberblick über die chemischen Wirkungen des Lichtes zu geben beabsichtigte: Nämlich „Die chemischen Wirkungen des Lichtes“ von dem deutschen Naturforscher Dr. Gustav Suckow, Professor an der Universität zu Jena, 1832 (Darmstadt), welches Werk eine Erweiterung seiner älteren (auf S. 91 erwähnten) Schrift ist. Er tlieilt den Stoff nach der Phiogistontheorie ein (!): „Von den durchs Lieht bewirkten Phiogistationsprocessen, welche unmittelbar auf die Mischung der Stoffe bezogen werden“ (z. B. Vereinigung von Chlor und Wasserstoff) etc.
- Professor Suckow nimmt einen hervoragenden Platz in der Geschichte der Photochemie ein, denn er war der Erste, welcher entdeckte, dass das Kaliumbiehromat in Mischung mit einer organischen Substanz lichtempfindlich sei. Wenn ich auch eonstatirt habe, dass die Lichtempfindlichkeit des Silberchromates bereits von Vauquelin
- 1) lieber die Zersetzung dieses Salzes im farbigen Lielite bat Suckow (Ueber die chemischen Wirkungen des Lichtes. 1832. S. 27) Versuche angestellt und gefunden, dass die Zersetzung am raschesten im weissen und violetten verläuft, langsamer im blauen und noch langsamer im grünen. Gelbes und orangerothes Licht brachten keine Veränderung hervor.
- 2) Schweigger’s Journ. 1831. Bd. 32, S. 455. Annal. de Chim. et Phys. Bd. 46, S. 206.
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- im Jahre 1798 gefunden worden war (s. Seite 51). so ist doch, für die Geschichte der Photographie die Entdeckung von hoher Wichtigkeit, dass bereits im Jahre 1832 die Thatsachc von Suckow constatirt wurde, dass die chromsauren Salze auch bei Abwesenheit von Silber lichtempfindlich sind, wenn man organische Substanzen zusetzt, indem dann im Lichte niedrigere (grüne) OxTdationsstufen des Chroms entstehen. Die betreffende Stelle im angegebenen Luche Suckow's lautet:
- „Setzt man eine Auflösung von zweifach chromsaurem Kali und zweifach sohwcfelsaurem Kali der Einwirkung des Sonnenlichtes aus und bestreut das eftiorescirte Salz an verschiedenen Stellen mit gepulvertem Zucker, so bildet sich die schönste farbige M oosvegetation .... Durch die Beleuchtung wird nämlich in diesem Proeesse ein Theil des Säurestoffs der Übromsäure ausgeschieden, so dass dadurch grünes (!) chromsäuerliches Kali gebildet wird.“ Gleichzeitig erwähnt er, dass diese Erscheinung nur hinter blauem und violettem Glase, nicht aber hinter gelbem hervortritt.
- Diese Entdeckung Suckow's wurde bis jetzt in der Geschichte der Photographie gänzlich übersehen.
- Das Silbernitrat wird nach Suckow- (Ueber die chemische Wirkung des Lichtes. 1832. 35) in festem, als gelöstem Zustande im Lichte und zwar insbesondere im violetten, blauen und grünen, reducirt; nach längerer Lichtwirkung scheiden sich kleine Flitter von metallischem Silber ab. Er erwähnt ferner, dass die Anwendung einer wässerigen, mit Gummi und Tusche vermischten Silbernitrat-Lösung, als Zeichentinte auf Leinwand etc. auf der Zersetzung im Lichte beruht.
- Suckow7 schreibt über das Jodsilber a, a. 0.:
- „Unter denselben Bedingungen und gleichzeitiger Zersetzung des Wassers, aber etwas langsamer als im Chlorsilber, findet im Jodsilber nach anhaltender Beleuchtung sowmhl des farblosen, als auch einiger Arten des farbigen Lichtes und zwar besonders durch das violette und blaue, nicht, aber durch das rot he und gelbe, eine mit Bräunung beginnende und mit Schwärzung des Salzes endigende partielle Beduction des Silbers statt,u (Vergl. S. 83 und 84.)
- ßothspiessglanzerz verliert nach Suckow (a. a. 0) an der Sonne seine Durchsichtigkeit; die begonnene Trübung setzt sich allmählich dann von selbst ins Innere fort, — Der übrige Theil des Buches Suckow's ist den Einwirkungen des Lichtes auf den Pflanzen- und Thierorganismus gewidmet und hat für uns hier kein specielles Interesse.
- Im Jahre 1833 w7ar Liebig der Entdeckung des Pixationsmittels für Chlorsilberbilder so nahe gekommen, dass er ohne Zweifel die
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- präcise gestellte Anfrage — „wie lässt sich aus einem Lichtbilde auf Chlorsilber-Papier das unzersetzte Chlorsilber derartig entfernen, dass es hinterher nicht mehr nachdunkelt?" — sofort beantwortet hätte.
- Er beschrieb ein „Verfahren, um Zeichnungen oder Flecken von sog. unverlüschlieher Tinte (salpeters. Silberoxyd) aus Zeugen zu bringen'11). Dies bestand darin, dass die schwarze Stelle mit Chlorwasser behandelt wurde, bis sie weiss war. dann wurde sie mit Aefzammoniak übergossen. „Wenn man versäumte, das gebildete Chlorsilber durch Ammoniak hin-wegzunehmen, fügt Liebig hinzu, so würde man nach dem Trocknen die Flecken ebenso schwarz als anfangs wieder erscheinen sehen.'1
- Im Jahre 1834 erschien das gute Sammelwerk von Landgrebe, „lieber das Licht“, welches in meiner Geschichte häufig angeführt ist. Im selben Jahre veröffentlichte F. P. Dulk seine nunmehr sehr selten gewordene lateinische Schrift über die chemischen Wirkungen des Lichtes: „I)e lueibus etfectibus chemicis. Commentatio, pua viro illustratissimo Trommsdorff ad festa doctoratus semisecularia condecorundo gratulata ordo philosophorum in universitate Begimontana, interprefe F. P. Dulk. Eegimontii. 1843“. Wir müssen diese Schrift besonders beachten, weil Dulk seine Aufmerksamkeit insbesondere den chemischen Wirkungen des farbigen Lichtes zuwendete. Er weist darauf hin. dass man Gegensätze in der Wirkung der beiden Enden des Farbenspectrums nachzuweisen suchte (s. Ritter etc., oben). Dulk suchte der Frage durch Untersuchungen über das Verhalten verschiedener Substanzen unter farbigen Gläsern, während einer Beobachtungsdauer von 3 Monaten, näher zu treten. Seine Versuche ergaben, dass Quecksilberoxyd unter farblosem Glase (unter Schwärzung) 0.9 Proe. an Gewicht verloren habe, dagegen unter violettem Glase 0,5 Proc., unter grünem 0,2, unter rothem 0,1 Proc. Chlorsilber hatte sich hinter rothem Glase nicht verändert, dagegen hinter andersfarbigem Glase (ohne Gewichtsverlust) dunkel gefärbt, Da Dulk fand, dass sein im Lichte gedunkeltes Ühlorsilber von Salpetersäure unter Auflösung von Silber weiss gefärbt werde (Gegensatz zu Fischer und Wetzlar!), so schloss er, dass im Lichte metallisches Silber gebildet werde. Silberoxyd wurde nur hinter weissem, violettem und grünem Glase (nicht hinter rothem) reducirt. Die Schlussfolgerungen Dulk's aus seinen Versuchen (deren wichtigste hier mitgetheilt sind) waren: Das weisse Licht wirkt am stärksten, dann folgt das violette und grüne; eine verschiedenartige Einwirkung der entgegengesetzten Enden des Spectrums auf chemische Verbindungen nahm er nicht an.
- 1) Annalen der Pharmacie. V, 290. Erdmann's Journal für technische und
- ökonomische Chemie. 1883. XVIII, 318.
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- Tn das Jahr 1834 fällt auch die Publication einer unbedeutenden Notiz durch den Pfarrer Philipp Hoffmeister, welcher unbestimmte Ideen über die Herstellung von Lichtpausen durch „einen Firniss“ (?) entwickelte, ohne dabei nur im entferntesten einen Erfolg nachweisen zu können oder nur annähernd so weit zu kommen, als Wedgwood oderNiepce nachweislich mit der Erzeugung der Lichtbilder gekommen waren1). Wir würden auf diese Publication mit einem geringeren
- 1) Die angebliche Erfindung der Photographie durch den Pfarrer Philipp Hoffmeister erregte in don letzten Jahren vorübergehend die Aufmerksamkeit. Hoffmeister hatte eine Selbstbiographie verfasst, welche in der Fortsetzung von Strieder’s Gelehrtenlexikon (Cassel, 1863. Bd. I, S. 61) enthalten ist und auf welche das Casseler Tageblatt vom 19. Oct. 1827 und später photographische Fachjournale (Phot. Corresp. 1887. S. 518. Phof. Nachrichten. 1890 S. 387) aufmerksam machten; in dieser Biographie erhebt Hoffmeister den Anspruch, der Erfinder der Photographie zu sein; er sagt, nicht Daguerre, sondern ihm gebühre die Priorität der Erfindung, und Hofrath Hennicke, der Herausgeber des „Allgemeinen Anzeiger und Nationalzeitung der Deutschen“, trat lebhaft für diese Ansprüche Hoffmeister’s ein.
- Hoffmeister hatte im „Allgemeinen Anzeiger und Nationalzeitung der Deutschen“ (Herausgeber Hennicke zu Gotha) im Jahre 1834 (No. 303) einen Artikel „Von den Grenzen der Holzschneidekunst, sowie auch einige Worte über schwarze Bilder“ geschrieben, worin er sagt: „Man erlaube dem Unterzeichneten (Hoffmeister) einige Andeutungen, wie durch die Sonne selbst Gemälde und Kupferstiche hervorzubringen seien. Jedermann weiss, wie manche . . . Farben durch die Sonne verbleichen; denke man sich daher eine Tafel mit einer solchen Farbe bestrichen,, auf welche bestimmte Gestalten Schatten werfen, den Sonnenstrahlen ausgesetzt, so würde dadurch bald ein monochromatisches Gemälde entstehen, dem man nur durch einen Firniss Festigkeit zu geben brauchte. Ferner könnte man eine Tafel mit einem Firniss überziehen, der in der Sonne augenblicklich trocknet, im Schatten aber noch fest genug ist, um einen Farbenstaub anzunehmen und so mit leichter Mühe vielfarbige Gemälde hervorbringen .. . Endlich Hesse sich bei einer Kupferplatte oder beim Steindrucke die Sonne als Kupferstecher gebrauchen, da sie jede Feuchtigkeit schnell anzieht und ein Aetzwasser entweder befördert oder dessen Kraft auf hebt, den Stein zur Annahme der Schwärze geneigt macht oder nicht, je nachdem gewisse Stellen trocken sind oder nicht... Doch Hessen sich vielleicht bei einem grossen Feuer dieselben Wirkungen hervorbringen (wie durch Sonnenlicht), damit nicht jeder trübe Eegentag auch zugleich Feiertag wird“. Prof. Bezzenberger setzte in seiner Notiz, „Ein angeblicher Vorgänger Daguerre’s“ (Phot. Nachrichten. 1890. S. 397), die Ansprüche auf das richtige Mass zurück und sagt mit Recht, dass dem Pfarrer Hoffmeister nur ein bescheidener Platz in der Geschichte der Photographie gebührt. Mir selbst scheint der erwähnte Aufsatz Hoffmeister’s mehr der Ausdruck eines idealen Wunsches, als das Ergebnis von Experimenten zu sein, wenigstens ist seiner im Jahre 1834 erschienenen oben mitgetheilten Notiz keine Angabe über ein praetisches Ergebniss dieser Ideen gemacht; erst im Jahre 1863, das ist 24 Jahre nach dem Bekanntwerden der Daguerreotypie theilt Hoffmeister in seiner Selbstbiographie (a. a. 0.) mit, dass er ein mit Cochenille roth gefärbtes (ungeleimtes) Papier zu seinen Versuchen benützt habe, welches (angeblich in der Camera obscura?) an den lichten Stellen ge-
- Eder, Handbuch der Photographie. I. Theil. 2. Aufl. 7
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- A.usmass an Baum eingehen. wenn nicht Hoffmeister unbegreiflicher Weise im Jahre 1868 den Anspruch erhoben hätte, „der Erfinder der Photographie” zu sein. wozu nicht einmal die Spur einer Berechtigung vorhanden ist.
- Im Jahre 1835 erschien die mit grosser Briindlichkeit abgefasste Dissertaiionsschriti Johannes Fiedler’s, „De lucis effectibus chemicis in Corpora anorganica” (Vratisiaviae). welche das sinnige Motto „xSTihil luce obseurius” r) trägt. In dieser Schrift ist das bis zu dem Jahre des Erscheinens der Arbeit bekannt gewordene Material über die chemischen Wirkungen des Lichtes auf unorganische Körper mit Umsicht zusammengestellt. Eine Wiederholung scheint mir ühorliüssig. da in der gegebenen historischen Studie bereits eine ausführlichere Uebersieht, als Fiedler sie bietet, gegeben wurde. Die schliesslich mitgetheilie Tabelle über die in der Dissertation ins Auge gefassten photochemischen Proeesse, gibt ein getreues Bild der Abhandlung Fi edler’s.
- I. Chemische Wirkungen, welche durch das .1,irht allein bewirkt worden.
- Wirkung:
- Substanzen, an welchen die Experimente angestellt wurden:
- 1. Kohlenoxyd -f- Chlor
- 2. Zweifach Chlorkohlenstoff • j - Chlor
- 3. Aethylen F Jod
- 4. Aethylen Brom
- 5. Sumpfgas -[- Chlor.
- (>. Aethylen j- Chlor ,
- vereinigen sich.
- vereinigen sich zu Kohlensäure u. Salzsäure, vereinigen sieh zu Zweifach Chlorkohlen-stoff lind Salzsäure.
- bleicht wurde; durch Tränken mit Leimwasser habe er die .Bilder fixirt. Betrachtet man die Verdienste an dieser „Erfindung" kritisch, so findet man, dass 1. Hoffmeister im -Iahre 1834 noch gar keine Andeutung der Verwendung der Camera obseura machte, sondern erst viele fahre später und somit kein Anrecht auf diese Priorität beweisen kann; 2. dass die Cochenille-Papiere zu unempfindlich sind, um in der Camera Bilder zu geben, dass das „Fixiren“ mit Leimwasser vollkommen ungenügend ist, und dass bereits Niefphoro Niepee (s. u.) die Verwendung gefärbter Papiere vergeblich versucht hatte; 3. Hoffmeister's Idee, „einen Firniss“ zu verwenden, welcher au der Sonne augenblicklich trocknet, hatte offenbar keinen reellen Hintergrund, sonst hätte Hoffru eister in seiner Selbstbiographie erläutert, was es mit diesem Firnisse für eine Bewandtnis« gehabt habe, ebenso wie er es mit dem Cochenille-Papiere gethan hat. Die Angabe Sfoffmeister's hat somit einen ganz untergeordneten Werth und vermag die Prioritätsansprüche Wedgwood’», betreffs der Erfindung der Photographie auf Papier ebensowenig zu beeinträchtigen, als diejenigen von Daguorre und Niepee; ja Hoffmeister hoffte sogar von einem grossen Eener dieselbe Wirkung wie von der Sonne und stand nicht einmal auf der Höhe der Erfahrung zahlreicher älterer Physiker, welche in derselben Richtung gearbeitet haben.
- 1) Zu deutsch : „Nichts ist dunkler (unbekannter) als das Licht“.
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- Geschichte der Photoehemie vom Alterthnme bis zu Daguerre im Jahre 1839. 99
- Substanzen, an welchen die Experimente angestellt wurden:
- 7. Chlorwasser
- 8. Jodstärke
- 9. Cyanwasserstoff -f- Chlor
- 10. Oxalsäure -)- Salzsäure (?)
- 11. Uranehlorid organische Substanz)
- 12. Eisenehlorid (-{- organische Substanz)
- 13. Kupferehlorid
- 14. Goldehlorid
- 15. Platinehlorid
- 16. Quecksilberchlorid
- 17. Quecksilberchloriir.................
- 18. Chlorplatin-Kaliuin oder -Natrium . .
- 19. Rhodaneisen.........................
- 20. Oxalsaures Eisenoxyd................
- 21. Saures oxalsaures Manganoxyd . . .
- 22. Platinehlorid + Oxalsäure ....
- 23. Iridiumehlorid -j- Oxalsäure ....
- 24. Oxalsaures Silber...................
- 25. Kohlensaures Silber.................
- 26. Borsaures Silberoxyd................
- 27. Chlorsilber.........................
- 28. Rothes Quecksilberoxyd..............
- 29. QuecksiJberoxydul...................
- 30. Goldoxyd............................
- 31. Antimonsulfid und Oxyd..............
- 32. Schweflige Säure....................
- 33. Verbrennungsproeess.................
- II. Chemische Wirkungen, welch
- gebracht
- Substanzen, mit welchen die Experimente gemacht werden:
- 1 Gemisch von Chlor und Wasserstoff .
- 2. Brom und Wasserstoff.................
- 3. Ferroeyankalium und -natrium . . .
- 4. Chlorgold und Oxalsäure..............
- 5. Phosphorsauros Silber................
- 6. Salpetersaures Silber................
- 7. Braunes Bleisuperoxyd................
- 8. Chloroxyd . . ^
- 9. Chlorige Säure j
- 10. Schwefelsäure.......................
- 11. Salpetersäure.......................
- 12. Gold und Silber mit ätherischen Oelen
- gemischt...........................
- Ueber die chemischen Wirkungen d> kleine Notiz (S. 32), nach welcher das vi
- Wirkung:
- zersetzen sich.
- wird in Uranchlorür verwandelt, wird in Eisenehlorür verwandelt.
- geben einen Theil des Chlor ab.
- bildet metallisches Quecksilber, wird Platin redueirt. wird zersetzt.
- wird zersetzt u. oxals Eisenoxydul gebildet.
- wird zersetzt.
- wird Platin redueirt.
- wird Iridium redueirt.
- wird Silber redueirt.
- wird theilweise redueirt.
- wird partiell Borsäure frei.
- wird in Silbersuboxyd umgewandelt.
- wird in Quecksilberoxydul umgewandelt.
- wird redueirt.
- verliert Sauerstoff.
- verliert Sauerstoff.
- zersetzt in der Sonne rasch Jodtinctur. wird im Lichte gehemmt.
- e durch Lieht und Wärme hervorwerden.
- Wirkung:
- vereinigt sich unter Explosion.
- vereinigt sich zu Bromwasserstoff.
- wird zersetzt.
- wird Gold redueirt.
- verliert einen Theil Phosphorsäure.
- gibt Sauerstoff ab.
- verliert Sauerstoff.
- werden in Chlor und Sauerstoff zersetzt.
- gibt Sauerstoff ab (?). verliert Sauerstoff.
- wird redueirt.
- farbigen Lichtes macht Fiedler nur eine fite Licht den grössten Effect ausüben soll,
- 7*
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- welcher dem des weissen Lichtes nahe kommt; dann folgt das blaue, grüne uni rothe Lieht.
- Im Jahre 1836 veröffentlichte Theodor von Toro sie wicz in Lemberg einen sehr bemerkenswerthen Artikel über das Aufbewahren der Arzneimittel in gefärbten Gläsern1). Er weist darauf hin, dass schon mehrmals in chemisch-pharmaceutisehen Zeitschriften das Bedürfnis erörtert wurde, den Glasgefässen in der Officin und in der Materialienkammer solche Beschaffenheit zu gehen, dass sie vor dem verändernden Einfluss des Sonnenlichtes geschützt seien.
- „Es ist jedem Apotheker bekannt, fährt Torosiewiez fort, dass nicht nur die durch das Licht leicht und geschwind zur Entmischung geeigneten Präparate, als: Chlorwasser, Blausäure, thierisehes Dippelöl etc., sondern auch die meisten vegetabilischen Pulver, wenn sie in durchsichtigen Gläsern auf bewahrt werden, mit der Zeit eine wesentliche Veränderung erleiden . . . Um diesem Uebel abzuhelfen, gab man den hölzernen Büchsen vor den gewöhnlichen Gläsern den Vorzug und schlug vor, die Gläser, worin die erwähnten Flüssigkeiten auf bewahrt wurden, mit schwarzer Farbe anzustreichen oder die sogenannten Hyalithgläser zur Aufbewahrung der Arzneimittel zu verwenden, ja selbst die Aerzte verschreiben, wenn eine Mischung der Arznei Blausäure enthält, das Fläschchen mit schwarzem Papier zu umkleben. Auch die Homöopathen müssen nach der Vorschrift die mit Blausäure potencirten Streukügelchen in ganz vollen, mit schwarzem Papiere beklebten Fläschchen aufbewahren“ ... Die sehwarzbestriehenen Gläser aber reiben sich bald ab, und überhaupt sei die schwarze Flasche dem Kranken zuwider; Hyalithgläser seien zu kostspielig und die Undurchsichtigkeit ist unbequem. Deshalb empfiehlt Torosiewiez, auf die Angaben Seheele’s, Berard’s, Suckow’s (dass Chlorsilber hinter rothem und pomeranzengelbem Glase nicht gefärbt wird) gestützt, durchsichtige goldgelbe, orange oder roth gefärbte Gläser zur Aufbewahrung aller gegen das Licht empfindlichen Substanzen. Wegen der geringeren Kostspieligkeit wendete er gelbe Gläser an und stellte damit eine Reihe von Versuchen an, indem er verschiedene Substanzen in weissen und gelben Gläsern an die Sonne setzte und die Veränderungen in beiden beobachtete.
- Chlorwasser in weissem Glase wurde nach 8 Tagen wasserklar und enthielt keine Spur freies Chlor; in gelbem Glase war cs noch nach 12 Tagen grünlich und zeigte alle ursprünglichen Eigenschaften.
- Aetherisehe Eisenchloridlösung war in weissem Glase nach 24 Stunden entfärbt, in gelbem noch nach 20 Tagen unverändert.
- Blausäure fing in dem weissen Glase nach 20 Tagen an gelblich zu werden; in dem gelben Glase trat nach einem Monat noch keine Veränderung ein.
- Das unter allen ätherischen Oelen am schnellsten durch Luft- und Lichtzutritt sieh verändernde Thieröl behielt in vollgefüllten gelben Flaschen seine Wasserklarheit.
- Quecksilberjodür mit Schweinefett vermischt2) wurde in weissem Glase fast in einer Minute an der Oberfläche dunkler und im Verlaufe von 15 Minuten fast grau-schwarz. In gelbem Glase nahm die Salbe erst am anderen Tage eine etwas dunklere grünliche Farbe an der Seite an, welche dem Lichte zugewendet war (das gelbe Glas schützte also nicht völlig).
- 1) Büchner, Repertorim f. d. Pharmaeie. 1836. Bd. 57. S. 335.
- 2) Damals häufig in der Mediein benutzt.
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- Geschichte der Photochemie vom Alterthume bis zu Daguorre im Jahre 1839. 101
- Das Döbereiner’sehe Gemisch von Platinchlorid und Kalkwasser blieb in gelbem Glase mehrere Stunden lang unverändert, in woissem trübte es sieh binnen 3 Minuten.
- IX. Abschnitt. Spezielle Untersuchungen über die Wirkung des Lichtes auf organische Verbindungen.
- In Jacob Eoux’s „Die Farben. Ein Versuch über Technik alter und neuer Malerei", 1824, wird hingewiesen, dass die Ursache des Nachdunkeins, Entfärbens (Verbleichen) und BissigWerdens der Oel-gemälde theils im Gebrauche künstlich bereiteter Oele, theils in der Wald und in den Verbindungen der Farbenkörper zu suchen ist. Als sehr unhaltbar bezeichnet er den Carmin, wogegen er den Krapplack die haltbarste unter den pflanzlichen Farben nennt (S. 29).
- Er bedauert (S. 19), dass, ßubens und einige Andere ausgenommen, die Maler sich um die genaue Kenntniss der Farben nicht bemühten und dass selbst an vielen Gemälden späterer Künstler, z. B. an den Porträten Graff's (*1786, "f 1813) die Farben theils zersprungen und verblichen, theils nach gedunkelt sind, lieber die Veränderlichkeit von Malerfarben im Lichte finden sich bei späteren Autoren noch mannigfaltige Andeutungen x).
- Boussingault theilte 1825 aus Santa Fe de Bogota, wo viel Orlean bereitet wurde, einiges über sein näheres chemisches Verhalten mit und erzählt, dass die Indianer und Caraiben wohl auch mit einem Gemisch von Fett und Orlean sich die Haut färben, dass diese aber den Chi ca (Farbstoff aus Bignonia Chica) vorziehen, nicht nur weil der letztere lebhafter roth ist. sondern auch nicht so schnell an der Sonne verbleicht1 2).
- Sch übler und Frank schrieben 1825 über Pflanzenpigmente3).
- Decourdemanche. Apotheker in Oaen. ein]»fahl 1826 getrocknete Kräuter und Blumen bei Ausschluss von Feuchtigkeit und fest gepackt aufzubewahren und lucht abzuhalten. Auch vegetabilische Pulver sollen
- 1) Montabert fand Gutti, Chromgelb, Indigo etc. in Wachs vollkommen haltbar, in Oelfarben aber nicht (Traite eomplet de la peinture. Paris, 1829. Bd. 8). Nach Knirim ist Zinnober in Waehsfarbcn, ebenso Drnehenblut gegen Luft und Licht haltbar (Die Malerei der Alten. 1839. S. 136). — George Field sagt, dass Oarmin und Cochenille, welche sich an Licht und Luft rasch verändern, ein halbes Jahrhundert unverändert bleiben, wenn man Luft und Licht aussehliesst („Chromatographie“. Weimar, 1836). Vom Chromgelb sagt er (a. a. 0.), dass es lange Zeit sieh in der Sonne hält, aber durch unreine Luft dunkler wird und erwähnt noch viele Pigmente.
- 2) Ann. de Chimie et de Phvsifjue. XXVIII, 440. Kästner’s Archiv für die gesammte Naturlehre. 1825. VI. 33.
- 3) S. Landgrebe, Leber das Licht. S. 276.
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- in damit vollgefüllten und schwarz gemachten Gläsern aufbewahrt und ausserdem an einem finsteren Orte aufbewahrt werden, denn ohne diese Vorsicht würde das Licht noch eine Veränderung bewirken1). — In Buchner’s „Repertorium für die Pharmacie“ (1826. Bd. 24, S. 287) ist zu diesem Artikel eine Nachschrift angefügt und bemerkt, dass der Einfluss des Lichtes auf völlig trockene Substanzen nicht so energisch ist. als man im Allgemeinen annimmt. Die Hauptursachen der von selbst erfolgenden Verderbniss organischer Substanzen seien unstreitig Feuchtigkeit und Wärme (Hinweisung auf Herbarien). In verschlossenen Gelassen und einer völlig trockenen Luft (mit gebranntem Kalk getrocknet) halten sich Blumen selbst unter dem Einflüsse des Lichtes sehr lange.
- Serullas fand, dass sich Chlor und Cyanwaserstoff im Sonnenlichte verbinden2).
- Dr. C. Sprenge] in Göttin gen suchte im Jahre 1828 den etwaigen Einfluss des Lichtes auf den Grund und Boden, speziell auf die Ackerkrumme ins Auge zu fassen3). Er erwähnt, dass auch durch das Sonnenlicht, speciell die violetten und blauen Strahlen desselben, die Desoxydation einiger Bestandteile, namentlich bei Gegenwart von kohlenstoffhaltigen Verbindungen, befördert werde, „so dass z. B. aus dem Eisenoxyde Eisenoxydul entsteht, wenn es, dem Eichte ausgesetzt, mit Humus u. dergl. in Berührung kommt“. Allerdings spiele es eine bei weitem wichtigere Rolle beim Pflanzenwachsthume. worauf Sprenge näher eingeht und u. A. erwähnt, dass in der Rege! die dem Sonnenlicht ausgesetzt gewesenen Pflanzen nahrhafter sind, als die im Schatten gewachsenen, weil sich unter dem Einfluss des Lichtes mehr Stärke, Eiweiss, Kleber und Zucker bilden soll.
- Diesen Gegenstand behandelte später Sprengel in seiner „Chemie für Landwirthe, Forstwirthe und Cammeralisten“, .18)10. noch weiter4). Er erwähnt, dass das Vorkommen von Eisenoxydul und Manganoxvdul im Boden die Folge der Lichtwirkung sei und stellt die folgende (nicht bewiesene) Behauptung auf: Hat das Licht ungehinderten Zutritt zum Humus, so bildet sich in Folge der verlangsamten Verbrennung aus dem abgefallenen Laubwerk etc. Kohlensäure und Wasser, wird dagegen der Lichtzutritt durch eine dichte Blätterdecke der Wälder gehemmt, so er
- 1) Journal de Pharmacie. Mai 1826. 276. Büchner, Repertorium f. d. Phar-macie. 1826. XXIV, 284.
- 2) Zuerst Anna-1. d. Chem. u. Physik. 1827. Bd. 35, S. 291, dann ausführlicher ibid. 1828. Bd. 38, S. 371.
- 3) Erdmann’s Journal f. technische und ökonomische Chemie. 1828. III, 413.
- 4) Das betreffende Capitel, „Vom Licht“, ist auch in Erdmann’s Journal für technische und ökonomische Chemie. 1830. IX, 172 abgedruckt.
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- folgt schnellere Verbrennung- unter Bildung von Humussäure (??). Ausser diesen wenig exaeten Angaben linden sich viele recht interessante und zutreffende Bemerkungen über die Abhängigkeit des Pflanzenwachsthums vom Lichte.
- Prof. W. A. Lampadius stellt in einer 1830 erschienenen kleinen Abhandlung1 2)) „Ueber die durch Imponderabilien bewirkte Veränderung des chemischen Verhaltens der Körper“, u. A. einige Beobachtungen über die Wirkungen des Lichtes zusammen und zwar:
- 1. „Die von Kästner gemachte Beobachtung, dass Kalk, eine Zeit vom Sonnenlichte bestrahlt, eine stärkere, das Pflanzenwaehsthiim befördernde Kraft besitze, als nicht bestrahlter. Er hat diese Beobachtung in seinem „Geworbefreunde“ bekannt gemacht. Es wäre wohl sehr der Mühe werth, diesen Versuch zu widerholen ...“
- 2. Die Anwendung verwitterter und von der Sonne lange Zeit bestrahlter Mineralien sei besser, als die nur mechanisch zerkleinerter. Lampadius will hier wohl nicht mit voller Sicherheit dem Lichte eine grosse Bolle zuschreiben.
- 3. „Die Entfärbung mehrerer fetten Oele, weiche in ganz mit ihnen gefüllten Flaschen durch Sonnenlicht erfolgt.“
- 4. Die plötzliche Erzeugung von Fettsäure, welche man z. B. wahrnehmen kann, wenn man frische, gut ausgewaschene Butter unter dem ausgoloortcn Reeipieuteu der Luftpumpe durch das Sonnenlicht etwa 15 Minuten schmelzend erhält.
- Im Jahre 1831 untersuchte Bobiquet ein sehr haltbar heUbläulieh grau gefärbtes Zeug und fand, dass die Farbe desselben mittels des durch Lichtein Wirkung geschwärzten Chlorsilbers hervorgebracht war. Er versuchte nun auf diesem Wege diese Farbe hervorzubringen, indem er Zeug mit Silbernitratlösung tränkte, nach dem Trocknen in eine Lösung von Chlorcaleium oder auch, von Chlorkalk tauchte und die mit Chlorsilber bedeckte Oberfläche der Einwirkung des Lichtes aussetzte, worauf sich die Farbe entwickelte.
- Ein Färber stellte einige Versuche dieser Art im Crossen an . sie misslangen indess aus folgenden Umständen: ..Soll nämlich die Farbe an allen Stellen gleich ausfalion. so muss die ganze Obertläche dos Zeuges auf einmal dem Lichte ausgesetzi werden und das konnte der erwähnte Färber in seiner Werkstätte nicht bewerkstelligen. Er setzte das Zeug nur stellenweise nach einander dem Lieble aus und so kam es, dass das Zeug fleckig erschien. Unter günstigen Umständen, meinte Robiquei, würde der Versuch vollständig gelingen'1 2).
- Zier untersuchte- 1832 u. A. das Vorhalten des uran gerollten Palmöles gegeu Licht3) und fluid: ..Wenn man Palmöl in eine enge wnisse Glasröhre drückt. diese von beiden Seifen luftdicht scldiessf und dann
- 1) Erdmaiui "s Journal f. technische unrl ökonomische Chemie. 1830. VIII, 322.
- 2) Journ. d. pharmaeio. Mars, 1831. Krdma un's Journal für technische und ökonomische Chemie. 1.831. X. 417.
- 3) Erdmaun’s Journal f. technische und ökonomische Chemie. 1832. XIV, 33.
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- dem Sonnenlichte aussetzt, so wird im Yerlaufe mehrerer Wochen die Farbe des Oeles kaum verändert. Etwas schneller findet Veränderung statt, wenn man dem Oele etwas Wasser gibt und dann, wenn es die Sonnen wärme flüssig gemacht hat, öfters schüttelt, Lässt man aber auf eine sehr dünne Lage des Oeles Licht und gleichzeitig Luft ein-wirken, so findet schneller Entfärbung statt und das Oel wird endlich ganz weiss“.
- Lampadius wiederholte den Versuch im selben Jahre1) und fand, dass eine ungefähr 1 Linie hohe, in einem Glasteller befindliche Palmölschicht durch den Einfluss der directen Strahlen der Juli-Sonne nach kaum 12 Stunden vollständig weiss gebleicht war und auch den Veilchengeruch verloren hatte. Die Wärme der Sonnenstrahlen hatte während der Bleichung das Palmfett ganz verflüssigt, In dickerer Schicht oder nicht ganz geschmolzenem Zustande dauert die Entfärbung länger.
- Merk gab 1833 eine einfachere Bereitung von Santonin an und fand, dass die weissen Krjstalle desselben im Sonnenlichte gelb werden2).
- Im Jahre 1834 unterzog auch Hermann Trommsdorff, der Sohn, das Santonin einer eingehenden Untersuchung. Er bestätigt, dass die farblosen Krjstalle sich an der Luft bei Lichtausschluss nicht verändern, dagegen den Sonnenstrahlen ausgesetzt in wenigen Minuten gelb werden 3).
- In ihrer Untersuchung „lieber das Berberin“, besprachen Büchner. Vater und Sohn, die Verwendbarkeit desselben zu Färberzwecken4 5) und äusserten sich:
- „Ein Uebelstand betrifft, wie die meisten gelben vegetabilischen Farben, auch das Berberisgelb, nämlich das so schnelle Verbleichen an der Sonne. Setzt man ein mit Berberin-Auflösung8) überstrichenes Papier nur einige Stunden den Sonnenstrahlen aus, so wird man dessen Farbe schon merklich abgeschossen finden und so geht es auch mit gefärbten Geweben. Wider alles Erwarten verbleichten die mit Zinnsalz gebeizten noch stärker als die mit blossem Berberin gefärbten. Auch die mit Kupfervitriol gebeizten schiessen bald ab; am wenigsten findet dieses bei den galliiten (mit Gerbstoff gebeizten) Zeugen statt, ja wir möchten sagen, dass sie dadurch (wenigstens die Seiden und Schafwolle) nur an Schönheit der Farbe gewinnen. Ueberhaupt behält die Seide und mitunter auch die thierisehe Wolle am längsten ihre Farbe und wenn sie sich an der Sonne etwas verändert, so -wird sie deswegen nicht unangenehmer.“
- 1) Erdmann’s Journal f. technische und ökonomische Chemie. 1832. XIV, 455. Weitere Notizen über dieses Bleichverfahren gab Michaelis in Poggendorff’s Annalen. Bd. 17, S. 633 (auch Erdmann’s Journal. 1833. Bd. 17, S. 219), indem er der Lichtbleiche eine Schwefelsäure-Bleiche vorangehen liess.
- 2) Buchner’s Repertorium. 46, 8. Berzelius, Jahresbericht. 14, 324.
- 3) Annalen der Pharmacie. 1834. 11, 190.
- 4) Büchner, Repertorium f. d. Pharmacie. 1835. Bd. 51, S. 27.
- 5) Das Berberin ist der gelbfärbende Bestandteil des Berberitzenstrauches.
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- Länderer in Athen theilte 1835 mit, dass phosphorhaltiges Oel im Finstern selbst nach U/2 Jahren keinen rothen Phosphor ausscheide, dagegen nach 3 monatlicher Einwirkung des Lichtes sich viel rother Phosphor an den Glaswandungen ausgesehieden hatte1).
- Henry und Boutron - Chalard fanden 1836, dass das Licht-ziemlich schnell auf Nicotin wirkt und die farblose Flüssigkeit braun-gelblich macht2).
- Berzelius fand 1836, dass der gelbe und rothe Farbstoff, den das Laub der Bäume im Herbste enthält, ein dunkel gelbes, schmieriges Fett-ist. dessen Lösungen durch Licht leicht bleichten3).
- Von grossem Werthe sind ChevreuLs chemische Untersuchungen über die Theorie der Färbekunst4). Er studirt-e die Veränderungen, welche die Hauptagentien, nämlich das reine Wasser, die Atmosphäre, das Sonnenlicht und die Wärme unter bestimmten Umständen bei den auf Zeugen befestigten Färbestoffen hervorbringen können. Dabei untersuchte er insbesondere, welchen Antheil der Sauerstoff der Atmosphäre und die Feuchtigkeit auf die Zerstörung der Farben durch das Licht nehmen.
- Es wurden baumwollene, seidene und wollene Garne und Gewebe, welche mit Curcuma, Orlean, Saflor, Orseille, Indigoschwefelsäure, Indigo und Berlinerblau gefärbt waren, auf Pappendeckel befestigt und dem direkten Sonnenlichte unter folgenden Umständen ausgesetzt:
- 1. In einer Flasche, welche luftleer gemacht war und überdies Chlorcalcium enthielt.
- 2. In einer Flasche, welche mit Chlorcalcium getrocknete Luft enthielt.
- 3. In einer Flasche, welche mit Wasserdampf gesättigte Luft enthielt.
- 4. In der Atmosphäre.
- 5. In einer Flasche, welche reinen Wasserdampf enthielt.
- 6. In einer Flasche, welche mit Chlorcalcium getrocknetes Wasserstoffgas enthielt.
- 7. In einer Flasche, welche mit Wasserdampf gesättigtes Wasserstoffgas enthielt.
- Die allgemeinen Resultate, welche diese Versuche lieferten, waren folgende:
- 1. Der auf Baumwolle, Seide und Wolle befestigte Indigo hält sich, wenn er im luftleeren Raume dem Licht ausgesetzt wird , während das Berlinerblau auf denselben Stoffen unter gleichen Umständen weiss wird. — Curcumä, auf diesen Stoffen befestigt, verändert sich im luftleeren Raume unter dem Einflüsse des Lichtes, während die Orseille sich hält.
- 1) Büchner, Repertorium f. d. Pharmacie. 1835. Bd. 54, S 371.
- 2) Jounial de Pha-rmacie. 1836. No. 12. Dingler’s Polytechnisches Journal. 1837. Bd. 65, S. 433
- 3) Berzelius, Jahresbericht über die Fortschritte der physischen Wissenschaften.• XVII, 300.
- 4) Journal de Chimie mcdicale. 1837. 92. Dingler’s Polytechnisches Journal. 1837. 65, 63.
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- 2. Man glaubt allgemein, dass die thierische Wolle die grösste Verwandtschaft zu den Pigmenten, hingegen der Holzstoff (Baumwolle, Leinen, Hanf) die geringste hat. Diese Ansicht ist jedoch durchaus nicht im Allgemeinen richtig, wie aus folgendem hervorgeht: Im trockenen luftleeren Raume hat das Licht keine Wirkung auf Orlean, welcher auf Baumwolle und Seide befestigt ist, während es merklich auf solchen wirkt, der auf Wolle befestigt ist Im Wasserdampf verändert das Licht den auf Wolle und Seide befestigten Saflor innerhalb einer Zeit, wo die damit gefärbte Baumwolle ihre rosenrothe Farbe beibehält; die einzige Veränderung, welche sie dann erleidet, ist ein Stich ins Violette. — Im Wasserdampf verändert das Licht die auf Wolle und Seide befestigte Orseille nicht, während sie sich auf Baumwolle entfärbt. — Im trockenen luftleeren Raume verändert das Licht die auf Seide befestigte Indigoschwefelsäure nicht, wohl aber die auf Wolle und Baumwolle befestigte. — In trockener Luft und Atmosphäre verändert sich diese auf Seide befestigte Säure, jedoch hei weitem nicht so leicht als auf anderen Stoffen. — Der auf Stoffen befestigte Indigo zeigt unter dem Einflüsse des Lichtes, der trockenen Luft und Atmosphäre gerade das umgekehrte Verhalten von der Indigosehwcfelsäure; denn jener ist weniger beständig auf Seide als auf Baumwolle und Wolle.
- 3. Im luftleeren Raume scheint das Sonnenlicht auf Indigo, Orseille und Saflor fast gar nicht einzuwirken. — In trockener Luft bringt die Einwirkung des Lichtes aber ganz andere Veränderungen hervor, doch sind sie nicht bei allen Farbstoffen gleich auffallend. Die Veränderung ist bei Berlinerblau, auf Baumwolle gefärbt, wenig merklich; sie ist es mehr bei dem auf Seide und Wolle gefärbten Indigo, der auf Wolle und Baumwolle befestigt ist, verändert sieh nur wenig, mehr der auf Seide befestigte. Mit Indigoschwefelsäure gefärbte Seide wird wenig gebleicht, hingegen sehr stark die damit gefärbte Wolle und Baumwolle. Die Orseille wird auf der Baumwolle zerstört, während sie auf der Seide und Wolle eine rötliliehe Spur hinterlässt. Orlean bleibt auf der Baumwolle sehr roth, wird aber auf Wolle vollkommen zerstört. Das Curcumägelb und Saflorroth werden auf allen drei Stoffen vollkommen zerstört. — Licht und feuchte Luft hingegen bringen auf Stoffen, die mit Berlinerblau gefärbt sind, keine viel grössere Wirkung hervor, als Licht und trockene Luft; dasselbe ist der Fall bei Indigo, auf Wolle befestigt; ferner auch bei Orseille und Saflor auf den drei Stoffen, bei dem Orlean jedoch bloss auf Wolle und Seide und selbst bei Curcuma auf allen drei Stoffen. Licht und feuchte Luft verändern hingegen weit mehr als Licht und trockene Luft den Indigo auf Baumwolle und die Indigosehwcfelsäure auf den drei Stoffen; besonders auffallend ist der Unterschied bei Seide und Wolle. Curcuma und Orlean auf Baumwolle sind unter dem Einflüsse des Lichtes viel veränderlicher in feuchter als in trockener Luft. — Die Wirkung dos Lichtes und der Atmosphäre ist beiläufig dieselbe, wie die des Lichtes und der trockenen Luft auf Berlinerblau, auf den auf Wolle gefärbten Indigo und auf den Saflor. Sie ist hingegen stärker auf Indigo, der auf Baumwolle und Seide befestigt wurde. auf die Indigoschwefelsäure, welche auf Seide befestigt wurde, auf die Orseille. den Orlean und die Curcumä. Sie ist fast gleich derjenigen des Lichtes und der feuchten Luft auf die Indigosehwofcl* säure bei Baumwolle und Wolle, auf den Indigo bei Baumwolle und Seide und auf den Orlean. Sie ist stärker auf die Orseille, den Saflor, Orlean und besonders die Curcuma. — Liebt und Wasserdampf bleichen das auf den Stoffen befestigte Beriiner-
- 'blau schneller als blosses Licht. Ausserdem entsteht in der Flasche, welche den Wasserdampf enthält, ein brauner Niederschlag, welcher in der Flasche, worin man den trockenen luftleeren Raum herstellte, nicht stattfindet. Das Licht und der Wasserdampf verändern das Curcumä, den auf Baumwolle und Wolle befestigten Orlean, die
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- auf Baumwolle befestigte Orseille und doch schwächen sie nur wenig das Saflorroth auf Baumwolle und kaum die auf Seide und Wolle befestigte Orseille. — Oie mit Curcuma, Orleau, Saflor und Orseille gefärbten Stoffe verhalten sich im-Wasserstoff wie im luftleeren Baume. — Das Licht, das Wasserstoffgas und der Wasserdampf' gehen zusammen fast ähnliche Resultate, wie das Licht und der Wasserdampf.
- Hinsichtlich der Theorie des Bleichens geht aus diesen Versuchen hervor, dass man mit Ausnahme der mit Berliiierblau gefärbten Stoffe keinen der oben angeführten durch das Licht vollkommen entfärben kann und dass man höchstens die mit Curcuma, Orlean, Saflor und Orseille gefärbte Baumwolle an der Luft vollkommen weiss wird bleichen können.
- Rückblick.
- Bücken wir zurück auf die Bestrebungen und Tendenzen jener Naturforscher, welche sich mit den chemischen Wirkungen des Lichtes in der bis jetzt beschriebenen Epoche befassten, so ergibt sich, dass die Ausnutzung der Photochemie zur Erzeugung von Lichtbildern — sei es durch Contaet, sei es in der Camera- obscura — ganz in den Hintergrund getreten war. Man studirte photochemische Processe bald im Interesse der Theorie des Lichtes, bald zur Verwertliung für Zwecke der Pharmaoie oder der Chemie, aber trotz der zahlreichen, höchst wichtigen Beobachtungen über die Natur der chemischen Licht Wirkungen, deren volle .Bedeutung man erst viel später erkannte, war man der Erzeugung von Photographien und deren Fixirung nicht, näher gerückt, als zu Zeiten Schulze's oder "Wedgewood's. ja- in den Schriften, der Naturforscher der damaligen Zeit linden sich nicht einmal ernste Bestrebungen. zur Lösung dieses Problems an gedeutet.
- Um so grösser ist:, das Verdienst der beiden französischen Forscher Niepce und Daguerre, welche Jahrzehnte lang mit bewunderungswürdiger Ausdauer im Süllen an der Erzeugung und Fixirung von Lichtbildern in der Camera obscura. sowie der Herstellung von Druckplatten auf photographischem Wege arbeiteten; in der Tliat wurde die Welt durch die Veröffentlichung der „Daguerreotypie" im Jahre 1839 aufs iiusserste überrascht. Wie die Erfindung Niepce und Daguerre’s aus unbedeutenden Anfängen sich entwickelte, soll im Folgenden geschildert werden.
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- ZWEITES CAPITEL.
- DIE ERFINDUNG DER HELIOGRAPHIE UND DER DAGUERREOTYPIE DURCH NICEPHORE NIEPCE UND DAGTJERRE. — UEBERBLICK DER FORTSCHRITTE DEE PHOTOGRAPHIE BIS IN DIE NEUESTE ZEIT.
- Nicephore Niepee1) war am 7. März 1765 in Chalon-sur-Saone geboren. Die französische Revolution und die damit verbundenen Kriege waren die Veranlassung-, dass er eine militärische Laufbahn einschlug und 1789 in die französische Armee eintrat; am 10. Mai 1792 war er Lieutenant und machte die Feldzüge in Italien mit und verwaltete 1795—1801 den District Nizza. In Nizza erkrankte er an einer epidemischen Krankheit und verliess den Militärdienst. Sein Bruder Claude Niepee ging zur See. Beide kehrten (nachdem sich Nicephore inzwischen verheirathet hatte) in ihr Vaterhaus im Jahre 1801 zurück und beschäftigten sich mit der Construction einer Maschine, welche als Motor für grosse Schiffe dienen sollte und durch die Entzündung von Ly copodiumstaub gemischt mit Luft in Bewegung gesetzt wurde. Diese Maschine nannten sie „Pyreolophore“ und erhielten mittels eines Decretes von Napoleon am 20. Juli 1807 (datirt von Dresden) ein Patent
- 1) Die Schreibweise Niepee wurde von ihm (Nicephore) selbst bei seinen Briefen gebraucht und ist auch von Fouque in seinem Werke „La verite sur l’invention de la Photographie“ durchgeführt worden. Dagegen bediente sich der aus derselben Familie stammende Cousin Nicephore Niepce’s — d. i. Niepee de St Victor — der Schreibweise Niepe ohne Accent (sowohl für sich, als mit Bezug auf Nicephore Niepee), so dass in der Familie Niepee auf die Anwendung des Accent wenig Gewicht gelegt worden zu sein scheint. Diese Schreibweise Niepee, welcher sieh Niepee de St. Victor stets in Druckwerken bediente, ist in obigem Capitel beibehalten worden, Die Schreibweise Niepee, die sieh mitunter findet, ist jedoch ganz falsch.
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- Die Erfindung der Heliographie und der Daguerreotypie etc.
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- auf ihre Erfindung. Ferner beschäftigten sich die Brüder Nicephore und Claude Niepce noch mit der Herstellung von Indigoblau aus Waid („pastel“), worauf die französische Regierung die öffentliche Aufmerksamkeit gelenkt hatte.
- Inzwischen hatte die Erfindung der Lithographie nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich grosses Aufsehen gemacht. Die Lithographie war gegen Ende des 18. Jahrhunderts von Alois Senefelder erfunden und um das Jahr 1802 durch den Erfinder selbst, allerdings ohne Erfolg, nach Frankreich gebracht worden; gegen 1812 interessirte sich der Graf Charles Philibert de Lasteyrie-Dussaillant, ein angesehener französischer Agronom und Schwiegersohn des berühmten General La Fayette, mit mehr Erfolg für die Lithographie. Er ging im Jahre 1812 nach München, um diese neue Kunst zu erlernen, kehrte aber nach Frankreich in Folge des unglücklichen Krieges von Napoleon gegen Russland zurück. Nach der Restauration (1814) begab er sich wieder nach Bayern, nahm Arbeiter auf, kaufte lithographische Utensilien und errichtete hierauf in Paris eine lithographische Anstalt.
- Die Lithographie wurde in Frankreich mit Enthusiasmus aufge-noinmen und zahlreiche Personen wollten diese neue Methode versuchen.
- Auch Nicephore Niepce interessirte sich für die Lithographie und versuchte im Jahre 1813 Kalksteine zu diesem Zwecke zu verwenden, wie der Sohn Nicöphore’s (Isidore Niepce1) viele Jahre später mittheilte; er überzog die Steine mit einem Firniss und gravirte und ätzte Zeichnungen mittels einer Säure ein. Jedoch hatten die ihm zur Verfügung stehenden Steine ein ungenügend feines und zu unregelmässiges Korn und er ersetzte sie durch Platten von Zinn. Wir wissen nur aus den späteren Mittheilungen seines Sohnes Isidore, dass Nicephore Niepce damals schon die Platten mit Firnissen einer eigenen Zusammensetzung überzog und hinter transparent gemachten Zeichnungen dem Lichte am Fenster aussetzte. Da Nicephore Niepce gegen Niemanden, ausser seinem Bruder und seinem Sohne, über seine Experimente Erwähnung that, so liegen keinerlei Documente aus jener Zeit vor. Jedenfalls beschäftigten die Gebrüder Niepce sich in den Jahren 1813—1815 viel mehr mit ihren mechanischen Erfindungen, besonders mit dem Pyreolophore. als mit heliographischen Versuchen. Claude Niepce war 1816 nach Paris übergesiedelt. Nicephore war demzufolge mit seinen Versuchen auf sich selbst angewiesen und machte wieder Versuche mit der Lithographie. Den Gang der Arbeiten Nicephore’s finden wir in der
- 1) S. Fouque, La verite sur l’invention de la Photographie. 1867. S. 49.
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- Erster Theil. Zweites Capitel.
- Correspondenz mit seinem Bruder Claude, welche wichtige Documente für die Geschichte der Photographie sind1). Nach dem Briefe am 1. April 1816 sprach er die Hoffnung aus, die Farben eines Bildes fixiren zu können; am 12. April spricht er von einer Art künstlichem Auge, welches schliesslich nichts anderes als: eine Camera obscura ist; am 22. April theilt er seinem Bruder mit, dass ihm ein Unfall zugestossen sei, indem ihm die Linse an seiner Camera zerbrochen sei; im Briefe vom 5. Mai theilt er die Schwierigkeiten mit, mit welchen er bei der Beschaffung einer neuen Linse zu kämpfen hatte. Zum Glück fand sich ein Sonnen-mikroscop seines Grossvators vor, dessen eine Linse eine brauchbare Brennweite für die Camera Niepee's hatte.
- Am 9. Mai 1816 schreibt Nicephore Niepee seinem Bruder Claude dass er Bilder bloss mittels Sonnenlicht erhalten habe. Bereits am 19. Mai 1816 schickte er zwei heliographische Platten an Claude und am 28. Mai vier andere, und schrieb am 2. Juni 1816 an Claude, dass er eine Substanz gefunden habe (welche er nicht nennt), welche sehr lichtempfindlich ist und spricht die Hoffnung aus, dass er mit diesem Proeess und mittels Säuren die auf metallischen Platten erhaltenen Bilder ätzen und auf diese Weise Gravuren herstellen könne, weiche zur Vervielfältigung geeignet seien.
- Daraus geht hervor, dass Nicephore Niepee bereits im Mai 1816 die Heliographie erfunden und Proben davon abgesendet hat.
- Die Art und W eise, wie Nicephore Niepee experimentirte, geht aus einem Briefe hervor, welchen er am 16. Juni 1816 an seinen Bruder Claude richtete. Nicephore schreibt: „ich habe gelesen, dass eine alkoholische Lösung von Lisenchloricl, welche schön gelb ist, im Sonnenlichte bleicht und im Schatten seine ursprüngliche Farbe wieder annimmt. Ich imprägnirte mit. dieser Lösung ein Stück Papier, welches ich trocknete; die dem Tageslichte ausgesetzte Parthic wurde gebleicht, während die vor Licht geschützten Stellen gelb blieben. Aber diese Lösung zieht zu viel Feuchtigkeit aus der Luft an; ich wendete sie nicht mehr an, weil mir der Zufall eine bessere Substanz finden liess. ------ Bedeckt mau ein Stück Papier mit einer Schicht von „Safran de
- Mars“ und setzt es Chlordämpfen aus. so wird es schön gelb und bleicht rascher als das vorige aus. Ich habe beide in die Camera obscura gebracht, . . . aber kein Lichtbild erhalten; vielleicht habe ich nicht genügend lange Zeit gewartet.“ Nicephore versuchte auch Braunstein (Mangansuperoxyd), welcher in Chlorgas farblos wird, im
- 2) Dieselben sind in dem Werke Kouque’s (La verite sur binvention de 1» Photographie. 1867) veröffentlicht.
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- Die Erfindung der Heliographie und der Daguerreotypie etc.
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- Lichte zu entfärben Am 20. April 1817 schreibt Nicephore Niepce, dass er auf die YerWendung des Chlorsilbers Verzieht geleistet habe und eine andere Substanz dafür verwenden wolle.
- Nicephore Niepce hatte, wie aus demselben Briefe hervorgeht, in einem Werk über Chemie gelesen, dass Guajac-IIarz, welches gelblich grau ist, im Lichte schön grün wird, dass es neue Eigenschaften erhalten und dass in diesem Zustande zu seiner Auflösung ein stärker rectificirter Alkohol nothwendig ist. als in seinem ursprünglichen Zustande. Kr präparirto Papiere mit Guajac und erhielt allerdings ein Lichtbild, allein seine Versuche, die Bilder mit Alkohol zu fixiren, waren vergeblich. Ferner las er in K’Iaproth’s „Pietionnaire de chimie“, dass Ä. Vogel die LLditemptindlichkeit des Phosphors() genau beschrieb und hoffte durch Anwendung von „Alcohol de Lampadius“, d. i. Schwefelkohlenstoff, das Lichtbild zu fixiren, da Nicephore Niepce äusserte, dass hierin nur der weisse Phosphor (nicht aber der rothe Phosphor, welcher im Lichte entsteht) löslich ist1 2).
- Daraus geht hervor, dass Nicephore Niepce in den photoehemischen Forschungen der damaligen Zeit seine Anregung fand, und dass seine Idee, Asphalt als lichtempfindliche Substanz zu verwenden, wahrscheinlich durch die von Hagemann im Jahre 1782 zuerst gefundene und von späteren Naturforschern mit Vorliebe weiter untersuchte Lieht-empfind lieh keil des Guajacharzes 3) veranlasst worden war; Nicephore Niepce hat, wie wir aus seinen Briefen hervorgeht, beim Guajac die Fixirung der Lichtbilder mittels Alkohol versucht, allerdings mit schlechtem Erfolge: die auffallende Farbenänderung des Guajacs liess jedoch Zweifel über eine erfolgte Lichtwirkung nicht auf kommen. Dass zahlreiche andere Harze aber auch lichtempfindlich sind, hatte bereits Senebier im Jahre 1782 gezeigt (s. S. 34). Bei seinen weiteren Versuchen mag Nicephore Niepce wahrscheinlich auch auf den Asphalt gekommen sein, der ihm wohl zur Hand gewesen sein dürfte, weil er (wie oben erwähnt) schon im Jahre 1818 Gravuren in Metall ätzte und bekanntlich die als Aetz-grund verwendeten Firnisse damals - ebenso wie heute zumeist, Asphalt enthielten.
- 1) Dieselbe war von Bookmann im .fahre 1800 zuerst angegeben und von A. Vogel im Jahre 1812 genauer studirt worden (s. o).
- 2) Es ist nicht uninteressant, dass von Poirson im Jahre 1886 diese Methode des Copirens auf einer Schicht Phosphor (auf Stein) und Fixiren des Bildes von rothem Phosphor mit Schwefelkohlenstoff neuerdings naeherfunden wurde. (Phot. Mitth. Bd. 23, S. 129.)
- 3) Hierher gehören die von mir bereits oben namhaft gemachten späteren Forscher: Senebier (1782) S. 34, Wollaston (1802) S. 58 u. ff.
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- Erster Theil. Zweites Capitel.
- Im Jahre 1817 begab sieh Claude Niepce nach London, um den „Pyreolophore“ zu verwerthen.
- Leider sind wenige Briefe von Nieephore aus der Zeit vom Juli 1817 bis Mai 1826 erhalten, so dass über die Fortschritte der Heliographie in diesem Zeiträume nicht viel bekannt ist.
- Aus einem Briefe vom 19. Juli 1822 von Nieephore Niepce an seinen Bruder Claude erfahren wir, dass der erstere ein Porträt Pius VII. auf Glas reproducirt hatte, welches die Bewunderung Aller erregte, welche die Beproduetion sahen. Der General Poncet du Maupas, ein Cousin der beiden Niepce, sah das Portrait und erbat es sieh von Nieephore Niepce. Er nahm es auf seinen Beisen mit und als eines Tages ein Bewunderer dieser Arbeit die Glasplatte zufällig aus der Hand fallen liess, zerbrach sie und so ging die älteste Photographie von Nieephore Niepce, welche in fremde Hände gelangte, verlorenJ).
- In einem anderen Briefe vom 3. September 1824 theilte Nieephore mit, dass es ihm gelungen sei, die Einrisse einer Ansicht in der Camera obscura abzubilden.
- In der That besitzt das Museum in Chalon-sur-Saone zwei Zinnplatten, wovon die eine eine Landschaft zeigt, die andere ein Bild eines Christus am Kreuz, mit der Angabe „Dessin heliographique, in-vente par J. N. Niepce 1825“.
- Um diese Zeit beginnen die Beziehungen zwischen Nieephore Niepce und Daguerre. Der Oberst Niepce, ein Cousin Nicephore's. kam am 12. Januar 1826 nach Paris und begab sich zu den damals sehr berühmten Optikern Vincent und Charles Chevalier, um optische Gegenstände, namentlich eine Camera obscura mit einen „Prisme me-nisque“1 2) zu kaufen, um welche ihn Nieephore ersucht hatte. Gesprächsweise erwähnt der Oberst, dass sein Cousin Nieephore sich mit Versuchen beschäftigte, die Bilder der Camera obscura zu fixiren und er zeigte ihnen eine Probe einer Heliographie Niepce's, welche ihr Erstaunen erregte. Charles Chevalier theilte seinerseits mit. dass auch in Paris sich ein Maler, Namens Daguerre, mit derselben Idee befasse.
- 1) Fouque, Invention de la Photographie, pag. 108. — Auch Chevreut, La verite sur llnvention' de la Photographie. (Journal de Savants. 1873.)
- 2) Dieses „Prisme menisque“ war ein von den Brüdern Chevalier erfundenes optisches Instrument mit einem Glaskörper, welcher einerseits eoncav andererseits convex war.
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- Nun ereignete sich ein höchst merkwürdiger Zufall, welchen Arthur Chevalier in seinem Werke „Etüde sur la vie et les travaux scienti-Hques de Charles Chevalier“ (Paris 1862) erzählt. Einige Tage nach dem Besuche des Oberst Niepce kam zu den Optikern Chevalier ein fremder junger Mann, welcher eine billige Camera obscura kaufte und äusserte: „es thue ihm sehr leid, dass seine Mittel ihm nicht erlauben, eine bessere Camera (Appareil ä prisme) zu kaufen, denn mit einem solchen hoffe er das Bild auf der matten Scheibe der Camera besser fixiren zu können“. Gleichzeitig wies er positive Bilder auf Papier vor, von welchen er sagte, dass sie durch Lichtwirkung hergestellt seien. Später brachte er an Chevalier ein Fläschchen mit einer braunen, angeblich lichtempfindlichen Flüssigkeit. Chevalier konnte kein Resultat damit erhalten, auch Daguerre nicht (dem Chevalier davon erzählt hatte), man wartete auf die Rückkehr des Unbekannten . . . jedoch vergeblich; er kam niemals wieder.
- Jedoch sprach Chevalier, nach diesen erfolglosen Versuchen mit der braunen Flüssigkeit, mit Daguerre, dass auch Nicephore Niepce sich mit heliographischen Versuchen befasse; er gab dein Daguerre die Adresse Niepce’s und rieth ihm, sich mit demselben in Verbindung zu setzen. Daguerre wies anfangs diesen Vorschlag zurück, aber später besann er sich eines anderen und schrieb einige Tage nachher (gegen Ende Januar 1826) an Nicephore Niepce.
- Nicephore Niepce hatte inzwischen seine heliographischen Arbeiten fortgesetzt und ein Porträt auf Zinn (Porträt des Cardinal Georges dAmboise, Minister Louis XII.) hergestellt. Betreffs dieser Gravüre erfahren wir zum ersten Male, durch die Mittheilung seines Sohnes Isidore Niepce J), die Methode, welche Nicephore damals angewendet hatte; es war eine Lösung von Asphalt in Dippel’s animalischem Oele1 2), welche auf die Zinnplatte aufgetragen war und durch „ein Lösungsmittel“ fixirt und dann geätzt wurde. Nicephore sendete die Platte, um sie tiefer zu graviren, an Lemaitre, einem geschickten Pariser Graveur. Am 1. Januar 1827 schickte Niepce an Lemaitre
- 1) Brief Isidore Niepce’s an Fouque vom 10. März 1867, also vierzig Jahre später! (Fouque a. a. 0. S. 122.)
- 2) Es scheint mir kein blosser Zufall zu sein, dass Nicephore Niepce gerade Dippel’s animalisches Oel (durch trockene Destillation von Knochen erhalten) zur Auflösung benutzte, sondern es mag ihm die Beobachtung älterer Chemiker über die Liehtempfindlichkeit dieses Oeles bekannt gewesen sein (s. S. 66 und 69; Swindern im Jahre 1805 und Link im Jahre 1808); die Idee liegt nicht so fern, dass man die Liehtempfindlichkeit dieses Oeles mit jener des Asphaltes combinire.
- Eder, Handbuch der Photographie. I. Theil. 2. Aufl.
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- bereits zwei Kupferplatten, welche bereit zum Aetzen waren, und kurz darnach fünf Zinnplatten, welche mit Essigsäure schwach geätzt waren und schreibt, dass er insbesondere sich damit beschäftigte, mittels der Camera Gravuren zu erhalten.
- Mittlerweile war der in London befindliche Bruder Claude erkrankt und Nieephore reiste über Paris nach London. Er hielt sich einigt Tage in Paris auf, und sah nicht nur Daguerre, sondern auch Lemaitre. In dieser Epoche spricht Nieephore enthusiastisch von dem Diorama Daguerre’s (s. u.) und theilt in einem Briefe vom 4. September 1821 an seinen Sohn Isidore mit, dass Daguerre die Bilder der Camera obscura auf phosphorescirenden Substanzen aufgefangen habe, „welche Substanz begierig Licht aufsaugt, aber nicht lange zurückhalten kann“.
- Als Nieephore nach London kam, traf er seinen Bruder Claude schwer krank an. Gelegentlich eines Aufenthaltes in Kew lernte er das Mitglied der königlichen Societät in London, Francis Bauer, kemieii. auf dessen Veranlassung Nieephore ein „Memoire“ nebst Gravuren der Societät am 5. November 1827 verlegte. Diese Denkschrift ist in der, Berichten der Societät nicht abgedruckt, sondern erst durch Fouqnt (a. a. 0.) bekannt gemacht worden. Aus derselben geht deutlich hervor, dass er bereits Lichtbilder auf metallischen Silber platten vorlegte, in welchen das Bild durch den Gegensatz einer bräunlichen Schicht um! das glänzende Silber gebildet waren und von welchen Daguerre später mittheilte, dass es Asphaltbilder gewesen seien, ausserdem aber auelr heliographische Aetzuugen. Betreffs der letzteren sagte Nieephore ausdrücklich , dass die Gravuren durch Druckerschwärze auf Papier vervielfältigt werden können; nähere Details über die Herstellung gab er nicht an1). Im Januar 1828 kehrte Nieephore nach Frankreich zurück: Claude starb zu Kew Green am 10. Februar desselben Jahres.
- 1) Bei seinem Aufenthalte in England (1827) gab Niepee einem Herrn Cusse. in Kew bei London eines seiner Bilder. Der letztere schrieb auf die Rückseite de? Bildes: ..Dieses Prototyp (ohne Zweifel irrthiimlich statt „Phototyp“) wurde mir zu Ke* im Jahre 1827 von Herrn Niepee gegeben, dem man die Erfindung dieser IüiiiC verdankt“. Jos. Ellis zu Brighton hatte das Bild noch Ende der fünfziger JaL in den Händen Cussel’s gesehen und-wünschte es zu erwerben, was ihm dieser ab schlug, da er selbst hohen Werth auf den Besitz desselben legte. Ellis Hess jedoch das Bild nicht mehr aus den Augen und als Cussel zu Beginn der Sechziger Jahn gestorben und dessen Nachlassenschaft verkauft worden war, stellte er Nachforschung«-darnach an und fand das Bild in den Händen eines Trödlers, welcher es für ei«; Silberplatte gehalten hatte. Die Rückwand war abgekratzt worden, um sich davon z[ überzeugen, aber er erkannte in der Folge, dass das Metall Zinn und nicht Silber s«; welchem Umstande allein es zuzuschreiben sein dürfte, dass das historisch wichtig
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- Wir müsssen uns jetzt etwas näher mit Daguerre befassen.
- Louis Jacques Mande Daguerre war am 18. November 1787 zu Cormeilles in Frankreich geboren; er war zuerst Steuerbeamter und wandte sieb später der Malerei, insbesondere dem Decorationsfache zu; er behandelte die Licht- und Beleuchtungseffecte mit staunenswerther Geschicklichkeit und stattete eine Anzahl von Opern auf Pariser Bühnen aus. Insbesondere wurde er durch das von ihm erfundene DioramaJ) bekannt, welches er von 1822 —1839 in Paris leitete. Neben diesen künstlerischen Arbeiten beschäftigte er sich auch anhaltend mit physikalischen Studien, besonders über das Licht und dessen Wirkungen. Er scheint jedoch damals bloss mit phosphorescirenden Substanzen gearbeitet zu haben (s. o.) und seine Studien wendete er hauptsächlich der Camera obscura zu. Daguerre verbesserte die Camera obscura dadurch, dass er an Stelle der früher allgemein gebräuchlichen biconvexen Linse die von Wollaston (1812) eingeführte Form der periscopischen Linse (s. Cap. „Objeetive“) wählte; die optischen Behelfe lieferte ihm der renommirte Optiker Charles Chevalier im Palais-Boyal in Paris, mit welchem er auch öfter verkehrte. Es wurde bereits oben mitgetheilt, wie Chevalier die Veranlassung bot, dass sichNiepce und Daguerre einander näherten, in Correspondenz und in persönlichen Verkehr traten.
- Anfangs war der Verkehr beiderseits, in Folge der gegenseitigen Besorgniss, zu viel von den gewonnenen Besultaten preiszugeben, ein sehr zurückhaltender. Nieephore Niepce brachte die Angelegenheit im Jahre 1829 zur Entscheidung, indem er an Daguerre einen Antrag stellte, sich mit ihm zu vereinigen zur weiteren Vervollkommnung dei heliographisehen Proeesse.
- Am 14. December 1829 wurde ein notarieller Vertrag zwischen Nieephore Niepce und Daguerre geschlossen, zu welchem Zwecke Daguerre eigens nach Chalon gekommen war. In diesem Vertrage, welcher von Niepce und Daguerre unterzeichnet wurde, heisst es im 1. Artikel: „Zwischen Niepce und Daguerre wird eine Gesellschaft
- Stück nicht in dem Tiegel eines Schmelzers seinen Untergang gefunden hat: Ellis kaufte das Bild und bewahrte es mit Sorgfalt auf. Es war eine in der Camera obscura auf einer asphaltirten Zinnplatte erhaltene Beproduetion eines Stiches. (Photograph. News. Juli 1862. Horn’s Photogr. Journ. Bd. 19, S. 4.)
- 1) Das Diorama war ein Gemälde, worin die Aenderungen in der Beleuchtung (Tages- und Abendbeleuchtung etc.) künstlich naebgeahmt wurde; in einzelnen Fällen war damit das Verschwinden und Sichtbarwerden der Figuren verbunden. Diese Effecte wurden dadurch erreicht, dass die Bildfläche auf beiden Seiten bemalt und bald von vorn, bald von rückwärts beleuchtet war.
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- gebildet, um zusammen zu wirken für die Verbesserung der von M. Niepce gemachten und von Daguerre vervollkommneten Erfindung x).
- 1) Bei der historischen Wichtigkeit dieses Vertrages geben wir denselben genau wieder:
- Grundlagen des vorläufigen Vertrages zwischen den Unterzeichneten, Herrn Joseph Nicephore Niepce, Grundbesitzer, wohnhaft zu Chälon-sur-Saöne, Departement Saöne-et-Loire, einerseits und Hem Louis Jacques Mande Daguerre, Kunstmaler, Mitglied der Ehrenlegion, Verwalter des Dioramas, wohnhaft zu Paris im Diorama, andererseits, welche, um die Bildung einer von ihnen geplanten Gesellschaft herbeizuführen, vorläufig folgendes festgesetzt haben:
- Herr Niepce hat in dem Bestreben, durch ein neues Mittel ohne Zuhilfenahme eines Zeichners die Ansichten, welche die Natur bietet, zu fixiren, Untersuchungen angestellt, deren Resultate in zahlreichen die Erfindung bestätigenden Proben vorliegen Diese Erfindung besteht in der von selbst vor sieh gehenden Reproduction der in der Dunkelkammer aufgenommenen Bilder.
- Herr Daguerre, dem er Mittheilung von seiner Erfindung gemacht hat, erbietet sich, da er ihren Werth mit Interesse anerkannt hat, zumal sie einer grossen Vervollkommnung fähig ist, sieh mit Herrn Niepce zu vereinigen, um diese Vervollkommnung zu erreichen und alle nur möglichen Vortheile aus diesem neuen Industriezweig zu ziehen.
- Nach dieser Auseinandersetzung haben die Contrahenten in folgender Weise die vorläufigen und grundlegenden Satzungen ihrer Vereinigung festgesetzt:
- Art. 1. Unter der Firma Niepce-Daguerre wird zwischen den Herren Niepee und Daguerre eine Gesellschaft zur gemeinschaftlichen Arbeit an der Vervollkommnung der erwähnten, von Herrn Niepce erfundenen und von Herrn Daguerre vervollkommneten Erfindung gegründet.
- Art. 2. Die Dauer dieser Gesellschaft wird mit 10 Jahren vom 14. December des laufenden Jahres ab festgesetzt; vor diesem Termin kann die Gesellschaft ohne beiderseitige Zustimmung der Parteien nicht aufgelöst werden. Im Fall des Ablebens eines der beiden Gesellschafter tritt für denselben in die Gesellschaft für den Rest der noch nicht abgelaufenen 10 Jahre sein Rechtsnachfolger ein; auch darf im Fall des Ablebens eines der beiden Theilhaber die erwähnte Erfindung nur unter den beiden Namen, welche in Art. 1 angegeben sind, veröffentlicht werden.
- Art. 3. Sofort nach der Vollziehung des gegenwärtigen Vertrages hat Herr Niepce Herrn Daguerre unter dem Siegel des Geheimnisses, welches bei einer in allen Kosten, Schäden und Zinsen bestehenden Conventionalstrafe zu wahren ist, das Prineip, auf welchem seine Erfindung beruht, mitzutheilen und ihm die genauesten und eingehendsten Documente über die Natur, die Anwendung und die verschiedenen Verwendungen der sich daran anknüpfenden Verfahren zur Verfügung zu stellen, uni dadurch mehr Uebereinstimmung und Beschleunigung in die Untersuchungen und Versuche zu bringen, welche auf die Vervollkommnung und Ausnutzung der Erfindung gerichtet sind.
- Art. 4. Herr Daguerre verpflichtet sich, bei Vermeidung der erwähnten Conventionalstrafe , das grösste Schweigen zu bewahren, sowohl hinsichtlich des grundlegenden Princips der Erfindung, als hinsichtlich der Natur, der Verwendung und Anwendungen der Verfahren, welche ihm mitgetheilt wrnrden sollen, und ausserdem so
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- Im Artikel 3 dieses Vertrages verpflichtet sich Niepce die Prin-eipien seiner Erfindung genau zu beschreiben. Da dieses Actenstück erriet als möglich an den für nöthig erachteten Verbesserungen mitzuarbeiten unter Einsetzung seiner Kenntnisse und seiner Talente.
- Art. 5. Herr Niepce bringt in die Gesellschaft ein und übereignet derselben seine Erfindung, welche den Werth der Hälfte des Ertrages darstellt, dessen sie fähig ist, und Herr Daguerre bringt eine neue Anordnung der Dunkelkammer, seine Talente und seine Geschicklichkeit ein, welche der anderen Hälfte des erwähnten Ertrages gleich geachtet werden.
- Art. 6. Sofort nach Ausfertigung des gegenwärtigen Vertrages hat Herr Daguerre unter dem Siegel dos Geheimnisses, welches bei einer in allen Kosten, Schäden und Zinsen bestehenden Conventionalstrafe zu wahren ist, Herrn Niepce das Prineip mit-zutheilen, auf welchem die Vervollkommnung beruht, welche er an der Dunkelkammer angebracht hat, und ihm die genauesten Documente über die Natur der erwähnten Vervollkommnung zur Verfügung zu stellen.
- Art. 7. Die Herren Niepce und Daguerre haben zur gemeinsamen Kasse jo zur Hälfte die zur Gründung dieser Gesellschaft nöthigen Geldmittel einzuzahlen.
- Art. 8. Sollten die Gesellschafter es für angebracht halten, die erwähnte Erfindung mittels des Processes des Gravirens zur Anwendung zu bringen, d. h. die Vortheile festzustellen, welche für einen Graveur aus der Anwendung der erwähnten Verfahren entspringen könnten, so verpflichten sich die Herren Niepce und Daguerre, keine andere Persönlichkeit als Herrn Lemaitre zur Ausführung der erwähnten Anwendung zu wählen.
- Art. 9. Bei Abschluss des endgiltigen Vertrages ernennen die Gesellschafter unter sich den Direetor und den Kassirer der Gesellschaft, welche ihren Sitz in Paris hat. Der Direetor hat die von den Gesellschaftern festgesetzten Unternehmungen zu leiten, der Kassirer die durch den Direetor im Interesse der Gesellschaft ihm überwiesenen Guthaben einzuziehen und Zahlungs-Anweisungen zu bezahlen.
- Art. 10. Das Amt des Directors und das des Kassirers laufen auf die Dauer des gegenwärtigen Vertrages, Wiederwahl ist zulässig. Eine Entschädigung für ihre Mühwaltung hat weder der Direetor noch der Kassirer zu beanspruchen, doch kann ihnen ein Gewinnantheil als Entschädigung bewilligt werden, wenn bei Abschluss des endgiltigen Vertrages von den Gesellschaftern so bestimmt werden sollte.
- Art. 11. Jeden Monat hat der Kassirer dem Direetor seine Abrechnungen und die Bilanz der Gesellschaft darzulegen, und alle Halbjahre theilen die Gesellschafter den Gewinn unter sich in der weiter unten festgesetzten Weise.
- Art. 12. Die Abrechnungen des Kassirers und die Bilanz sind alle Halbjahre durch die Gesellschafter zu prüfen, zu vollziehen und zu entlasten.
- Art. 13. Die Verbesserungen und Vervollkommnungen, welche an der erwähnten Erfindung, sowie diejenigen, welche an der Dunkelkammer angebracht werden, sind und bleiben Eigenthum der beiden Gesellschafter, welche, wenn sie zu dem Ziele, welches sie sich gestellt haben, gelangt sein werden, auf Grundlage des gegenwärtigen Vertrages einen endgiltigen Vertrag unter sieh abschliessen werden.
- Art. 14. Der Gewinn der Gesellschafter aus dem Reinertrag der Gesellschaft fällt zur Hälfte an Herrn Niepce als Erfinder, zur Hälfte an Herrn Daguerre für seine Vervollkommnungen.
- Art. 15. Alle Streitigkeiten, welche zwischen den Gesellschaftern aus dem gegenwärtigen Vertrage entstehen könnten, sind mit Ausschluss der Anrufung des Gerichtes
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- halten ist, so wissen wir, dass Niepce bereits vollkommen genau die heliograpkische Asphalt-Methode kannte1).
- endgiltig durch Schiedsrichter zu entscheiden , welche von beiden Theilen in gütlicher Vereinbarung gemäss Art. 51 des Landesgesetzbuches zu berufen sind.
- Art. 16. Im Falle der Auflösung der Gesellschaft ist die Liquidation durch den Kassirer nach gütlicher Vereinbarung allein, oder durch beide Gesellschafter gemeinschaftlich, oder endlich durch eine dritte Person auszuführen, welche sie in gütlicher Vereinbarung bestimmen, oder welche durch den zuständigen Richter auf Anrufen des geschäftsführenden Theilhabers bestimmt wird.
- Genehmigt und untersehriftlich anerkannt.
- •J. N. Niepce.
- Genehmigt und unterschriftlich anerkannt.
- Daguerre.
- Eingetragen ins Register zu Ohälon-sur-Saöne den 13. März 1830, f. 32 V. C. 9 und ff. Empfangen fünf Francs 50 Centimes, einschliesslich des Zehnten.
- Decordeaux
- 1) Diese „Notice sur l’Heliographie“ von Nicephore Niepce, welche als Nachtrag zu dem erwähnten Vertrage vom Jahre 1829 geschrieben wurde, war von Daguerre selbst veröffentlicht worden und zwar in seiner „Historique et deseription des procedes du Daguerreotype et du Diorama; par Daguerre. Paris, 1839.“ Dieselbe findet sieh auch abgedruckt in Fouque’s citirtem Werke. Ich gebe diese Stelle in extenso wieder. Nicephore Niepce schrieb:
- Die Entdeckung, die ich gemacht habe und die ich mit dem Namen Heliographie bezeichne, besteht darin, die durch die Camera obscura aufgenommenen Bilder durch die Wirkung des Lichts mit den Abstufungen der Tinten von Schwarz bis zu Weiss von selbst aufzufassen.
- Grundbegriff dieser Entdeckung.
- Das Licht im Zustand seiner Zusammensetzung und Zerlegung wirkt chemisch auf verschiedene Körper. Es wird von denselben eingesogen, vereinigt sich mit ihnen und theilt ihnen neue Eigenschaften mit. So vermehrt dasselbe die natürliche Dichtheit einiger dieser Körper, es macht sie sogar fest und mehr oder weniger unauflöslich , je nach der Dauer oder intensiven Kraft seiner Einwirkung. Dies ist mit wenigen Worten der Ursprung der Entdeckung.
- Erster Stoff. Zubereitung.
- Die erste Substanz, welche ich anwende, diejenige, mit welcher mein Verfahren am besten glückt und die mehr unmittelbar zur Hervorbringung der Wirkung beiträgt, ist der Asphalt oder das sogenannte Judenpeeh, welches auf folgende Weise zu-bereitet wird:
- Ich fülle ein Glas mit diesem pulverisirten Pech bis zur Hälfte und giesse sodann Tropfen für Tropfen Lavendelöl darauf, bis das Pech nichts mehr einsaugt und nun eben ganz davon durchdrungen ist. Sodann giesse ich noch so viel von diesem ätherischen Oel daran, dass es ungefähr drei Linien hoch über der Mischung steht, die man alsdann zudeckt und einer mässigen Wärme aussetzt, bis das noch darauf gegossene ätherische Oel von dem Färbestoff des Judenpechs gesättigt ist. Wenn dieser Firniss nicht die nöthige Consistenz hat, so lässt man ihn in einer Kapsel verdunsten, indem man ihn vor Feuchtigkeit schützt, die ihn verändern und am Ende
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- Wir bemerken hieraus, dass bereits im Jahre 1829 Niepee metallische Silberplatten den Joddämpi'en aussetzte, allerdings nur zu
- zersetzen würde. Diese Unannehmlichkeit ist besonders in der feuchten und kalten Jahreszeit für die Camera obscura zu befürchten.*)
- Wenn man eine kleine Masse dieses Firnisses mit einem Ballen von sehr zartem Leder kalt auf eine gut polirte Metallplatte, die mit Silber plattirt ist, aufträgt, so gibt sie diesem eine schöne rothe Farbe und verbreitet sich darüber als ein sehr dünner und gleichförmiger Ueherzug. Man legt hierauf die Tafel auf eine heisse Platte, welche mit Papier mehrfach überdeckt ist, dem man dadurch seine Feuchtigkeit vorläufig genommen hat, und wenn der Firniss nicht mehr klebrig ist, so zieht man die Platte zurück, um sie wieder kalt werden und bei einer gemässigten Temperatur, geschützt vor dem Einfluss einer feuchten Luft, vollends trocknen zu lassen. Ich darf nicht vergessen zu bemerken, dass hauptsächlich diese Vorsicht unerlässlich ist, wenn man den Firniss aufträgt. In diesem Falle genügt jedoch eine leichte Scheibe, in deren Mittelpunkt ein kurzer Stift befestigt ist, welchen man in dem Munde hält, um die Feuchtigkeit des Athems abzuhalten und zu verdichten.
- Die so vorbereitete Platte kann unmittelbar hierauf der Einwirkung des Lichtes ausgesetzt werden; aber auch wenn dieselbe hinlängliche Zeit zur Entwickelung der Wirkung ausgesetzt war, so zeigt doch nichts die wirkliche Existenz derselben an, denn der Eindruck bleibt unbemerkbar.
- Es handelt sieh daher darum, das Bild zu entwickeln, und hierzu gelangt man nur mit Hilfe eines Auflösungsmittels.
- Von dem Auflösungsmittel, a) Dasselbe zu bereiten.
- Da dieses Auflösungsmittel nach dem Resultat eingerichtet werden muss, das man zu erhalten wünscht, so ist es schwer, die Verhältnisse seiner Zusammensetzung mit Genauigkeit zu bestimmen, aber unter gleichen Umständen ist es besser, dass es ein wenig zu schwach als zu stark sei. Dasjenige, welches ich vorzugsweise anwende, ist aus einem Theil Lavendelöl und sechs Raumtheilen weissem Steinöl oder Berg-naphta zusammengesetzt. Die Mischung, welche zuerst milchig ist, wird nach zwei bis drei Tagen ganz hell. Sie kann mehrere Male hinter einander gebraucht werden; sie verliert ihre auf lösende Eigenschaft erst dann, wenn sich die Sättigung nähert, was man daran erkennt, dass die Flüssigkeit trüb und dunkelfarbig wird; man kann sie aber destilliren und wieder so gut als früher machen.
- Wenn die Platte oder Firnisstafel aus der Camera obscura genommen ist, so giesst man in ein Gefäss von Weissbleeh, welches 1 Zoll tief und länger und breiter als die Platte ist, eine so grosse Quantität von diesem Auflösungsmittel, dass die Platte ganz davon bedeckt wird. Man legt diese in die Flüssigkeit, und wenn man sie unter einem gewissen Winkel in schiefem Licht beobachtet, so sieht man den Eindruck nach und nach erscheinen und sieh allmählich enthüllen, obgleich noch von dem Oel verdunkelt, das mehr oder weniger von Firniss gesättigt darüber fliesst. Sodann nimmt man die Platte heraus und stellt sie senkrecht auf, um das Auflösungsmittel gut abfliessen zu lassen. Wenn nichts mehr herabfliesst, so schreitet man zu der letzten Operation, die nicht weniger wichtig ist.
- *) Diese Abhandlung wurde im Monat December niedergesclirieben.
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- dem Zwecke, um die blanken Stellen des Silbers, auf welchem sich ein Asphalt-Lichtbild befindet, zu schwärzen, damit die Schatten des Bildes
- Von der Abwaschung.
- Art des Verfahrens dabei.
- Es genügt hierzu eine sehr einfache Vorrichtung, die aus einer Tafel besteht, welche vier Fuss lang und etwas breiter als die Platte ist. Diese Tafel ist ihrer Länge nach von zwei Leisten umgeben, die einen hervorstehenden Rand von zwei Zoll Höhe bilden. Sie ist an ihren oberen Enden an einem Träger befestigt, mit Charnieren, die es möglich machen, sie nach Gefallen auf- und abwärts zu bewegen, um dem Wasser, welches man darauf giesst, die nöthige Geschwindigkeit zu geben. Das untere Ende der Platte mündet sich in ein Gefäss, das bestimmt ist, die herabfliessende Flüssigkeit aufzunehmen.
- Man legt die Platte auf diese abwärts geneigte Tafel und verhindert das Herabgleiten derselben durch zwei kleine Häkchen, welche jedoch nicht über die Dicke der Platte hervorragen dürfen. Man muss in der gegenwärtigen Jahreszeit (Winter) darauf bedacht sein, lauwarmes Wasser zu nehmen. Man schüttet dasselbe nicht auf die Platte selbst, sondern oberhalb derselben, auf das Brett, damit es dort einen Fall habe und die letzten Theile des an dem Firniss anhängenden Oels wegnehme.
- Das Bild ist dann vollständig entwickelt und erscheint überall mit grosser Schärfe wenn die Operation gut ist, und besonders wenn man sich einer vervollkommnten Camera obseura bedienen konnte.*)
- Anwendungen des heliographischen Verfahrens.
- Da der angewendete Firniss mit gleichem Erfolge auf Stein, Metall und Glas gebraucht werden kann, ohne dass die Behandlung irgend eine Veränderung erlitte, so werde ich mich nur bei der Art der Anwendung auf plattirtem Silber und auf Glas verweilen, indem ich ein für allemal darauf aufmerksam mache, dass bei den Abdrücken auf Kupfer man ohne Schaden der Firnissmischung einen Beisatz von ein wenig Wachs, in Lavendelöl aufgelöst, geben kann.**)
- Bis jetzt scheint mir das plattirte Silber am geeignetsten zur Erzeugung der Bilder zu sein, wegen seiner weissen Farbe und seiner Beschaffenheit. Gewiss ist, dass nach dem Abwaschen, vorausgesetzt, dass der Abdruck gut trocken ist, das Resultat schon befriedigend ist. Indessen wäre zu wünschen, dass man durch Schwärzen der Platte sich alle Abstufungen der Tinten, von Schwarz bis zum Weiss, verschaffen könnte. Ich habe mich daher mit diesem Gegenstände beschäftigt, indem ich mich Anfangs einer Auflösung von Schwefelleber (sulfure de potasse) bediente; allein wenn diese coneentrirt ist, so greift sie den Firniss an, und wenn man sie mit Wasser verdünnt, so röthet sie nur das Metall. Dieser doppelte Misstand nöthigte mich, auf dieses Mittel zu verzichten. Die Substanz, die ich jetzt mit einer grösseren Hoffnung
- *) Diese Bemerkung des Hrn. Siepce war nur hypothetisch, und die Erfahrung hat gezeigt, dass die achromatische Camera obseura, obwohl sie den Bildern eine grössere Keinheit gibt, doch nicht die grosse Schärfe bei ihnen hervorgebracht hat, die Hr. Niepee gehofft hatte.
- Anm. von Daguerre.
- **) Es ist zu bemerken, dass die Abdrücke, von denen Hr. Xiepce spricht, immer durch die Berührung mit Kupferstichen, dio auf die Aufnahmsmaterie gelegt wurden, entstanden sind, und dass die Anwendung des Wachses, von dem er spricht, die Wirkung der Auflösung des Judenpechs in der Camera obseura, wo das Licht schon sehr geschwächt hinkommt, neutralisirt hätte; für seine Kupferstichabdrücke aber war die Untermischung dieses Wachses freilich nicht hinderlich, da er sie 3—4 Stunden den vollen Strahlen der Sonne aussetzte. Anm. von Daguerre.
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- besser wiedergegeben werden; die Lichter bildeten die durch den im Lichte unlöslich gewordenen Asphalt geschützten Stellen.
- auf Erfolg anwende, ist das Jod*), das die Eigenschaft hat, hei gewöhnlicher Temperatur der Luft zu verdunsten. Um die Platte durch dieses Verfahren zu schwärzen, muss man sie nur gegen eine der inneren Wände eines oben geöffneten Kastens stellen und einige Körner Jod in eine längs der entgegengesetzten Seite angebrachten Fuge auf den Boden des Kastens legen.
- Man bedeckt ihn alsdann mit einem Glase, um den Erfolg zu beobachten, der sich zwar weniger schnell, aber desto sicherer zeigt. Man kann dann den Firniss mit Alkohol wegnehmen und es bleibt keine Spur des ursprünglichen Eindrucks übrig. Da dieses Verfahren für mich noch ganz neu ist, so beschränke ich mich auf diese einfache Abänderung, bis die Erfahrung mich in den Stand gesetzt haben wird, nähere Details darüber zu sammeln.
- Zwei Versuche mit Ansichten auf Glas, in der Camera obseura genommen, haben mir Erfolge dargeboten, die obwohl noch mangelhaft, mir doch bemerkenswerth schienen, weil diese Art der Anwendung sich leichter vervollkommnen und in der Folge von ganz besonderem Interesse werden kann.
- Bei dem einen dieser Versuche hat das Licht, das mit geringerer Intensität gewirkt hatte, den Firniss in der Art abgelöst, dass die Abstufungen der Tinten sich viel besser darstellten durch „Transmission“, d. i. gegen das Licht gesehen, so dass das Bild die bekannten Wirkungen des Dioramas bis zu einem gewissen Punkt hervorbringt.
- Bei dem anderen Versuche dagegen , wo die Wirkung des Lichtes mehr intensive Kraft hatte, blieben die hellsten Partien, da sie von dem Auflösungsmittel nicht angegriffen wurden, durchsichtig und die Verschiedenheit der Tinten rührte einzig und allein von der Dichtigkeit der mehr oder weniger dunkeln Lagen des Firnisses her. Wenn das Bild durch Reflexion in einem Spiegel auf der gefirnissten Seite und unter einem bestimmten Winkel gesehen wird, so bringt dasselbe viel Effect hervor, während dasselbe durch Transmission gesehen nur ein verworrenes, farbloses Bild vorstellt, und was noch merkwürdig dabei ist, es scheint die einzelnen Farben gewisser Gegenstände wiederzugehen. Wenn ich über diesen bemerkenswerthen Umstand nachdachte, so glaubte ich daraus Schlüsse ziehen zu dürfen, die es erlaubten, die Theorie Newton’s über die Erscheinung gefärbter Hinge damit in Verbindung zu bringen. Es würde hierzu genügen, wenn man annehmen würde, dass irgend ein prismatischer Strahl, z. B. der grüne, wenn er auf die Substanz des Firnisses einwirkt und sich mit ihm verbindet, ihm den nöthigen Grad von Auflöslichkeit gibt, um zu bewirken, dass nach der doppelten Operation des Auflösungsmittels und des Waschons die dadurch gebildete Schicht die grüne Farbe zurückstrahle. Uobrigens ist es lediglich Sache der weiteren Beobachtung, zu ergründen, was an dieser Hypothese Wahres ist, und die Sache scheint mir an und für sich so interessant, dass sie wohl die Mühe neuer Untersuchungen und genauerer Prüfungen w?erth wäre.
- Bemerkungen.
- Obgleich die Anwendung der zur Vollbringung der Operation nöthigen Mittel, wie ich sie oben angeführt habe, unzweifelhaft keine Schwierigkeiten darbietet, so
- *) Es ist Ton Wichtigkeit, zu bemerken, dass die Anwendung des Jod, die Hr. Xiepce machte, um seine Platten zu schwärzen, beweist, dass ihm die Eigenschaft dieser Substanz, sich in Berührung mit Silber durch Eicht zu zersetzen, unbekannt war, da er im Gegentheil dasselbe Mer als ein Mittel augibt, seine Bilder zu iixiren. Anm. von Daguerre.
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- Diese „Notice sur riioliograpliie“ von N. Niepee ist die erste genaue Beschreibung eines photographischen Proeesses und derselbe ist so gut
- könnte doch demungeachtet der Fall eintreten, dass es im Anfang nicht vollständig glücken würde. Ich glaube daher, dass es gut sein wird, zuerst im Kleinen zu arbeiten, indem man Kupferstiche mit zerstreutem Lichte nach der folgenden sehr einfachen Methode eopirt. Man firnisst den Kupferstich nur an der anderen Seite des Blattes, um ihn gut durchsichtig zu machen. Wenn er vollkommen trocken ist, so legt man ihn mit der rechten Seite auf die gefirnisste Platte mit Hilfe eines Glases, dessen Druck man dadurch schwächt, dass man die Platte unter einem Winkel von 45 Cfrad neigt. Man kann auf diese Art mit zwei so zubereiteten Kupferstichen und vier kleinen silberplattirten Tafeln mehrere Versuche in einem Tage machen, selbst bei trüber Witterung, vorausgesetzt, dass das Local vor Kälte und hauptsächlich vor Feuchtigkeit geschützt ist, die, ich bemerke es wiederholt, den Firniss so verdirbt, dass er schichtenweise von der Platte fällt, wenn man sie in das Auflösungsmittel legt. Aus diesem Grunde mache ich während der schlechten Jahreszeit von der Camera obseura keinen Gebrauch. Wenn man die Versuche, von denen ich soeben gesprochen habe, fortsetzt, so wird man bald vollkommen im Stande sein, alle Handgriffe des ganzen Verfahrens auszuführen.
- Bezüglich auf die Art der Anwendung des Firnisses muss ich erinnern, dass man ihn nur in einer Consistenz gebrauchen darf, die hinreichend ist, um eine com-pakte und zugleich so dünne Schicht als möglich zu bilden, weil er so der Wirkung des Auflösungsmittels besser widersteht und zugleich für die Eindrücke des Lichtes um so empfindlicher wird. Hinsichtlich des Jods, um die auf platiirtem Silber hervorgebrachten Bilder zu schwärzen, wie hinsichtlich der Säure, um auf Kupfer zu ätzen, ist es wesentlich, dass der Firniss so sei, wie er oben in dem zweiten Versuch auf Glas beschrieben worden ist, denn dadurch wird er viel weniger durchdringbar, sowohl für die Säure als für die Dämpfe des Jods, besonders in denjenigen Theilen . wo er seine volle Durchsichtigkeit behalten hat, denn nur unter dieser Bedingung kann man auch mit dem besten Apparat hoffen, zu einem vollständig gelungenen Resultat zu gelangen.*)
- Zusätze.
- W enn man die gefirnisste Platte wegnimmt um sie trocknen zu lassen, so muss man sie nicht allein vor Feuchtigkeit sicher stellen, sondern auch sie vor der Berührung des Lichtes schützen.
- Bei Erklärung der Versuche mit zerstreutem Lichte habe ich nichts über diese Art von Versuchen auf Glas gesagt. Ich will dies nac-hholen, um einer Verbesserung zu erwähnen, die denselben eigen ist. Sie besteht einfach darin, unter die Glasplatte ein schwarzes Papier zu legen, und zwischen die Platte, auf der gefirnissten Seite, und den Kupferstich, einen Rahmen von Pappe zu legen, auf welchen der Kupferstich vorher geleimt und gut aufgespannt sein muss. Diese Vorrichtung hat zur Folge, dass das Bild viel lebhafter, als auf einem weissen Grunde erscheint, was nur dazu beitragen kann, die Schnelligkeit der Wirkung zu vergrössern. und ferner, dass der Firniss nicht einer Beschädigung durch die unmittelbare Berührung mit dem Kupfer-
- *) Der beste optische Apparat kann das in der vorigen Bemerkung bezeichnete Hinderniss nicht beseitigen.
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- Die Erfindung der Heliographie und der Daguerreotypie etc.
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- durchgearbeitet, dass man darnach ganz gute heliographische Aetzungen hersteilen kann. Allerdings ist die Herstellung von Bildern in der Camera obscura nur nach tagelanger Belichtung möglich und der Pro-cess somit für photographische Naturaufnahmen in der Camera practisch nicht geeignet. Es ist bemerkenswert!], dass damals Daguorro von seinen Erfahrungen nichts an Niepce mittheilte.
- Sowohl Niepce als Daguerre arbeiteten eifrig an der Verbesserung der Methode. Daguerre machte am 21. Mai 1831 brieflich an Niepce die Mittheilung, dass das Licht auf das ."Jodsilber einwirke1), was er entdeckt haben mag, wenn jodirte Silberplatten theilweise geschützt am Lichte gelegen haben. Daguerre forderte Niepce auf, dieses neue Mittel zur Lichtbild-Erzeugung zu benützen. Aus den Briefen von Niepce an Daguerre vom 24. .Juni 1831 und 8. November 1831 geht hervor, dass der erstere keine befriedigenden Resultate erhielt, aber einmal ein negatives Bild in der Camera auf Jodsilberplatten erhalten habe. Auch aus den Briefen Niepce's vom 29. Januar und 3. März 1832 geht hervor, dass nicht Nicephore Niepce die Lichtemplind-lichkeit der jodirten Silberplatten entdeckt habe, sondern dass Daguerre es war, der das Jod nicht als Mittel gewisse Theile eines schon fertigen Bildes zu schwärzen, anwendete; Daguerre war es auch, welcher die Jodsilberplatte zuerst als die lichtempfindliche Schicht bezeiebnete, ans der das Bild sich photographisch erzeugen soll.
- stich, ausgesetzt ist, wie bei dem andern Verfahren, ein Missstand, der bei warmer Witterung nicht leicht zu vermeiden ist, wenn auch der Firniss ganz trocken war.
- Allein dieser Uebelstand wird durch den Vortheil, welche die Versuche auf Silberplatten darbieten, wohl aufgewogen; dass diese letzteren der Wirkung des Abwaschens leicht widerstehen, während es eine Seltenheit ist, dass diese Operation die Bilder auf Glas nicht mehr oder weniger beschädige, aus dem natürlichen Grunde, weil der Firniss sich diesem Stoff, wegen seiner Beschaffenheit und seiner vollkommenen Politur weniger anhängen kann. Es würde sich daher, um diesen Uebelstand zu beseitigen, darum handeln, den Firniss zu verbessern, klebriger (plus mordant) zu machen, und ich glaube dies wenigstens so weit zu Stande gebracht zu haben, als es mir erlaubt ist, darüber jetzt schon ein Urtheil zu fällen, da die Versuche noch zu neu und wenig zahlreich sind.
- Dieser neue Firniss besteht in einer Auflösung von Judenpech in dem Dippel-schen thierischen Gele, welche man bei der Lufttemperatur bis zu dem Grad der erforderlichen Oonsistenz verdunsten lässt. Dieser Firniss ist fettiger, zäher und stärker gefärbt, als der andere, und man kann ihn sogleich, nachdem er aufgetragen ist, der Einwirkung des Lichtes aussetzen, welches ihn schneller festzumachen scheint, vmil die grosse Flüchtigkeit des animalischen Oels viel schnelleres Trocknen bezweckt.
- Doppelt ausgefertigt
- den 5. December 1829. gez. J. N. Niepce.
- 1) Daguerre, HistorLpie et description des procedes du Daguerreotype. 1839,
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- Erster Theil. Zweites Capitel.
- Leider wurde Niepce bereits am 5. Juli 1833 seinen Arbeiten entrissen; er starb am Gehirnselilage auf seiner Besitzung Gras zu Ohalon. oline die Früchte seiner Bemühungen genossen zu haben.
- Es trat nun der Sohn Nicephore Niepee’s, nämlich Isidore Niepce, das Erbe des Vaters an und nahm im Contract mit Daguerre den Platz Nicephore’s ein. Jedoch bestand Daguerre auf einem Zusatz zu dem ersten Contracte vom Jahre 1829, indem er sagte, seine neuen Beobachtungen basiren nicht auf dem Principe der damals erwähnten und es wurde im Einverständniss mit Isidore Niepce die Gesellschaft nicht mehr „Niepee-Daguerre“. sondern „Daguerre et Isidore Niepce“ benannt1).
- Wie Isidore Niepce in seiner „Historique de la decouvcrte im-promptement nominee, Daguerreotvpie, Paris 1841“ mittheilt2), zeigte
- 1) Der Wortlaut dos Zusatzes (vom 9 Mai 1835) zum älteren Contracte ist der folgende:
- Zusatz - Artikel.
- Zwischen den Unterzeichneten Loui s Jacques Man de Daguerre, Kunstmaler, Mitglied der Ehrenlegion, Verwalter des Dioramas, wohnhaft zu Paris, und Jacques Marie Joseph Isidore Niepce, Grundbesitzer, wohnhaft zu Chalon-sur-Saöne, Sohn des verstorbenen Herrn Nicephore Niepce, als einziger Erbe desselben nach Art. 2 des provisorischen Vertrages vom 14. December 1829, ist festgesetzt, wie folgt:
- 1. Dass, weil die Erfindung, um welche es sich handelt, durch die Mitarbeit des Herrn Daguerre wesentliche Verbesserungen erfahren hat, die genannten Gesellschafter anerkennen, dass die Erfindung auf dem Punkte angclangt ist, wohin sie dieselbe zu bringen wünschten und dass weitere Verbesserungen nahezu unmöglich sein dürften.
- 2. Da ss, weil Herr Daguerre auf Grund zahlreicher Versuche anerkannt hat, dass es möglich ist, ein noch günstigeres Besultat hinsichtlich der Schnelligkeit mittels eines von ihm entdeckten Verfahrens zu erzielen, welches, bei Voraussetzung eines sicheren Erfolges, die Grundlage der im provisorischen Vertrage vom 14. December 1829 auseinandergesetzten Entdeckung ersetzen würde, der Art. 1 des erwähnten provisorischen Vertrages aufgehoben und wie folgt ersetzt werden soll:
- Art. 1. Von den Herren Daguerre und Isidore Niepce wird unter der Firma Daguerre und Isidore Niepce eine Gesellschaft gegründet zur Ausnutzung der von Herrn Daguerre und dem verstorbenen Nicephore Niepce gemachten Erfindung.
- An den übrigen Artikeln des provisorischen Vertrages wird durch Vorstehendes nichts geändert.
- In doppelten Exemplaren an die Unterzeichneten ausgefertigt, den 9. Mai 1835, zu Paris.
- Genehmigt und unterschriftlich anerkannt. J. Niepce. Daguerre.
- 2) Es ist dies eine Streitschrift, welche sich gegen Daguerre wendet und die Verdienste Niepee’s als eigentlichen Erfinder der Photographie in den Vordergrund stellt und namentlich die Unterdrückung des Namens Niepce bei der Veröffentlichung der gemeinschaftlichen Erfindung unter dem Namen ..Daguerreotypie“ tadelt, obschon er selbst im Vertrage vom Jahre 1837 dies zugestanden hotte. Später hob Isidore Niepce hervor, er habe dies unter dem Drucke der Verhältnisse gethan, weil Daguerre alle Geheimnisse Niepee’s bereits kannte.
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- ihm Daguerre in Paris (im Jahre 1837) Proben von Lichtbildern, welche Daguerre unter Anwendung von Jod und Quecksilber erhalten hatte, in welchem Jahre somit die Photographie auf jodirten Silberplatten und die Hervorrufung des latenten Lichtbildes mit Quecksilberdämpfen erfunden worden war1). Am 13. Juni 1837 wurde ein neuer definitiver Vertrag zwischen Isidore Niepce und Daguerre geschlossen, worin Daguerre das Recht erhielt, dass der neue Process den Namen Daguerre’s allein führen solle2).
- 1) Die Erfindung des Entwicklungsproeessos mit Quecksilber soll Daguerre einem eigentümlichen Zufall verdanken. Jodsilberplatten geben bei sehr langer Belichtung in der Camera ein sichtbares Bild, bei kurzer nicht. Daguerre soll eines Tages eine Anzahl zu kurz belichteter Platten, die noch kein Bild zeigten, in einen alten Schrank gelegt haben. Einige Wochen darauf nahm er eine Platte heraus und fand zu seinem Erstaunen ein Bild darauf. Er vermuthete sofort, dass der Schrank etwas enthalten müsse, was das Bild erzeugt habe. Der Schrank enthielt verschiedene Chemikalien, darunter auch eine Schale mit Quecksilber. Daguerre nahm nun ein Ding nach dem anderen heraus, das Quecksilber, welches er nicht beachtete, aber nicht; immer wieder erhielt er nach einigen Stunden Liegen ein Bild. Der Schrank schien wie behext, bis er endlich auf das anfangs unbeachtete Quecksilber aufmerksam wurde. Jetzt kam er auf die Vermuthung, dass die Dämpfe desselben (denn Quecksilber verdampft schon bei gewöhnlicher Temperatur) eine Wirkung ausüben. Er setzte eine belichtete Jodsilberplatte zur Probe Quecksilberdämpfen aus und es gelang die Hervorrufung des Bildes, welche von fundamentaler Wichtigkeit für den Daguerreotyp - Process ist. (Liebig, Cornhili Magazine. Vol. XII. p. 303; Vogel’s Lehrbuch der Photographie. 1878. S. 4.)
- 2) Der Vertrag lautet:
- Ich, Unterzeichneter, erkläre durch diese gegenwärtige Urkunde, dass Herr Louis Jacques Man de Daguerre, Maler, Mitglied der Ehrenlegion, zu meiner Kenntniss ein Verfahren gebracht hat, dessen Erfinder er ist. Dieses Verfahren hat zum Zweck, das in der Dunkelkammer erzeugte Bild zu fixiren, nicht mit Farben, sondern mit einer vollkommenen Abstufung der Töne des Weiss bis zum Schwarz. Dies neue Verfahren hat den Vortheil, die Gegenstände 00 bis 80 Mal rascher darzustellen als dasjenige, welches Herr Joseph Nicephore Niepce, mein Vater, erfunden und Herr Daguerre vervollkommnet hat, und zu dessen Ausnutzung ein vorläufiger Uesellschaftsvertrag vom 14 Decembtr 1820 vorliegt, durch welchen festgesetzt ist, dass das erwähnte Verfahren wie folgt veröffentlicht weiden solle:
- Verfahren, erfunden von Herrn Joseph Nicephore Niepce und verbessert von Herrn L. J. M. Daguerre.
- Nach der Mittheilung, welche er mir gemacht hat, willigt Herr Daguerre ein, der nach dem oben erwähnten provisorischen Vertrage gegründeten Gesellschaft das neue Verfahren, dessen Erfinder er ist und an dem er Verbesserungen angebracht hat, unter der Bedingung zu überlassen, dass dasselbe bloss den Namen Daguerre tragen soll, jedoch nur gemeinschaftlich mit dem ersten Verfahren verötfentlieht werden darf, damit der Name des Herrn J. Ni cephore Niepce für alle Zeiten, wie siehs gebührt, bei dieser Erfindung Envähnung findet.
- Durch den gegenwärtigen Vertrag ist und bleibt festgesetzt, dass alle Artikel und Grundlagen des provisorischen Vertrages vom 14. Deeember 1820 in Gültigkeit bleiben.
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- Erster Theil. Zweites Capitel.
- Daguerre und Niepce wendeten sich noch im Jahre 1837 wiederholt an Capitalisten und Kunstliebhaber um ihre Erfindung zu verwerthen; diese Bemühungen waren ebenso vergeblich als eine am 15. Mai 1838 veranstaltete Subseription. Sie dachten jetzt daran ihre Methode der französischen Regierung anzubieten. Daguerre wendete sieh an Arago, welchen er gegen das Versprechen der Geheimhaltung genau in die Geheimnisse der neuen Methode einweihte. Es ist ein grosses Glück, dass Arago so grosses Yerständniss für die Erfindung hatte, welche er begeistert aufnahm. Bereits am 7. Januar 1839 theilte Arago die Erfindung der Daguerreotypie der französischen Academie der Wissenschaften mit. Das Geheimniss war aber nicht gut gehütet worden und bereits am 6. Januar 1839 hatte die „Gazette de France“ eine Notiz darüber publicirt. allerdings ohne jede Details.
- Durch Vermittelung von Arago und andere einflussreiche Personen kamen Daguerre und Isidore Niepcc mit dem französischen Minister des Inneren, Tannegui Duell übel, zusammen; es kam ein vorläufiger Vertrag am 14. Juni 1839 zu Stande, worin Daguerre und Niepce ihre heliographisehen Processe dem französischen Staate verkauften und wofür Daguerre eine lebenslängliche jährliche Pension von 6000 Francs und Isidore Niepce eine Pension von 4000 Francs erhalten sollten.
- Dieser Gesetzes-Entwurf lautet:
- Louis Philipp, König der Franzosen,
- Allen unsern Gruss zuvor!
- Wir haben befohlen und befehlen, dass der Gesetzes-Entwurf, dessen Inhalt hier folgt, in unserm Namen der Kammer der Deputaten durch unsern Minister, Staats-Secretaire des Departement des Innern, vorgelegt werde, welchen wir beauftragen, die Beweggründe auseinander zu setzen und die Verhandlungen zu unterstützen.
- Erster Artikel.
- Der am 14. Juni 1839 provisorisch geschlossene Vertrag zwischen dem Minister des Innern, auf Staats - Auftrag handelnd, und den Herren Daguerre und Niepce, Sohn, ist dem gegenwärtigen Gesetz beigefügt und bewilligt.
- Zweiter Artikel.
- Es ist dem Herrn Daguerre eine jährliche und lebenslängliche Pension von 6000 Francs bewilligt; dem Herrn Niepce, Sohn, eine jährliche und lebenslängliche Pension von 4000 Francs.
- Nach diesem neuen TJebereinkommen zwischen den Herren Daguerre und Isidore Niepce, welches den endgiltigen Vertrag bildet, von welchem im Art. 9 des provisorischen Vertrages die Eede ist, haben die Genannten, da sie Willens sind, ihre verschiedenen Verfahren zu veröffentlichen, dazu den Weg der Subscription ausersehen.
- Die Ankündigung der Veröffentlichung erfolgt durch die Tagesblätter. Die Subscriptionsliste wird am 15. März 1838 aufgelegt und am 15. April desselben Jahres geschlossen.
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- Die Erfindung der Heliographie und Daguerreotypie etc.
- Dritter Artikel.
- Diese Pensionen sollen in das Buch der Civil-Pensionen des öffentlichen Schatzes eingetragen werden, die Veröffentlichung des gegenwärtigen Gesetzes angenommen. Sie werden zur Hälfte auf die Wittwon der Herrn Dagucrre und Niepee rückfällig. Gegeben im Palast der Tuilerien, d. 15. Juni 1839.
- Für den Köms
- Unterzeichnet Louis Philipp.
- Der Staats - Minister- Sccretär,
- Unterzeichnet Duehatol.
- Zwischen den Unterzeichneten, Herrn Duehatol. Staats-Minister-Seeretär, von einer Seite, und den Herrn Daguerre (Louis-Jaeques-Mande) und Niepee, Sohn (Joseph Isidore), von der andern Seite, fand folgende (Übereinkunft statt:
- Artikel 1. Herr Daguerre und Niepee machen sieh verbindlich, in die Hände des Ministeriums des Innern ein gesiegeltes Packet zu legen, das Geschichtliche und die genaueste, ausführlichste Beschreibung dos benannten Verfahrens enthaltend.
- Art. 2. Herr Arago, Mitglied der Kammer der Deputirten und der Academie der Wissenschaften , welcher schon die Bekanntschaft besagter Verfahrungsarten gemacht hat, wird vorläufig alle Theile des gesagten Depots untersuchen und ihre Richtigkeit prüfen.
- Art. 3. Das Depot wird nicht eher eröffnet und die Beschreibung des Verfahrens nicht eher der Oeffentliehkeit überliefert werden, als nach Annahme des hier besprochenen Gesetzes-Entwurfs; alsdann muss Herr Daguerre, wenn es verlangt wird, und in Gegenwart einer, vom Ministerium des Innern ernannten Commission, operiren.
- Art. 4. Herr Daguerre macht ausserdem sieh auch verbindlich, auf dieselbe Art die Mittheilung des Verfahrens des Malens und der physikalischen Apparate, welche seine Erfindung des Diorama charakterisirt, zu geben.
- Art. 5. Er wird verpflichtet, der Oeffentliehkeit alle Vervollkommnungen der einen oder anderen Erfindung, welche er in der Folge noch macht, zu überliefern.
- Art. G. Als Preis der gegenwärtigen Abtretung macht sieh der Herr Minister des Innern verbindlich, bei den Kammern für Herrn Daguerre, welcher es annimmt, eine jährliche und lebenslängliche Pension von sechstausend Francs zu erbitten.
- Für Herrn Niepee, welcher es gleichfalls annimmt, eine jährliche und lebenslängliche Pension von viertausend Francs.
- Die Zeichnung geschieht in Posten von 1000 Francs.
- Die Liste wird bei einem Notar ausgelegt, welchem das Geld von den Sub-scribenten einzuhändigen ist, deren Zahl im Maximum auf 400 festgesetzt wird.
- Die Subcriptionsbedingungen werden möglichst günstig aufgestellt, die Verfahren können jedoch erst dann veröffentlicht werden, wenn wenigstens 100 Einzelbeträge zur Zeichnung gelangt sind; sollte dies nicht eintreten, so werden die Gesellschafter sieh nach einem anderen Wege der Veröffentlichung umsehen.
- Wenn sich vor Eröffnung der Zeichnung Gelegenheit zum Verkauf der Verfahren bieten sollte, so darf derselbe zu keinem niedrigeren Preise als 200000 Francs ausgeführt werden.
- Doppelt ausgefertigt, genehmigt und unterschrieben zu Paris, den 13. Juni 1837, im Hause des Herrn Daguerre im Diorama. Isidore Niepee. Daguerre.
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- Erster Theil. Zweites Capitel.
- Diese Pensionen werden in das Buch der Civil-Pensionen des öffentlichen Schatzes eingeschrieben werden. Sie werden zur Hälfte auf die Wittwen der Herrn Daguerre und Niepce rückfällig.
- Art. 7. In dem Fall, dass die Kammern nicht in der wirklichen Sitzung den Gesetzes-Entwurf besagter Pensionen bewilligen, so würde die gegenwärtige Ueber-einkunft mit vollem Recht für nichtig erklärt, und den Herrn Daguerre und Niepce würde dann ihr versiegeltes Packet zurückgegeben werden.
- Art. 8. Der gegenwärtige Vertrag wird einregistrirt werden, vermittelst einer festgesetzten Gebühr von einem Franken.
- Dreifach in Paris gemacht, den 14. Juni 1839.
- Beglaubigte Unterschrift:
- Gezeichnet Duehatel.
- Beglaubigte Unterschrift:
- Gezeichnet Daguerre.
- Beglaubigte Unterschrift:
- Gezeichnet I. Niepce.
- Für die, mit dem Original, welches dem Gesetzes-Entwurf beigefügt ist, übereinstimmende Copie,
- der Staatsminister-Secretär des Departements des Innern,
- Gezeichnet Duehatel.
- Es wurde eine Commission zur Prüfung dieses G esetz - Entwurfes eingesetzt, deren Bericht wir hier folgen lassen und zwar war der Referent in der französischen Deputirtenkammer Herr Arago.
- Bericht
- der Commission1) zur Prüfung des Gesetzentwurfs über die Bewilligung einer jährlichen und lebenslänglichen Pension von GOOO Fr. an H. Daguerre, und einer solchen von 4000 Fr. an H. Niepce, Sohn, für Abtretung der von ihnen gemachten Erfindung zur Fixirung der Camera obscura-Bilder.
- Erstattet in der französischen Deputirtenkammer am 3. Juli 1839 von M. Arago, Deputirten der Ost-Pyrenäen.
- Meine Herren!
- Das Interesse, welches durch die Erfindung erregt ward, die Herr Daguerre neulich dem Publicum bekannt machte, war in dieser Versammlung sowohl, wie überall, gross, lebhaft und einstimmig. Aller Wahrscheinlichkeit nach erwartet die Kammer von ihrer Commission wohl auch nur eine einfache Billigung des Gesetzvorsehlages, den der Herr Minister des Innern vorgelegt hat. Nach reiflicher Ueberlegung indessen schien der Auftrag, den Sie uns ertheilt haben, uns andere Pflichten aufzuerlegen.
- Bei allem Beifall, den wir der glücklichen Idee geben müssen, den Erfindern eine National-Belohnung zu bewilligen, da ihr Interesse durch die gewöhnlichen Patenigesetze nicht hinlänglich gesichert sein würde, so glaubten wir doch gleich bei Betretung dieses neuen Weges den Beweis liefern zu müssen, mit welcher Vorsicht und Sorgfalt die Kammer zu Werke geht.
- Wenn man die Erfindung des Genies, über die wir heute besehliessen sollen, einer genauen und strengen Prüfung unterwirft, so wird man dadurch jene eiteln
- 1) Diese Commission bestand aus den Herren Arago, Etienne, Karl, Vatout, de Beaumont, Tournouer, Franz Delessert, Combarel de Leyval undVitet.
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- Mittelmässigkeiten sicher entmuthigen, die sonst auch darnach streben möchten, in diese Versammlung ihre Producte zu schleudern, die zum Theil gemein und spurlos vorübergehend sind. Man wird dadurch beweisen, dass Sie Belohnungen, die von Ihnen im Namen des Nationalruhms gefordert werden können, in eine höhere Stelle zu bringen wissen, dass Sie aber nie sieh dazu hergeben werden, den Glanz derselben durch deren Verschwendung zu vermindern.
- Aus diesem Wenigen wird die Kammer ersehen, welche Beweggründe uns ver-anlassten, zu untersuchen:
- 1. ob das Verfahren des Herrn Daguerre unbestritten eine Erfindung ist;
- 2. ob diese Erfindung der Alterthumskunde und den schönen Künsten Dienste von Werth zu erweisen im Stande ist;
- 3. ob sie gemeinnützig werden kann, und endlich
- 4. ob man hoffen darf, dass die Wissenschaften Vortheil daraus ziehen werden.
- Hierauf gibt Arago eine Skizze älterer Versuche mit der Camera, sowie geschichtliche Notizen über Wedgwood etc., welche jedoch durchaus nicht- erschöpfend sind, sowie die Anfänge der Arbeiten Niepce und Daguerre’s. Arago fährt dann fort:
- Der Gesellschaftsvertrag der Herren Niepce und Daguerre über die gemeinsame Betreibung der photographischen Methoden wurde am 14. Deeember 1829 in öffentlicher Form niedergeschrieben. Die späteren Verträge zwischen Hrn. Isidor Niepce, Sohn, als Erbe seines Vaters, und Hrn. Daguerre erwähnen erstens Vervollkommnungen, die der Pariser Maler der Methode des Physikers von Chalon beibrachte, und zweitens ganz neue, von Hrn. Daguerre entdeckte Verfahrungsweisen, die den Vortheil darbieten, „dass sich (dies sind die eigenen Worte einer der Urkunden) die Bilder mit einer 60 oder 80 fach grösseren Geschwindigkeit, als bei dem früheren Verfahren, erzeugen“. Diese werden mehrere Bedingungen des Vertrages (zwischen dem Herrn Minister des Innern einerseits und den Herren Daguerre und Niepce, Sohn, anderseits), der dem Gesetzesvorsehlag beigelegt ist, erklären.
- Man wird in dem, was wir soeben von den Arbeiten des Hrn. Niepce sagten, ohne Zweifel die einschränkenden Worte: „für die photographische Oopirung der Kupferstiche“, bemerkt haben. Hr. Niepce hatte nämlich in der That nach einer Menge fruchtloser Versuche fast selbst die Hoffnung aufgegeben, die Bilder der Camera obscura festhalten zu können, weil die Präparate, deren er sich bediente, unter den Einwirkungen der Lichtstrahlen nicht schnell genug schwärzten, weil er 10 —12 Stunden brauchte, um eine Zeichnung zu erzeugen; weil während so langen Zeiträumen die aufgetragenen Schatten sich oft verrückten und von der linken auf die rechte Seite der Gegenstände sieh lagerten; weil diese Bewegung überall, wo sie vorkam, eine ausdruckslose gleiche Färbung erzeugte; weil in den Erzeugnissen einer so mangelhaften Methode aller Effect, der aus dem Contrast von Schatten und Licht entsteht, verloren ging; weil man ferner auch ohne diese zahllosen Hindernisse nicht immer sicher war, zum Ziele zu gelangen, und weil nach unzähligen Vorsichtsmassregeln oft unerklärliche, zufällige Ursachen bewirkten, dass man bald ein leidliches Resultat, bald ein unvollständiges Bild, das hier und da leere Räume hinterliess, erhielt; weil endlich, den Sonnenstrahlen ausgesetzt, die Schichte, auf welcher das Bild sieh zeichnete, wenn sie nicht schwärzte, sieh trennte und in kleine Schuppen vertheilte
- Wenn man alle diese Unvollkommenheiten durch Darlegung der Art und Weise ihrer Beseitigung darstellte, so würde man eine ziemlich vollständige Aufzählung der
- Eder, Handbuch der Photographie. I. Theil. 2. Aufl. Q
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- Erster Theil. Zweites Capitel.
- Verdienste haben, die sieh Hr. Daguerre durch Erfindung seiner Methode, nach einer unendlichen Reihe von mühsamen, missliehen und kostspieligen Versuchen erworben hat.
- Die schwächsten Strahlen wirken auf die Substanz des Daguerreotyp. Die Wirkung stellt sich schneller dar, als dass die Sonnenschatten Zeit hätten, sieh auf eine bemerkliche Weise zu verändern. Die Erfolge sind gewiss, wenn man sich nach sehr einfachen Regeln richtet. Endlich vermindert der Eindruck der Sonnenstrahlen, auch wenn er Jahre lang auf die einmal fertigen Bilder wirkt, weder die Reinheit noch den Glanz oder die Harmonie derselben.
- Ihre Commission hat die nöthigen Vorbereitungen getroffen, dass an dem Tage, wo der Gesetzesvorschlag zur Berathung kommt, alle Mitglieder der Kammer, wenn sie dazu Lust haben, die Erzeugnisse des Daguerreotyp prüfen und sich selbst eine Idee von der Nützlichkeit dieser Erfindung machen können. Bei Betrachtung mehrerer dieser Gemälde, die Ihnen vorgestellt werden sollen, wird Jedermann an den ausserordentlichen Nutzen denken, welcher daraus hätte gezogen werden können, wenn man während der Expedition nach Aegypten ein so genaues und schnelles Mittel der Darstellung gehabt hätte; Jeder wird von der Betrachtung hingerissen worden, dass, wenn die Photographie im Jahre 1798 bekannt gewesen wäre, wir heut zu Tage getreue Abbildungen einer grossen Anzahl von Denkmälern besitzen würden, deren die gelehrte Welt durch die Habgier der Araber und die Rohheit gewisser Reisender jetzt auf immer beraubt ist.
- Um die vielen Millionen von Hieroglyphen, die selbst auf der Aussenseite die grossen Monumente von Theben, Memphis, Karnak etc. bedecken, abzuzeichnen, würde man ganze Jahrzehnte und Schaaren von Zeichnern nöthig haben. Mit der Daguerreo-typie könnte ein einziger Mensch diese ungeheure Arbeit zu gutem Ende führen, Bewilligen Sie dem Institut von Aegypten 2 oder 3 Daguerre’sche Apparate, und bald werden auf mehreren der grossen Tafeln unseres berühmten Werkes, das dem Zuge nach Aegypten sein Dasein verdankt, Massen von Hieroglyphen, wie sie sieh in der Wirklichkeit dort vorfinden, die Stelle ersonnener oder bloss nach dem Ungefähr gemachter einnehmen, und es werden diese Zeichnungen an Treue und Wahrheit der Localtöne überall die Werke der geschicktesten Maler übertreffen, und da ihre Entstehung nach den Regeln der Geometrie geschehen ist, so wird es mit Hilfe einer geringen Zahl gegebener Verhältnisse möglich, die wahren Grössen der höchsten Theile, der unzugänglichsten Gebäude daraus abzuleiten.
- Diese Betrachtungen, in denen die Gelehrten und Künstler, welche die Armee des Orients mit so viel Eifer und Erfolg begleitet hatten, auch nicht den Schatten einer Geringschätzung erblicken können, ohne in Selbsttäuschung zu gerathen, müssen die Gedanken ohne Zweifel auf die Arbeiten leiten, die gegenwärtig in unserem Vaterlande selbst unter der Aufsicht der Commission für historische Denkmäler gemacht werden. Ein Blick reicht hin, um die ausserordentliche Rolle zu erkennen, die das photographische Verfahren bei dieser grossen nationalen Unternehmung spielen muss', man wird zugleich begreifen, dass dieses neue Verfahren sieh durch Sparsamkeit aus-zeichnen wird, ein V-erdienst, das, beiläufig gesagt, selten mit der Vervollkommnung der Produete der Kunst gleichen Schritt hält.
- Fragt man sich endlich, ob die Kunst, für sich selbst betrachtet, einige Fortschritte durch die Prüfung und Fertigung dieser Bilder erwarten darf, die aus dein Feinsten und Zartesten, was die Natur besitzt, aus den Strahlen des Lichtes entsprossen sind, so gibt uns Hr. Paul Delaroche die Antwort. In einer auf unsere Bitte abgefassten Note erklärt dieser berühmte Maler, dass die Daguerre’sche Methode
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- „in der Verwirklichung gewisser wesentlichen Forderungen der Kunst so weit gekommen ist, dass sie selbst für die ausgezeichnetsten Maler ein Gegenstand der Beobachtung und des Studiums werden wird“. Was er am meisten an den photographischen Bildern hervorhebt, ist das, dass die Einzelnheiten derselben, deren Vollendung man sich nicht vorstellen kann, „in nichts die Buhe des Ganzen stören und auf keine Weise dem Total-Effect schaden“. „Die Bichtigkeit der Striche“, fährt Hr. Delaroche fort, „die Genauigkeit aller Formen ist in den Daguerre’sehen Gemälden so vollständig, als nur immer möglich, und man erkennt darin gleichzeitig ein mächtiges, kraftvolles Modell, und ein in Farbenton und Wirkung gleich reiches Ganzes. Der Maler findet in diesem Verfahren ein leichtes Mittel, Studiensammlungen zu machen, die er auf anderem Wege nur mit einem grossen Aufwand von Mühe und Zeit, und doch nicht in gleicher Vollkommenheit erhalten kann, so gross auch sein Talent sein mag.“ — Nachdem Hr. Delaroche mit schlagenden Beweisen die Meinungen derer bekämpft hatte, die sieh einbildeten, die Photographie werde unsern Künstlern und besonders unsern geschickten Kupferstechern Schaden bringen, sehliesst derselbe seine Note mit der Bemerkung: „Nach Allem diesem ist die bewunderungswürdige Erfindung des Hm. Daguerre ein unendlicher Dienst für die Künste“. Wir wollen nicht in den Fehler verfallen, einem Zeugnisse der Art noch etwas beizufügen.
- Man erinnert sieh ohne Zweifel, dass unter den Fragen, die wir am Anfang gegenwärtigen Berichts uns vorgelegt haben, auch die war, ob die photographische Methode gemeinnützig werden könne.
- Ohne das, was an der Sache bis zur Annahme und Verkündung des Gesetzes geheim bleiben muss und soll, zu verrathen, können wir sagen, dass die Flächen , auf welchen das Licht die bewundernswerthen Gemälde des Hm. Daguerre erzeugt, plattirte Tafeln sind, d. h. Kupferplatten, die mit einem dünnen Silberplättehen überzogen sind Es wäre ohne Zweifel vorzuziehen gewesen, nicht nur für den Vortheil der Reisenden, als auch aus dem ökonomischen Gesichtspunkte, dass man sich des Papiores hätte bedienen können. Das mit Chlor- oder schwefelsaurem Silber getränkte Papier war auch wirklich die erste Substanz, auf welche die Wahl des Hrn. Daguerre fiel; allein der Mangel an Empfindlichkeit, die Undeutlichkeit der Bilder, die geringe Sicherheit für den Erfolg und die Zufälle, die sich oft bei der Operation , die Lichtin Schattenpartien und umgekehrt zu verwandeln, ereigneten, mussten auch einen so geschickten Künstler von der Fortsetzung dieser Versuche auf Papier zurücksehrecken. Wäre er auf diesem ersten Wege fortgeschritten, so würden seine Bilder zwar vielleicht in Sammlungen als Erzeugnisse von Versuchen in den Sonderbarkeiten der Physik sich zeigen, allein gewiss würde sieh die Kammer nie damit zu beschäftigen gehabt haben. Wenn übrigens 3 oder 4 Francs, was eine Platte, wie sie Hr. Daguerre in Gebrauch hat, kostet, ein zu hoher Preis scheinen sollte, so muss man hinzufügen, dass diese nämliche Platte nach einander hundert verschiedene Gemälde aufzunehmen im Stande ist.
- Der ausserordentliche Erfolg der gegenwärtigen Methode des Hrn Daguerre steht im Zusammenhang mit dem Umstande, dass die Operation mit einer äusserst dünnen Schicht des Stoffes, auf einem wahren Häutchen vollzogen wird Wir haben uns daher mit dem Preis der Stoffe, die dazu verwendet werden, nicht zu beschäftigen; derselbe würde wegen seiner Kleinheit in der That gar nicht zu bestimmen sein.
- Ein einziges Mitglied der Commission hat den Künstler in Thätigkeit gesehen, und hat auch selbst die Operation vollbracht. Daher geschieht es unter der persönlichen Verantwortlichkeit dieses Deputirten, wenn wir der Kammer die Daguerreotypie, betrachtet von dem Gesichtspunkte der leichten Ausführbarkeit beschreiben.
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- Die Daguerreotypie enthält nicht eine einzige Verrichtung, die nicht Jedermann vollbringen könnte. Sie setzt durchaus keine Kenntniss der Zeichenkunst voraus, und fordert auch keine besondere Geschicklichkeit in der Hand. Wenn man sich Punkt für Punkt nach gewissen, sehr einfachen und sehr wenig zahlreichen Vorschriften richtet, so gibt es Niemand, dem es nicht eben so gewiss und eben so gut, als Herrn Daguerre selbst, gelingen wird.
- Die Schnelligkeit der Methode hat vielleicht am meisten Erstaunen im Publikum erregt. In der That sind kaum 10 —12 Minuten in der trüben Witterungszeit des Winters nothwendig, um die Ansicht eines Monuments, eines Stadtviertels, einer Landschaft aufzunehmen.
- Im Sommer bei schönem Sonnenlicht kann diese Zeit auf die Hälfte vermindert werden. Im mittäglichen Klima werden gewiss 2 — 3 Minuten genügen. Allein wir müssen dabei bemerken, dass unter diesen 10 —12 Minuten im Winter, diesen 5 bis 6 Minuten im Sommer und diesen 2 — 3 Minuten in südlichen Gegenden nur die Zeit verstanden ist, während welcher die Platte das Linsen-Bild aufnehmen muss. Hierzu muss noch die Zeit gerechnet werden, die erforderlich ist, um die Camera obseura auszupacken und aufzustellen, die Platte herzurichten, und die kleine Operation vorzunehmen. um das Gemälde, wenn es aufgetragen ist, für die Einwirkungen des Lichtes unempfänglich zu machen. Zu allen diesen Verrichtungen zusammen dürfte eine Zeit von einer halben bis zu dreiviertel Stunden nöthig sein. Diejenigen, die neulich, als sie gerade im Begriff waren, eine Reise anzutreten, erklärten, sie wollten jeden Augenblick , wo die Chaise Steigungen zu überwinden hätte, benützen, um Ansichten der Gegend aufzunehmen, wurden daher in ihren Erwartungen getäuscht. Nicht weniger befand man sich in Täuschung, wenn man, überrascht von den merkwürdigen Erfolgen, die sich durch den Abdruck von Seiten und Zeichnungen der ältesten Werke ergaben, hoffte, die photographischen Bilder könnten durch lithographische Abdrücke wiedergegeben und vervielfacht werden. Nicht allein in der moralischen Welt hat jede Eigenschaft ihre Mängel, der Grundsatz findet auch bei den Künsten seine Anwendung. Die Vollendung, Zartheit und Harmonie der Lichtbilder sind Wirkungen der vollkommenen Glätte und unberechenbaren Dünne des Ueberzuges, auf welchem Hr. Daguerre operirt. Reibt oder tupft man derartige Gemälde, oder unterwirft man sie dem Druck der Presse oder Walze, so sind sie unwiderbringlich zerstört. Würde es uns aber auch jemals einfallen, ein Spitzenband stark hin und her zu zerren oder die Flügel eines Schmetterlings zu reiben?
- Der Akademiker, der schon seit einigen Monaten die Zubereitung kennt, durch welche die schönen Zeichnungen, die gegenwärtig unserer Prüfung unterworfen werden sollen, erzeugt werden, glaubte bis jetzt noch keinen Vortheil aus dem Geheimniss ziehen zu dürfen, das ihm durch das ehrenvolle Zutrauen des Hrn. Daguerre mitge-theilt worden ist. Er glaubt, dass, bevor er die weitere Laufbahn der Nachforschungen, die das photographische Verfahren dem Physiker eröffnet, betreten dürfe, die Delikatesse von ihm fordere, zuerst abzuwarten, bis eine Nationalbelohnung der Allgemeinheit der Beobachter dieselben Hilfsmittel zu weiterer Forschung in die Hände gegeben hätte. Wenn wir demnach von dem wissenschaftlichen Nutzen der Erfindung unseres Landsmannes reden, so können wir allerdings nur Vermuthungen ausdrücken. Die Thatsache selbst übrigens ist klar und handgreiflich, und wir haben nicht sehr zu besorgen, dass die Zukunft uns Lügen strafen werde.
- Die Vorrichtung, auf welcher Hr. Daguerre arbeitet, ist ein für die Einwirkung des Lichtes viel empfänglicheres Reaetionsmittel, als alle, deren man sich bisher bedient hat. Niemals hatte das Licht des Mondes, wir meinen nicht im natürlichen
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- Zustand, sondern vereinigt im Brennpunkt des grössten Linsenglases, oder im Brennpunkt des grössten Spiegelglases, irgend einen erheblichen physischen Effect hervorgebracht. Die von Hrn. Daguerre zubereiteten Platten bleichen übrigens unter der Einwirkung derselben Lichtstrahlen und der nachfolgenden Behandlung so sehr, dass man sich der Hoffnung hingeben darf, dass wir photographische Karten von unserm Trabanten (Mond) werden machen können. Man wird also in einigen Minuten eine der schwierigsten, langwierigsten und misslichsten astrononomischen Arbeiten ausführen können
- Ein wichtiger Zweig der beobachtenden und berechnenden Wissenschaften, nämlich der, welcher von der inneren Wirksamkeit (intensiven Kraft) des Lichtes handelt, die Photometrie (Lichtmessung) hat bis jetzt wenig Fortschritte gemacht. Der Physiker kann es leicht dahin bringen, die Wirkungen zweier Lichtarten, die neben einander sind, und die er zugleich erblickt, zu vergleichen; allein man hat nur unvollkommene Mittel, diese Vergleichungen zu bewerkstelligen, wenn die Bedingung der gleichzeitigen Erscheinung nicht vorhanden ist; wenn man ein Licht, das im Augenblick sichtbar ist und ein anderes, das erst dann, wenn das erstere verschwunden ist, zum Vorschein kommt, vergleichen soll.
- Die künstlichen Lichtquellen, die der Beobachter in dem eben erwähnten Falle zur Vergleichung zu Hilfe nehmen muss, sind selten mit der Beständigkeit und Festigkeit begabt, die wünsehenswerth ist; selten, und besonders wenn es sich von Gestirnen handelt, haben unsere künstlichen Lichtquellen die nöthige weisse Farbe. Deshalb bestehen so grosse Differenzen zwischen den Bestimmungen der verglichenen Lichtstärken der Sonne und des Mondes und der Sonne und der Sterne, die durch gleich ausgezeichnete Gelehrte gegeben sind; deshalb sind die wichtigsten Folgen, die sieh aus diesen letztem Vergleichungen, bezüglich auf die niedere Stellung ergeben, die unsere Sonne unter den Milliarden von Sonnen, von denen das Firmament übersäet ist. einnehmen muss, noch mit gewissen Vorbehalten umwirrt, von denen selbst die Werke der Schriftsteller, die durchaus nicht ängstlich sind, sich nicht freigehalten haben.
- Wir wollen nicht anstehen es zu sagen, die von Hrn. Daguerre entdeckten Reactionsmitiel werden die Fortschritte einer der Wissenschaften beschleunigen, die dem menschlichen Geiste zur grössten Ehre gereichen. Mit ihrer Hilfe kann der Physiker von nun an den Weg durch Bestimmung absoluter Intensitäten betreten; er kann die verschiedenen Lichter durch ihre Wirkungen beurtheilen. Wenn er es für gut findet, so kann ihm dieselbe Tafel die Einwirkung der blendenden Sonnenstrahlen, der dreimalhunderttausend Mal schwächeren Strahlen des Mondes und der Strahlen der Gestirne zeigen. Er kann diese Einwirkungen vergleichen, entweder indem er die stärkeren Lichtstrahlen mit Hilfe der ausgezeichneten Mittel, die erst neu entdeckt worden sind, deren nähere Bezeichnung hier aber nicht an ihrem Orte wäre, schwächt, oder indem er z B. die glänzendsten Strahlen nur eine Seeunde wirken lässt und je nach Bedarf die Wirkung der übrigen Strahlen bis zu einer halben Stunde verlängert. Wenn die Beobachter ein neues Instrument zum Studium der Natur anwenden , so ist das, was sie davon gehofft haben, immer eine Kleinigkeit gegenüber der Folge von Entdeckungen, zu denen das Instrument den Ursprung gab. Darin muss man hauptsächlich auf den Zufall rechnen.
- Sollte dieser Gedanke paradox scheinen? Einige Beispiele werden die Richtigkeit desselben beweisen.
- Einige Kinder befestigen zufällig zwei Linsengläser von verschiedenen Brennpunkten an den beiden Enden eines Rohrs. Sie bringen dadurch ein Instrument hervor, das entfernte Gegenstände vergrössert und sie darstellt, als wenn sie sich genähert
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- hätten. Die Beobachter nehmen dieses Mittel mit der einzigen, geringen Hoffnung auf, Gestirne, die man von Alters her kannte, die man aber bis dahin nur unvollkommen hätte studiren können, ein wenig besser sehen zu können. Kaum aber ist es gegen das Firmament gekehrt, so entdeckt man Miriaden neuer Welten, so dringt man in die innere Beschaffenheit der sechs Planeten der Alten ein und findet sie ähnlich der unserer Erde, mit Bergen, deren Höhe man misst, mit Atmosphären, deren Veränderungen man verfolgt, mit Naturerscheinungen, der Bildung und Zerstörung von Eis-polen, ähnlich denen der Erdpole, mit Bewegungen um die Achse, ähnlich denen, die bei uns die Abwechslung von Tag und Nacht erzeugen. Auf den Saturnus gerichtet, zeigt der Tubus der Kinder des Brillenhändlers von Middelburg dort eine Erscheinung, deren Sonderbarkeit alles übertrifft, was die lebhafteste Einbildungskraft sich vorstellen kann. Wir meinen jenen Ring, oder wenn man lieber will, jene Brücke ohne Pfeiler von 71 000 Stunden Durchmesser und 11000 Stunden Breite, die den Körper des Planeten auf allen Seiten umgibt, ohne sieh ihm auf irgend einer Seite auf mehr als 9000 Stunden zu nähern. Hätte wohl Jemand vorhersehen können, dass man durch das Fernrohr, das zur Beobachtung der vier Monde des Jupiter angewendet werden sollte, entdecken würde, dass die Lichtstrahlen sieh mit einer Geschwindigkeit von 8000 Stunden in der Secunde bewegen, dass, verbunden mit den getheilten Instrumenten, es dazu dienen würde, den Beweis zu liefern, dass es keine Sterne giebt, deren Licht in weniger als drei Jahren zu uns kommt, dass ferner, wenn man mit seiner Hilfe gewisse Beobachtungen, gewisse Analogien verfolgt, man sogar mit einer sehr grossen Wahrscheinlichkeit zu dem Schlüsse kommt, dass der Strahl, durch den wir in einem Augenblick gewisse nebelige Stellen erblicken, von diesen vor Millionen von Jahren ausgegangen war, mit andern Worten, dass diese Nebelwolken durch die suc-cessive Fortpflanzung des Lichts von der Erde aus, mehrere Millionen von Jahren nach ihrer völligen Vernichtung sichtbar sind?
- Das Sehrohr für benachbarte Gegenstände, das Mieroseop, könnte zu analogen Bemerkungen Anlass geben, denn die Natur ist nicht weniger bewunderungswerth und verschiedenartig in ihren kleinsten Theilen, als in ihrer Unermessliehkeit. Wenn man das Mieroseop zuerst zur Beobachtung gewisser Inseeten anwendet, von denen die Naturkundigen nur wünschen möchten, dass sie ihre Gestalt vergrössern könnten, um sie genauer durch Zeichnungen darstellen zu können, so hat dasselbe nacheinander und unvermuthet in der Luft, im Wasser, überhaupt in allen flüssigen Gegenständen, diese Thierchen, diese fremdartigen Gesehöpfchen entdeckt, durch die man hoffen darf, künftig einmal die ersten Anhaltspunkte zu einer vernünftigen Erklärung der Lebenserschei-uungen zu entdecken. Neulich auf kleine Bruchstücke der härtesten und festesten Steine, aus denen die Oberfläche unserer Erde zusammengesetzt ist, gerichtet, hat das Mikro-seop den erstaunten Blicken der Beobachter gezeigt, dass diese Steine einst lebten, dass sie eine aus unzähligen Milliarden solcher nur mit dem Mieroseop erkennbaren Thierchen zusammengefügte Masse sind.
- Man wird sieh erinnern, dass diese Abschweifung dazu bestimmt war, diejenigen Personen zu enttäuschen, die mit Unrecht die wissenschaftlichen Anwendungen der Entdeckung des Herrn Daguerre auf den jetzt schon voraussichtlichen Stand beschränken wollten, von dem wir einen Umriss gezeichnet haben; wohl, die Wirklichkeit rechtfertigt schon unsere Hoffnungen. Wir könnten z. B. von einigen Ideen reden, die man über die schnellen Mittel für die Aufsuchung gehabt hat, die der Topograph der Lichtbilder-Erzeugungsmethode entlehnen könnte, allein wir gehen auf kürzerem Wege zu unserm Ziel, indem wir eine einzige Beobachtung hier mittheilen, die Herr Daguerre uns gestern gemacht hat, dass nämlich die gleichweit von dem Mittag ent-
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- fernten Stunden des Morgens und des Abends, wo die Sonne also gleiehhoch über dem Horizonte steht, doch nicht gleich günstig für die Erzeugung der photographischen Bilder sind.
- So erzeugt sich das Bild zu allen Jahreszeiten und bei scheinbar ganz gleichem atmosphärischen Verhältnissen um 7 Uhr des Morgens ein wenig schneller, als um 5 Uhr Abends, um 8 Uhr schneller als um 4 Uhr, um 9 Uhr schneller als um 3 Uhr. Wenn wir dieses Resultat als richtig annehmen, so hat der Meteorologe ein Element mehr in seinen Tafeln aufzunehmen, und zu den früheren Beobachtungen über den Stand des Thermometers, Barometers, Hygrometers und der Durchsichtigkeit der Luft muss er noch ein Element hinzufügen, dass jene Instrumente nicht angeben, er darf noch eine besondere Absorption nicht vergessen, welche nicht ohne Einfluss auf viele andere Erscheinungen sein kann, selbst auf die, welche in das Gebiet der Physiologie und Mediein gehören.
- Wir wollen es versuchen, meine Herrn, alles das, was die Erfindung des Herrn Daguerre Interessantes darbietet, unter die vierfache Beziehung der Neuheit, der Nützlichkeit für die Kunst, die Schnelligkeit der Ausführung und des kostbaren Hilfsmittels, das die Wissenschafs daran finden wird, zu stellen. Wir haben uns bemüht. Ihnen unsere Ueberzeugungen mitzutheilen, weil sie lebhaft und aufrichtig sind, weil wir Alles mit der getreuen Genauigkeit untersucht und geprüft haben, die uns durch Ihre Wahl zur Pflicht geworden ist, weil ferner, wenn es möglich gewesen wäre, die Wichtigkeit der Daguerreotypie und die Stelle, die sie in der Achtung der Menschen einnehmen wird, zu verkennen, alle unsere Zweifel hätten schwinden müssen, wenn man den Eifer betrachtet, mit welchem fremde Nationen sich anschickten, einen irrigen Datum, eine zweifelhafte Thatsache, den leichtesten Vorwand zu benützen, um Prioritätsfragen zu erheben, um es zu versuchen, zu der Krone von Entdeckungen, mit denen jede sich schmückt, noch den Strahlenkranz hinzuzufügen, der stets die Erfindung der photographischen Bilder umgeben wird. Vergessen wir es nicht, zu verkünden: jeder Streit über diesen Punkt hat aufgehört, und zwar weniger noch hinsichtlich der anerkannten, ganz unbestreitbaren Vorzugsrechte, auf die sich die Herren Niepee und Daguerre stützen, als hauptsächlich in Beziehung auf die unglaublichen Vervollkommnungen, die Herr Daguerre erfunden hat. Wenn es nöthig wäre, so würden wir nicht verlegen sein, Zeugnisse der ausgezeichnetsten Männer Deutschlands und Englands vorzulegen, von denen Alles, was bei uns hinsichtlich der Erfindung unseres Landsmanns Schmeichelhaftes gesagt worden ist, verschwinden müsste. Frankreich hat diese Entdeckung adoptirt, vom ersten Augenblick hat es sich stolz gezeigt, die ganze Welt damit freigebig beschenken zu können.
- Auch waren wir nicht überrascht durch den Eindruck, den eine Stelle in den Motiven zum Gesetzesentwurf beinahe allgemein unter dem Publikum hervorgebracht hatte, eine Stelle nämlich, die auf einem Missverständnis beruht, und anzudeuten scheint, dass die Regierung mit dem Erfinder gemarktet habe, und dass die pecuniären Bedingungen des Vertrags, der Ihnen zur Genehmigung vorgelegt wird, das Resultat einer Preisherabsetzung seien. Es ist nöthig, meine Herren, den Thatbestand herzustellen.
- Das Mitglied der Kammer, dem der Herr Minister des Innern unbedingte Vollmacht gegeben hatte, hat nicht mit Herrn Daguerre gefeilscht. Ihre Unterhandlungen drehten sieh ausschliesslich um die Frage, oh die Belohnung, die der geschickte Künstler so wohl verdient hat, in einer ständigen Pension oder in einer einmaligen Summe bestehen solle. Gleich Aufangs bemerkte Herr Daguerre, dass die Bestimmung einer einmaligen Summe dem Vertrag das missliche Ansehen eines Verkaufs
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- geben würde. Nicht so ist es mit einer ständigen Pension. Mit einer Pension wird der Krieger, der auf dem Feld der Ehre verstümmelt worden ist, der Beamte, der auf seinem Posten ergraut ist, belohnt, mit Pensionen belohnen sie die Familien von Cuvier, Jussieu, Champollion.
- Solche Erinnerungen mussten auf den edlen Charakter des Herrn Daguerre einwirken, er entschied sich dafür, eine Pension zu verlangen. Nach dem Wunsche des Hrn. Ministers des Innern war es übrigens Hr. Daguerre selbst, der den Betrag desselben auf 8000 Fr. festsetzte, die zwischen ihm und seinem Theilhaber, Hrn. Niepce Sohn, hälftig theilbar sein sollten, der Theil des Hrn. Daguerre wurde indessen auf 6000 Fr. erhöht, theils wegen der diesem Künstler auferlegten besondern Verbindlichkeit, das Verfahren der Ausführung und der Beleuchtung der Gemälde des dermalen in Asche gelegten Dioramas bekannt zu machen, theils noch ausserdem wegen der Verpflichtung, die er übernommen hat, dem Publikum alle Vervollkommnungen mit-zutheilen, mit welchen er seine photographischen Methoden noch wird bereichern können. Die Wichtigkeit dieser Verbindlichkeit wird Niemand zweifelhaft erscheinen, wenn wir bemerken, dass es nur eines kleinen Fortschrittes bedarf, um Hrn. Daguerre in den Stand zu setzen, die Bildnisse von lebenden Personen vermittels seines Verfahrens hervorzubringen. Was uns betrifft, so haben wir, weit entfernt, von der Besorgniss, dass Hr. Daguerre andern Forschern die Sorge für Vervollkommnung seiner Erfindung überlassen werde, vielmehr gesucht, seinen Eifer zu massigen. Wir gestehen es frei, dies war der Beweggrund, der in uns den Wunsch erregte, Sie möchten die Pension für den Zugriff nicht unterworfen und unabtretbar erklären, allein wir haben gefunden, dass dieser Antrag nach den Bestimmungen des Gesetzes vom 22. Floreal des Jahrs VII und der Verordnung vom 7. Thermidor des Jahrs X überflüssig wäre
- Die Commission beschränkt sieh daher darauf, mit Stimmeneinhelligkeit den Antrag auf wörtliche Annahme des Gesetzesvorschlags der Regierung zu stellen.
- In der Pairskammer referirte der berühmte Chemiker Gay-Lus sac mit ebenso warmen Worten; wir lassen den Bericht wörtlich folgen:
- Bericht
- der Specialcommission1) der Pairskammer zur Prüfung des Gesetzesvorsehlags über
- Erwerbung des Geheimnisses des Hrn. Daguerre zur Fixirung der Bilder der Camera obseura.
- Erstattet in der Sitzung vom 30. Juli von Hrn. Gay-Lussac Meine Herren!
- Alles, was zum Fortschreiten der Civilisation, zum physischen oder moralischen Besten der Menschheit beiträgt, muss stets der Gegenstand der aufmerksamen Beobachtung einer Regierung sein, welche die Wichtigkeit der Schicksale erkennt, die ihrer Leitung anvertraut sind; und diejenigen, welche durch vom Glück begünstigte Anstrengungen diese Aufgabe vollbringen helfen, müssen ehrende Belohnungen für ihre Leistungen erhalten. Aus diesem Grunde sichern bereits schützende Gesetze über das Schrifteigenthum und das Eigenthum des Gewerbfleisses den Erfindern Belohnungen zu, die im Verhältniss zur Wichtigkeit der Dienste stehen, welche sie der Gesellschaft geleistet haben; eine Art der Belohnung, die um so gerechter und ehrenvoller ist, als
- 1) Diese Commission war zusammengesetzt aus den Herren Baron Athalin, Besson, Gay-Lussac, dem Marquis von Laplace, dem Vicomte Simeon, dem Baron Thenard und dem Grafen von Noe.
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- sie in einem bloss freiwilligen Beitrag gegen geleistete Dienste besteht, und weil sie unabhängig ist von den Launen der Gunst
- Wenn indessen indessen dieses Mittel zur Ermuthigung unter den meisten Verhältnissen das beste ist, so gibt es doch einige, wo es unanwendbar oder zum wenigsten ungenügend ist, und andere, wo grosse Entdeckungen glänzendere und ausgezeichnelere Belohnungen verlangen.
- Von dieser Art, meine Herren, scheint uns die Entdeckung des Hrn. Daguerre zu sein, und als solche wurde sie nicht nur von der königlichen Regierung erkannt, welche dieselbe zum Gegenstand des gegenwärtig Ihnen zur Genehmigung vorliegenden Gesetzesvorschlags gemacht, sondern auch von der Deputirtenkammer, die diesen Vorschlag schon gesetzlich genehmigt hat.
- Die Entdeckung des Hrn Daguerre ist Ihnen durch die Resultate bekannt, die Ihnen vorgelegt worden sind, und durch den Bericht des berühmten Gelehrten in der Deputirtenkammer, dem das Geheimniss anvertraut worden ist. Es ist die Kunst, das Bild der Camera obscura auf einer Metallplatte festzustellen und es zu erhalten.
- Wir wollen übrigens es gleich anfangs bemerken, ohne jedoch das Verdienst dieser schönen Erfindung irgend verringern zu wollen, die Palette des Malers ist nicht sehr reich an Farben, Schwarz und Weiss bilden dieselbe allein. Das Bild mit den natürlichen und abwechselnden Farben wird lange Zeit, vielleicht auf immer, eine unbeantwortete Ausforderung an den menschlichen Scharfsinn bleiben. Wir wollen uns aber nicht vermessen, hierdurch unüberschreitbare Grenzen zu setzen; die Erfindung des Hrn. Daguerre zeigt eine neue Reihe von Möglichkeiten.
- Berufen, unsere Ansicht über die Wichtigkeit und die künftigen Folgen der Erfindung des Hrn. Daguerre zu erklären, haben wir dieselbe auf die Vollkommenheit der Resultate selbst, auf den Bericht des Hrn. Arago in der Deputirtenkammer und auf neue Mittheilungen gegründet, die wir von diesem Gelehrten und von Hrn Daguerre selbst erhalten haben. Unsere Ueberzeugung von der Wichtigkeit dieser neuen Erfindung ist vollständig geworden, und wir würden uns glücklich schätzen, sie der Kammer mittheilen zu können.
- Es ist gewiss, dass durch die Erfindung des Hrn. Daguerre die Physik jetzt im Besitz eines für die Einflüsse des Lichtes ausserordentlich empfänglichen Reactions-mittels ist, dass sie dadurch ein neues Instrument besitzt, welches für die Intensität des Lichts und der Lichterscheinungen dasselbe ist, was das Microscop für kleine Gegenstände ist, und dass es Gelegenheit zu neuen Untersuchungen und zu neuen Entdeckungen geben wird. Schon hat dieses Reactionsmittel den Eindruck des schwachen Mondlichts sehr deutlich aufgenommen, und Hr. Arago hat die Hoffnung gefasst, eine Karte dieses Erdtrabanten (des Mondes) zu erhalten, die von ihm selbst gezeichnet ist.
- Die Kammer hat sieh durch die ihr vorgelegten Proben überzeugen können, dass die Basreliefs, die Statuen, die Monumente, mit einem Wort die todte Natur, mit einer für das gewöhnliche Verfahren der Zeichnung und Malerei unerreichbaren Vollkommenheit dargestellt sind, mit einer Vollkommenheit, gleich der der Natur selbst, weil in der That die Gemälde des Hrn. Daguerre nur die treuen Abbildungen derselben sind.
- Die Perspective einer Landschaft und jedes Gegenstandes ist mit einer mathe-mathischen Genauigkeit dargestellt; kein Fehler, kein selbst ganz unbemerkter Zug entgeht dem Auge und dem Pinsel dieses neuen Malers, und da 3 oder 4 Minuten hinreiehen, sein Werk zu vollenden, so kann ein Schlachtfeld mit seinen auf einander folgenden Phasen, mit einer für jedes andere Mittel unerreichbaren Vollkommenheit dargestellt werden.
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- Die industriellen Künste werden zur Darstellung von Formen, die Zeichenkunst zu vollkommenen Mustern der Perspective und des Studiums von Licht und Schatten, die Naturwissenschaften zum Studium der einzelnen Gattungen und ihrer Organisation gewiss von dem Verfahren des Hrn. Daguerre häufige Anwendung machen. Ferner ist die Frage ihrer Anwendbarkeit zur Darstellung von Porträts fast gelöst, und die Schwierigkeiten, die noch zu überwinden bleiben, sind gemessen und lassen keinen Zweifel an einem günstigen Erfolg übrig. Indessen muss man nicht vergessen, dass die farbigen Gegenstände nicht mit ihren eigenen Farben dargestellt sind, und dass, da die verschiedenen Lichtstrahlen nicht auf die gleiche Weise auf das Reactions-mittel des Hrn. Daguerre einwirken, die Harmonie von Schatten und Lieht in den colorirten Gegenständen nothwendig verändert wird. Dies ist ein Haltpunkt, der von der Natur selbst der neuen Erfindung bestimmt ist.
- Dies, meine Herren, sind die bereits gesicherten Vortheile und die der Erfüllung nahestehenden Erwartungen von der Erfindung des Hrn. Daguerre. Indessen waren doch Erkundigungen bezüglich auf die Ausführung des Verfahrens nothwendig, und die Commission glaubte dies auf keine sicherere und glaubwürdigere Weise erhalten zu können, als aus dem Munde des ehrenwerthen Hrn. Deputirten selbst, dem Hr. Daguerre gleich anfangs sich anvertraute, und auf den später auch der Hr. Minister des Innern und die andere Kammei' ihr Vertrauen übertrugen Hr. Arago begab sich auf Einladung des Hrn Präsidenten in die Sitzung der Commission und bestätigte dort mit weiteren neuen Details das, was er in seinem interessanten Bericht gesagt hatte. Es ist demnach gewiss, dass die Ausführung des Verfahrens des Hrn. Daguerre sehr wenig Zeit und, nach Anschaffung der nöthigen Geräthe, die ungefähr 400 Fr. kosten, nur eine unbedeutende Ausgabe erfordern werde. Nach einer kleinen Zahl von Versuchen wird Jeder unfehlbar das Bild zu Stande bringen, da Hr. Arago selbst, nachdem er eingeweiht war, sogleich mit einem Meisterstück den Anfang gemacht hat, das man ohne Zweifel zu sehen sehr begierig gewesen wäre; allein es ist den Flammen, die das Diorama vernichteten, nicht entgangen
- Wenn es neuer Beweise bedürfte, so könnte der Berichterstatter Ihrer Commission hinzufügen, dass Hr. Daguerre ihn auch zum Mitwisser des Geheimnisses seines Verfahrens gemacht und ihm das ganze Verfahren beschrieben hat. Er kann versichern, dass das Verfahren nicht schwierig ist, und leicht durch Personen, die im Zeichnen ganz unerfahren sind, ausgeführt werden kann, wenn man nach den Vorschriften, die Hr. Daguerre veröffentlichen wird, Versuche macht. In seinem eigenen Interesse, so wie in dem des Verfahrens ist der Erfolg nothwendig, und man darf nicht zweifeln, dass Hr. Daguerre es sich angelegen sein lassen wird, dies zu bewahrheiten.
- Ihr Berichterstatter fügt noch hinzu, dass, obwohl er nicht selbst das Verfahren probirt hat, wie sein ehrenwerther Freund, Hr. Arago. er doch durch die Beschreibung, die ihm davon gemacht wurde, beurtheilen kann, dass dasselbe sehr schwierig aufzufinden sein und einen grossen Zeitaufwand, zahllose Versuche und hauptsächlich eine Beharrlichkeit bei jeder Probe in Anspruch nehmen musste, die sich durch ungünstige Erfolge nicht beugen lässt, und nur starken Seelen eigen ist Das Verfahren ist in der That aus einer Reihenfolge von mehreren Operationen zusammengesetzt, die nicht nothwendig mit einander verbunden zu sein scheinen, und deren Wirkung nicht unmittelbar nach jeder einzelnen, sondern erst nach ihrer gesammten Zusammenwirkung erkennbar wird. Und wahrlich, wenn Hr. Daguerre sein Verfahren allein hätte ausüben oder es nur ganz zuverlässigen Leuten anvertrauen wollen, so hätte er nicht zu besorgen, dass es ihm weggerafft werde. Vielleicht wird man fragen,
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- und die Frage ist auch wirklich schon gestellt worden, warum, wenn das Verfahren des Hrn. Daguerre so schwierig zu finden ist, er es nicht selbst benützt, und warum
- hei so weisen Gesetzen, die eben so das Interesse der Erfinder, als jenes des öffent-
- lichen Wohls sichern, die Regierung sieh entschieden hat, die Erfindung zu erwerben, um sie dem Publicum zu übergeben? Wir werden auf beide Fragen antworten.
- Der Hauptvortheil des Verfahrens des Hrn. Daguerre besteht darin, schnell
- und dennoch sehr genau Bilder von Gegenständen hervorzubringen, entweder um sie
- zu erhalten, oder auch um sie durch Kupferstecherei oder Lithographie zu vervielfältigen; und es ist daher begreiflich, dass das Verfahren in den Händen eines Einzigen keine zureichende Nahrung gefunden hätte.
- Dagegen dem Publicum übergeben, wird das Verfahren unter den Händen des Malers, Arehitecten, Reisenden, Naturhistorikers eine Menge von Anwendungen finden.
- Im Besitze eines Einzigen würde es ferner lange Zeit auf demselben Standpunkt bleiben und vielleicht verblühen; dem Publicum übergeben, wird es gross und vollkommen werden durch das Zusammenwirken Aller.
- Aus diesen verschiedenen Rücksichten ist es daher nützlich, dass es Eigenthunr der Allgemeinheit werde Die Erfindung des Hrn. Daguerre musste ferner die Aufmerksamkeit der Regierung fesseln und dem Erfinder eine feierliche Belohnung erwerben. Für diejenigen, die nicht gleichgültig gegen Nationalruhm sind, die es wissen, dass ein Volk nur durch die grossem Fortschritte, die es in der Civilisation macht, gegenüber den andern Völkern glänzen kann, für diese, sagen wir, ist das Verfahren des Hrn. Daguerre eine grosse Entdeckung Sie ist der Ursprung einer neuen Kunst inmitten einer alten Civilisation; sie wird Epoche machen und als ein Titel des Ruhms bewahrt werden. Sollte sie vom Undank der Mitwelt begleitet auf die Nachwelt übergehen? Nein! möge sie vielmehr als ein glänzender Beweis des Schutzes den die Kammern, die Juliregierung und das ganze Land grossen Erfindungen angedeihen lassen, auf die Nachwelt übergehen.
- In der That ist eine Handlung der National-Freigebigkeit, welche der Gesetzesvorschlag zu Gunsten des Hrn. Daguerre ausspricht. Wir haben demselben einstimmig unsere Zustimmung gegeben, aber nicht ohne im Auge zu haben, wie wichtig und ehrenvoll eine vom Land bewilligte Belohnung ist. Wir bemerken dies zu dem Zweck, um nicht ohne einiges Bedauern daran zu erinnern, dass Frankreich sich nicht immer so dankbar gezeigt hat, und dass nur zu viele schöne und nützliche Arbeiten, mir zu viele Werke des Geistes ihren Erfindern nur einen oft unfruchtbaren Ruhm ertragen haben. Es sind dies übrigens keine Anklagen, die wir stellen wollen, es sind dies nur Verirrungen, die man beklagen muss, um neue zu vermeiden.
- Meine Herren! Nachdem wir, so viel an uns lag, die Wichtigkeit der Erfindung des Hrn. Daguerre gewürdigt haben, bleibt uns die Ueberzoucung fest, dass sie neu, reich an Interesse und künftigen Folgen, und. würdig der hohen Gunst der Nationalbelohnung ist. die ihr von der Deputirtenkammer bereits bewilligt wurde Die Commission war einstimmig für wörtliche und einfache Annahme des Gesetzesvorschlags, und sie hat mich als ihren Berichterstatter beauftragt, darauf bei Ihnen den Antrag zu stellen.
- Das Gesetz wurde in der Deputirtenkammer am 3. Juli 1839. in der Pairskammer am 30. Juli, angenommen. Hieraul theilte Arago in der Sitzung der Pariser Academie der Wissenschaften am 19. Aug. 1839 die genaue Beschreibung der heliograpliischen Processe von Niepce lind
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- der Daguerreotypie mit und diese Mittheilung wurde unter enormem Zudrang des Publicums mit Enthusiasmus aufgenommen 1).
- Die Erfolge Daguerre’s waren in jeder Beziehung ausserordentlich günstige2) und er starb geehrt3) und belohnt auf seinem Landsitze bei Paris am 10. Juli 1851.
- Es fanden zu wiederholten Malen Oontroversen statt, ob Nicephore Niepce oder Daguerre das grössere Verdienst an der Erfindung der Heliographie gebühre. Nach meiner Ueberzeugung gebührt Nicephore Niepce das unbestreitbare Verdienst zuerst Photographien in der Camera erzeugt und Asphaltbilder mit geeigneten Oelen fixirt zu haben und er ist auch der unzweifelhafte Erfinder der Heliographie, welche zur photomechanischen Vervielfältigung von Bildern mittels des Pressendruckes geeignet ist. Daguerre hatte zwar schon seit 1824 Versuche, Lichtbilder zu erzeugen, angestellt; aber seine Bemühungen waren vor dem Jahre 1829 ohne Erfolg. Erst nachdem er vollen Einblick in die neuen Ideen und Experimente Niepce’s genommen hatte, entwickelte und modificirte er dieselben höchst glücklich und gestaltete sie derartig um, dass er in verhältnissmässig kurzer Belichtungszeit Bilder in der Camera obscura erhalten konnte. Allerdings finden sich sowohl bei Niepce’s als bei Daguerre’s Methode Silberplatten als Grundlage; beide verwendeten Jod, aber (wie oben gezeigt wurde) in
- 1) Während der Bekanntmachung der Daguerreotypie war Hofrath Ettingshausen, Professor an der Wiener Universität, in Paris anwesend. Ettingshausen hatte die Methode Daguerre’s von diesem selbst gelernt und brachte dieselbe nach Oesterreich. Als die nähere Beschreibung in den Journalen bekannt wurde, befasste sich in Wien insbesondere der damalige Assistent bei der Lehrkanzel für Physik am Polytechnikum und späterer Bibliothekar A. Martin, sowie Professor Dr. J. J. Pohl (damals Student), Apotheker Endlicher, Begierungsrath Schultner, sowie Wawra (Vater des Kunsthändlers) mit der Anfertigung von Daguerreotypien. A. Martin’s „Repertorium der Photographie“ war das erste Buch in Deutschland, welches mit uneigennütziger Offenheit alle selbst gemachten Erfahrungen, nebst genauen Angaben über die Publieationen anderer Forscher besprach.
- 2) Die Daguerreotypie fand im Publicum reissend Absatz und sie wurde noch im Jahre 1839 auch ausserhalb Frankreichs praktisch eingeführt. Ein Apparat (Camera sammt Linse, Silber platten, Chemikalien etc.) kostete über 400 Francs; Original-Daguerreo-typien aus Paris wurden in Deutschland und anderwärts Ende 1839 mit 60 bis 120 Francs bezahlt; auch die Photographen verkauften ihre eigenen Daguerreotypien m dieser Zeit um ungefähr 20 — 25 Mark.
- 3) Daguerre erhielt von dem Kaiser von Oesterreich — welchem er, so wie auch dem Fürsten von Metternich, mehrere seiner besten Bilder übersehiekt hatte-" die goldene Medaille mit dem Porträte des Kaisers und mit der Inschrift auf der Rückseite: „De arte merito“, nebst einer goldenen Schnupftabaksdose, auf welcher sich die kaiserliche Namensehiffre befand.
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- ganz anderer Weise. Das grossartige Verdienst: das Jodsilber als lichtempfindliche Substanz in der Camera obscura verwendet zu haben, die Entdeckung der Entwickelung des kaum sichtbaren Bildes mittels Quecksilberdampf, das Fixiren der Silberbilder gebührt vollkommen allein Daguerre. Diese Aehnliehkeit der beiden Methoden lässt vermuthen, dass ohne Niepce’s Ideen, Daguerre schwerlich die nach ihm benannte Kunst würde erfunden haben; wahrscheinlich wäre aber auch andererseits die kostbare Entdeckung Niepce’s ohne Daguerre's Dazwischenkunft unfruchtbar geblieben. Die Geschichte der Wissenschaft muss gerechterweise die Namen beider Männer in inniger Verbindung vorführen und Niepce und Daguerre haben gleiche Ansprüche auf die öffentliche Dankbarkeit.
- Das ursprüngliche Verfahren Daguerre's bestand darin, dass man eine wohlpolirte silberplattirte Kupferplatte den Dämpfen von Jod aussetzte, wodurch sie sich mit einer äusserst zarten — nach Dumas nicht mehr als Viooooo mm dicken — Jodsilberschicht bedeckte, welche in der Camera obscura das Bild empfing. Das unsichtbare Bild trat durch die Dämpfe von warmem Quecksilber deutlich hervor, indem sich das Quecksilber nur an den vom Lichte getroffenen Stellen niederschlug.
- Die Photographien Daguerre's wurden mittels einer Lösung von Kochsalz oder von unterschwefligsaurem Natron fixirt. (Siehe S. 87).
- Noch vor der Veröffentlichung von Daguerre’s Verfahren legte Fox Talbot am 20. Januar 1839 der kön. Ges. in London eine Beschreibung seines ersten Verfahrens auf Chlorsilberpapier vor, welches er 1840 vervollkommnete — indem er zuerst sein Papier mit Silbernitrat, dann mit Jodkalium und endlich mit Gallosilbernitrat überzog, d. h. mit einer wässerigen Lösung von Silbernitrat, der Gallussäure und Essigsäure zugesetzt waren. Er exponirte dann, entwickelte das latente Bild in der vorgenannten Lösung und fixirte endlich mit Bromkalium. Nachdem er so ein negatives Bild erhalten, d. h. ein solches, auf dem die weissen Tbeile des Gegenstandes schwarz wiedergegeben waren, machte er davon positive Abdrücke auf Ohlorsilberpapier. Dieser Vorgang ist in Fig. 1 und 2, welche die negative und positive Copie eines Blattes vorstellt, veranschaulicht, — Dies Verfahren erfuhr nach und nach durch verschiedene ausgezeichnete Operateure bedeutende Verbesserungen. (Siehe den II. Band dieses Werkes S. 63.)
- Um dieselbe Zeit, wurden mit der Daguerreotypie glückliche Umgestaltungen vorgenommen. Prof. Petzval von der Wiener Universität berechnete über Anregung von Prof. Ettingshausen eine lichtstarke
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- Porträtlinse1), welche Yoigtlander 1840 vortrefflich ausführte und dadurch eigentlich erst die Aufnahme von Porträts ermöglichte.
- Pie von Prof. Petzval ausgeführten Berechnungen seiner lichtstarken Poppelobjective waren mit so ausserordentlicher Umsicht ausgeführt, dass diese Art von Porträtobjectiven in Bezug auf Helligkeit noch heute unübertroffen ist. Pen nächsten bahnbrechenden Fortschritt in der Construetion correet zeichnender aplanatischer Objeetive verdanken wir Pr. A. Stein heil in München, welcher im Jahre 1866 seine Aplanate erfand und dadurch die photographische Optik in neue Bahnen lenkte.
- Pa nach der Veröffentlichung des Paguerreotyp-Verfahrens sich viele namhafte Physiker und Chemiker hiermit beschäftigten, so erfolgten
- Fig. 1. Negatives Bild. Big. 2. Positives Bild.
- die Verbesserungen in rascher Eeihenfolge. Fizeau entdeckte im Jahre 1840 die wunderbare Wirkung, welche unterschwefligsaures Natron und Gold auf die Haltbarkeit und Schönheit des fixirten Bildes ausüben, und Claudel, im Jahre 1841, den nicht weniger wunderbaren Einfluss des Jod-Chlors als beschleunigende Substanzen für Paguerrotyp-platten, mit deren Hilfe die Aufnahmezeit auf wenige Secunden reducirt wurde und John Godard hatte bereits im Jahre 1840 gefunden, dass
- 1) Optiker Plössel in Wien eopirte gegen das Jahr 1840 die Daguerre’sche Camera und Linse mit verbesserten Krümmungsradien und Prof. Petzval in Wien berechnete sein weltberühmtes lichtstarkes Porträtobjeetiv. Mit diesem von Voigt-länder ausgeführten Obj eetive erzeugte damals A. Martin in Wien die ersten Probe-bilder. Später traten noch die Wiener Optiker Dietzler, Eekling, Prokesch, Waibl und Weingartshofer mit ähnlichen Objectiven auf, ohne jedoch Voigtländer bedeutende Coneurrenz zu machen.
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- Daffuerreotypplatten empfindlicher werden, wenn man sie nacheinander Jod- und Bromdämpfon aussetzt (s. das Capitel über Daguerreotypie im zweiten Bande).
- Im Jahre 1847 gelang es Niepce de St.-Victor, dem Neffen des Xicephore Niepce, Glas mit einer Schicht von jodkaliumhaltiger Stärke oder Eiweiss zu überziehen, mit Silberlösung empfindlich zu machen, nach der Belichtung mit Gallussäure zu entwickeln, mit Bromkalium zu fixiren und auf diese Weise in der Camera Bilder zu erlangen. die unvergleichlich viel schöner waren, als die Negative auf Papier. Die Negative wurden auf Chlorsilberpapier copirt. Blanquart-Evrard verbesserte 1845 die Farbe der Papierbilder durch Anwendung des Fizeau’sehen Goldbades für Daguerreotypplatten auf Papier; ihm verdankt man auch 1848 die Einführung des Albuminpapieres, das ungleich brillantere Copien als gewöhnliches Papier gibt.
- Hunt wendete 1844 zunächst Eisenvitriol, statt Gallussäure als Hervorrufer des unsichtbaren photographischen Bildes an (auf Chlor-silberpapier); Begnai.il t bezeichn ete 1850 zuerst die Pyrogallussäure als energischeren Entwickler im Vergleich mit Gallussäure.
- Endlich fand Ee Gray im Jahre 1850 das Collodion als geeignet, sehr rasch Bilder zu geben, und im nächsten .Jahre veröffentlichten Fry und Archer eine vollständige Negativ-Methode auf Grundlage des Oollodions.
- Die Collodionmethode. wie sie von Archer beschrieben wurde (Jod-eollodion und Eisenvitriol-Entwicklung), war fast ganz dieselbe, welche wir noch heute ausüben. Kaum eine bedeutende Aenderung ist darin gemacht worden.
- Um der Unbequemlichkeit des nassen Collodionverfahrens, namentlich für Arbeiten im Freien zu entgehen, waren schon mehr oder weniger erfolgreiche Versuche gemacht worden, als Taupe not 1855 sein sicher zu handhabendes Collodion-Trockenverfahren (mittels eines Albuminüberzuges) mittheilte, welches von Fothergill (1858) moditicirt wurde. Zum Albumin-Trockenverfahren gesellte Busseil (1861) sein Tannin-Trockenverfahren, welches rasch Eingang fand und zum modernen Emulsionsverfahren führte.
- Die Idee, eine lichtempfindliche Jod-, Brom- oder Chlorsilber-Emulsion zu erzeugen, wurde bereits 1853 von Gaudin ausgesprochen, ohne dass er sie näher beschrieb. Erst 1861 publicirte er Versuche mit •Jod- und Chlorsilber-Emulsion, welche er „Photogene“ nannte.
- Im Jahre 1862 entdeckte Bussell und mit ihm fast zugleich Leahy — angeregt durch die von Anthony 1862 vorgenommene Ammoniakräucherung von Tanninplatten vor der Belichtung und Glover’s
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- ähnlichen Versuchen mit Räuchern nach der Belichtung — die alkalische Pyrogallus-Entwickelung, welche die Photographie mit Trocken-platten enorm förderte.
- Als brauchbares selbständiges Verfahren tauchte das später zur höchsten Bedeutung gelangte Bromsilber-Emulsionsverfahren mit Collo-dion im September 1864 auf; die Entdeckung wurde von Sayce gemacht und später von ihm und Bolton näher beschrieben.
- Das Chlorsilber-Collodion zu Copirzwecken (Diapositiven) wurde von Simpson 1865 zuerst beschrieben.
- Die zu Negativ-Aufnahmen dienende Bromsilber-Emulsion wurde durch den Ersatz des Collodions durch Gelatine zur höchsten Vollendung gebracht, indem dadurch an Lichtempfindlichkeit alles bisher Dagewesene übertroffen wurde. Als Erfinder des Bromsilbergelatine-Verfahrens ist Dr. Maddox (1871) zu betrachten, dessen Porträt, als Titelblatt der 3. Auflage von Bd. III dieses Werkes, hier zum ersten Male der Oeffent-lichkeit übergeben wurde. Durch King (1873), Kenet (1874), Bennett (1878), Monekhoven (1879), Eder u. A. wurde das neue Verfahren ausgebildet.
- Der durch Carey Lea 1877 entdeckte und von Eder 1879 wesentlich vereinfachte Eisenoxalat-Entwickler war für die Einführung des Bromsilber-Emulsionsverfahrens in die Praxis von Belang. Später kamen die Pyrogallol-, Soda- und Pottasche-Entwickler in Gebrauch; 1880 entdeckte Abney den Hydrochinon-Entwickler, Eder und Töth im selben Jahre den Pyrocateehin-Entwickler und Andresen (1889) den Eikonogen-Entwickler (amidonaphtolsaures Natrium), worüber im 3. Bande dieses Werkes ausführlich gehandelt ist.
- Die photographische Verwendung von Chlorsilbergelatine-Emulsion mit Hervorrufung wurde von Eder und Pizzigbelli 1881 ermöglicht.
- Die Geschichte der sogenannten photomechanischen Druckmethoden (Lichtdruck, Heliogravüre etc.) knüpft sich zunächst an den Asphalt. Schon Joseph Nicephore Niepce hatte vor der Entdeckung der Daguerreotypie beobachtet, dass eine Asphaltschicht durch Lichtwirkung unlöslich werde und demzufolge ein Lichtbild darauf mittels Steinöl und Lavendelöl fixirt werden könne (s. S. 118). Aber erst nach seinem Tode wurde von seinem Neffen Niepce de Victor das Verfahren wieder aufgenommen und zur Herstellung heliographischer Druckplatten, welche durch Aetzen der mit dem Asphaltbilde überzogenen Stahlplatte erzeugt wurde, wesentlich vervollkommnet (1853 und 1855). Es wird ohne wesentliche Aenderung noch heute so ausgeübt.
- Auch durch Aetzen der Daguerreotypplatten mit Salpetersäure lassen sich heliographische Platten hersteilen. Die ersten derartigen Platten
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- erzeugte Donne schon 1839 und spater suchte Berres (1840) das Verfahren weiter auszubilden, ohne jedoch zu besonders günstigen Resultaten zu gelangen.
- Die erste Kenntniss der Lichtempfindlichkeit der chromsa-uren Salze verdanken wir Yauquelin 1798 (s. S. 51), welcher die Farbenänderung des Silberchromates am Lichte beobachtete, und Suckow (s. S. 94) hatte 1832 die Lichtempfindlichkeit des Kaliumbichromates bei Gegenwart organischer Substanzen entdeckt. Das Silberchromat versuchte auch Ponton 1839 in der Photographie zu verwerthen und entdeckte dabei die Lichtempfindlichkeit eines mit Kaliumbichromat getränkten Papieres. Im Jahre 1853 fand Tal bot, dass das Gemisch von Gelatine und Kaliumbichromat durch das Licht seine Löslichkeit in warmem und sein Aufquellvermögen in kaltem Wasser verliert. Er benutzte diese Beobachtung zur Erzeugung eines Bildes auf Stahlplatten, welches er dann anätzte. Poitevin bildete das Verfahren aus und erfand das Kohleverfahren und die Photolithographie mit Chromat-Gelatine, legte hiermit die Grundlage zum Lichtdruck (1854 und 1855). Der Lichtdruck im eigentlichen Sinne des Wortes wurde zuerst von Marechal und Tessier du Mothay (1866) ausgeführt und von J. Albert in München und Husnik in Prag vervollkommnet.
- Die Combination von Photographie und Galvanoplastik versuchte zuerst Fizeau (1841), indem er ein Daguerreotyp mit einer galvanischen Kupferschicht überzog und so eine Platte erhielt, welche zum Abdruck geeignet war und in groben Umrissen das Original wiedergab, welches Verfahren Beuviere (1850) mit wenig Glück weiter ausarbeitete. Die Erfindung der Photogalvanographie nach photographischen Leim-ßeliefs, welche sich als ausserordentlich belangreich erwies, machte Pretsch 1855, indem er ein Gemenge von Leim und Kaliumbichromat belichtet, mit kaltem Wasser behandelte, wodurch die nicht vom Lieht getroffenen Stellen anquollen und so ein Belief gaben, welches galvanoplastisch abgeformt wurde. Diese Methode wurde später wesentlich vervollkommnet und die Aetzmethode der Heliogravüre durch Pigmentbilder auf Kupferplatten mittels Eisenchlorid von Klie in Wien Anfang der 1880er Jahre eingeführt.
- Schliesslich noch Einiges über die Geschichte des interessantesten Problem es, die Photographie in natürlichen Farben (Photochromie).
- Die erste Andeutung hierüber machte Senebier 1782, indem er die Beobachtung mittheilte, dass das Chlorsilber im Violett mehr einen Stich ins Blaue, gegen Both zu aber hellere Nuancen annehme. Genau und deutlich beschrieb aber erst Seebeek 1810 die Eigenschaft des Chlorsilbers sich im Spectrum derartig zu verändern, dass es Farben-
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- nuancen annimmt, welche jenen Spectralfarben ähnlich sind, von welchem es getroffen wurde.
- Sir John Herselie! macht weitere Beobachtungen in dieser Richtung ; er bemerkte im Februar 1840, dass ein mit (Jhlorsilber bereitetes und im Sonnenlichte geschwärztes Papier unter dem Einflüsse der Strahlen des Spectrums im Rothen, Grünen und Blauen analoge Farben an nahm. Diese Erfahrungen fanden jedoch ebenso wenig Anklang wie jene Seebeck’s, da die ganze Welt von der Unmöglichkeit einer Lösung des Problems überzeugt war und die durch Herschel beobachtete That-saehe für etwas bloss Zufälliges hielt.
- Edmund Becquerel’s Untersuchungen über Photochromie — 1847, 1848 und 1855 — übertrafen alle vorhergehenden. Er bereitete seine empfindliche Schicht, indem er eine polirte Silberplatte in die Lösung eines Metallchlorids oder in Chlorwasser tauchte; es bildet sich eine violette Schicht von Silbersubchlorid, welche unter dem Einflüsse farbiger Gläser oder des Spectrums den empfangenen Eindruck annimmt und so lange festhält, als man eine nachfolgende Lichteinwirkung vermeidet.
- Niepce de St.-Victor 1851 —1866 und nach ihm Zenker und Saint-Florent (1874) haben viele Versuche gemacht, sowohl um die Methode Becquerel’s zu vervollkommnen, als auch um diese Farben in dauernder Weise zu lixiren. Dieser letzte Punkt harrt aber noch der Lösung.
- Da sich der directen Photographie in natürlichen Farben so grosse Schwierigkeiten entgegensetzten, dass die Experimentatoren sich ab-schrecken liessen, diese Bahn weiter zu verfolgen, so suchte man die Lösung auf indireetem Wege (Cros und Du cos du Ilauron 1869) mit mehr oder weniger guten Erfolgen.
- Die Entwickelung der Photographie und ihrer Hilfswissenschaften vollzog sich auf allen Gebieten ausserordentlich rasch. Die photographische Technik, sowie die Anwendung der Photographie in Kunst Wissenschaft und Gewerbe, nahm einen ungeahnten Aufschwung, namentlich. seitdem die Photographie ein wichtiges Hilfsmittel für das Buchgewerbe und das Illustrationswesen wurde und durch die enorme Licht-empfindlichkeit der Bromsilbergelatineplatten im Vereine mit ihrer leichten Anwendbarkeit die Photographie ein Gemeingut aller Gebildeten wurde. Die Bedeutung der Photographie, sowohl zu Zwecken der eigentlichen Fachphotographie, als auch für die graphischen Kunstgewerbe und die Wissenschaft, wurde auch durch ihre Einbeziehung als Lehrgegeir stand in staatlichen Untorrichtsanstalten anerkannt, Zuerst wurde in Berlin ein photochemisches Laboratorium an der kgl. technischen
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- Hochschule, mit Prof. Dr. H. W. Vogel an der Spitze, gegründet. Dagegen wurde die erste selbständige staatliche Unterrichtsanstalt, welche nebst einer Versuchsstation ausschliesslch der Photographie und den verwandten Fächern gewidmet ist, in Wien errichtet. Es ist dies die kaiserlich königliche Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproductionsverfahren in Wien, welche über Initiative Sr. Excellenz des Herrn Unterrichtsministers Dr. Freiherr von Gautsch, nach allerhöchster Entschliessung Sr. Majestät des Kaisers von Oesterreich vom 27. August 1887 activirt und am 1.März 1888 eröffnet wurde; mit der Organisation dieses Institutes wurde der nunmehrige kaiserl. königl. Direetor dieser Anstalt, Dr. J. M. Eder, betraut.
- Ueber die weitere Entwickelung und die Fortschritte der Photographie wird im weiteren Verlaufe dieses Werkes gesprochen werden, wobei als Hauptquelle Eder’s „Jahrbuch für Photographie und Repro-ductionstechnik“ diente.
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